Die Enden der Welt

Obwohl es schon bald ans Longlistenlesen geht, kommt jetzt noch ein richtiges Sommerbuch, ein Reisebuch der Extreme sozusagen, nämlich Roger Willemsen “Die Enden der Welt” und ich kenne den deutschen  Publizisten und Fernsehmoderator, der morgen sechzig wird, von meinem Frankfurter Buchmessensurfing.

Da wurde er wohl interviewt oder ist mir aufgefallen und dann habe ich sein Reisebuch, wo er wirklich oder metaphorisch, die Enden der Welt erkunden wollte, irgendwann einmal im Schrank gefunden und inzwischen auch das, wo er sich ein Jahr lang ins Parlament setzte und  die Zustände dort beschrieb.

Irgendwie ein seltsames Buch, denn die Welt hat ja kein Ende, sondern ist eine Kugel und man kann sie wohl auch nicht auf einmal bereisen, also sind die Reisen, die in den zweiundzwanzig Kapitel beschrieben werden,  in  drei Jahrzehnten absolviert und Roger Willemsen, entnehme ich “Wikipedia” ist ein Vielreisender, der viel für Hilfsorganisationen an den Enden unterwegs ist und “Der Aufbruch ist in der Eifel”, da sitzt oder liegt Willemsen am Bett eines krebskranken Jungen, der erfahren hat, daß er bald sterben wird und der sagt, nach dieser Diagnose “Mir ist fad?”

“Wie kann das sein?”, denkt Willemsen, “wenn er doch nur mehr so wenig Zeit zu leben hat?”, legt sich zu ihm und reist mit ihm im Kopf durch die Welt und wo will er hin? Natürlich an das Ende.

Das zweite Kapitel heißt dann  “Gibraltar” und das ist ein britisches Hoheitsgebiet am Ende von Spanien, beginnt aber in Tokio, wo Willemsen, die vielen gleichgekleideten Mädchen beobachtet und sich sehr einsam fühlt.

So ruft er in Hamburg eine Freundin an und verabredet sich mit ihr zehn Tage später durch Spanien, bis hin nach Marokko zu reisen.

Dann geht es an ein anderes berühmten Ende, nämich an den Himalaya.

Dort interviewt er einen hundertdreijährigen Asketen, der das Ende der Welt schon bald nahen sieht, nimmt an Begräbnisritualen teil und spricht mit Monika, der Leiterin einer Hilfslorganisation.

Ein weiteres Ende ist Isafjördur, in Island, wo schon Jahre keine Morde geschahen, so daß der Polizist im Wirtshaus sitzt und von dem Mann erzählt, der den Duschvorhang im wahrscheinlich einzigen Hotel küßte, als sich dort einmal eine schöne Touristin einquartierte.

“Der letzte Vorhang” ist, behauptet Willemsen in Afrika, dort gibt es Schwarze, Farbige oder “einfach Afrikaner” und die wollen, füge ich jetzt mal hinzu, bevorzugt weg vom Ende, in die Festung Europa, riskieren oft ihr Leben dafür und landen, wenn überhaupt in einem überfüllten Erstauflager in Lampedusa oder Traiskirchen.

Dann geht es nach Minsk, Weißrussland, vormals eine der Sowetrepubliken, das merkt man immer noch, schreibt Willemsen, an dem Verordnungswahn, dann geht er ins Krankenhaus und besucht dort einen Alten und legt ihm ein paar Salzgurken an das Bett.

Patagonien, ist, schreibt Willemsen, ein verbotener Ort und  trifft dort Lili, die war sieben und lebte in Santiago, als dort 1973 der Putsch kam, da gab es ab zwanzig Uhr ein Ausgangsverbot, so nahm sie als die Mutter um diese Zeit noch nicht zu Hause war, den  kleinen Bruder an die Hand und irrte mit ihm durch die Straßen, obwohl die Soldaten von den Dächern schossen.

Jetzt ist Lili Selbstversorgerin, schlachtet selbst und kocht Marmelade und mit Willemsen fährt sie in die evakuierte Stadt Chaiten, die das ist seit 2008 dort der Vulkan ausbrach und irrt mit ihm durch die Ruinen, in denen inzwischen Tramper hausen.

In “Timbuktu” über das ich vor kurzem einen Film gesehen habe, trifft er sich mit den Tuaregs, während er in “Bombay”, das jetzt Mumbai heißt, ein Bordell besucht und in “Tangkiling” erzählt er zuerst von den Transmigrationsprogrammen der Holländer, die hunderttausende Menschen von Java nach Borneo übersiedelten, dann begleitet er ein  vierzehnjähriges Mädchen, das auf einem Holländerfahrrad, die “schlechte Straße” ins Gymnasium fährt, dabei oft die Lehrer nicht antrifft, da sich diese lieber auf Land beackern und aufs Goldwaschen verlegen, sich dabei aber eine Atemwegserkrankung zugezogen hat.

Dann geht es nach Sibirien, dort wo früher die Straflager der Verbannten lagen, nach “Kamtschatka” und nach Petropawlows, der “dreckigsten Stadt” Russland und dorthin reist man nicht allein, sondern mit der Dolmetscherin Nastja, dem Chauffeur Sergej und Galina für die bürokratischen Angelegenheiten, dann treffen sie noch auf Kolja und Jelena, die zum Kraftwerk wollen. Sie schließen sich ihnen an und am Ende kommt es auch noch zu erotischen Beziehungen mit Jelena.

Die gibt es in Birma, im “Strand”, dem besten Hotel mit der alleinreisenden Britin Belinda, mit der er das Zimmer teilen muß, wahrscheinlich nicht und dann geht es dem schlechten Gewissen wegen des kolonialen Hotels am nächsten Tag mit einem Billigticket nach “Mandalay” weiter. Dort trifft er in der “Holzklasse” das Buchbinderpaar Khin Maung und Mariam, die in einer gesperrten Zone wohnen, das Meer sehen wollten, aber keine Erlaubnis dazu bekamen, so daß sie mit ihrem Truthan und der roten Festkleidung, die sie für diese Wallfahrt trugen, wieder zurückmußten.

Zum “Fuciner See” in die Abbruzzen geht es auch, aber nur, weil Willemsen in den Achtzigerjahren eine Frau in der Nationalbibliothek kennenlernte, die wie besessen an “Kafka” arbeitete.

Der “Hungerkünstler” schien sie besonders zu faszinieren, so zog sie sich zur “Auszehrung” in ein Nonnenkloster zurück. Die Nonnen schmissen sie hinaus, so rief der besorgte Vater, der die Tochter zurück an den See holte, Willemsen an und der fand den See ausgetrocknet, die Tochter noch mehr abgezehrt, die sich dann noch weigerte mit dem Vater im selben Zimmer zu übernachten und heute lebt sie nicht mehr, hat sie doch, wie Willemsen schreibt “ihren Ausgang” aus den Enden der Welt gefunden.

In Goree, dem “Sicheren Hafen”, eine Insel vor Senegal wurden in den vorigen Jahrhunderten die Sklaven verschickt, man kann das Cape Coast Castle oder das “Dachau Schwarzafrikas”, das inzwischen zu einem Museum gegen Sklaverei geworden ist, heute noch besichtigen.

Nelson Mandela war dort, Johannes Paul II, Bill Clinton und seine Gattin Hillary, während heute die Nachfahren der Sklaven Schmuck und  Sonnenbrillen an die Weißen verkaufen und der Hoteldirektor nachweist, daß “Goree im Sklavenhandel gar keine wichtige Rolle spielte.”

Dann gehts nach Hongkong, dort wo ich mit dem Alfred und der Anna, als es noch eine britische Kolonie gewesen ist, auch ein paar Tage lang war, in einem dieser hohen Hotels wohnte, wo die Gepäcksstücke der An-und Abreisenden unter ein Netz gestapelt werden, durch die Stadt wanderten, nach Vicktoria, wo glaube ich, die langen Rolltreppen sind, hinaufwanderten und auch mit einem Schiff von einem Teil der Insel zur anderen fuhren.

Nach Afghanistan geht es  auch, dort war ich noch nie, dafür kommen, glaube ich, derzeit sehr viele Flüchtlinge von dort zu uns  und Willemsen schildert traditionelle Hochzeiten, wo die Braut noch auf einem Kamel zurm Bräutigam gebracht wird, obwohl es doch schon Motrräder gibt.

Zum Königreich Tonga geht es auch und von dort nach “Toraja”, also wieder nach Indonesien, zu den Totengebräuchen, die, wie wahrscheinlich einiges innerhalb und außerhalb der Ränder, ein wenig makaber sind. Da werden die Verstorbenen nämlich solange aufgebahrt und einbalsamiert, bis man das Geld für die Ochsen, die dann in einem Ritual geschlachtet werden, zusammen hat und die Toten, die man auf den Straßen findet, bleiben einfach liegen.

Im “Kongo” war ich vor kurzem, obwohl Roger Willemsen vom Außenamt  die Reise abgeraten wurde, zu gefährlich, denn ständig Krieg und Kindersoldaten, aber es gibt auch die Musik und Papa Wemba, einen berühmten Sänger, den Willemsen begleiten oder filmen soll, was auch nicht so einfach ist.

Dann geht es in die Opiumhöhlen von “Chiang Mai” im Norden Thailands und von dort zurück ins gute alte Italien, wo ich früher auch öfter war, von Florenz nach Orvietto um den berühmten Dom zu besuchen und eine Frau zu besuchen, haben wir es geschnallt, Roger Willemsen ist natürlich ein sehr männlicher Schreiber und dann zum Höhepunkt der Gefühle, an den “Nordpol”, dorthin geht es auch für den Individualisten nur mittels einer Gruppenreise und so habe ich in einigen Badewannesessions in ein paar Tagen, die ganze Welt bereist, obwohl ich ja, wie ich immer schreibe, eigentlich nicht so reiselustig bin und meine Sommer am liebsten in der Sommerfrische von Harland bei St. Pölten verbringe, darüber auch mal einen Sommerroman schreibe und meine Radtouren in Richtung Wilhelms– oder Herzogenburg mache.

Bei Roger Willemsen, dem Intellektuellen, wie ihn die “Amazon Rezensenten” nennen, von denen viele bei dem Buch ausgestiegen sind und es sowohl mit einem oder auch fünf Sternen bewerten, ist das anders.

