Florian Berg ist sterblich

Als ich im März in Leipzig war, war ich  auch bei einer Lesung von Absolventen des “Leipziger Literaturinstiuts” und da ein Stück aus Janko Markleins bei “Blumenbar” erschienenen, wahrscheinlichen Debutroman “Florian Berg ist sterblich” gehört, den der 1988 in Bremen geborene, der 2010 den “Open Mike” gewonnen hat, über einen jungen Studenten, der an der Leipziger Uni im ersten Semester Philosophie studiert und nun vor einer Beschwerdestelle wartet, weil er keinen Platz für ein Proseminar bekommen hat und stattdessen einen Französischkurs besuchen solll, geschrieben hat.

Eine Satire über das Studentenleben würde ich es interpretieren, auch ein Buch über das Erwachsenwerden und bei “Amazon” kann man lesen, daß dieser Florian Berg sehr unsympathisch ist.

So habe ich das teilweise auch empfunden, aber das ist wahrscheinlich Absicht des Romans und der Clou, Florian Bergs Unentschloßenheit zu zeigen, dem dann in einem Seminar, das er auf Vermittlung der Studentenvertreterin Line, doch bekommt, demostriert wird, das er sterblich ist, denn alle Menschen sind das, Florian Berg ist ein solcher, etcetera…

Denn er ist ein Sohn zweier Pastoren, aus einem kleinen Dörfchen, die Mutter ist für die Beerdigungen zuständig, der Vater für die Hochzeiten und deshalb schwankt der liebe Junge, wie ein Baum im Wald, na ja.

Es wird in zwei Strängen erzählt, der erste ist Florians Studentenleben, Line, die sich in ihm zu verlieben scheint und ihn küßt. Er tut das nicht, hält aber still, weil sie sich für ihn ja einsetzen will. So bekommt er ein Seminar bei einer Anna Kuszlak, mit der will er nun Kontakt und auf Kaffee und Kuchen gehen…

Sie verhält sich abwartend, nimmt ihn aber dann doch auf einen Spaziergang mit, wo sie die Deutschlandfahnen von den Autos entfernt, sie ist nämlich sehr politsch.

Line besetzt inzwischen die Uni, um gegen die Bildungsmisere zu kämpfen. Das wollen, die Wirtschaftstudenten, die gerade Vorlesung haben, aber nicht und Anna fährt dann auch noch nach Santiago de Chile, um die dortigen Proteste zu unterstützen.

Florian reist ihr nach, wohnt bei einem Couch-Surfer im siebzehnten Stock eines Hochhauses und weil der Lift gerade kaputt ist, muß der arme Portier seinen riesigen Rucksack hinaufschleppen.

Im zweiten Strang wird von der Kindheit erzählt. Den Eltern die sich streiten, der Depression des eher hilflosen Vaters, der immer zu dem Sohn ins Zimmer geht und mit ihm reden will, beispielsweise, ob er weiß, wie man ein Präservativ verwendet?

“Ich muß lernen!”, antwortet der dann und schickt ihn hinaus.

Mit seinem Freund Ole, einem Bauernsohn hat er einen Bund gegründet, der keine Mädchen zulassen will, eines drängt sich hinein, verwirrt die Burschen und schließlich wird die “Grüne Garde” eine grüne Jugendorganisation, Florian besteht sein Abitur und zieht nach Leipzig.

Jugendbuch habe ich bei “Amazon” gelesen. Ja, Janko Märklein ist noch sehr jung und sieht auf dem Foto am Klappentext auch so aus.

Der Roman ist, was man wahrscheinlich im “Literaturinstitut” lernt, sehr gut konstruiert und mich hat die satirische Seite, die lapidar schlapsige Art, wie der junge Mann da von den Initialriten des jungen Florian erzählt, sehr angesprochen.

Um in den Bund hineinzukommen, muß man Käfer essen und Hunde töten. Das ist vielleicht kein besonderes Zeichen der Neuzeit und war schon früher so. Die Lieblingslektüre von Florian Berg und seinen Freunden ist aber “Harry Potter”. Den liest er noch als Student, neben philosophischen  Schriften. Aber er und seine Freunde lesen ihn nicht nur auf Deutsch oder vielleicht in der englischen Originalfassung, sondern auch auf Japanisch, Lateinisch etcetera.

Was ich mir, als die Überforderung der heutigen Jugend interpretieren würde und daher sehr froh bin, auf das Buch aufmerksam geworden zu sein, das sonst, ist es ja schon 2015 erschienen, an mir vorbeigegangen wäre und jetzt ja ein anderes Buch einer noch jüngeren Frau über die Schwierigkeiten des Lebens in aller Munde ist.

In den Wäldern des menschlichen Herzens

Der 1974 in Potsdam geborenen Antje Ravic Strubel, die 2001 beim Bachmannpreis gewonnen hat, hat mit dem, wie am Cover steht, Episodenroman “In den Wäldern des menschlichen Herzens” einen Reigen des einundzwanzigsten Jahrhunderts geschrieben, wo es hauptsächlich um Frauenbeziehungen geht, aber auch eine Transgender Person, was der Grund auch war, weshalb ich das Buch anfragte und gelegentlich ein Mann, spielen eine Rolle.

Der Schausplatz ist die moderne globalisierte Welt, wo wir ja so leicht von einem Kontintent in den anderen fliegen und auch unsere Wohnort wechseln, also von Berlin nach Amerika oder nach Schweden ziehen, weshalb die Umwelt verschmutzt, so daß man sich dann auch in die modernen Naturoasen,  wie in die Wüsten bei L.A oder in die schwedischen und norwegischen Fjorde zum Kanufahren und Marathonlaufen begibt, wo man sich vor den Mückenschwärmen schützen muß.

Katja, Rene, Leigh, Faye, Emily, Helen, Sara etcetera spielen eine Rolle und flattern in wechselnden Beziehungen durch die Kapiteln, in denen man nach und nach eine Handlung erkennt.

Ich habe das ja in den “Dreizehn Kapitel”, wo es nicht um Sex geht, auch einmal versucht, jetzt weiß ich, daß das “Episodenroman” heißt und Sex spielt in den Episoden eine große Rolle. Es geht um Sex und um menschliche Beziehungen, allerdings in einer viel moderenen Art (no na), als bei Arthur Schnitzer, obwohl es ein Weihnachtskapitel gibt, das mich an seinen “Anatol” erinnerte.

Also, Katja und Rene fahren zum Kanaufahren nach Schweden und Katja gesteht der Journalistin, die ein Crossover zwischen einem Reiseführer und einem Reiseroman mit fiktiven Elementen schreiben will, daß ihr die Beziehung mit ihr keinen Spaß mehr macht, so läßt sie “Katjuscha” zurück und im nächsten Kapitel sind wir in Kalifornien, wo Emily, mit Leigh, der einmal ein Mädchen war, in die Wüste fährt und dort verschwindet.

Sie taucht dann etwas später in Hiddensee, in Deutschland auf, wo sie kellnert und noch nicht so gut Deutsch spricht, daß sie Kinder, die Quallen quälen zurechtweisen könnte.

Sie ist die Tochter von reichen Eltern, die ihr Geld mit dem Verkauf an Wasserrechten verdienen, als sie das anprangert, wird sie entführt und in der Wüste ausgesetzt. In der Bar in der sie in Deutschland arbeitet, lernt sie Rene kennen, übersetzt ihr Buch und stellt es mit ihr in Manhatten bei einem Übersetzerkongreß vor.

Es soll auch groß, allerdings in einer anderen Übersetzung, herauskommten, was zur Beziehungskrise zwischen ihr und Rene führt und die gibt es bei zwischen Faith, Emilys Freundin, die einmal mit Leigh in die Wüste fuhr, um nach Emily zu suchen, sich jetzt aber in Schweden in einer Dreierbeziehung vorfindet, auch und am eindrucksvoll- skurillsten fand ich die Sznene, wo Helen, das ist eine Frau aus dieser Dreierbeziehung, nach Berlin fliegen will, am Flughafen aber eine Frau sieht, die nach Münschen will. Sie ändert ihren Plan, folgt ihr ins Hotel, das sie sich eigentlich nicht leisten kann und wird von der Rezeptionistin angerufen, die ihr sagt, daß sie die Polzei rufen will, weil unten in der Lobby eine verrückte Alte eine Party feiern will. Sie geht dann hinunter, um sich an den Freigetränken zu bedienen.

Am Schluß wird es ein wenig unverständlich, denn da fährt eine “sie” mit einem Katt durch Mecklenburg, Vorpommern, ein alter Mann rennt in ihr Auto, niemand der Alten in dem Dorf hilft ihm, denn in der DDR hat man die Unbequemen dorthin ausgesetzt und die Erzählerin entdeckt in Katts Aufzeichnungen, den Namen “Katjuscha” und die Beschreibung “Es ging um Sex. Sex in Hotels, auf Felsen, in Bars, nüchtern, drastisch, verliebt” und der Reigen hat sich geschlossen.

