3. Bachmann-Lesetag

Inzwischen bin ich mit Alfred nach Harland gefahren, um das Wochenende auf dem Lande zu verbringen.
Deshalb habe ich die Gregor Sandor-Lesung versäumt, da Alfred nach einer Abschiedsfeier eines Kollegen erst sehr früh am Morgen nach Hause kam und auch einen Teil der Satanik-Lesung, weil ich bei den Schwiegereltern Mittagessen war.
Habe aber alles nachgeholt und in der kurzen Mittagspause gab es einen Bericht über zwanzig Jahre Fall der Mauer, bzw. Was ist DDR-Literatur? – Was mich dazu veranlaßte, mir das Tellkamp-Portrait und einen Teil der Lesung aus dem Jahr 2004 noch einmal anzusehen. Es gab auch eine Einschätzung von Lektoren und Verlegern zu der Qualität der Texte, die der Meinung waren, das Niveau war diesmal sehr gering.
Da bin ich anderer Meinung, wahrscheinlich liegt es an meinem Literaturbegriff, der naturgemäß ein realistischer ist.
Ich bleibe dabei, der gestrige Lesetag mit den sehr vielen realistischen Texten war für mich der beste und die Texte haben mir gefallen, auch wenn natürlich nicht Herr Goethe oder Frau Bachmann am Lesepult saßen und Faust und Malina schon geschrieben sind!
Aber der kritische Ex-Juror hat ja auch etwas sehr Interessantes gesagt, da war einmal Jurek Becker und ist ohne Preis nach Hause gefahren und bei Josef Winkler habe ich das 1996 auch so erlebt.
Aber zurück zum letzten Lesetag, da gabs ja noch zwei Österreicherinnen, nämlich Andrea Winkler, die so etwas wie ein Jungstar ist, eine schöne junge Frau mit einer wunderbaren Sprache und sehr poetischen vielen Bildern. Ich habe mich aber, wie, ich glaube, es war Herr Mangold, gefragt, um was geht es da eigentlich?
Die Ich-Erzählerin liegt auf einer Wiese, hört Stimmen und läßt sich mit sehr wenig Handlung Bilderstereotype durch den Kopf treiben, spricht vom kleinsten Bahnhof der Welt und immer wieder von ihrer ausgesprochen wirklichen Hand. Irgendwie geht es auch um eine Trennung, aber sonst erfährt man nichts von dieser Welt, als diese zugegeben schönen Bilder in einer für meine Begriffe etwas antiquierten Sprache. Narzistische Allmachtsphantasien eines Schriftstellers hat es einer der Juroren genannt.
Das war dann bei Caterina Sataniks Debuttext “Leben ist anders” etwas differenzierter, denn die ist auch Psychotherapeutin und Religionslehrerin und deren Heldin bewältigt die Trennung von ihrem Mann namens Wolf mit, wie es genannt wurde “gespielter Naivität” und der Inanspruchnahme von Ratgeberliteratur.
Da wurden dann die Austriazismen angeprangert und Karin Fleischanderl meinte, daß Alltagssprache in einem literarischen Text künstlich sein muß, sonst hat sie keinen Bestand.
Das bitte, verstehe ich nicht und denke, die Sackerln und die Leiberln müßten in Klagenfurt schon standhalten, der Berliner Jargon tut es ja auch und da sind wir wieder bei dem Punkt, daß es Österreicher in Klagenfurt immer etwas schwer haben.
Dann gab es, wie erwähnt, noch Gregor Sander aus Berlin mit einer DDR-Geschichte, die am Meer und unter Fischen und Fischern spielt und Katharina Borns “Fifty fifty” eine Abrechnung mit 1968, wie ich hörte oder auch eine Dreiecksgeschichte.
Eine Frau zwischen zwei Männern, einer ist ein berühmter Schriftsteller und die neunzehnjährige Tochter übersetzt seine Texte und kommt drei Jahre später mit einem zerrissenen Blusenkragen ohne Geld, aber schwanger zu den Eltern zurück.
“Wo ist die Gewalt?”, fragten die Juroren und empfahlen Katharina Born einen Lektor, der ihr die beiden Hunde hinausstreichen soll, die innerhalb von vier Seiten vorkommen.
Das waren die heurigen Lesetage. Ab fünfzehn Uhr kann man abstimmen, ich werde für Linda Stift votieren, die ja leider heuer diejenige war, die Pech hatte, obwohl mir ihr Text sehr gut gefallen hat, und dann Radfahren gehen.
In Klagenfurt gibt es um 16 Uhr ein Fußballmatch der Autoren. Aber diese Seite des berühmtesten Betriebsausflugs der Literatur geht mir ab, weil ich das Ganze ja nur virtuell erlebe. Wenn ich aber so in den Zeitungen lese, denke ich, daß ich vielleicht mehr, als die, die dort sind, mitbekommen habe.
In den Wörtersee kann ich natürlich nicht baden gehen, nur an der Traisen radfahren, vielleicht bis nach Herzogenburg, denn mir raucht der Kopf von soviel Intensiv-Literatur. Alfred hat zum Grillen eingekauft, so daß es noch gemütlich werden kann.
Morgen um elf gibt es die Preisverleihung und den neuen Preisträger, der, wie ich schätzen würde, Jens Petersen oder Ralf Bönt heißen wird.