Seine schlechte Sprache wird dort, bemängelt, die ist mir naturgemäß nicht aufgefallen, aber auch nicht seine große Intellektualität. Ich denke eher, da ist ein Priveligierter, der es sich leisten kann, um die Welt zu reisen oder dorthin geschickt wird und der in seinem männlichen Selbstbewußtsein etwas oberflächlich darüber plaudert.

Sicherlich sehr spannend, auch für die Nichtreiselustige, obwohl auch ich  bei manchen Kapiteln ausgestiegen bin und jetzt alles Gute Roger Willemsen zum morgigen Geburtstag!

“Keine Ahnung, wo Sie den verbringen werden?”

Am Südpol oder vielleicht auf Recherche im überfüllten Aufnahmelager von Traiskirchen, was zur Abwechlung auch sehr wichtig wäre, bei mir gibt es jedenfalls zwei Geburtstage und ein Fest zu feiern!

Im Kongo

Jetzt kommt das zweite Urs Widmer Buch auf meiner Leseliste, “Im Kongo”, 1996 erschienen und das erste Kapitel klingt für einen Urs Widmer erstaunlich realistisch, obwohl es fängt mit einem Traumgarten an, in dem der Altenpfleger Kuno, seine Kindheit verbringt. Es ist Krieg und er schwärmt hinaus zu den Vögeln und den Blumen, die es da in Zürich geben soll und eines Tages liegt die Mutter tot im Gras, von einem Bombenangriff wahrscheinlich getroffen, es dauert lange bis der Vater, in Uniform kommt, die Leiche entfernt, die größere Schwester übernimmt den Haushalt und das Leben geht weiter.

Dann, fünfzig Jahre später, schießt der Vater inzwischen über achtzig mit seiner Armeepistole ungedalden auf den Postboten, die Polizei erscheint und Kuno muß den Vater in das Altenheim bringen, in dem er Pfleger ist.

Dort gibt es eine Schwester Anne, der Vater zieht in das Zimmer aus dem gerade eine Frau gestorben ist und Kuno erzählt einmal dem Zimmernachbarn einen Herrn Berger von seinem besten Freund Willi und das er kein Schicksal hat.

Willi hatte eines und hat dem Kuno in der Schulzeit einmal die Pausenbrote weggegessen und sich von ihm einsagen sallen, dann ist er mit seiner Freundin Sophie in den Kongo, um dort Bierbrauer zu werden und als der Vater in das Zimmer kommt, fällt er Herrn Berger in die Arme, denn das war sein bester Mann und Kuno war sein Führungsoffizier, in dem Regiment, das “Wiking” hieß.

Denn der Vater war im Nachrichtendienst, wie er dem Sohn jetzt erst erklärt und Herr Berger die Geschichte erzählt, wie er, ein Erfinder eines optischen Gerätes, das die Nazis haben wollten, vom Führer nach Berchtesgarden eingeladen wurde, mit ihm soff, Eva Braun im Nachthemd saß und dann von Hitler auch noch seine Geheimtelefonnummer zugesteckt bekam, die ihm dann auch vor der Gestapo rettete.

Am nächsten Morgen begegnet Kuno vor dem Altersheim Willis Vater, der ihm in den Kongo schickt, denn es ist schon lange keine Nachricht und kein Geld mehr vom Sohn gekommen.

Die Hinfahrt erweist sich als etwas problematisch, am Zoll wird ihm sein ganzes Gepäck konfisziert, die Taxisfahrt ist überteuert und die Bootsfahrt nach Kisangani war auch recht abenteuerlich.

Der Weg in die Bierfabrik war schweißtreibend, schließlich sind wir ja in Afrika und der flotte Kuno schlägt auch noch eine Mitfahrgelegenheit aus.

Dann kommt er an, sieht eine flotte Schwarze namens Saba, die ihm erklärt, daß ihr Vater Willi und die Mutter Sophie, beide Schwarze, die Direktoren sind, Willi hat jetzt Mordsphantasien, sieht sich auch schon niedergemetztelt, als der tiefschwarze Wille, der auch noch abenteuerlich gekleidet ist, erklärt, er weiß auch nicht, wie er und Sophie schwarz geworden sind.

Er lädt ihn aber auf eine Stammesfete ein, das heißt, er muß als sein Wesir mitkommen und wird schwarz angemalt, dort trifft er einen Löwenkönig, der ihm genau, wie einstens Hitler bei Herrn Berger, eine geheime Telefonnummer gibt, aber erst einmal fliegt er wieder nach Hause, denn Willi schickt ihm mit einem Testament, das sein Vater unterschreiben soll, dorthin zurück.

Im Flugzeug erkennt er, er ist tiefschwarz mit weißen Bart, hat auch schon einen Paß mit einem solchen Foto und als er so in das Altenheim kommt, ist Schwester Anne, die ihm immer sagte, daß er warten kann, bis er schwarz ist, bevor sie ihn heiraten würde, gleich hingerissen.

Die Väter sterben und Kuno fliegt mit Anne, die sich auch transformiert, in den Kongo zurück. Willi fliegt mit Sophie dafür nach Zürich, um sein Erbe anzutreten und Kuno wird vom Löwenkönig zuerst bei einem Stammesüberfall gerettet, dann zieht er sich in den Busch zurück, um seine Geschichte und die des Kongos aufzuschreiben.

Eine abenteuerliche Geschichte, vielleicht könnte man sie auch rassistisch interpretieren oder satirisch auf jeden Fall und  hat mir sehr gut gefallen. Besser als der andere Urs Widmer, den ich vor kurzem gelesen haben.

Ich habe das Buch vor Jahren von einer meiner Psychologenkolleginnen zu meinem Geburtstagsfest geschenkt bekommen und es lange liegen gelassen, jetzt aber in einem kleinen “Urs Widmer In Memoriam Schwerpunkt”, wie man sagen könnte, gelesen, dessen “Reise an den Rand des Universums” 2013 auf der Longlist des dBp gestanden ist. Das und den “Herrn Adamson” müßte ich erst finden, aber jetzt geht es vorerst ohnehin an das neue Longlistenlesen.

Jiddische Gedichte

Ganz genau weiß ich selber nicht mehr, woher ich das Bändchen “Jiddische Gedichte” – übertragen von Hermann Hakel, herausgegeben von Armin Eidherr in der “Theodor Kramer Gesellschaft” gemeinsam mit dem “Lynkeuas-Verlag”, 2001, habe, aber ich denke, es könnte von einem der Büchertürme bei “Rund um die Burg” stammen und in mein Bücherregal gewandert sein.

Dann gabs das Buch über Hermann Hakel “Ein besonderer Mensch” bei der “Gesellschaft für Literatur” am “Zur freien Entnahme oder gegen eine kleine Spende-Tisch”, ich habs gelesen und dann die “Jiddischen Gedichte” auf meiner Bücherliste eingetragen und nun auf dem sehr heißen Hochschwab-Wanderwochenende gelesen.

Ein besonderer Mensch, der 1911 in Wien geborene und 1987 dort gestorbene Hermann Hakel?

Nun ich glaube er war in den Fünfziger und sechzigerjahren in Wien neben Hans Weigel und Rudolf Felmayer sowas wie der Reich Ranicky für die Literatur, der Förderer junger Talente, wie Ingeborg Bachmann etc und die zwei oder drei Herren haben sich, glaube ich, auch über ihre Entdeckungen zerstritten.

Erika Danneberg, die ich im “Arbeitskreis schreibender Frauen” kennenlernte und die eine Zeitlang mit ihm verheiratet war, hat, glaube ich kein gutes Haar an ihm gelassen und Dine Petrik, die eine Biografie über Hertha Kräftner, auch eine seiner Schützlinge schrieb, hat das ebenfalls getan.

Ein autoritärer älterer Herr, der durch die Kriegserlebnisse, die Emigration nach Italien, etc, sehr geprägt wurde, denke ich und kann mich erinnern, daß ich in den Achzigerjahren auch einmal Texte an die von ihm herausgegebene Zeitschrift “Lynkeus” geschickt und wie ich mich zu erinnern glaube, eine sehr freundliche und erklärende “Warum nicht-Antwort” bekommen habe.

Hermann Hakel hat sich auch, wie Armin Eidherr, ein Mitarbeiter der Kramer Gesellschaft im Vorwort schreibt, sehr um das Judentum und die jüdische Literatur gekümmert, ist in den Neunzehnhundertzwanziger Jahren in die Bukawiner gereist und dann hat er auch “in der Hitler-Zeit in italienischen Anhaltelaggern viele Emigranten aus Polen, Bessarabien, der Ukraine und der Bukawina” kennengelernt.

Er hat dann angefangen Gedichte aus der jiddischen Sprache ins Deutsche zu übertragen, wieviel genau er davon veröffentlicht hat, habe ich dem Vowort nicht so ganz entnommen, 2001 hat sich die Kramer-Gesellschaft gemeinsam mit Emmerich Kolovic, dem Hakel Nachlaßverwalter, der Übertragungen angenommen und ein sehr schön illustriertes Bädchen herausgegeben, in dem Gedichte von vierzig jiddischen Dichter und Dichterinnen enthalten sind, die zwischen  1862 und 1935 geboren wurden und von denen ich außer Marc Chagal, dem Maler und Itzig Manger niemanden kenne.

Die meisten entnehme ich den Lebensläufen sind nach Amerika emigirert.

Israel Stern 1884- 1942 ist im Warschauer Getto umgekommen. Von den meisten sind nur ein oder zwei Gedicht enthalten, von Chagall und einigen anderen auch mehrere.

Die meisten Gedichte gibt es nur in der deutschen Übertragung, bei einigen wird das jiddische Original gegenübergestellt, einen Lebenslauf des Autors gibt es am Schluß auch und die darin enthaltenen Begriffe, wie beispielsweise Sch´mah Jisroel, Schächter, Seder, etc werden genau erklärt.

Ein buch für Anfänger der jiddischen Literatur oder des Judentums, wie Armin  Eidherr in seiner Einleitung auch  meint und empfiehlt, daß man sich mehr mit der jiddischen Dichtung beschäftigen sollte.