Ich habe Antje Ravic Strubel, wie schon erwähnt durch ihren Text beim Bachmannpreis kennengelernt, die ich mir damals, glaube ic,h noch ausdruckte und nachlas und dann 2003 oder vier oder fünf, als es in der “Buchlandung” die Ein-Euro Bücher gab, einiges von ihr entdeckt und auch gelesen, aber wie ich mich erinnern kann, eher unverständlich gefunden.

Jetzt habe ich vor ein paar Tagen “Tupolew 134” von ihr im Schrank gefunden.

“Kältere Schichten” war 2007 für den “Leipziger Buchpreis” nominiert, mit “Sturz der Tage in der Nacht” ist sie 2011 auf der  LL des “Deutschen Buchpreises” gestanden.

Jetzt habe ich sie in Leipzig auf dem “blauen Sofa gehört, wo sie sagte, daß wir immer noch sehr wenig Ahnung über die verschiednenen Beziehungsformen haben und beispielsweise, Transsex mit Transgender verwechseln, was aber, wenn ich  John Irving richtig verstanden habe, eine Veränderung der Sprache ist, so daß man heute zu dem, was früher Transsex war, heute politisch korrekt Transgender sagt.

Und verändert hat sich, wie das Buch deutlich zeigt, auch sonst sehr viel.

Muttergehäuse

Von Gertraud Klemm, eine von denen, deren literarischen Aufstieg ich verfolgen konnte, habe ich, glaube ich, das erste Mal bei den Textvorstellungen “Etwas Wichtiges fehlt” gehört, wo sie ihr bei “Arovell” erschienenes Buch “Mutter auf Papier”, in dem es um Adoption und die “Mütter und Reproduktionsindustrie” vorstellte, gehört.

Vielleicht habe ich ihren Namen aber auch schon mitbekommen, als ich einmal bei einer Lesung von Petra Ganglbauers “Schreibwerkstatt” war.

Dann bin ich ihr auf dem Volksstimmefest begegnet und habe mit ihr eine der diesbezüglichen Anthologien im “Werkl im Goethehof” vorgestellt, da hat sie das “Arovell-Buch” glaube ich, Hilde Schmölzer gegeben und erzählt, daß ihr nächstes Buch “Herzmilch” bei “Droschl” erscheinen wird.

Ein paar Preise hat sie inzwischen auch gewonnen. Dieses Buch habe ich nicht gelesen, aber daraus, glaube ich, bei “Rund um die Burg neu” und vielleicht auch woanders gehört.

Dann kam der Bachmannpreis und die großeEntdeckung mit ihrer “Suada über die Mutteschaft”, wie ich es nennen will, die sehr gelobt wurde, mir aber eigentlich als überholt erschien.

Das das nicht so ist, konnte ich ein Jahr später erfahren und Gertraud Klemm, von der man nach der Diskussion in Klagenfurt denken konnte, das ist jetzt die Gewinnern, mußte bei der Preisverleihung erleben, wie ein Preis nach dem anderen vor ihr weggewonnen wurde und es sich dann gerade noch für den Publikumspreis ausging.

Theresa Präauer hat das ein Jahr später noch stärker betroffen “Aberland”  ist aber im Frühling groß bei “Droschl” herausgekommen, ich habe Gertraud Klemm sowohl in Leipzig als auch bei der “Literatur und Wein” daraus lesen gehört.

Alfred hat das Buch mit ihrer Widmung gekauft, das ich auf meine Leseliste setzte und im August vom Regal holte, nachdem es auf die LL gekommen ist, gefallen hat mir dieser Monolog noch immer nicht besonders, obwohl ich ja wirklich nicht glaube, daß der Feminismus zum Anekeln ist, aber ich denke, wir stehen schon darüber, auch wenn das offenbar die sehr jungen Frauen schon wieder anders sehen.

Bei der Vorstellung der Literaturschiene des “Kremayr&Scheriau-Verlags” in der “Gesellschaft für Literatur war ich dann sehr erstaunt, als ich hörte, daß sie ihr nächstes Buch dort herausbringt.

Das wurde dann in Leipzig im Österreich-Cafe, glaube ich, vorgestellt, dort habe ich Gertraud Klemm  am Stand der IG-Autoren gesehen und jetzt “Muttergehäuse” gelesen, das mir, ich schreibe es gleich, ähnlich, wie Marlen Schachingers Erzählungen, die auch dort vorgestellt wurden, besser als die Suada über die Mutterschaft gefallen hat und mir die Lesung die ganze Zeit dachte, daß mir das  bekannt erscheint.

Aber die 1971 in Wien geborene Biologin hat ja zwei Kinder adoptiert, bis ich beim Nachwort daraufkam, daß es eine Adaption von “Mutter auf Papier” ist.

Da ich den Urtext nicht gelesen habe, kann ich nicht vergleichen, Gertraud Klemms harsche scharfe  Sprache, wie sie mit der Mutterschaft und dem Darum ins Gericht fährt, ist mir aber frischer und weniger künstlicher vorgekommen, als das Mittelschichtelend von Fransziska und Elisabeth, das es natürlich gibt und natürlich haben es auch Unterschichtfrauen und Migranten schwer oder sogar schwerer.

Am Cover ist eine Graphik von Alex Makarova, die es im ganzen Buch immer wieder mit den Träumen der Autorin oder Ich-Erzählerin  zu sehen gibt.

“In Painik laufe ich durch das Haus und suche das Kind. Die Haustür ist offen. Der Pool ist nicht abgrdeckt. Das Kind ist ertrunken”, ist beispielsweiser einer in dem Buch, das sich Roman nennt, aber keiner ist, sondern wahrscheinlich wieder in die Gattungen “Person Essay” oder “Memoir” einzuordnen wäre.

Das wird auch bei den “Amazon-Fünfstern-Rezensionen” bemängelt, daß es mehr ein Sachbuch  oder ein Essay ist, denn man erfährt viel über den Kinderwunsch und die Leiden der jungen oder auch älteren Frauen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, weil sie keine Kinder “zusammenbringen”.

Gertrauds Klemms beklemmend lakonischer Ton verweist aber eindeutig in die literarische Richtung. Die Larmoyanz, die mich beim “Aberland” wahrscheinlich gestört hat, fehlt, was beruhigend ist.

Es gibt einen Prolog und ein Motto von Sylvia Plath. Im Prolog erzählt die Ich-Erzählerin, daß sie als Fünfjährige einen Film über eine Geburt gesehen hat, wo die Frau im Schmerzen dalag, alle um sie aufgeregt herumwuselten und nur der ruhige Arzt, als einziger wußte, “wie gebären geht”.

Das könnte als Motto für das Buch stehen und das ist auch das, was mir an Gertraud Klemm Sprache gefällt.

Dann kommen drei Teile, die immer wieder von den oft Alpträumen unterbrochen werden.

“Mutter-Papier-Kind”

Der erste erzählt von der Mutterschaft beziehungsweise dem Schwangerwerden, das seltsamerweise bei der Erzählerin, obwohl alle um sie herum das jetzt werden, nicht geht. Die Ärzte beruhigen zuerst, schicken dann aber zu Sicherheit doch zu den Kontrolluntersuchung und man erfährt, wie die Kinderwunschindustrie passiert, wo die Autos der Gyn- oder Urologen Nummertafeln, wie URO 1 oder GYN 1 tragen. Man für die Untersuchungen bezahlen muß und es oft gar kein Klo für das Urinieren gibt.

Das Paar entscheidet sich dagegen. Vorher gab es noch eine Minikurzschwangerschaft, die mit einer Ausschabung und dem Op-Tisch endet.

“Wohin soll ich sie schicken?”, fragt die Anästhesistin.

Nirvana geht nicht, also entscheidet sich die Erzäherlin für Afrika, fährt dann auch dorthin, um ein Kind zu adoptieren und der Papierkrieg beginnt.

Adoptionskurse, Gespräche mit Sozialarbeitern und die schelen Blicke, der scheinbar besseren, schon schwangeren Freundinnen, die die “Versagerin” mitleidig anschauen..

Die Erzählerin legt sich Wehen- und andere Listen an:

“Haben Sie es verdaut

Haben Sie es verkraftet

Sind Sie sicher ganz sicher”, etcetera.

Die Freundinnen fragen, warum ein ausländisches Kind, weil, die inländischen alle vorher abgetrieben werden, könnte die zynische Antwort lauten und Angst gibt es nur vor dem Nazigroßvater, denn was könnte der zu dem “Negerkind” sagen.

Sehr schön finde ich die Stelle, wo der dann schon über neunzig, nur lakonisch “Der ist ja gar nicht schwarz. Der ist braun!”, meint und bis zu seinem Tod mit dem Therapieball mit dem Buben spielt.

