Panthokanarische Plottensprünge

Es sind wahrscheinlich die skurrilen Einfälle, die am 1958 in Wels geborenen Autor Dietmar Füssel, der sich auch politisch betätigt, kleine You Tube-Filmchen dreht und auf seiner Homepage über seine Arbeiten Auskunft gibt und einmal pro Monat bei einem Gewinnspiel, einen seiner Texte vergibt, so daß ich auf diese Art und Weise zu den meisten seiner Bücher komme, auffallen und ihn auszeichnen.
So auch bei seinem neuesten Werk, der bei “Arovell” erschienenen Kurzprosa “Pathokanarische Plottensprünge” und wer jetzt wissen möchte, was das bedeutet, sollte auf seine Homepage gehen, wo uns der Bibliothekar und Sportler verrät, daß er selber eigentlich gar nicht weiß, “Was ein Panthokanarier ist, er aber mit Sicherheit einem solchen zuzuordnen sei”.
Wie er zu dem Titel gekommen ist, wird zwar erst im nächsten Rundmail verraten, auf dem Bild am Cover ist er aber kaum zu erkennen und schaut mit geschminkten Augen und geherzten Lippen im gelben Turban durch die Gegend, während er am Buchrücken mit vorgehaltenen Bart zu sehen ist und der Beschreibungstext hat auch nicht viel mit dem Buch zu tun…
Zufrieden oder verwirrt? Ich meine, das gehört zu Füssels schriftstellerischen Markenzeichen und, daß “Panthokanarische Plottensprünge” Kurzgeschichtensammlung bedeutet, verrät er uns immerhin.
Phantastisches Fabulieren, würde ich hinzufügen und so liest es sich auch vergnüglich und außergewöhnlich durch die bizrarren Einfälle des unermüdliche schreibenden Autors, dessen Bücher man auf seiner Homepage nachzählen kann, gerät vom Hundersten ins Tausenste und hat, wenn auch in maßloser Übertreibung und manchmal auch sehr böser Ironie, wenn man fertig ist, doch ein Stück von dieser Welt erfahrren, die ein Realist wahrscheinlich farbloser beschreibt.
Und so geht es schon los mit dem ersten Text, wo sich einer, um seine Probleme zu lösen, unter die “Hundefutterdusche” begibt, spätestens jetzt hat man wahrscheinlich die Skurrilität verstanden, die ich schon von “Rindfleisch” “Diesseits von Eden” oder “Sohn einer Hure” etc kenne.
Weiter geht es mit dem “Flaschenöffner”, da reist einer nach Griechenland, kauft sich als ewiges Souvenier, das ihm beim Biertrinken an die Reise erinnern soll, einen Flaschenöffner, erkennt das “Made in China” schon beim ersten Öffnen und Futsch ist alles Schöne, denn die Reise nach China, die er einmal machte, war furchtbar und jetzt muß er jedesmal an die zahlreichen Unglücke denken, die ihm dort passierten.
Und das Ganze ist Wahrscheinlich eine Satire auf den Kleinbetrug, daß die Souveniers die man sich kauft, nicht im Lande, sondern im Ausland erzeugt wurden.
Weiter geht es mit den “Mißverständnissen”, die entstehen, wenn man harmlos im Dorfwirtshaus sitzt und einer kommt und “Darf ich?” fragt. Bloß nicht nicken ist ein guter Rat, denn sonst kann es passieren, daß man in den Ruf ein Doppelmörder zu sein, kommt und Dorf und Haus verlassen muß.
Im “Niemandsland” hängt einer eine Fahne auf ein Stück unverbautes Land, beginnt ein Haus zu bauen und erklärt sich zur unabhängigen Republik, was, wie man gleich erfahren wird zu erheblichen Schwierigkeiten in den angrenzenden Nachbarstaaten führen wird.
“Autogenes Training” ist auch so eine skurrile Füssel-Geschichte. Da begeht einer ganz zufällig und unschuldig vier Morde an seinen Frauen, kommt ins Hochsicherheitsgefängnis und die Frau des Direktors bietet den armen Mördern zur Entspannung autogenes Training an. Schon wird ein Fluchtplan geschmiedet, der aber genauso skurril mißlingt.
Man sieht die Füsselsche Phantasie macht weite Sprünge, scheut weder Land und Leute und siedelt die Geschichte auch jenseits der oberösterreichischen Dorfidyllen an.
Eine “Verlautbarung für Freiheit und Sicherheit gibt es auch”, die alle Bürgern, die ohne Handy im Auto angetroffen werden oder die, die noch Münztelefone oder Wertkartenhandies benützen, im Sinne der Terrorbekämfpfung unter Strafe stellt und das ist jetzt nur noch ein kleines bißchen skurril, sondern, wie man merken kann, wenn man das aktuelle Weltgeschehen verfolgt, schon fast wirklich und über die Staus, in denen Füssel bei seinen Urlaubs. oder vielleicht auch Lesungsfahrten nach Wien in die “Alte Schmiede” oder “Literaturhaus” steckte, läßt sich auch herrlich fabulieren, in dem man einen “Stauberater erfindet”, der zwar nicht wirklich hilft, aber dafür zehn Euro pro Person kassiert.
Dann gibt es die Geschichte von der blutdurstigen Vampirin, die gerade aus dem Irrenhaus kommt und den Boten des Königs mit einem als Kruzifix getarnten Messer erledigen will, den Knoblauch dazu mußt der Arme auch noch selber essen, man sieht Dietmar Füssel hat seinen “Dracula” gelesen und dreht ihn listig um, eine ebenso bizarre Freimaurer- oder besser Tischler Geschichte gibt es auch, eine von einer Penisverlängerung und einer Entjungferin, alles ein bißchen zynisch oder lustig, wenn der Entjungferer dann nach dem nächsten Wirthaus fragt und viele Morde bzw. ungewöhnliche Enden gibt es in den Plots der neunundvierzig Kurzgeschichten auch, wo die vorletzte damit endet, daß der Autor nach seiner Lesung, den Dreck von den Tomaten und den Eiern, mit denen er beworfen wurde, selber aufwischen muß.
Ist in Wirklichkeit das kann ich bezeugen, weil ich schon bei einigen Füssel-Lesungen war, nicht so schlimm und wer sich jetzt darüber wundert, daß ich die “Panthokanarischen Plottensprünge” schon jetzt bespreche, während der früher erschienene Gedichtband “Menschenfleisch” erst im nächsten Jahr an die Reihe kommt, den kann ich an meine Eigen- oder Notwendigkeit erinnern, Rezensionsexemplare früher als die Gewinne zu lesen, so habe ich noch einige “Füssels” auf meiner Leseliste, während ich die Gedichtbände “Unterwegs” und “Leidenschaft”, sowie “Götter und ihre Fans” schon gelesen habe und ich den, sowohl lyrischen als auch satirschen Autor nur empfehlen kann.