Sollte man natürlich, sie wird vermutlich nich so einfach zu bekommen sein, mir ist eigentlich nur Josef Burg, der in dem Band nicht enthalten ist, vielleicht hat er keine Gedichte geschrieben bekannt und so habe ich mich recht begierig in die Gedichte der mir unbekannten und meist längst verstorbener Dichter gelesen und kann meinen Lesern hier auch nur ein paar Beispiele und den Ratschlag sich selber weiter mit den Dichtern zu beschäftigen geben, was man beispielsweise bei den Veranstaltungen der “Kramer Gesellschaft” ein bißchen tuen kann.

“In den roten Tropfen tunk ich meine Feder” so lautet auch der Titel des Buches, der nicht am Cover, aber auf der ersten Seite zu finden ist und das ist aus einem Gedicht von Rachel Fischman die 1935, also die jüngste der enthaltenen Autorinnen, in Philadelphia gaboren und 1984 in Israel gestorben ist, das “Sabbat” heißt.

“In den roten Tropfen tun ich meine Feder, wünsch mir, eure Finger sollen brennen von der Sonne meiner Woche, von der Woche heiß und rot.”

Und dann hat mich, um in dem Buch wieder zurückzublättern Josef Rolnik, der 1879 in Weißrußland geboren und 1955 in New York gestorben ist, mit seinem dem jiddischen Romanschriftsteller Ejsik Raboj gewidmeten Gedicht sehr beeindruckt.

“Ich und der Dichter Ejsik Roboj sind Nachbarn Tür an Tür manchmal geh ich zu ihm, manchmal kommt er zu mir.

Nur Bretter sind zwischen uns beiden, ein wenig übertüncht und einer hört des anderen Schritt, ich rechts, er links.

Wir kennen einander von der Henry Street bald fünfundzwanzig Jahr. Wir waren eins, heut sagt man von uns: Das ist schon fast nicht mehr wahr.

Ich arbeite in einem Wörter-Stell und er bei “Seibl und Minx”. Ich bin und blieb ein bißchen rechts und er ist durchaus links.”

Durchaus interessant sich in eine unbekannte, wahrscheinlich leider längst vergangene Welt mit meist wahrscheinlich unbekannten Dichtern und Dichterinnen, die aus Polen, Weißrußland, der Bukowina, etc stammen, einige wurden auch von Stalin hingerichtet, die meisten sind, wie erwähnt in New York gestorben und viele haben Bücher und Gedichtbände veröffentlicht, die wahrscheinlich inzwischen ebenfalls unbekannt und vergriffen sind.

Sicherlich ein Verdient Hakels sich damit zu beschäftigen, zu übertragen und herauszugeben, wie autoriär und frauenfeinlich er vielleicht sonst noch war und auch ein Verdienst der “Theodor Kramer Gesellschaft”, die Gedichte  herauszugeben, die jetzt lange ungelesen bei mir herumgelgen sind, ich jetzt aber einen wahrscheinlich nicht zu kleinen Eindruck davon mitnehmen konnte, aber natürlich muß man auch hier mehr und weiterlesen, in der Zeitsschrift “Zwischenwelt”, die ich regelmäßig zugeschickt bekomme, kann man das auch ein bißchen tun.

 

Die Chop-Suey-Gang

Ein zweiter Krimi, den ich vom Büchertisch der “Gesellschaft für Literatur”, bekommen habe und etwas gar nicht so Hochliterarisches, nämlich Jürgen Alberts “Die Chop-Suey-Gang”, der 1989 im “Heyne Verlag erschienen ist, den ich eigentlich am Wochenende auf dem Hochschwab minehmen wollte, dann aber schon in einem Schwung am Freitagabend in der Badewanne durchgelesen habe.

“Jürgen Alberts” steht in der Werbeleiste des Bändchens “legt in seiner “Bremer Polizei Serie”, den Beweis dafür vor, daß ein Polizeiroman spannend, straff und lakonisch sein kann.”

So ganz habe ich das beim Lesen nicht empfunden, vielleicht weil ich weder von Jürgen Alberts, noch von seiner Bremer Serie vorher etwas hörte und mir mit dem Polizeidezernat und seinen Typen dort, etwas schwer tat, es ist aber glaube ich, auch eher ein ungewöhnlicher Krimi, handelt er doch von einem homosexuellen Polizisten, nämlich dem Oberkommisar Joe Davids, der seine Homosexualität und die Tatsache, daß er sich für Frauen so gar nicht interessierte, sein Leben lang verstecken mußte.

In den Neunzehnhundertneunzigerjahren mußte man das als Polizist wahrscheinlich ganz besonders und so gerät er auch in einen Konflikt, als er sich in den Besitzer eines Chinarestaurants verliebt, weil der nämlich zu Beginn des Buches von der Maffia Besuch bekommt.

Die muß er bezahlen, besorgt sich auch einen Revolver, um sie abzuwehren und beschwört den Freund bei der Polizei nichts zu verraten und dann brennt ein anderes Chinarestaurant ab, zwei oder drei Hände werden gefunden und Joe Davids, der sich zur Aufklärung des Falles meldet, wird abgewiesen. Er darf oder traut sich das Wort Mafia auch nicht zu verwenden und als er es tut, wird er von seinem Vorgesetzen abgewiesen und so beginnt er allein zu recherchieren und diese Recherche führt ihn bis Amsterdam, denn dort hat die “Chop Sue Gang” begonnen ihre Koffer mit Rauschgif über die grüne Grenze nach Deutschland zu schmuggeln, denn sie will in Bremen über die China Restaurants einen Heroin Ring aufbauen.

Das wird in dem Buch erzählt und dann noch einiges andere, so gibt es zum Beispiel einen Polizeipräsidenten, der seltsame Reden schreibt, eine Rekrutenangelobung und eine Demonstration dagegen gibt es auch und Joe Davids wird auch wegen seiner homosexuellen Neigung geoutet, verliert fast den Job, bekommt aber doch heraus, daß  ein hoher Polizeibeamter von der Gang geschmiert wurde, er verliert auch seinen Freund, der von der Gang drogensüchtig gemacht, sich in der Schweiz sein Blut auswechseln und nicht bei der Polizei aussagen möchte und am Schluß verliert er auch das Leben und es wird bei der Polizei anläßlich seines Begräbnisses seiner gedacht.

Jürgen Alberts, entnehme ich “Wikipedia” wurde 1949 in Deutschland geboren und ist vor allem durch seine Kriminalromane bekannt.

Er hat schon sehr viele davon geschrieben, war mir aber bisher völlig unbekannt und ich finde es auch spannend ausgerechnet in der “Gesellschaft für Literatur”, die ja sehr literarisch ist und für Wolfgang Kraus, Albert Drach, Hermito von Doderer, etc, steht und bei der man mit “Selbstgemachten” nur beim “Dichterfasching” lesen darf, auf ihn gestoßen zu sein und auf den Hochschwab habe ich mir etwas anderes mitnehmen müssen, vielleicht passen die “Jiddischen Gedichte” herausgegeben von Hermann Hakel besser oder er besser zur “Gesellschaft für Literatur”, obwohl ich jetzt gar nicht sagen kann, ob ich das Buch von dort bekommen habe.

Anmerkungen, das sollte ich vielleicht erwähnen, gibt es vom Autor zu Entstehungsgeschichte des Buches auch,  so hat es 1983 wirkliche eine “China Mafia in der BRD” gegeben, wie der “Stern” anmerkte und an einer Stelle des Buches tritt auch Van de Wetering, ein inzwischen verstorbener holländischer Kriminalschriftsteller, von dem ich, glaube ich, ein Buch auf meiner Leseliste habe, auf.

Gamma Lex

Nun kommen zum Sommer passend die Krimis an die Reihe, denn obwohl ich Gewalt ablehne, lese ich sie gerne und “Gamma Lex” von dem  2012 in Purkersdorf verstorbenen Manfred Bauer, ist auch ein besonderes Buch, auf dem nicht einmal Krimi, sondern “Eine Schattenreise”, 1997 in der”Bibliothek der Provinz” erschienen, steht, für mich jedenfalls, denn ich habe mit dem  1957 in Wien geborenen Kommunikationsberater, Bibliothekar und Purkersdorfer Gemeinderat einige Jahre lang am Volksstimmefest gelesen, wo er auch seine Krimis vorstellte.

Die späteren erschienenen, in denen es meistens um Aufdeckung politischer Skandal geht und das passiert auch bei “Gamma Lex”, ein Buch, das von dem Büchertisch der “Gesellschaft für Literatur”, die man sich für eine kleine Spende nehmen kann, stammt und nun hinein in die Schattenreise, die auch zum Sommer passend, in Opatja beginnt, da schlurft Gamma Lex, das ist nicht sein richtiger Name, wie der lautet, wird in dem Buch nicht verraten, herum,  sucht nach einem Zentaurus und findet ihn nicht.

Dann geht es hinein in die Handlung, in die Vergangenheit und nach Wien, in die Gumpendorferstraße, wo der Gesetzesrächer, wie ich ihn nennen möchte, der ohne jeden Zweifel autobiografische Ähnlichkeiten mit dem Autor hat, auch herumschlurft, beziehungsweise sucht er, der den Naschmarkt als seine Heimat sieht, das Cafe Drechsler auf und dort findet er Zentaurus. Er sitzt an einem Tisch mit seinem Partner Ferdinand und einer Frau namens Lili und sie machen das, was sie immer machen, nämlich saufen, saufen, saufen. Das heißt eine Runde Bier für alle plus Marille wird nach der anderen bei dem Kellner Josi bestellt.

Zentaurus verabschiedet sich dann, er hat noch einen Termin, Gamma Lex geht mit Lilli nach Hause, weil er kein Geld für ein Taxi in die Shuttleworth Straße, wo er seine Schlafstatt hat, zu besitzen glaubt, das endet aber in einem Fiasko, denn Gamma Lex hat besondere sexuelle Vorlieben, auf die ich gar nicht näher eingehen möchte, denn “Gamma Lex” ist ein sehr männliches Buch, in dem Vögeln und Saufen eine große Rolle spielt.