Beim zweiten Kind muß ein neiuer Adoptivantrag auf den alten Bogen ausgefüllt werden. Die Sozialarbeiterinnen entschuldigen sich dafür und auch, daß vielleicht eine “Babypflegekurs” besucht werden muß.

Dann ist es “nur” ein “Geschwisterkus”, wo die Bittsteller im Kreis sitzen müßen, nicht aufbegehren dürfen und “Gefühlshäuser” zeichnen, während man im Amstetten, den Fall Fritzl entdeckt, wo der Großvater sieben Kinder mit seiner Tochter hatte, die er im Keller einsperrte und drei der Kinder vor die Haustür legte und mit dem Jugendamt oder dem für Familie keine Schwierigkeiten hatte.

Ein sehr interessantes Buch, das wohl allen, die sich sowohl mit dem Schwangerwerden, der Mutterschaft und den Schwierigkeiten darumherum auseinandersetzen wollen und das auch literarisch aufgearbeitet haben möchten, zu empfehlen ist und das in seiner graphischen Ausstattung auch noch sehr schön anzusehen ist.

Unzeit

Aus “Leipzig” habe ich mir eine Reihe Bücher mitgebracht, die man sich so von den Ständen klauben konnte.

So hatten die” oberösterreichischen Autoren” ja ein Tischchen, wo sie Bücher zur freien Entnahme hatten und interessant, der Vortrag von Professor Wagner über Bernhard und Hanke, den ich vor ein paar Jahren bei den “Wiener Vorlesungen” hörte, als ich kurz danach nach Leipzig fuhr.

Das “Marbacher Literaturinstitut” hat, glaube ich, bevor es nach Leipzig fuhr, seine Bestände ausgeräumt und die Exemplare, die es nicht haben wollte, so ein “Jahresband zur Dostojewski-Forschung”, einen “Brobowsky-Band” und dann noch etwas zum “Joachim Ringelnatz-Preis”, “Amazon Kindle Publishing Books” gab es zur freien Entnahme und ich habe auch ein paar Bücher angefragt, als ich zurückgekommen bin.

Hans Weigels “Unvollende Symphonie” habe ich schon besprochen und Marlen Schachingers “Unzeit” zu lesen angefangen, denn der Alfred war auf ihrer Lesung im “Österreich Cafe”, ich nicht, wir trennen uns ja nach dem Eingang immer, erst durch ihr Foto bin ich auf ihr neues Buch aufmerksam geworden, das heißt, während ich in Leipzig war, hat jemand meine “Denn ihre Werke folgen ihnen nach-Besprechung” verlinkt.

Die 1970 in OÖ Geborene ist eine, deren literarischen Aufstieg ich , ähnlich wie dem, der Gertraud Klemm, hautnahm verfolgen konnte, den ihren vielleicht noch genauer, denn “Morgen vielleicht”, ihr erstes Buch, hat die Ruth in ihrer “Donau Edition” herausgebracht.

Ich habe es mit ihr getauscht und sie war  auch eine Zeitlang bei der “Frauen lesen Frauen-Gruppe” des ersten Wiener Lesetheaters. Bei den “Mittleren I”, zu dem es  noch keinen Blogbeitrag gibt, habe ich sie eingeladen und in “Radio Orange” haben wir auch einmal zusammen gelesen. Ich aus “Tauben füttern”, einem meiner Lieblingsbücher.

Sie hatte dann auch einen Krimi, ihre Dissertation geschrieben und im Literaturhaus bei dem “Schreiber–Workshop” vorgestellt, jetzt hat sie ihr eigenes narratives Institut, drei Romane bei “Otto Müller”, die mir diese immer so freundlich zusenden.

Der Letzte hat mir ja nicht so besonders gefallen, weil sich die Realistin in mir gegen das allzu mir etwas antiquert erscheinende Phantasiche wehrte.

Jetzt also Erzählungen, etwas was ichauch nicht so gerne mag, weil mir das Herumspringen von einem Sujet zum nächsten, während ich ja noch beim letzten bin, manchmal als zu anstrengend erscheint. Aber jetzt passte es, habe ich Harland, wo ich Ostern verbrachte, ja mit zwei gelesenen Geschichten verlassen und in Wien wartete  noch die angefangene Jane Austen auf mich.

Marlen Schachinger ist auch eine frauenbewegte Feministin wahrscheinlich, hat die letzte “Autoren feiern Autorinnen-Vorlesung” über Betty Paoli gehalten und sich in ihren elf Erzählungen, wie im Klappentext steht, anhand von Einzelfiguren mit der Geschichte des letzten Jahrhunderts, etwas also, das mir sehr gefällt, beschäftigt und auch das Thema, der ersten Geschichte “Hinter Mauern” erscheint mir sehr vertraut.

Geht es da ja um eine Urgroßmutter, die sich das Sterben wünscht, “denn es ging doch nicht an, daß der Tod sie vergaß, nahm er die anderen allesamt mit sich Michael, Michl-Mischa und Michel” und so beschließt sie in dem Örtchen, das wohl Rechnitz sein wird, wo ja 1945 die Ereignisse geschahen, denen jetzt wieder gedacht wird, mit dem Atmen aufzuhören.

“Die Uroma spinnt!”, sagt  Marie-Therese, die Dorfschreiberin, als sie die Zettelchen entdeckt, die dann auch in der Mauer gefunden werden, die Jan, der Schwiegerenkel, wenn ich recht verstanden habe, endlich abtragen ließ und die Thomas, der Nazi, Bürgermeister, mit den drei Zwangsarbeitern und Ex-Schwager zwischen den Grundstücken aufbauen ließ.

Michal, der Zwangsarbeiter hat sie gebaut und Michael, der Mann ist 1942 gefallen und der Sohn Michl, den die Hochschwangerer damals gebar hat Ahnlichkeinten mit beiden. Sehr interessant, der Geschichtenaufbau und an die Ereignisse von damals wurde auch erinnert.

Dann geht es weiter mit Marietta Blau, 1894-1970, eine Wiener Physikerin, die wie Lise Meitner nie den Nobelpreis bekam, denn “Frau und jüdisch, das ist zuviel!” und die Lorbeeren ernteten auch in diesem Fall die Männer.

In “Grenzgänge” marschiert Hannah mit  siebzehn  Djinns und einem Kätzchen im Nacken oder Rucksack sprachgewaltig, wortschöpferisch und auch ein wenig verwirrend über die Grenzsteine an der Thaya, die es heute ja nicht mehr gibt und man angeblich “nur noch ein paar Sprachkurse braucht, um sie zu überwinden”, wenn da nicht die Festung Europa wäre, die die Syrier am Überschreiten hindern, aber es gibt auch eine Vergangenheit und eine zweite Hälfte, die die Menschheit ja verloren habt, so ist Hannah auf der Suche nach ihrem Oskar und auch auf die nach der  Geschichte einer deutsch-tschehischen Zuckerfabrik und nach dem was von ihr übergeblieben ist.

Noch geheimnisvoller und grenzträchtiger, Marlen Schichinger nennt das glaube ich “Übergrenzen” und hat auch dazu eine gleichnamige “Anthologie” herausgegeben, geht es in “Dich rufen” zu, wo an den Seitenrändern, manchmal Musiker und Musikstücknamen beziehungsweise Noten angegeben sind und es geht, wenn ich richtig verstanden habe, um die Fernliebe zwischen einem Geiger und einer Schriftstellerin zwischen Havanna, Argentinien, etc und um das Anpflanzen von gesundheitsschädlichen Saatengut, das wir alle wahrscheinlich nicht verhindern können, geht es auch.

Bei  “Tote Seelen” geht es nach Havanna und zu dem Versuch eines Journalisten über den “Commandante” kritisch zu berichten, während es bei “Was heißt schon Freiheit” nach Cesky Krumlov geht und  über die Transformationen  einer berichtet, die die Gewalt um sich herum nicht aushält und sie auch nicht abwehren kann, während wenn ich es richtig verstanden habe “Suche und sei es in China” die seltsame Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter erzählt.

Die nächste Geschichte geht auch nach Kuba und handelt “Heute reisen Sie nicht”, von den Ausreiseschwierigkeiten einer Schriftstellerin aus einem land, wo “kubanische Dichter träumen nicht mehr und das Auge verpflichtet zu sehen” schreiben, um dann später doch all das zu schreiben, was ihren kubanischen Freunden verboten ist und für das sie keine Publiziererlaubnis bekommen.

Eine “Familienidylle” mit Demonstration gibt es noch, zwei Linzer Kellnerinnen, die ihren Alltag unterschiedlich strukturieren und das Wochenende eine “HR-Managerin”, die wieder mit Marlen Schachingers poetisch schöner Sprache, den “Neoliberalismus” genießt.