Meßmers Gedanken

Ein kleines feines Büchlein des großen Meisters Martin Walser “Meßmers Gedanken”, 1985 bei Suhrkamp erschienen, ausgeschieden aus einer städtischen Büchereifiliale, gefunden wahrscheinlich im Grünraum, anläßlich des Osterspazierganges des ersten Wiener Lesetheaters durch den Bezirk Wieden. Und jetzt erst gelesen, wo es ja schon “Meßmers Reisen”, “Meßmers Momente” und sehr sehr viel anderes von dem 1927 in Wasserburg am Bodensee geborenen deutschen Schriftstellers gibt.
Jetzt wo Sigrid Lenz gestorben ist, ist er wohl der größte und bedeutenste neben Günther Grass und einer der mit seinen scharfen Gedanken, das ganze Jahrhundert durchfasste.
Ich höre meistens beim Buchmessen Surfing von ihm, wo er auf dem blauen Sofa sitzt. Da habe ich auch von einem der Meßner Nachfahren gehört und zuletzt vor ein paar Wochen hat mich der siebenundachtzigjährige Mann, der da seine Tagebücher vorstellte, wieder mit seinen scharfen Gedanken und, wie er den Kritikern kontern konnte, beeindruckt.
Er ist ja nicht unumstritten der Dojen der deutschen Literatur. Seine Rede zum deutschen Friedenspreis hat, hörte ich die Gemüter erregt und sein Buch “Tod eines Kritikers”, wo er sich über MRR mokierte und dann die Antisemitismuskeule geschwungen wurde, tat das auch.
Ich habe das Buch und einige andere auch gelesen.
“Ein fliehendes Pferd” “Ein springender Brunnen”, etc, andere stehen noch auf meiner Leseliste und über “Meßmers Gedanken” habe ich etwas von einer vierten Dimensios des autobiografischen Schreiben gelesen. Es sind Aphorismen und sie haben mich ein bißchen wegen ihrer Widersprüchigkeit und ihres Lebensüberdrußes, man könnte auch Kommunikationsschwierigkeiten sagen, verwirrt oder verwundert und manches konnte ich nicht nachvollziehen, auch wenn es schön und geschliffen klingt.
Auf etwas über hundert Seiten viele schöne kurze oder auch längere Sätze bzw. Abschnitte über das Leben. “Tassilio Herbert Messner, der von seinem 54. bis 63 Lebensjahr ruhig in seinem Zimmer sitzt”, etwas das ich schon nicht nachvollziehen kann, das Alter Ego des großen Meisters?
Die Sätze, Abschnitte werden in drei Abteilungen gegliedert, kommentarlos hingeworfen, manchmal steht noch “denkt Messmer dabei.
Manches scheint Banal, wie “Wenn sie vernichten können, vernichten sie” oder “Ich bin gesund bzw. krank”, vieles sehr erhöht und einiges widersprüchlich.
Um den Tod und das Sterben geht es natürlich auch und Scardanlelli, wie sich Hölerlin ja nannte, kommt vor und Rilke und dann die Widersprüchlichkeiten, die Weisheiten aber auch nur Sprödigkeiten sein könnten, die mehrmals kommen.
Auf Seite sechs die Stelle, wo einer, Meßmer, Walser, keinen Besuch haben, möchte, wenn der dann kommt, läßt er ihn bis drei Uhr morgens nicht weg und weint vor Freude, wenn er geht, könnte man das nicht einfacher haben?
Die großen Dichter wahrscheinlich nicht und die Leser erwarten wohl auch diese Widersprüchigkeit, denn “Meßmers Gedanken sind die Gedanken einer dicken Frau. Das weiß er so sicher, daß ihn an Beweisen nichts liegt!”
Die Widersprüchlichkeiten kommen noch öfter, man könnte es wahrscheinlich auch Kommunikationsprobleme nenne, wenn Meßmer, in einem Hotel eigentlich mit Dr. N. frühstücken will, ihm das aber nicht sagt, sondern ihn stattdessen beleidigt und dann alleine am Frühstückstisch verharrt, während sich der N. mit den anderen vergnügt. Geht es nicht einfacher? Natürlich. Aber das Leben ist widersprüchig und kompliziert, wer weiß das besser, als eine Psychologin?