Inzwischen bin ich beim Lesen  einiges gewöhnt und es geht auch flott weiter in der Handlung, denn Gamma Lex, der vom Beruf eigentlich Pressesprecher ist und früher in einer Bank gearbeitet hat, dem Direktor dort seine Reden schrieb “Sie werden das schon machen, schreibens irgenwas!”, schrieb als es um die Einsparungen ging, daß die Dienstlimousinen der Verstände eingespart werden sollen, was zu tobenden Applaus der unteren Chargen und zu seiner Entlassung führte, so teilt er sich jetzt mit Ferdinand die Arbeit in einem Würstelstand am Karlsplatz und dort erscheinen am nächsten Tag Lili und Ferdinand und erzählen Zentaurus ist verhaftet worden, weil er einen Stricher ermordet hat.

Zentaurus ist selbst ein Stricher und konnte es nicht gewesen sein, denn er war stattdessen bei einem Kunden, einem Wiener Gemeinderat und der läßt ihn jetzt mit dem Alibi in Stich, streitet ab, einen Stricher zu kennen und seine Frau und  ein weiterer Zeuge gaben  auch ein Alibi.

So weit so gut oder schlecht, aber eigentlich doch ganz fein, denn Gamma Lex war einmal auch Pressesprecher dieses Gemeinderates, so besucht er ihn, aber der schmeißt ihn hinaus und er verliert auch noch einen Werbeauftrag, den er von einem Herrn Decker, dem Inhaber einer schicken Werbeagentur bekommen hat.

Jetzt bricht Gamma Lex am Naschmarkt zusammen, die Marillen werden da wohl mitgeholfen haben und wird von der Prostituierten Judy bei “Toms Stand”, das ist ein Sauerkrautverkäufer, gefunden.

Die nimmt ihn mit nach Haus, hat flotten Sex mit ihm und verrät ihm dann noch, daß einer ihrer Kunden mit der Frau eines Politikers, den er berät, ein Verhältnis hat und immer mit ihr schläft, wenn er Politiker die Nacht außer Haus verbringt.

Dann gehen die Beiden ins “Lotushaus”, das ist ein Animierlokal im ersten Bezirk mit Separees und Gamma Lex geht mit Judy auch dorthin, sieht die Frau des Gemeinderats und Decker und trifft sich jetzt noch einmal mit dem PR- Berater und dem Gemeinderat, die jetzt viel kleinlauter sind und es stellt sich  heraus, die Frau des Politikers hat den Stricher ermordet, weil er sie erpresste. Sie hat es für ihren Man getan, der dann zurücktreten muß und seine Frau natürlich fallen läßt…

Eine eigentlich sehr einfache, aber durchaus böse Geschichte aus dem korrupten Leben der Wiener Politiker, drast erzählt mit den Marillen und dem Sado Maso Sex, aber durchaus spannend und am Schluß irrt Gamma Lex in Opatja herum, sucht Zentaurus, der ihn hinbestellte  und findet ihn nicht, eine weitere Leiche schwimmt im Meer herum, es ist nicht des Strichers, merke ich noch an.

Das Fenster

Jetzt kommt das letzte Buch dieses “Augustin-Flohmarktes”, den man eigentlich als Leseprojekt dieses Sommers bezeichnen könnte und eines, vor dem ich mich nicht gerade gefürchtet, ich habe es ja freiwillig genommen, aber doch öfter behauptet habe, daß ich es nicht verstehen werde und es einmal sogar mit Arno Schmidt verglichen habe, nämlich Richard Obermayrs “Fenster” 2009, bei “Jung und Jung” erschienen und wahrscheinlich auch Leseexemplar aus Anna Jellers Buchbeständen.

Und es war gar nicht so schlimm, könnte man diese Rezension, beziehungsweise Besprechung beginnen oder “Die Zeit ist es sonderbar Ding”, wie es die Marschalin im “Rosenkavalier”” besingt, der 1970 in Ried im Innkreis geborene Richard Obermayr, von dem Marie Theres Kerschbaumer, als er sich in  die GAV beworben hat, sagte, sie wäre bei seinen Texten nicht sicher gewesen, ob da einer nicht ihre Literaturkenntnisse testen und ihr irgendeinen Text unterjubelt hätte, hat er offenbar nicht und er ist mit seinen” Sprachräuschen”, wie ich es immer so respektlos nenne, 1996, als ich das einzige Mal  live beim “Bachmannlesen” war, dort auch nicht sonderlich auf- bzw. durchgefallen.

Dann hat er, glaube ich, bei “Floriana” und wahrscheinlich noch, wo anders gewonnen.

1998 erschien bei “Jung und Jung” oder war das damals noch “Residenz”, der erste Roman, “Der gefälschte Himmel”, den ich auf einem der Büchertürme der “Literatur im März” fand. Ich habe ihn in der Badewanne gelesen, beziehungsweise überflogen, als ich nicht mehr verstanden habe, worum es da ging.

Den “Priessnitz-Preis” hat er auch gewonnen und aus dem “Fenster” gelesen und sich im zweiten Roman, für den er mehr als zehn Jahre brauchte, was mich nicht wundert, sich mit der Zeit beschäftigt.

Ein interessantes Thema, woran sich sicher schon andere die Zähne ausgebissen haben, das man essayistisch, philosophisch, als Sachbuch und auch anders behandeln kann.

Richard Obermayer tut es sehr poetisch in seiner sprachbesessenen Art und so bin ich in einigen Badewannensessions mitgewirbelt, habe machmal gedacht, wie langweilig und wer will das Lesenß, meistens aber war ich bemüht, die Handlung, die mir beim Schreiben und beim Lesen ja immer sehr wichtig ist, zu erfassen.

Daniela Strigl hat, glaube ich, in ihrer Rezension geschrieben, kaum glaubt man ein Äutzerl in der Hand zu haben, ist es flugs schon wieder weg. Aber es gibt eine Handlung, wenn auch eine ziemlich ungewöhnliche, nämlich, wie ich es verstanden habe, die Beschäftigung mit der Vergänglichkeit und das mit vielen schönen Bildern, mit freien Assoziationen ist der Psychologin einmal eingefallen.

Der Ich-Erzähler, der seine Geschichte erzählen will, kommt aber immer wieder auf ihm wichtige Details zurück, die da der Vater und die Mutter wären.

Die Buchvorder- und Rückseite zieren auch ein Familienbild wahrscheinlich aus den Siebzigerjahren, eine Frau mit Kinderwagen, ein Mann mit einem Hut tragenden kleinen Buben auf der Schulter.  Mag das der kleine Richard sein? Dann steht im Klappentext noch etwas von einem “Schuß, einer Pistole und einer Kugel, die durch den Raum fliegt”, darauf wird auch immer Bezug genommen und erschien mir etwas verwirrend oder befremdlich.

Sonst könnte die Psychologin ja sagen, da ist ein junger oder auch älterer Mann und schaut auf sein Leben zurück. Erzählt vom Vater und der Mutter und an einigen Stellen, wo es ein bißchen narrativer wird, auch von seiner Freundin Cäcilia.

Er beschäftigt sich mit der Vergänglichkeit und das immer wieder mit wunderschönen Sprachbildern und Sätzen, kommt dabei vom Hundersten ins Tausendste und wieder zurück.Fragt sich, ob man seine Vergangenheit einholen, oder anders machen kann? Alles wichtige Themen, mit denen sich wahrscheinlich schon die größten Philosophen beschäftigt haben.

Richard Obermayr tut es sehr poetisch, wiederhole ich mich und er verwendet dabei auch öfter den Satz “Ich erinnere mich”.

Das ist ein literarischer Stil habe ich gelernt und habe auch das Buch von Patrik Ourednik gelesen.

Richard Obermayr oder der Ich- erzähler erinnert sich also an den Vater und seine Mutter, den Vater beschreibt er als sehr apathisch, die Mutter serviert eine Forelle, die Familie ißt Erbsenrahmsuppe, Motive von einem Zirkus und einem Artisten tauchen auf, Theatermotive und dem Zuspätkommen in die Vorststellung, so daß man erst nach der Pause hineinkommen kann.

Die Mutter ist Klavierlehrerin und es gibt auch ein Mädchen, das immer wieder dasselbe Stück falsch spielt, immer wieder die selben Fehler wiederholt, eine andere Klavierlehrerin hat immer zwei Tassen auf den Tisch stehen und serviert ihren Schülern Malzkaffee und Rosinenbrot und es gibt auch immer wieder sehr schöne Sätze und Wendungen, etwa dreißig habe ich mir angestrichen.

“Ob sich der Wanderzirkus der Geschichte noch einmal bei ihnen niederläßt und ein letztes, ein allerletztes Mal eine Vorstellung gibt?”, vielleicht oder “So weit kann das eigene Schicksal zurückreichen. So geduldig kann der Tod sein”.

“Seit dieser Aufführung ist die Kugel unterwegs und fragt sich zu mir durch.”

“Genausogut könnte man fragen: wo hört der Sommer auf und wo beginnt der Herbst”

Ach ja die Geschichte spielt im Sommer. Im August, geht dann nahtlos in den Winter über, wo es plötzlich Schnee gibt und der Protagonist hat es nicht gemerkt.

“Die Zeit ist ein sonderbar Ding!”, wir wissen es und wiederholen es wieder.

Die Mutter ist auch schon  gestorben, während der Erzähler durch das Leben taumelt, um seine Geschichte zu erzählen und dafür einen Anfang sucht.

Begräbnisse werden beschrieben und eines stammt aus einem Buch, das die Mutter gelesen hat. Da kommt ein Artist in den Ort, Schwanenstadt wird öfter erwähnt, wo einer verschwunden ist, dem er sehr ähnlich sieht. So wird ein Begräbnis insziniert, wo er den Toten spielt und so hüpft der Autor, hüpft der Leser  durch das Buch, durch die Zeit und hat einen sehr poetischen Roman über ein sehr wichtiges Thema gelesen.

2010, wo  es erschienen ist, ist es nicht auf der Longlist des dBp gestanden, weil wahrscheinlich dem durchschnittlichen Leser nicht zuzumuten und es wird vielleicht, wenn in fünf Jahren der dritte Roman erscheint, dieser auch nicht darauf stehen, trotzdem und das mag meine Leser nun verwundern, freue ich mich, die mit den bloßen Sprachräusche, der l art pour l art, wo in schönen Worten nichts passiert, darauf und werde ihn, soferne ich ihn finde, begierig lesen und mich wahrscheinlich auch weniger davor fürchten, ob ich alles verstehen werde?