“Marlen Schachingers Erzählungen bilden die Zeit ab, stellen die Verhältnisse der Welt dar, welche Realitäten einzelnner widerspigeln. Manchmal zynisch, oft ironisch, sind sie  real, ein Abbild der Gegenwart, schlicht am Puls der Zeit. Die eine Unzeit ist”, heißt es im Klappentext und ich füge noch hinzu, daß mir dieser poetische Realismus viel mehr, als Geschichten mit geheimnissvollen rothaarigen Frauen, die in Kirchen wohnen und vom Wasser herkommen, gefällt.

Verstand und Gefühl

Jetzt kommt endlich etwas von Jane Austen, der von 1775 bis 1817 lebenden britischen Schriftstellerin, von deren österreischen Pendant, ich vor kurzem sehr viel hörte, ebenso mit ihr auf Datingfang gegangen bin und so mich schon ein bißchen in ihre Charaktere eingelesen habe und ihr amerikanisch-britischer Zeitgenosse hatte vor kurzem auch seinen hindersten Todestag.

Zwar sind Henry James und Marie von Ebner Eschenbach hundert Jahre später gestorben, der Vergleich zu Jane Austen kam aber immer wieder und einen Zusammenhang zu Leipzig, wohin ich das Buch nicht mitnehmen wollte, gibt es auch, ist es doch im “Reclam Verlag-Leipzig”, der ostdeutschen Variante, des großen Verlags erschienen und dem Nachwort von Christian Grawe entnehme ich, daß “Verstand und Gefühl” für ein eher schwächeres Werk gehalten wird, mit dem man nicht zu Lesen anfangen soll.

Zu Unrecht wie Grawe meint, ist es doch sehr sozialkritisch und zeigt genau, wie die Leute damals lebten und dachten und welche Vorurteile sie hatten.

Das ist zwar ein anderer Roman, der hier zeigt sehr schön, den Gegensatz von Ratio und Schwärmerei und so hat auch Hedwig Courths Mahler, meine “sündige Jugendlesevorliebe”, die jungen Mädchen, Waisen und Mündel immer davor gewarnt, sich zu sehr auf ihr Herz zu verlassen, statt nach Geld zu heiraten oder war es umgekehrt?

Sehr wohl, das war es natürlich und auch hier geht es darum zu einer Zeit, wo die Frauen, wenn sie arm waren, danach trachten mußten sich gut zu verheiraten, weil sie sonst ewig ihren Verwandten auf der Tasche lagen und darum geht es hier auch.

Zu Beginn stirbt ein Herr und hinterläßt seinem Erben das Vermächtnis für eine Witwe und drei unmüdige Mädchen zu sorgen. Er verspricht das auch und denkt daran je tausend Pfund für sie zu opfern, dann kommt seine geschäftstüchtige Frau daher und redet ihm ein, daß er, wenn er ihnen gut zuredet und ihnen für den Umzug ein paar alte Möbel schnenkt und ihnen sonst einmal einen Fisch oder einen Hasen zukommen läßt, auch für sie sorgt.

So geschieht es dann auch und Missis Dashwood zieht mit Elianor, Marianne und der jüngsten Tochter Margret in ein Cottage in die Nähe von Exeter.

Marianne ist siebzehn und zu Zeiten, wo Goethe mit seinem Werter alle gefühlsmäßig lahmlegte, auch dem Gefühl verschrieben, während die älteste Elionor sich eher dem Verstand verschreibt und so den vermögenslosen Edward, in dem sie verliebt scheint, nicht heiraten wird.

In dem Cottage kommen die Damen, die trotz ihrer Armut, einige Dienstboten halten, auch mit der Gesellschaft in Verbindung und wird von ihr aufgenommen und hier lernen die Fräuleins einen Oberst Brandon, einen Herrn von über fünfunddreißig kennen, der sich sofort in Marianne verliebt, die aber scherzt und unkt, daß nur ein altes Fräulein einen so alten Herrn heiraten, beziehungsweise zu seiner Pflegerin werden kann.

Der Obert reist auch ab und Marianne geht alleine spazieren, hat dabei einen Unfall und wird dabei von einem Herrn namens Willoughby “gerettet”, in dem sie sich unsterblich verliebt, so daß ihre Mutter sie schon für seine heimliche Braut hält.

Aber auch er muß abreisen und nun kommt Edward Ferrars zu Besuch und trägt eine Locke in seinem Ring, den Marianne für die von Elionor hält. Es taucht aber ein Fräulein namens Lucy auf, das Elionor erzählt, daß sie schon vier Jahre heimlich verlobt mit Edward ist.

Die beiden Mädchen werden von Missis Jennings, einer etwas taktosen Dame, eingeladen, mit ihr nach London zu kommen, die gefühlvolle Marianne stimmt in der Hoffnung dort Willoughby zu treffen zu, schreibt ihm viele Briefe, da er sich nicht meldet, um ihn dann auf einem Fest in der Gesellschaft einer Dame zu finden, mit er sich, weil sie reich und er verschuldet, verlobt hat.

Marianne gerät in ein Nervenfieber, heute wird das psychosomatische Krankheit genannt und will zu ihrer Mutter zurück, während Elionor erfahren muß, daß Edward von seiner Mutter, wegen Lucy, die auch ein armes Mädchen ist, enterbt wurdeund alle Rechte auf seinen jüngeren Bruder Robert übergingen.

Der hilfreiche Oberst Brandon bietet Edward eine Pfarrerstelle auf seiner Besitzung an, die ihm zweihundert Pfund im Jahr einbringt, damit kann er nicht oder nicht sehr gut heiraten und so stellt sich die Nachricht, die der Diener eines Tagen den Miss Dashwoods (so wird das geschrieben), daß er Missis Lucy Ferrar in der Kutsche gesehen hat, als Mißverständnis heraus.

Sie heißt zwar Missis Ferrar, hat aber Robert, da der ja nun reich, geheiratet und Edward ist frei für Elionor, die ihm auch willig an die Pfarrersstelle folgt und wahrscheinlich eine tüchtige Pfarrersfrau werden wird.

Willoughby ist auch noch gekommen und hat sich reumütig für sein Benehmen entschuldigt und so wird sich die gesundete Marianne von ihrem Gefühl verabschieden, das war wohl der Sinn und der moralische Hintergrund des Romans und geläutert, die Gattin eines doppelt so alten, aber herzensguten Gatten werden und ihn wahrscheinlich zumindestens, die nächsten paar Jahre noch nicht pflegen.

Ein interessanter Roman aus einem vorigen Jahrhundert, wo die Frauenleben, die Moral und die Sitte noch ganz anders verliefen, obwohl ja heute Datingratgeber geschrieben werden, die sich auf Jane Austen beziehen.

Ein Chicklit des achtzehnten Jahrhunderts könnte man wahrscheinlich etwas respektos sagen, für die heutige Schnelligkeit manchmal sehr langatmig, ein Diagogroman habe ich irgendwo gelesen. Es wird geredet und geredet, was manchmal ein bißchen verwirrend  ist, aber immer wieder gibt es ergreifende Szenen, die erstaunlich modern und zeitnahm wirken, was wohl der Grund auch ist, daß Jane Austen  immer noch gelesen wird.

Die sieben Tage des Abraham Bogatir

Weil wir nicht mehr nach Ungarn fahren, habe ich jetzt von den Harland-Büchern, den Roman des 1925 geborenen György G. Kardos, eine DDR-Ausgabe, von 1980, die sich der Alfred wohl von seinen DDR-Besuchen mitgebracht hat, gelesen und auf den Autor bin ich schon im vorigen Jahr aufmerksam geworden, als ich die ebenfalls schon ältere “UngarnAtnhologie” bei unseren beiden Ungarn-Aufenthalten gelesen haben.

Und der Roman des Autors über den man nicht sehr viel im Netz findet, der “Wikipedia-Eintrag” ist auf Ungarisch, die DDR-Bücher scheint es nicht antiquarisch zu geben, wurden sie ja, glaube ich, 1989  in großen Stil weggeworfen oder vergraben, nur einen alten “Spiegel-Eintrag” über den Roman, der 1947während palästinesischen-israelischen Krieges in dem kleinen Dörfchen Beer-Tuvia spielt und György G. Kardos, der 1997 in Budapest gestorben ist, wurde 1944 von den Faschisten in ein Arbeitslager verschleppt. Dann wanderte er in das damalige Palästina aus, kam wieder nach Ungarn zurück, hat über seine dortigen Erlebnisse einen Roman geschrieben, der, wie im Klappentext steht, ein großer Erfolg  und in die verschiedensten Sprachen übersetzt wurde.

“Die sieben Tage des Abraham Bogatir”, sind wahrscheinlich eine biblische Anspielung, der Abraham wird auch mit dem Hiob verglichen und auf Ungarisch scheint das Buch “Abraham Bogatir Wochen” zu heißen, so wird es jedenfalls von “Google” übersetzt.

Der Abraham Bogatir ist ein alter Jude, der nach oder vor dem ersten Weltkrieg von Charkow nach Israel auswanderte und nun in dem kleinen Dörfchen eine Landwirtschaft betreibt. Er hat eine Frau, Malka, die als ziemlich zänkisch beschrieben wird und zu der  sonst so gute Abraham, so wird er im Klappentext beschrieben, manchmal ziemlich unhöflich ist.

Einen Sohn hat er während des Krieges verloren, der andere, Dan, ist darüber verrückt geworden und die Mutter leidet mit ihm, eine tüchtige Tpchter rina gibt es auch und eines Nachts läutet oder pocht es und ein Junge mit einer Pistole steht vor der Tür.

Der er wird auch als Terrorist bezeichnet, versucht sich vor den britischen Soldaten, die alles kontrollieren zu verstecken, erzählt Abraham nicht viel von dem woher und dem warum, aber der nimmt ihn bei sich auf, gibt ihm als die von der Arbeitsorganisation geschickte Aushilfe aus und Rina oder Rinele führt ihn auch in die Landwirtschaft ein.

Weil man aber doch seine Papiere sehen will, macht sich Abraham auf den Weg nach Jerusalem, um sie zu besorgen. Er wird dabei verhaftet, ständig kontrolliert und als er mit einer alten russischen Freundin, Anna, in ein Konzert  will, das noch dazu von einem Dirigtenten namens Bernstein, richtig, Leonhard, dirigiert wird und er sich dazu auch noch eine Hose kauft, kann er nicht gehen, denn es gibt eine Ausgangssperre und er muß im Hotel bleiben.

Drei Tage von den sieben dauert die Reise nach Jerusalem und zurück. Dort dringen dann die Briten in das Dörchen ein, machen eine Hausdurchsuchung, der Junge David wird im Schweinstall versteckt und dann in einen Orangenhain gebracht und von dort flüchtet er und läßt den guten Menschen Abraham, der mit allen konnte, den Beduienen, den Arabern, den Briten (nur nicht mit seiner Frau), resigniert zurück und György G. Kardos hat vermutlich seine Israel Erlebnisse in dem Buch verarbeitet, das inzwischen, so gut wie vergessen ist, in Zeiten wie diesen, wo auch sehr viel in Israel und auch woanders passiert, aber sehr interessant ist.

Voriges Jahr war Israel das Schwerpunktthema der Leipziger Messe, einen Rorman von David Grossmann habe ich auch gelesen und einen anderen gefunden und über die israelisch-palästinensiche Konflikte, habe ich vor kurzem in der “Alten Schmiede” gehört und ganz anders gelagert, ist wahrscheinlich auch Hans Weigels “Unvollendete Symphonie” zu dem Thema passend, denn da ist ja 1947 oder so, ein Jude aus dem Schweizer Exil zurückgekommen und freundet sich in dem Nachkriegs-Wien mit jungen Künstlern an, um auch eine wichtige Rolle, in diesem Fall in der Kulturvermittlung, zu spielen.

Unvollendete Symphonie

Als es 2006 zum achtzigsten Geburtstag in Wien das große Bachmann-Symposium gab, hat es am Sonntag auch eine Führung auf Bachmanns-Spuren gegeben. Ein junger Mann hat uns das Wohnhaus im dritten Bezirk gezeigt und ist mit uns zum Cafe Raimund vis a vis dem Volkstheater gefahren.

Dort hat er  von einem 1951 erschienenen Schlüßelroman von Hans Weigel erzählt, den dieser, der ja im Cafe Raimund seinen Stammtisch hatte und dort die jungen Literaturtalente förderte und den Kommunismus zu verhindern versuchte, über seine Beziehung zu der Dichterin geschrieben hat.

Da bin ich auf den Roman neugierig geworden und habe ihn als es 2010 die offenen Bücherschränke gab zu suchen angefangen, da ich Schlüßelromane ja liebe und vielleicht sogar selber solche schreibe.

Beim “Weigel-Symposium” in der “Gesellschaft für Literatur” wurde der Roman dann erwähnt, der 1991 wieder aufgelegt wurde und vor ein paar Monaten, war es schon vorigen November, habe ich das Radio aufgedreht und zwischen Tür und Angel gehört, daß der Roman wieder aufgelegt wurde.

Ich hab auch ein bißchen danach gesucht, bin aber nur auf eine “Weigel-Biografie” gestoßen und habe geglaubt, ich hätte mich verhört, bis ich dann in Leipzig, ich glaube, in der Zeitschrift “Buchkultur” oder war es eine andere österreichische Postille, daraufgekommen bin, die “Edition Atelier” hat in der von Alexander Kluy herausgegebenen Reihe “Wiener Literaturen” den Roman wieder aufgelegt.

Ich habe angefragt und herausbekommen, daß die Auflage schon fast vergriffen ist und nun das PDF gelesen, so daß ich, da E-Books ja keine” richtigen Bücher” sind, in den Schränken weiter nach den beiden früheren oder auch der neuen Ausgabe suchen werde.

Die Erstausgabe, die sich auch Hans Weigel, als er das Buch kurz vor seinem Tod 1991 wieder herausgab, ausborgen mußte, wäre natürlich schön und wie Ronja von Rönne in Leipzig auf dem “blauen Sofa” alle warnte, sich ihr Buch zu kaufen, wenn sie sich einen Skandal erwarten, muß auch ich das bei denen tun, die etwas über die Bachmann darbei lesen möchten.

In der zweiten Auflage hat Weigel ja geoutet, daß das Vorbild der weiblichen Ich-Erzählerin, eine junge Malerin, seine Kollegin Ingeborg Bachmann war und er hat wohl sicher seine Beziehung, seinen Schmerz und seine Kränkung darin aufgearbeitet, vom Leben der Bachmann, die damals noch ein junges Mädchen war, sie hat 1951, als Rundfunkredakteurin für den Sender “Rot weiß Rot” gearbeitet und dabei Drehbücher für die “Familie Floriani”, ein Buch, das ich inzwischen gefunden habe, geschrieben, bekommt man aber nichts mit.

Die “Unvollendete Symphonie” ist, denke ich vor allem und dafür würde ich das Buch empfehlen, eine der besten Schilderungen des Nachkriegswien, wo noch der Hunger herrscht, es keinen Bohnenkaffee gibt, man mit Marken bezahlen muß und alle in den Straßenbahnen rauchten, wenn sie am Schmarzmarkt Zigaretten ergatterten, obwohl das verboten war.

Das Interessante daran ist auch, daß Weigel, wie er 1991 in seinen Nachwort schrieb, sich das Experiment leistete, aus der Perspektive einer weiblichen Ich-Erzählerin zu schreiben und so tauchen wir in das Nachkriegswien des Hungers und des gerade Überlebt habens, in die Zeit nach 1945, wo, die Ich-Erzählerin gerade zum Studium nach Wien gekommen ist, in einem kalten Zimmer lebt und bei Freunden den älteren Peter Taussig kennenlernte, der von Zürich  nach Wien zurückgekommen ist.

Denn er ist Jude und mußte, wie Weigel in die Schweiz emigrieren und die Freunde fragten ihn auch, ob er verrückt ist, wieder zurückzukommen?

Er kann aber nicht anders, er ist ein echter Wiener, wie man auch an der Stelle merken kann, wo es einen Exkurs über das Wienerlied “Erst wenns aus wirds sein” gibt und ich kann nicht verhehlen, daß ich, die ich,  Weigel bisher für einen eher mittelmäßigen Schriftsteller “Den grünen Stern” und “Niemandsland” habe gelesen, gehalten habe, beeindruckt von seinen hervorragenden Schilderungen des Nachkriegswien, sowie seines  lockeren Plauderton war. Aber es schreibt ja die junge, irgendwo habe ich “naive” Frau gelesen und so schildert Weigel die, die später berühmt geworden ist, auch, weshalb ich auch glaube, daß sie nicht zu erkennen ist.

Denn Hans Weigels Ich-Erzählerin kommt nach Wien, fängt zu studieren kann, verliebt sich in den Älteren, irrt tagelang durch Wien herum und als sie sich zufällig wiedertreffen, er springt von der Straßenbahn und rennt ihr nach, wird es kompliziert, denn sie hat eine Verabredeung und was macht man jetzt?

Handys hat es noch keine gegeben, nur “Telephonzellen” ohne “Telephonbücher” und als man doch eines findet, ist keiner zu Haus. Man nimmt ein Stück Papier, schreibt eine Nachricht und drückt es einen Passanten mit einer Schachtel Zigaretten in die Hand.

“Sie können den Brief auch wegwerfen, aber wenn Sie mir Morgen eine Empfangsbestätigung bringen, bekommen Sie noch eine!”

Das habe ich noch nie so gelesen und die Erzählerin beschreibt auch ausführlich, wie sich alle damals nach Zigaretten und Kaffe sehnten, die neben Brot und Butter das wichtigste Lebensmittel waren.