“Als Richard Obermayr vor über zehn Jahren seinen ersten Roman vorlegte, wirkte er ebenso verstörend wie begeisternd. Ein neuer Autor war auf den Plan getreten, dem man Außerordentliches zutraute. Zu Recht: Sein zweiter Roman löst das Versprechen, das der erste gab, auf glänzende  Weise ein.”

Da kann ich nur gespannt sein und werde bis dahin wahrscheinlich weiter realistisch und weniger abgehoben schreiben.

Der Sammler

Wieder ein Buch von Evelyn Grill, von der 1942 in OÖ geborenen und in Deutschland lebenden Schriftstellerin, die sozusagen Elfriede Haslehner einmal für ihren “Wiener Frauenverlag” entdeckte, habe ich schon viel gelesen und der 2006 erschienene Roman “Der Sammler” ist auch eines, das vorletzte, noch nicht gelesene, das ich vor fast zwei Jahren, bei dem “Augustin-Flohmarkt” kaufte, vorher habe ich von dem Buch schon einiges gehört und war, 2006 wahrscheinlich, auch auf einer Lesung bei “Rund um die Burg” und das “Messie-Thema” interessiert   die Psychologin, die ja auch eine Büchersammlerin ist.

Evelyn Grill greift alle oder viele heiße Eisen an, könnte man so sagen, tut es manchmal, meistens, oft mit einer Art Bernhardschen Boshaftig- und Gründlichkeit und sie versteht auch noch die schönen Künste in das Buch hineinzupacken, diese damit zu verbinden oder gegeneinander auszuspielen.

Da gibt es in einem feinen Italiener in der Stadt Mannheim, glaube ich, einen Stammtisch, wo sich jede Woche der Philosophieprofessor Gregor Voss nach seiner Vorlesung mit seinen Freunden trifft, seine Freundin Dora Stein, eine Schriftstellerin ist dabei, Evelyn Grill ist, glaube ich, auch mit einem Universitätsprofessor verheiratet, eine Studentin, ein Privatdozent, eine Sozialpädagogin, eine Psychotherapeutin, die auch Künstlerin ist und Alfred Irgang, ein Freund Voss, beziehungsweise war der auch mit seinen Eltern befreundet und Alfred Irgang, obwohl aus gutem Hause, der Vater war Fabriksbesitzer, die Mutter Halbjüdin und wurde von den Nazis verfolgt, hat Alfred, sehr zum Leidwesen seiner Eltern, die bürgerliche Laufbahn nicht geschafft, irgendwas ist da schiefgelaufen, vielleicht war er schon von Kindheit an ein eigenwilliger Knabe, der Nägel sammelte, etc.

Jdenfalls hat er sein Geschichtsstudium nicht geschafft, weil er so gründlich war und mußte nach fünzehn Semestern vom Vater wieder heimberufen werden, keine Doktorarbeit, nicht einmal viele Zeugnisse, dafür Mappen von Vorlesungsmitschriften, jetzt haust er in einer zugemüllten Eigentumswohnung, in einem eher schlechten Viertel, es scheinen auch Zuhälter dort zu wohnen, aus den anderen wurde er hinausgeschmissen, ist aber sehr wohlhabend, denn die Eltern haben ihm nicht nur Geld, sondern auch einen Beckmann und anderes wertvolles Inventar hinterlassen, nur findet man das nicht in der Wohnung nicht, denn Alfred schleppt Gebisse, Sardinenbüchsen, etc, an, häuft das in Gängen in seine Wohnung, wo sich schon die Kakerlaken tummeln, auf die begibt er sich in der Nacht auf Jagd, sonst lebt er von Jopghurt und Milchreis, die leeren Becher inventarisiert er dann und wirft sie nicht weg, seine Zähne sind kaputt, die Hände haben von dem vielen Dreck, in denen er wühlt auch schon Ekzeme und die Freunde, wenn er dann verspätet in den Stammtisch schreitet und dort seine Tomatensuppe löffelt, reden auf ihn ein, doch mal aufzuräumen, zum Zahnarzt zu gehen, sich zu rasieren, etc!

Besonders tut das Uta Aufbau, die Sozialpädagogin, denn die ist ja schon von ihrem Beruf her dazu verpflichtet, sie hat es auch seiner Mutter versprochen und sie spricht auch auf die Freunde ein, Alfred doch nicht zu unterstützen, in dem sie die Geschenke, die er ihnen immer aus den Mülltonnen mitnimmt, annehmen, nein, denn der Leidensdruck muß erhöht werden, erst dann ist Alfred bereit Therapie anzunehmen, wie das wahrscheinlich in den  Therapiebüchern so steht…

Die Freunde haben aber unterschiedliche Interessen, die Schriftstellerin will einen Roman über ihn schreiben, beziehungsweise will das vielleicht Gregor Voss, das sie das tut, Alfred will das auch und die Psychotherapeutin und bildende Künstlerin Kyra, will eine Kunstistallation aus seinen Sachen machen und schleppt auch einen Galeristen an, der ihm am liebsten mit seinem Gerümpel in seiner Galerie, als lebendes Kunstprodukt ausstellen will.

Alfred läßt sich von all dem nicht sehr beirren, denn er hat andere Probleme, die Heizungsableser will in seine Wohnung, ich hatte einmal eine Klientin, die hat mir ähnliches berichtet, das Gesundheitsamt will den Kammerjäger schicken und der Hausmeister bedrängt ihn, er soll einen Keller ausräumen, der ihm nicht gehört, sonnst….

Es gibt auch wilde Gestalten in dem Wohnhaus, die Alfred bedrängen, so larviert er herum, beschwichtigt den Hausmeister und fragt zuerst Rudi  Muster, das ist auch so eine Lichtgestalt, ein ehemaliger Stammtischbesucher, ein Akademiker ohne Geld, der vom Sozialamtlebt, weil er sich nicht verkopfen lassen will und den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen ist, ob er ihn für dreißig Euro in der Stunde, die Sachen aus dem Keller in einen anderen räumt, der ist entsetzt, weil körperliche Arbeit für ihn nicht zumutbar, überfordert ihn ja schon das Maschineschreiben, da trifft er plötzlich eine Matroschka, das ist eine obdachlose Frau ohne Zunge, die wurde ihr, weil verkrebst amputiert und zwischen den Beiden beginnt eine seltsame Liebesbeziehung und weil die Nachbarn ihm bedrohen, darf sie auch in der Wohnung schlafen.

Uta will mit Gewalt diese Zweckbeziehung verhindern, hat am Stammtisch aber wenig Verständnis und es kann erst etwas geschehehn, als Alfred von einer Ratte gebissen wird, eine Sepsis bekommt und ins Spital eingewiesen wird. Jetzt beginnen die Freunde zu handeln, das heißt sie räumen seine Wohnung auf, schmeißen den Müll weg, beziehungsweise fotografiert der Galerist alles und schleppt die Fotos und den Schlaftsessel, im Bett konnte man schon lange nicht mehr schlafen, in die Galerie.

Dora Stein macht auch Aufzeichnungen und Uta räumt mit Hilfe von polnischen Studenten, die in ihrem Hause wohnen, auf und als Alfred entlassen wird, hängt der Beckmann wieder an der Wand, alles glänzt und die Freunde erwarten ihn mit Sekt und Brötchen nach dieser “Eine saubere Wohnung für Alfred-Hilfaktion”.

Es kommt wie es kommen muß, Alfred bekommt einen Tobsuchtsanfall, schmeißt die Freunde hinaus und als er sich in seiner Verzweiflung aus dem Fenster stürzten will, sieht er unten die Stumme auf einem Berg Müll sitzen und winkt sie erleichtert zu sich hinauf.

Die Freunde zerstreiten sich an den nächsten Alfredlosen Stammtischen, war ihre Aktion jetzt gut oder nicht?

Darüber gehen die Meinungen auseinander, Alfred kommt ja nicht mehr und Uta erzählt, er räumt die Sachen aus dem Keller mit der Stummen in seine Wohnung, der Hausmeister ist zufrieden, das Gesundheitsamt und der Heizungsableser auch und die Heizkörper hat Alfred, der sowieso nie heizt, auch noch hinausgeworfen, also alles leiwand und paletti, bis die nächsten Kakerlaken kommen, könnte man so sagen.

Vorerst schon, denn das Semester geht zu Ende, da löst sich der Stammtisch sowieso auf und der Professor zieht sich mit Dora in sein Häuschen am Land zurück und ist nicht mehr erreichbar.

Die Schriftstellerin schreibt ihren Roman, ist aber mit dem Ende unzufrieden. Soll sie es so unbefriedigt enden lassen? ist das Literatur oder war der Anfang richtig?

Nach einigen Wochen kommt der erlösende Brief von Uta mit dem Nachsendungsauftrag, die Sache hat doch eine Wende genommen, denn im Keller von Alfreds Haus hat es gebrannt. Alfred war zwar nicht zu Hause, sondern auf seiner Mülltour, aber die Nachbarn, die zum Teil verletzt wurden und auch Angehörige verloren haben, richten ihre Wut auf den “Sandler” und sein Kellergerümppel, als Alfred kommt, will er in den Keller, denn da ist ja sein Eigentum, die Feuerwehr läßt ihn nicht hinein. Er fängt zu schreien an, da kommen die zwielichtigen Gestalten, die ihn schon mal bedrohten, heben das kleine dünne Männchen hoch, lassen es in der Luft zappeln und werfen es dann auf den Boden.

Alfred stirbt noch im Krankenwagen, er hat aber ein Testament hinterlassen, die Stumme ist die Erbin, die vorübergehend von Ute aufgenommen wird und ein Blick in die Wohnung zeigt, der Beckmann ist verschwunden.

Ute fügt noch dazu, was die anderen Stammtischbesucher machten, der Galerist und Kyra eine “In Memorian Alfred Irgang Ausstellung”, der Dozent und die Studentin nehmen den Ruf an eine andere Uni an, Uta hat auch noch Rudi in ihr Haus aufgenommen und die Schriftstellerin verspricht den Professor zu heiraten, denn jetzt kann ihr Roman ein gutes Ende nehmen.

Mit einem bösen Lächeln Evelyn Grills wahrscheinlich, endet der Roman und läßt vielleicht ratlose Leser oder viele Fragen zurück.