Der Peter Taussig ist auch ein reicher Mann und er fördert “seine Damen” auch mit Geschenken aus Paketen, die er aus aller Welt bekommt. Und weil er beiläufig von “seinen Damen” spricht, muß sie sich auch “Herren” zulegen. Obwohl so  arg ist es nicht damit, erst später wird es schwierig, als sie einen chaotischen jungen Wilden, Lyriker und Prosaschreiber kennenlernt und ihn in ihrem Zimmer schlafen läßt, weil sie ja die meiste Zeit bei Peter in der Gumpendorferstraße ist.

Sie schreibt ihren Bericht  aus den Fünzigerjahren zurück und reflektiert dabei ihre Beziehung zu Peter, wo sie mit ihm durch die Cafehäuser und die Heurigen zieht, auch nach Salzburg und nach Zürich fährt, wo er seine Verwandten und Freunde hat, die sie, die Tochter eines NSDAP-Mitglieds, die natürlich beim BDM war, mißtrauisch mustern und nach ihrer Gesinnung fragen und sie erst in ihren Kreis aufnehmen, als sie ein “Dirndl” ablehnt, das ihr eine Emigrantin schenken will, weil das “narzistisch” war.

Die “Unvollendete Symphonie” endet, als sie sich ihm entfremdet und verläßt. In dem Buch heißt es, daß sie wohl erst dann vollendet ist, wenn der Verfasser stirbt. Die Bachmann hat Weigel wohl wegen Paul Celan, dem chaotischen Dichter verlassen, mit dem sie auch nicht glücklich geworden ist und ist 1953 nach Rom gegangen.

Weigel hat zu dieser Zeit noch einmal geheiratet und später mit Elfriede Ott zusammengelebt, die er kurz vor seinem Tod geheiratet hat und ich weiß jetzt nicht mehr über die Bachmann, als ich schon früher wußte, aber mehr über dieses Nachkriegs-Wien, in das ich ja zwei Jahre nach Erscheinen der Erstauflage geboren bin und auch, daß Hans Weigel, den ich bisher für einen eher konservativen Kritiker und Brecht-Verhinderer hielt und ihn 1987 im NIG an der Seite, des oder viellecht noch der Schutting gesehen habe, als die GAV zu einer großen Anti Waldheim-Lesung aufgerufen hat, an der ich mich auch beteiligt habe, vielleicht doch ein hervorragender Schriftsteller, wenn wahrscheinlich auch, nicht leicht zu handhabender Mann war.

Schneewittchen muss sterben

Nach Leipzig habe ich mir ein Buch von meiner Leseliste mitgenommen. Nämlich Nele Neuhaus, 2010 erschienenes “Schneewittchen muß sterben”, ein Fund aus dem Bücherschrank und der, ich glaube, vierte Roman, der in Münster/Westfalen, geborenen Autorin ist sehr interessant, sind ihre Bücher doch zuerst in einem Eigenverlag erschienen, bevor zu Zeiten, wo man noch immer hörte, daß man das um keinen Umstände darf, “Ullstein” entdeckte. Das Buch wurde verfilmt, ist in, ich weiß nicht, wieviele Sprachen, ich Leipzig konnte ich das auf einer Fachkonferzenz von einer “Lizenzmanagerin” hören, übersetzt und es sind auch noch andere Erfolgsbücher gefolgt. Auf der Buch-Wien habe ich die Autorin, glaube ich, auch einmal gesehen.

“Schneewittchen muß sterben” ist ein “Taunus-Krimi” mit dem Ermittlerteam Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein und der Taunus liegt, glaube ich, eher in der Nähe von Frankfurt, als in Sachsen, wo ich es gelesen habe, das Buch war aber trotzdem sehr interessant und die über fünfhundert Seiten haben auch sehr langsam und bedächtig begonnen.

Einen Trailer habe ich, vor Jahren, als das Buch auf allen Blogs besprochen wurde,  auch schon gehört und hatte so  eine ungefähre Vorstellung.

Es beginnt  mit einem Prolog, da besucht einer, das Schneewittchen, das irgendwo aufgebart liegt und dann erfährt man, in einem Dörfchen im Taunus wurden vor elf Jahren zwei junge Mädchen ermordet.

Der Täter, ein zwanzigjähriger namens Tobias Sartorius wurde zu zehn Jahren verurteilt und jetzt entlassen. Er wird von  einer inzwischen berühmten Schauspielerin, damals seine Schulkollegein Nadja oder Nathalie, vom Gefängnis abgeholt, die sich rührend um ihn kümmert.

Er will aber heim zu seinem Vater, dessen damals gutgehendes Gasthaus nicht mehr besteht, die Ehe wurde auch geschieden und die Mutter erfährt man, wird von jemanden über eine Brücke gestoßen.

Die Ereignisse übersützen sich also doch, denn Tobias ist in dem Dörfchen nicht willkommen, ein paar Schlägertypen lauern ihm auf, nur Amelie, das ist ein junges Mädchen, das dem Schneewittchen Stefanie Schneeberger, eines der damaligen Mordopfer, sehr ähnlich sieht, das aus Berlin zu ihrem Vater geschickt wurde, und abends kellnert, interessiert sich für ihn, bezeihungsweise interessiert sich für sieder Autist Thies, das ist der Sohn von Claudius Terlinden, dem in dem Dorf alles gehört, auch das ehemalige Gasthaus von Tobias Vater, der kümmert sich auch um Tobias und bietet ihm eine Stelle an.

Nach und nach kommen noch ein paar andere Personen vor, eine Ärtzin namens Daniela Lauterbach, die ist mit dem jetzigen Kultusmiinster, der damals der Lehrer von Tobias, Stefanie und Laura, das ist da sandere Mordopfer, war,  vor, beziehungsweise Lars Terlinden, das ist der andere Sohn von Claudius Terlinden, ein Banker, der wegen der Bankkrise in Schwierigkeiten gerät und sich umbringt und langsam beginnt man sich auszzukennen.

Die Mutter von Tobias wird, wie schon beschrieben von der Brücke gestoßen und liegt verletzt im Krankenhaus, so daß Pia Kirchhof und Olifer von Bedenstein zu ermitteln beginnen. Die haben aber selber eine Menge Probleme, wird der Kommissar doch von seiner Frau Cosima betrogen und flippt zeitweilig aus und einer der anderen Polizisten, hat einen Nebenjob und erhält ein Disziplinarverfahren.

Tobias wird zusammengeschlagen und Lauras Leiche taucht auf, so daß Pia Kirchoff an seiner Schuld zu zweifeln beginnt, sie geht die alten Akten durch, aber die, mit der Aussage des ehemaligen Lehrers und jetzigen Ministers, der inzwischen erpresst wird, sind verschwunden und der Autist Thies, zeigt Amelie eine Menge Bilder und sagt, sie soll sie verstecken, sie verrät das Tobias, dann verschwindet sie und Tobias gerät wieder unter Mordverdacht.

Thies beginnt zu randalieren und kommt auf die Psychiatrie, dann verschwindet auch er, dafür wird die Mumie von Schneewittchen entdeckt und es stellt sich langsam heraus, daß das ganze dorf Dreck am Stecken hat und von Tobias Unschuld wußte. Claudius Terlinden hat Laura vergewaltigt, die von drei Burschen noch lebend in eine Grube geworfen wurde und die Ärztin, die sich so scheinbar um alles kümmert, hat Thies jahrelang falsch behandelt, damit er, der alles gesehen hat, nichts verrät.

Am Ende klärt sich alles auf und Amelie und Thies werden noch aus einem Keller gerettet, als ihnen das Wasser schon bis zum Halse steht. Es kommt noch ein Testament zum Vorschein, so daß Tobias dessen Unschuld nun bewiesen ist, noch einmal von vorn beginnen kann und das können auch Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein, die inzwischen wahrscheinlich schon weiter ermittelt und andere Fälle aufgeklärt haben.

Ein vielleicht ein wenig langatmiger Krimis, der auch einige Klischees bedient, denn soviele Reiche und Schöne wird es in dem kleinen Dörfchen im Taunus normalerweise nicht geben. Es ist aber durchaus spannend geschrieben, aktuelle Themen, wie beispielsweise, das mit dem falsch behandelten und mit Medikamenten zugeschütteten Autisten, werden angeschnitten und wurden offenbar auch sehr genau recherchiert.

Spannend auch von Nele Neuhaus Erfolg zu hören, denn inzwischen gibt es in Leipzig und in Frankfurt ja ganze Selfpublisher Halle, auch wenn alle, die ihr Buch zuerst selbst verlegen, höchstwahrscheinlich nicht so erfolgreich werden, ist sie doch ein gutes Beispiel, daß man seine Bücher auch selber machen kann und ich bin nun gespannt, ob ich noch etwas von ihr lesen oder über sie hören werde.