Denn, wie kann man einen pathologischen Sanmmler wirklich helfen? Die “Sigmund Freund Uni” versucht es und hat auch eine “Messie Gruppe”. Sie machte auch einen solchen Kongreß und hat Elfriede Gerstl, die ja auch eine Sammlerin war, zum Eröffnungsvortrag oder Lesung eingeladen.

Weniger schwere Fälle lassen sich vielleicht auch freiwillig therapieren und finden Lösungen, wie sie mit ihren Heizungsablesern und Gesundheitsproblemen umgehen können.

Hier hat Evelyn Grill würde ich sagen einen bitterbösen Roman über ein sehr reales Thema, das einen kleinen Teil der Bevölkerung betrifft, geschrieben und da ich auch manchmal mit solchen Klienten arbeitete, kann ich sagen, sie hat es das Milieau und die Schilderung gutgetroffen, wenn auch, wie von der Literatur  ja auch gefordert wird, gelegentlich übertrieben und so ist es ein bitterböser Roman geworden, der Sammler am Ende tot und nur die Schriftstellerin und der Galerist triumphieren.

Aber mit der Schriftstellerin,  Dora Stein, ist ja auch eine Österreichin, hat sich Evelyn Grill am Ende selber an der Nase genommen und sich über sich selber ein bißchen lustig gemacht?

Für mich ist es das beste Evelyn Grill Buch, das ich bisher gelesen habe.

“Vanitas oder Hofstätters Begierden” ist übrigens 2005 auf die Longlist des dBp gekommen.

Wiener Grätzl-Siebensternviertel

In der Sommerfrische zwischen Radfahrten auf den Feldern und dem Korrigieren des Sommerromanes, sich mit dem “Siebensternviertel” zu beschäftigen, durch das ich ja immer gehe, wenn ich von meiner Praxis-Wohnung zum klinischen Mittag will, die Adventrundgänge finden dort statt, die “Poetnächte” im Kulturcafe Siebenstern und es gibt auch von mir natürlich besonders gerne frequentiert, den “Offenen Bücherschrank” und das Literaturhaus, in dem Buch, glaube ich nicht erwähnt, befindet sich, da, ist vielleicht schon ein bißchen seltsam, aber wenn der Grätzlführer im Kulturcafe Siebenstern bei einem “leckeren Frühstücksbuffet und köstlichen Erfrischungen” vorgestellt wird und derMax wieder seine Knöllchen durch den Raum werfen wird, damit der glückliche Fänger die Überraschungsfrage beantworten kann, bin ichnicht am Ort und so surfe ich mich am Land durch den neuen” Stadtbekannt-Guide” und gehe in der Phantaisie shoppen, genießen, entdecken und mache auch solcherart meine Stadtspaziergänge, denn wie schon beschrieben, das “Siebensterngrätzl”, also das unregelmäßige Viereck im östlichen Teil von Neubau, dem siebenten Wiener Gemeindebezirk, zwischen Lerchenfelderstraße, Neubaugasse, Maria Hilferstraße, die ja glaube ich, vor kurzem auch mit einem großen Fest in ihrer neuen Fußgängerfreundlichkeit, gefeiert wurde und dem MQ ist mir bestens bekannt, wie eigentlich auch das “Wiener Grätzl -Josefstadt”, das ich um Weihnachten auch am Land besprochen habe und die anderen Stadtbekanntführer, die mir das Frühstücken, den Kaffee, etc schmackhaft machten und mein unnützes Wien-Wissen, das ich glaube habe, in verschiedenen Stufen teste.

Für die Konsumverweigerin die ich bin, ist die Auflistung der Cafes, Geschäfte, Galerien, Boutiquen, Restaurants, vielleicht ein wenig unnötig, aber einige der Schätze konnte ich schon entdecken und dafür auch anderes, wie den erwähnten Bücherschrank, das Literaturhaus, die Poetnächte, den Adventrundgang, etc, beisteuern, von denen “Stadtbekannt”, vielleicht keine Ahnung hat.

Aber erst einmal geht es ohnehin um die Historie, wie ist das Siebensternviertel entstanden?

Und da kommt man nicht um den Spittelberg herum, einmal ein Armenspital, dann ist das Viertel herabgekommen, diente den “lustigen Damen” zum Unterhalt und sollte abgerissen werden. Ein kultureller Aufschrei folgte und jetzt ist es das schönste Viertel des Bezirks, bekannt für seinen  Weihnachtsmarkt und da gibt es ja das Amerlinghaus, wo ich eine Zeitlang meine Lesungen machte, als mich das Literaturhaus hinausgeschmissen hat, auch etwas, was “Stadtbekannt” nicht weiß, meine Leser aber sicher schon und eines von den letzten zwei Kinos des Grätzels gibt es in dem Viertel auch. Das ist das Filmhaus Spittelberg und da war ich ja vor kurzem und habe mich mit Joseph Roth beschäftigt, das andere ist das Bellaria Kino ein Stückchen weiter entfernt und näher dem MQ gelegen und dort bin ich früher, als Studentin oder so sehr oft hingegangen und kann man heute noch die alten Filme aus den dreißiger, vierziger, fünfziger Jahren etc, erinnern und das Mobilar und das Outfit lese ich im Guide, soll immer noch so sein.

Vielleicht geht auch die Kassierin immer noch mit dem Fichtennadelduftspray spazieren, um die schlechte Luft im Raum zu verbessern und die alten Damen schauen sich verzückt, die alten Hans Moser Filme an.

Es gibt aber auch Bauwerke und Sehenswürdigkeiten und natürlich Kirchen, die St. Ulrichskirche wird wohl die bekannteste sein und da habe ich mal eine Führung gemacht, denn die Ruth Aspöck, die  auch in dem Grätzl wohnt und dort in einer sehr schönen Konditorei, die auch in dem Buch erwähnt wird und in die ich schon immer wollte, einmal ihren Geburtstag feierte, hat einmal auch am Augustinplatz ihre “Augustintage”veranstaltet, da habe ich meine “Letzter Versuch-Geschichte” gelesen, die der Christa Nebenführ so gar nicht gefallen hat und am St. Ulrichsplatz gibt es immer noch Geschäfte, die man als Kulisse für einen Film aus der Nazi oder Zwischenkriegszeit nehmen könnte.

In der Burggasse 3, also etwas weiter unten und schon wieder nahe am MQ durch das ich auch sehr oft gehe, beispielswerise wenn ich zu Veranstaltungen ins Rathaus oder auf den Rathausplatz möchte, gibt es das “Kleinste Haus von Wien” das nur sechs Fenster und und einen Grundriß von vierzehn Quadratmeter hat.

Der Uhrmacher oder Goldschmid “Schmollgruber” ist dort schon seit 1872  drinnen und Parks, Gärten und Grüne Oasen gibt es in dem Grätzel natürlich auch.

Der bekannteste ist der Weghuberpark vis a vis vom Volkstheater mit dem Raimunddenkmal, das Hani Niese Denkmal, ebenfalls eine berühmte Volksschauspielerin gibt es dort auch, während der Dorothea Neff Park, das ist die Volksschauspielerin, die ihre jüdische Freundin vor den Nazis versteckte, sich an der Kreuzugn zwischen Seidengasse und Bandgasse, also wieder mehr in Literaturhausnähe befindet.

Brunnen gibt es auch, nämlich den schon erwähnten Augustinbrunnen am Augustinplatz und ich auch vorübergehe, wenn ich von meiner Praxiswohnung zum klinischen Mittag gehe.

Dann gibt es natürlich, für mich nicht so interessant, eine Reihe von Hotels, denn “Wo würde man bei einem Wien-Besuch, denn lieber als im siebenten Bezirk, mitten im kulturellen Zentrum der Stadt Wohnen” und da fällt mir Andreas Unterwegers erstes Buch “Wie im Siebenten” ein, das ich, glaube ich, auch im Amerlinghaus hörte und wahrscheinlich auch im Bücherschrank Zieglergasse gefunden, aber noch nicht gelesen habe.

Für “Kunstaffine” gibt es eine Reihe von Gallerien, aber ich bin ja mehr literaturaffin und habe da schon einige Grätzlspezialitäten aufgezählt.

Es gibt das  Bezirksmuseum Neubau, das befindet sich auch im Amerlinghaus, allerdings auf der anderen Seite, als dort, wo ich beispielsweise immer zu den “Wilden Worten” von Richard Weihs, auch ein Grätzeloriginal würde ich vermuten, obwohl er, glaube ich, im sechsten wohnt und dort war ich im vorigen Herbst bei einer Bezirksveranstaltung, wo die beiden Cousinen Stift gelesen haben und Andrea Stift hat mich glaube ich ja als erstes auf Andreas Unterweger und sein erstes Kultbuch aufmerksam gemacht.

Es gibt im Siebenten auch Spas und andere Schönheitsinstitute, für mich wieder weniger interessant, also den Guide kaufen oder am 7. 8. ab 9 Uhr zur Buchpräsentation gehen und dann kommen wir zum Kapitel “Siebensternviertel-genießen.”

Da habe ich das Amerlinghaus mit dem Amerlingbeisl schon erwähnt, da gehe ich im Winter mit der Anna und der Alfred immer meinen Punsch trinken und als der “Exilpreis” noch im Amerlinghaus statt auf der  “Buchwien” vergeben wurde, hat es dort auch immer ein tolles Buffet gegeben, das das Beisl gestiftet hat.

Als ich übrigens, jetzt schon vor mehr als dreißig Jahren, im Sommer 1982 mein Inserat im “Falter” aufgegeben habe, daß ich Anschluß suche und gerne jemanden kennenlernen möchte, habe ich mich mit den Anrufern bevorzugt auch im “Amerlingbeisl” getroffen, mit dem Alfred, den ich auf diese Art und Weise auch kennenlernte, glaube ich, allerdings im Cafe Museum und das gehört nicht mehr zum Siebensternviertel.