Wir kommen

“Marja ist nicht tot. Wenn Marja gestorben wäre, hätte sie mir doch davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.”

So beginnt der Debutroman einer Vierundzwanzigjährigen, von der Joachim Lottmann am Buchrücken schreibt “Endlich eine neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur”.

“Amazon” sieht das vielleicht ein bißchen anders,  denn da gibts sowohl fünf, als auch ein Stern-Rezensionen, die mit den fünf sind zwar in der Mehrzahl, aber “Heiliger Moses, wie  belanglos ist dieser Text!” oder “wie öde und schlecht Trash Literatur sein kann, beweist Ronja von Rönne mit diesen Buch unerbittlich”, schreiben die Ein Stern Befürworter und ich habe mich, ich gestehe es, auf dieses Buch sehr gefreut, denn ich habe ja etwas über für Debutromane von sehr jungen Frauen, die bald schon meine Enkeltöchter sein könnten und verfolge, den Werdegang, der jungen Berlinerin, seit sie im vorigen Jahr für das Bachmannlesen eingeladen wurde.

Da habe ich dann auf ihren Blog zuerst etwas, wie man am Schnellsten sein Haustier umbringt, gelesen und dann, daß sie den Feminismus hasse und er sie anekeln würde.

Das Erstere hat außer mir, glaube ich, niemanden aufgeregt, das Zweitere hat  einen Shitstorm angeregt und beim Bachmannlesen ist sie nicht gut weggekommen. Popliteratur wurde er genannt und das man, was da so  von der jungen Frau mit dem braven blauen Kleid mit weißen Kragen vor sich hingeschnoddrert wurde, längst schon gehört hat.

Mir hat der Text aber gefallen und nachdem ich dann noch irgenwie in die “Aufbau-Bloggerkartei” geraten bin, habe ich das Buch, jetzt lesen können, auf das sich Tobias Nazemi glaube ich auch schon sehr freute, hat er doch zwei Monate vor Erscheinen auf ihren Blogtext, “So ist Schreiben” hingewiesen und ihr auch den dritten seiner “Leserbriefe” gewidmet.

Jetzt bin ich gespannt, wie es ihm, ich glaube, einem Fünzigjährigen, der sich in dem Brief  als “Altherren-Groupie” bezeichnete, gefallen hat und ich bin, glaube ich, zweigeteilt. Das heißt, auf der ersten Hälfte sehr begeistert, später ist dann das Streichholz, das auf dem gelb blauen Cover zu sehen ist, irgendwie erloschen und irgendwo bei den Rezensionen habe ich auch gelesen, daß die Geschichte keinen Plot hat.

Da war ich noch auf der ersten Hälfte und hätte dem nicht zugestimmt, obwohl ich mir auch da, ähnlich wie Tobias Nazemi, bei Valerie Fritsch, schon sehr viele, wenn auch nicht unbedingt schöne, aber doch in ihrer lapidaren Grausamkeit und Härte höchst beeindruckende Sätze angestrichen habe.

Der oben zitierte Buchanfang gehört dazu und dann hat die Verhaltenstherapeutin, die sich wahrscheinlich schon seit Ronja von Rönne auf der Welt ist mit Panikatacken beschäftigt, kurz geglaubt, die jetzt wirklich begriffen zu haben. “Und plötzlich wurde ich nachts von einer Panik geweckt, die nichts mit der Anbgst zu tun hat, die man von Klausuren kennt, einer Panik, die mir jedesmal das Gefühl gibt, gleich zu ersticken, nur dass das Ersticken nie eintritt, die Angst davor aber stundenlang anhält, bis man schließlich mit einer Plastiktüte nachhelfen will.”

Das ist es, was mich wahrscheinlich auch begeistert, dieser, wie Lottmann es nennt “schnoddriger Ton”, wo ich mir aber nur nicht sicher war, ob der jetzt authentisch mit der Autorin ist, denn das würde ich ihr nicht wünschen, das sie das Leben so erlebt, wie sie es beschreibt. Wenn er aber, was ihr zu wünschen wäre,  erfunden wäre, wären die Leser verarscht worden und das ist es wahrscheinlich auch, was gegen sie polemisiert und die junge Frau kämpft trotzig schnoddrig gegen die Geister an, die sie selbst herbeigerufen hat, damit sie mit dreiundzwanzig in Klagenfurt lesen kann und mit vierundzwanzig bei “Aufbau” erscheint…

Aber das muß man auch erst können und Ronja von Rönne kann es so zu schreiben, daß einem die Luft wegbleibt, ob der Grausamkeit dieses Lebens, auch wenn ich sie bei einigen Plattheiten erwischte, die ihr bestimmt nicht selber eingefallen sind, wie das  Kind, das nie redet und dann plötzlich fragt, wieso kein Zucker im Kakao wäre und der erstaunten Menge, wieso es das jetzt plötzlich täte, antwortet, das der bisher immer vorhanden war!

Das ist ein Witz, den ich in der Stottererberatung manchmal erzähle. Ronja von Rönne legt ihn in anderen Worten der kleinen Emma-Lou in den Mund, aber schön der Reihe nach, um auch hier zu spoilern.

Da ist Nora, vielleicht so alt, wie die Autorin, ich würde sie mir älter vorstellen, sie ist Regisseurin in irgendeiner Fersehedokushow, wo sie mit dicken Frauen oder so, einkaufen gehen soll, aber jetzt sucht sie Maja, ihre Freundin aus den Kindertagen, an deren Tod sie nicht glauben kann. Vielleicht bekommt sie deshalb, die Panikattacken und geht aus diesen Grund zum Therapeuten. Der fährt aber bald auf Urlaub und drückt ihr daher ein blau gelbes Heft mit einem brennenden Streichholz, genau wie das Cover des Buches, auf diese Idee muß man erst kommen, in die Hand und sagt, sie soll alles aufschreiben (damit er sich die weitere Therapie erspart).

Sie tut das auch und so können wir jetzt “Wir kommen” lesen und uns darüber streiten, ob es  einen oder fünf Sterne verdient, beziehungsweise vielleicht gar mittelmäßig ist?

Nora lebt jedenfalls in einer Vierergemeinschaft oder sie hat mit Karl gelebt, dann ist aber Leonie mit ihrer schweigsamen Tochter Emma-Lou dahergekommen,  Karl ist mir ihr im Schlafzimmer verschwunden und hat Nora vielleicht vorher noch zugerufen, daß sie das locker sehen soll. Auch da habe ich wahrscheinlich einen bedeutungsschweren Satz notiert und an den Partnertausch der wilden Siebzigerjahre, als Ronja von Rönne noch nicht auf der Welt war und an die Mühl-Kommune gedacht.

Es taucht aber auch ein Jonas auf und mit dem freundet Nora sich dann an, obwohl der gar nicht so viel von ihr zu halten scheint und sich seltsamerweise mehr, um die schweigsame Fünfjährige kümmert.

Leonie ist Ernährungsberaterin, die ihren Kopf schon mal an Wände schlägt, Jonas Graphiker, Karl Sachbuchautor, der eine Sekte gründen will. Er hat aber auch ein Haus am Meer und dorthin fahren nun die vier. Karl schlägt vor, daß alle ihre Handys und Laptops in eine Mülltüte schmeißen sollen, behält aber den seinen, Jonas dreht deshalb durch und verläßt  mit Enmma-Lou die Villa und Nora tut das auch mit Karls Auto und fährt in das Dorf, in dem sie mit Maja aufgewachsen ist und erinnert sich an ihre Kindertage, wo sich die beiden Mädchen vor Kaufhhofparkplätzen herumtrieben, beziehungsweise auf den Autodächern der einkaufenden Frauen herumsprangen und wenn die sich beschwerten und die Polizei holten, fing Maja zu kreischen an und wimmerte “Die Frau da, die Frau da, hat uns bedroht, wir haben uns nicht hinuntergetraut. Sie hat gesagt, sie will uns streicheln, und wir sollen mit ihr mitfahren und ob wir  Kaubonbons wollen!”

Maja, die Tochter einer Alkoholikerin, während Nora eher aus einer “stinknormalen” Familie zu stammen scheint, tut das auch bei Männern so, wenn, die sich weigern, ihr das was sie begehrt, zu kaufen und Ronja von Rönne hat uns wieder einmal  demonstriert, wie mächtig Kinder sind und wie sehr die kleinen Lolitas, die Erwachsenen quälen können, die aber natürlich höchstwahrscheinlich auch überfordert sind.