Es gibt aber auch das Cafe Nil, da waren wir einmal nach den “Wilden Worten” mit der SisiGlockner, der Gabriele Petricek und der Erika Kronabitter, mit der Ilse Kilic waren wir, glaube ich dort auch einmal und das Cafe Ludwig, das jetzt Fortuna heißt, wo sich die “Westbahn Spontan- Schreibegruppe” immer trifft, gibt es in der Westbahnstraße auch, ist aber im Cafeteil des Gudies, glaube ich, ebenfalls nicht enthalten, dafür das Cafe Kandisky, wo die Irene Wondratsch einmal ihren Genußkrimi vorstellte und das wird auch bei den Stadtspaziergängen, die es auch in diesen Grätzelführer gibt, empfhohlen durch den Durchgang zu gehen, wo das Cafe Kandinsky und andere Lokalen liegen, ich tue das sehr gern, wenn ich beispielsweise von meiner Praxiswohnung zum klinischen Mittag gehe und einen Spaziergang dpeziell für mich, haben die Grätzelführer offenbar auch gefunden, nämlich den wo man vom sechsten durch den siebenten in den achten gehen kann, ich gehe dann noch ein Stückchen weiter bis zum neuen AKH in den neunten.

Einen Shopping guide gibt es, für mich wie schon beschrieben, wieder weniger interessant,  natürlich auch und den Rat, wenn man sich auf Einkaufstour durch den Siebenten macht, seine Kreditkarte nicht zu vergessen, denn da gibt es alles und es kann auch nichts passieren und nichts schiefgehen, außer daß man, wenn man vielleicht zuviel shoppt, seinen Kreditrahmen überzieht.

Das passiert mir wahrscheinlich nicht, ich schleppe nur zuviele Bücher nach Hause und mußmir dann beim “Leiner” oder bei der “Grünen Erde” ein neues Bücherregal kaufen, aber letzteres, liegt nicht mehr im Grätzel und hat die Humboldtregegalproduktion ohnehin schon eingestellt, weil die Leute jetzt offenbar alle lieber E-Books kaufen und daher keine Bücherschränke mehr brauchen.

Es gibt aber, das möchte ich vielleicht anmerken im Grätzel viele schone Schuhgeschäfte, wo ich glaube ich, zumindest schon einmal hineingeschaut habe, es gibt eine “Brillenmanufaktur”, die “Göttin des Glücks”, das Second Hand Geschäft “Humana”, da komme ich auch immer vorbei, es gibt ein Geschäft das “Kauf dich glücklich” heißt, da muß ich an die “Schäppchenjägerin” der Sophie Kinsella denken, das ich, wie ich ja immer schreibe, für eine der besten Beschreibungen der Kaufsucht halte, die ich kenne und es gibt “Schokov”, ein Schokoladengeschäft in der Siebensterngasse 20, in dem meine, nicht so konumverweigernde Tochter Anna öfter die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke für ihre Familie kauft.

Dann gibt es, wie schon erwähnt die Stadtspaziergänge, wo man sich das alles anschauen, kaufen und genießen kann und wie schon geschrieben spazieren gehen kann man durch das Wiener Grätzl natürlich auch oder sich in das Museumsquartier setzen und dort gibt es die Museen und, das hätte ich jetzt fast vergessen, finden auch im Dezember die Ohrenschmaus-Preisverleihungen statt, zumindestens bis jetzt, da sie, wie ich hörte, ja vielleicht auch  mit der “Buch-Wien” kombiniert werden.

Sein Kampf – Antwort an Hitler

Jetzt kommt ein wahres Schmankel aus dem “Augustin-Flohmarkt”, ausnahmsweise kein Rezensionsexemplar und auch nichts was beim Bachmannpreis gelesen wurde oder auf der dBpListe stand, nämlich Irene Harands, 1935 im Eigenverlag herausgegebenes Buch, weil kein Verlag es im noch nicht angeschlossenen Österreich drucken wollte, 2005 im “EPHELANT-Verlag” auf Anregung von  Peter Marboe und Kardinal Schönborn, wieder herausgegeben und 2005, dem Jahr wo ja der Staatsvertrag sehr groß gefeiert wurde, gab es auch eine Nonstop-Lesung des Buches bei der Stephanskirche, die im Internet übertragen wurde, so daß ich mir Teile davon anhörte und mit dem Buch und Irene Harand zum ersten Mal in Berührung kam.

Damals hat es, glaube ich, auch die Literatur im März und ihre Büchertürme noch gegeben und da hatte ich ein paar Büchlein des “EPHELANT-Verlages”, meistens Literaturgeschichteliches auch gefunden, so daß ich dachte, kein Problem, das finde ich bestimmt im nächsten Jahr.

War aber nicht so, denn das Literaturfestival von Walter Famler und der “Alten Schmiede” organisiert, wurde dann eingestellt, beziehungsweise auf den Herbst verschoben, so daß ich 2012  wieder mit dem Buch in Berührung kam, natürlich danach griff, da ich da aber schon meine Leseliste hatte, die inzwischen weiter (endlos) angewachsen ist, hat es einige Zeit gedauert und ich habe mich auf das Lesen, eines sehr wichtigen Werkes, einer sehr engagierte katholischen, christlich sozialen  Wienerin, wahrscheinlich auch Monarchistin, die den 1943 ermordeten Kanzler Dollfuß sehr verehrte, 1900 geboren wurde, durch die Zustände in Deutschland empört, die “Harand-Bewegung” und eine Volkspartei gründete, sowie eine Zeischrift herausgab und 1938, als dann auch Österreich, was sie mit ihrem Buch  verhindertn wollte und eigentlich auch nicht daran glaubte, angeschloßen wurde, zum Glück mit ihrem Mann in England war, so daß sie nach Amerika emigrierte, wo sie 1975 starb, sehr freute.

1970 hat Peter Marboe, als Direktor des österreichischen Kulturinstituts in New York, Irene Harand kennengelernt, war von ihr und ihrem Engagement sehr begeistert, begeisterte auch den Kardinal, der auf auf das Cover schrieb “Christ und Atnisemit sein ist unvereinbar” und imVorwort, erwähnte, daß Kardinal Innitzer, sein Vorgänger, der ja glaube ich, die Nazis lobte oder wenigstens nicht energisch genug gegen sie auftrat, hat Irene Harand eines der Bücher gewidmet,  in seinem Dankschreiben schrieb “Der letzte Absatz Ihres Buches möge Gemeingut und Parole aller Nicht-Nazis werden.”

Warum der dann unter PS anfügte, “Bitte mein Urteil nicht zu veröffentlichen”, war dem Kardinal unbekannt. Vielleicht war er ein Feigling oder glaubte als Diplomat den Mund halten zu müssen, Irene Harand war das nicht und hat sich sehr offen mit Hitlers Kampf, der sie, wie das Hakenkreuz sehr empörte, auseinandergesetzt. Hat das Buch in heute fast naiv anmutender Art und Weise Kapitel für Kapitel widerlegt und sich dabei wahrlich kein Blatt vor den Mund genommen.

Dafür wurde es auch, das dann irgendwann doch in einer fünftausender Auflage, die sich aber glaube ich, nicht verkaufen ließ, herauskam, in Salzburg auf die Liste der verbotenen Bücher gesetzt und bei der Bücherverbrennung verbrannt.

IreneHarand hat sich aber 1935 nicht gescheut und auch nichts unversucht geleassen Hitler zu widerlegen und die braune Gefahr, von der sie wahrscheinlich nicht ahnen konnte, wie sich die noch ausbreiten wird, zu verhindern.

In elf Kapitel ist das Buch gegliedert, beginnend mit “Der Lüge, die Haptwaffe des Hakenkreuzes”, dann geht es weiter mit dem “Rrasenden Nationalismus” und dem “Rassenwahn” und Irene Harand beginnt Satz für Satz, die Lügen zu zerlegen, schreibt, daß Moses und Jesus Juden waren und, daß es sowohl keine reinraßigen Arier, als auch keine reinrassigen Juden gibt.

Die reinrassigsten Arier sind in Schweden zu finden, die Deutschen waren gar nicht so blond und blauäugig, wie sie zu sein vorgaben und als ein nationalsozialistischer Lehrer, die Parolen der Rassenhygieniker in seiner Klasse gleich demonstrieren wollte, fand er nur ein einziges Kind, bei dem die Merkmale zutrafen, das war natürlich jüdisch, der verzweifelte Lehrer fragte, nach möglichen Vermischungen “Ich bin reinrassig nichtarisch” war die Antwort.

Es geht dann weiter mit den “Rassischen” Eigenschaften der Juden” und den “Lügen vom jüdischen Wucher”.

Irene Harand weist nach, daß die Juden vom Staat gezwungen wurden Wucher zu betreiben, um das erwucherte Geld dann wieder dem Staat zu geben.

“Die Lügen über den Talmud” bis zu den “Ritualmordlügen”, da geht es hinein in die jüdische Geschichte, zeigt wie standhaft die Juden waren, wenn es um ihren Glauben ging, wie oft sie gefoltert und Morde beschuldigt wurden, die sie nicht begangen haben.

Es gibt auch ein Kapitel über den “Jüdischen Idealismus und Opfermut”, da wird dann am Schluß angeführt, wie tapfer die Juden im ersten Weltkrieg waren, daß die “Protokolle der Weisen von Zion” auf die Hitler seine Rassentheorie aufbaute, gefälscht waren, beweist sie auch und dann kommt es zum langen zehnten Kapitel “Juden sehen dich an”.

Das ist ein im damaligen Deutschland erschienes Propagandabuch eines Johann von Leer, der es dem berüchtigen Gauführer Julias Streicher gewidmet hat und in dem es um “Blutjuden”, “Lügenjuden”, “Betrugsjuden”, “Zersetzungsjuden” und “Geldjuden” geht, zu den “Blutjuden” werden die jüdischen Sozialisten gezählt, Albert Einstein und Lion Feuchtwanger zu den “Lügenjuden”, “Zersetzungsjuden” ist zum Beispiel der Sexualforscher Magnus Hirschfeld, Charly Chaplin gehört zu den “Kunstjuden”, etc.

Dem mußman natürlich die vielen Nobelpreisträger, Künstler, Erfinder, etc, entgegensetzen, die das Judentum hervorgebracht hat und die von Irene Harand sehr bemüht seitenweise aufgezählt werden, wobei sie nicht zu erwähnen vergißt, daß es natürlich auch unter den Ariern hervorragende Menschen gab, wie unter den Juden Betrüger, etc, waren.

Einer berühmtesten “Kunstjuden” war wohl Heinrich Heine, dessen “Denkt man an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht”, wohl als das Motto der nächsten nicht tausend Jahre, gelten konnte.

Juden haben aber auch das Telefon, das Auto, das erste Luftschiff gebaut bzw. erfunden, was wohl den meisten Nichtjuden, die da von Deutschland aufgehezt und mit einer verlogenen Rassenlehre konfrontiert wurden, gar nicht bewußt war.

Dann geht es weiter zur “Bilanz des Hakenkreuzes” und die war 1935 leider nur ein Vorspiel, von dem was später folgte, aber schon schlimm genug, denn es gab ja schon KZs und Bücher, die, von denen geschrieben wurden, die darin inhaftiert waren.

Fast naiv rührt es wieder an, wenn Irene Harand davon schreibt, wie zersetzend es für die deutschen Kinder sein muß, wenn sie sich zu Mittag in der Schule, um ihr Stück Brot und Glas Milch mit den jüdischen Schülern anstellen müßen und kommen dann die an die Reihe, schreit die Lehrerin “Jüdin geh weg!” ode,r daß das kein guter Deutscher sein kann, der in den KZs prügelt, foltert, etc.

Die Gesetze wurden gebrochen, die Gewerkschaften verhindert, die Preise stiegen an und wenn man in den deutschen Kinos in den Wochenschauen Julius Streicher, Goebbels, Hitler, etc, von den Herrenmenschen reden hörte, konnte man auch deutlich sehen, daß sie diesem Ideal optisch keineswegs entsprachen, sagen durfte man aber dagegen nichts.

“Es gibt keinen Zweifel, daß die Welt krank ist,” schreibt Irene Harand auf den letzten Seiten, und schließt mit den Worten “Das Hakenkreuz bedeuted eine große Gefahr für die Menschheit. Das Hakenkreuz ist die größte Gefahr des jahrhunderts. Wenn wir ihr begegnen wollen, müssen wir gerade die Waffen anwenden, die dem Hakenkreuz fremd sind: Idealismus und Opfermut, Vernunft und Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit.”

Wie man inzwischen weiß, hat das für die  nächsten Jahre leider nichts geholfen und irene Harands Buch ist auch nach seiner Neuauflage und nach dem Lesemarathon wieder untergegangen.

Für eine Aufführung im Lesetheater bei “Frauen lesen Frauen” war sie wohl auch zu austrofaschistisch eingestellt, wie mir Judith Gruber Rizy sagte, aber trotzdem, der Mut dieser Frau so katholisch und monarchistch sie vielleicht auch war, irgenwo steht auch, was die Rassenhygiene betrifft, daß man die Alkoholiker erst heilen soll, bevor sie Kinder bekommen sollten, ist zu bewundern und schade, daß so wenig Leute davon wissen, weil wir in einer Zeit, wo man angesichts, des überfüllten Flüchtlingslager in Traiskirchen, der hilflosen Politikerworte, die seit Monaten nicht in der Lage sind, etwas dagegen zu verendern, obwohl doch sicher genug Wohnungen, Kasernen, Schlößer, etc leerstehen, in den letzten Tagen in den Medien, von der Angst der Bevölkerung und der Zunahme der Haßtpostings im Internet, hören und lesen konnte, vielleicht schon wieder auf den Weg in eine Katatrophe sind, die wir verhindern  müßten, können, sollten….

Katzenberge

Weiter geht es mit den Büchern, die ich mir 2012 bei diesem “Augustin-Flohmarkt” kaufte, Rezensionsexemplare, die zwei oder drei Jahre früher erschienen sind und oft “Bachmann” oder “Buchpreis-Nominierungen” hatten.

Allmählich werde ich damit fertig und kann mich dann wahrscheinlich zeitgerecht entscheiden, ob ich in in einem Monat mit der Leseliste weitermachen oder die zwanzig  2015 Buchpreisbücher vorziehen will, bzw. einen Teil davon.

Sabrina Janeschs Debutroman “Katzenberge” ist 2010 nicht auf der Longlist gestanden, sie hat aber daraus beim “Bachmannpreis” gelesen.

Besonders aufgefallen ist sie mit dem Roman über ihre polnische Vergangenheit und die Spurensuche bis zu den Wurzeln nach Galizien, glaube ich, nicht. Es gibt aber inzwischen einige andere Romane  der 1985 geborenen deutsch/polnischen Autorin, die in Hildesheim studierte und auch Stadtschreiberin  in Danzig war.

“Ambra” beispielsweise und “Tango für einen Hund”, 2012 und 2014 bei “Aufbau”, erschienen, Katzenberge erschien dort 2010, “Nicht vor dem 26. 7. besprechen”, steht auf meinem Leseexemplar.

Hanns-Joseph Ortheil, ich glaube, ein Hildesheimer Professor, hat die Widmung am Buchrücken geschrieben, ihm wird von der Autorin auch gedankt und das Buch ist der Familie, beziehungsweise dem Großvater gewidmet.

Und da ist Nele Leibert, eine junge Frau mit einer polnischen Mutter und einem deutschen Vater, offenbar in Deutschland aufgewachsen, in Berlin lebend. Sie ist Journalistin und hat gerade bei einem Magazin zu arbeiten angefangen.

Einen Freund namens Carsten gibt es auch, deren Großvater, Stanislaw Janeczko, von ihr Djadjo genannt, ist gestorben, sie fährt von Berlin aus nach Wrozlaw-Breslau, Schlesien zum Begräbnis, wird dort von der Tante Aldona aufgepäppelt, die Onkel Darek und Jozek gibt es auch und die Mutter, eine Historikerin, die mit dem deutschen Vater, der es bei der Verwandtschaft schwer hat, die auch zum Begräbnis gekommen ist, rät ihr noch ein paar Tage zu bleiben und in die Ukraine oder nach Galizien in die Heimat des Großvaters zu fahren, um sich alles anzusehen und die Familiengeheimnisse zu erforschen.

Das wird von der polnischen Verwandtschaft gar nicht so gern gesehen, denn in die Ukraine, dahin fährt man nicht, da gibt es gar keine Straßen, etc und die Schaffnerin weigert sich auch ihr eine Fahrkarte dorthin zu verkaufen und Nele hat wegen ihrer deutsch polnischen Doppelidentität ohnehin schon Schwierigkeiten. Sie spricht zwar akzentfrei Polnisch, die Deutsche sieht oder hört man ihr aber trotzdem an und es ist auch peinlich zu den Deutschen zu gehören, die mit ihren BMWs durch das kommunistische Polen gefahren sind und sich die Häuser  anzuschauen, so als wollten sie sagen, das sind unsere Häuser in denen ihr lebt, wir wollen sie wieder zurück.

Denn da gab es ja den Krieg und da wurden die Grenzen verwischt und so ist heute da die Ukraine, wo früher Polen war oder Polen dort, wo früher Deutschland und der Djadjo stammt aus Zastavne, früher Galizien heute Ukraine, hatte dort eine Frau, sein erstes Kind und auch den Bruder Leszek.

Dann wurde er in einen Zug gesetzt, er und einige andere Ukrainer und vier Tage bis nach Schlesien gebracht, dort sollten sie sich ein Haus aussuchen. Djadjo wählt sich eines im Wald, ein wenig abseits und hat dann in der Nacht Alpträume, denn er hört die ganze Zeit Geräusche. Am Morgen geht er auf den Dachboden und findet dort den Bauer Dietrich mit dem Hakenkreuz erhängt am Dachboden. Djadjo begräbt die Leiche, die Geister von Schuld und Sühne kann er  trotzdem nicht vertreiben. Er holt aber die Frauen nach und die können es  besser mit Waldmeistersud etc.

Das ist ein bißchen mystisch, die Baba Jaga, kommt auch einmal vor und damit tue ich mir ein wenig schwer, auch wenn man es wahrscheinlich poetisch interpretieren kann  und vielleicht auch der polnische Aberglaube so ist.

Das war auch die Stelle, die Sabrina Janesch in Klagenfurt gelesen hat.

Tante Aldona gibt dann doch nach, denn da gibt es noch ein Familiengeheimnis und gibt Nele die Adresse der Adamczyks, die in einem Dort in Ostpolen wohnen. Dorthin fährt sie mit dem Bus. Die haben auch ein Geheimnis mit der deutschsprechenden dementen Uroma.

Aber Djadjo hat mit Maria,  seinen Bruder und Eltern, eine Zeitlang nach der Vertreibung dort gelebt und soll den Bruder umgebracht haben. Nele, die eine sehr enge Beziehung zu ihrem Djadjo hat, das Buch ist in abwechselnden Perspektiven bzw. Zeitabschnitten geschrieben und der Großvaterteil beginn immer mit “Großvater sagte”, das erinnert mich ein bißchen an Irene Dische, die das glaube ich, auch mal tat, will das nicht glauben, fährt nach Zastavne und wird dort von einem Kind angesprochen, dessen Großmutter wissen will, was sie hier macht?

Und diese Oma, Malina Rafailiwna, klärt sie dann auf, daß  Leszek vor wenigen Jahren in Lemberg gestorben ist. Nele ist erleichtert, kann wieder nach Bagno, wo die Katzenberge sind und an das Grab des Großvaters zurückkehren und ihren Freund Carsten, bei dem sie sich lange nicht gemeldet hat, kann sie auch anrufen.

Dazwischen gibt es noch Begegnungen in einem ehemaligen Schloß, daß in der Kommunistischen Zeit zu einem Erholungsheim umgewandelt wurde, vorher wurde die Baronin von dort vertrieben, ihre Bücher, zum Beispiel “Brehms Tierlieben” mußte sie zurücklassen und Djadjo, der von der Gemeinde einen Lohn erhält, wenn er mitumbaut, findet das Buch und ist gerührt, denn er ist in eine Schule gegangen, wo das einzige Buch, das es gegeben hat, dem Lehrer gehörte.

Spannend, spannend von der deutsch polnisch ukrainischen Vergangenheit zu lesen, mit der ich mich während unserer Masurenreise vor vier Jahren auch ein bißchen beschäftigt habe und mit einem Bus bin ich Anfang der Neunzigerjahre auch vier Tage lang nach Lemberg und Krakau gefahren, was ich ein bißchen in meiner “Reise nach Odessa” verarbeitet habe.