Es gibt auch eine Schildkröte, um die sich Nora kümmern soll und sie mit in das Strandhaus schleppt und tagelang nicht bemerkt, daß sie schon gestorben ist. Erst Jonas, der sich mit der kleinen Emma-Lou, die, wir wir allmählich begreifen, nicht von ihm mißbraucht wird, sondern seine Tochter ist, die falsche Idylle verlassen will, macht sie darauf aufmerksam und so fährt Nora noch einmal mit Karls Auto weg und setzt sich  mit einem Becher Kafee in eine Autobahngaststädte, um zu schreiben und zu schreiben und vielleicht doch zu kapieren, daß Maja sich nicht mehr melden wird und ihre Kindheit vorüber ist…

Richtig, Plot, das habe ich im zweiten Teil begriffen, gibt es wahrscheinlich keinen und auch nichts, was wir von der Jeunesse dore, des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht schon gehört hätten, aber Ronja von Rönne, das hat sich bestätigt, kann schreiben.

Sie kann sich wahrscheinlich auch sehr inszenieren. Es bleibt nur zu hoffen, daß sie nicht wirklich, ein Streichholz ist, das an zwei Enden brennt und ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das eine Metapher aus ihrem Buch oder aus dem von Emily Waltons über Scott Fitzgeralds Sommer 1926 an der Cote d` Azur ist, wo auch wilde Strandparties gefeiert wurden und die Überforderung, wenn auch anders, genauso stark war.

Zu hoffen, bleibt auch, daß die junge Frau damit im Herbst auf die LL kommt, denn dann hätte ich ein Buch weniger zu lesen…

Wasser im Gespräch

Zur “Lyrik im März” nun fast punktgenau Petra Ganglbauers “Mond und Pflanzengedichte” aus der “Keiper-Lyrik Reihe”, der GAV-Kollegin und nunmehrigen Präsidentin, die ich wahrscheinlich schon von meinem GAV-Mitgliedsbeginn kenne, die experimentelle Lyrikerin, 1958 in Graz geboren, “Avantgardistin”, schreibt Helwig Brunner, der Herausgeber, Radiokünstlerin, Schreibpädagogin und auch meine eifrige Rezensentin, hat sie ja  im “Gangway-Net Magazin” schon fünf Bücher von mir besprochen.

Passend zum österreichischen Lyrikschwerpunkt, wo man sich wenigstens in den Literaturinstitutionen ein wenig Gedanken, um das “Stiefkind der literarischen Gattungen” macht, so bringt ja die “Gesellschaft” zu dieser Zeit einige lyrische Veranstaltung und die “Lyrik im März” der GAV wird ja seit dem Tot von Heidi Pataki und Rolf Schwendter von Petra Ganglbauer veranstaltet, während die Verlage zwar auch vermehrt “Lyrik Reihen” herausgegeben, diese aber offenbar selber nicht zu promoten scheinen, denn es ja schon der dreizehnte Band der “Keiper Reihe”, von der ich in den letzten Jahren einiges gelesen und besprochen habe, Petra Ganglbauers Lyrik ist aber auf Umwegen und  auch  etwas verzögert zu mir gekommen.

Womit die Verlage wahrscheinlich nur dem Trend der Zeit entsprechen und vielleicht selber glauben, daß Lyrik  niemanden interessiert, obwohl sie kurz und also scheinbar schnell zu lesen wäre und angeblich inzwischen auch mehr Leute Gedichte schreiben. als solche lesen.

Schaut man auf die vorwiegend deutsche Bücherbloggerlandschaft, sieht man diesen Trend bestätigt, obwohl Tobia Nazemi, einer der vorjährigen Buchpreisblogger und vorjährige Bloggerpate des Leipziger Literaturmessenpreises (leider wurde diese Aktion auch schon eingestellt) in seinem neuen Bücherbrief Jan Wagner, dem vorigen Gewinner, mit seinem “Regentonnenvariationen-Lyrik Band” gedenkt” und den Autor zwar “Dichterfürst” nennt und sich für ihn freut, daß er nun nicht mehr auf die “Writer in Residence-Programme” angewiesen ist, aber gleich bekennt, daß Lyrik für ihn wie Sushi ist, irgendwie interessant, aber dann doch nicht sein Geschmack und es ihm, wie die meisten Bücherblogger mehr zur Prosa zieht.

Dem kann sich die realistische Schreiberin zwar anschließen, aber ich gehe, Österreich und auch die GAV machts möglich, regelmäßig zu Lyrik-Veranstaltungen und so habe ich, glaube ich, einige der Gedichte auch schon gehört und gelesen habe ich auch schon einige der “Pflanzengedichte”, hat doch Gehard Jaschke seine “Feribords” und da gibt es einen Petra Ganglbauers “Pflanzengesichern” gewidmeten Flyer und nun ein Gang durch die sehr kurzen  klaren Gedichte, die für die Realistin nicht immer leicht zu lesen waren, aber von Helwig  Brunner, den ich ja auch schon einige Male bei Lyrik-Veranstaltungen über Gedichte sprechen hörte, gut erklärt werden.

“Wasser im Gespräch” ist  in zwei Teilen gegliedert.

Die “Mondgedichte” haben wieder zehn Abteilungen und gliedern sich in “Leerer Narrenmond”, “Schwacher Herbstmond”, “Prunkender Heilmond”, “Strahlender Honigmond”, “Verdorrender Wintermond”, “Schwarzer Julmond”, “Karger Lämmermond”, “Klarer Eismond”, “Starker Unkrautmond” und” Finsterer Totenmond”.

Sehr poetische Benennungen, wobei es zum “Jul-Eis- und Totenmond” wahrscheinlich keine Fragen gibt, das hat man  schon in anderen Lyriksammlungen so gehört und Heilwig Bronner betont auch die “Haiku oder Tankanähe”, aber was bitte, ist ein “Verdorrender Winter- oder ein “Karger Lämmermond und auch beim “Starken Unkrautmond” tut sich, die Realistin in der Vorstellung etwas schwer.

Irgendwann kam dann auch die Frage, was  das mit dem titelgebenden “Wasser” zu tun haben könnte?

Aber keine Angst auf Seite sechzig, gibts die Antwort zu lesen.

“Wasser im Gespräch, der Geste: Wir drehen uns weiter aberrund. Als Wunde, Herzpochen, Fluch. (Zu-Spruch also Nichtwort)”

Das als kleines Textbeispiel zu Petra Ganglbauers  abgehobener lyrischen Sprache und für die die es noch nicht so ganz verstanden haben, wird  dann von Helwig Brunner  noch erklärt, daß Wasser, “sowohl das Wachstum und die Beschaffenheit von Pflanzen und damit auch ihre Aussaat, Pflege und Ernten durch den Menschen bestimmt und der Mond tut das bei den Gezeiten.”

Helwig Bronner nennt Ganglbauers Gedichte lyrische Miniaturen und erklärt auch  die Beutungsverschiebungen, die vor allem in den “Pflanzengedichten” zu finden sind, als beliebtes Mittel der experimentellen Literatur, so daß sich auch das theoretische Wissen, der Lyrikleserin, verstärkte.

Bei den “Pflanzengedichten” geht es  über “Klatschmohn”, “Salbei”, “Gras”, “Pfingstrosen”, etcetera durch die gesammelte Flora, immer wird zuerst die Pflanze beschrieben, bevor es im Nachwort “(Mein Pfingstrosengedicht) Platzende Sonne, ein Streben, ein Platz, Greifendes Blütenversprechen reißt Dem Blau des Himmels den Sinn ein. Scherenschnittrundes rosa Paradies” heißt.

Interessant, daß die experimentelle Lyrikerin, von der ich schon “Schräger Garten” – Texte aus dem “Fröhlichen Wohnzimmer” gelesen habe und wahrscheinlich bei mehreren Veranstaltungen war, die Groß und die Kleinschreibung verwendet und was die Veranstaltungen betrifft, so wird man wahrscheinlich, am Mittwoch, wenn ich schon in Leipzig bin, bei der “Lyrik im März” im “Afroasiatischen Institut, in der Türkenstraße 3″ um 19 Uhr” auf die ich alle Interessierte herzlich hinweise, wahrscheinlich  das Bändchen kaufen können, für das ich, weil ich keine österreichische Literatur nach Leipzig mitnehmen wollte, die “Ronja” ein paar Tage warten ließ, ein kleiner Hinweis auf Tobias Nazemi , falls er das hier lesen sollte.

Sonst sind in der “Keiper Lyrik Reihe” noch Bände von Wolfgang Pollanz, Helwig Brunner, Sophie Reyer, Michel Hillen, Udo Kawasser, Gertrude Maria Grossegger, Friederike Schwab, Marcus Pöttler, Ute Eckenfelder, Monika Zobel und Sonja Harter erschienen, die man sicher sehr empfehlen kann, denn man soll wahrscheinlich ja, egal ob als Mann, Frau, alt oder jung, mehr Lyrik lesen, um ein bißchen auszuspannen, zur Ruhe zu kommen, den Geist beziehungsweise, die Sprache zu schulen und Sushi schmecken ja auch sehr gut, beziehungsweise sind die Japaner als Meister der poetischen Sprache bekannt.