Den Kampf des Menschen gegen sich selbst könnte man interpretieren, des Misantrophen, der vom Leben und den anderen schon längst genug hat, das aber dennoch wie besessen in vielen schönen Sätze beschreibt.
“Er kann nicht so gut kämpfen, wie sein Gegner, weil er gegen das Gute kämpft, sein Gegner aber gegen ihn” oder “Ich nütze euch nichts. Ich erwartet euren Bescheid!” und dann kommt die Erkenntnis “Wahrscheinlich muß man, will man geliebt werden, lieben.”
Ja, natürlich aber das Leben ist kompliziert und widersprüchig, endet mit dem Tod und dem Sterben und vorher kommt der Schmerz mit dem sich Meßner bzw. Martin Walser auch sehr intensiv beschäftigt.
“Ich wohne günstig. Bei kleinen Schmerz.” “Von meinem Schmerz kann ich nicht reden, er ist zu klein. Aber schweigen kann ich von ihm.” “Wenn der Schmerz nachließe, würdest du dann gefälligst glücklich sein? Ja”
Es ist zu bezweifeln, ob das dem Skeptiker gelingt, aber einige wunderschöne Aphorismen, die in einem nachklingen, die man mitnehmen möchte, auch wenn sie nicht sofort eins zu ein logisch scheinen, gibt es natürlich auch.
“Wenn er das nächste Mal stirbt, wird er Kopfhörer aufsetzen und die 3. Symphonie Bruckners laufen lassen. Dadurch könnte sein eigener Tod ein bißchen größer werden, er würde nicht nur mehr ihn angehen. Einem allgemeinen Tod zuhörend, würde er in den eingehen.” oder “Als er soweit war, daß er nur noch die Geräuschfolge beschreiben konnte. Jede andere Erlebnisfähigkeit hatte er eingebüßt”
Eigentlich sehr traurig diese Sätze und weder Meßmer, noch Martin Walser, dem Schreibbesessenen und vielleicht Gedankengeplagten zu wünschen, aber er wird und hat weitergeschrieben. Romane, Tagebücher, Aphorismen, die wir lesen und ein bißchen darüber nachdenken können, was wir mitnehmen oder stehenlassen wollen.
“Wenn ich meine Mütze aufsetze bin ich, denkt Messmer”
Vielleicht sind wir das auch ohne Kopfbedeckung und vielleicht ist das Leben nicht so kompliziert, wie es Meßmer oder Walser scheint, der ja auch geschrieben hat “Ich bin ein Säufer, der nicht trinkt”
Wie bitte soll das gehen?, fragt die Realistin, aber man kann natürlich auch Gedanken trinken und sich an Ideen berauschen und um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit Gedichte zu schreiben, geht es irgendwo auch…

Anfangsschwierigkeiten

Es ist der erste November, Allerheiligen, Halloween mit den Verkleideten in den schwarzen Umhängen und den orangen Kürbisköpfen, die lärmend durch die Straßen ziehen und Saures oder Süßes wollen, ist vorbei und der “Nanowrimo” mein vierter, hat begonnen und da gab es Anfangsschwierigkeiten.
Ich habe ja schon geschrieben, daß ich am Dienstag überraschend und problemlos mit dem Korrigeren des Schutzengelchens fertig wurde und ein paar Vorbereitungstage hatte, um mich von dem einen in den anderen Stoff hineinzubegeben.
Nicht vorschreiben und diesmal nicht schummeln, obwohl ich schon ein paar handschriftliche Szenen hatte, die hauptsächlich Veronikas Gang auf die Gloriette und ihre Gedanken nach der Krebsdiagnose betraf.
Am Mittwoch hatte ich über den ganzen Tag verteilt einige Stunden, so daß ich zu einem Recherchegang nicht gekommen bin, ein paar You Tube-Filmchcen über das Sterben und die Sterbenhilfe gingen sich aber aus und die waren sehr interessant, bin ich da ja offenbar in diesen Herbst in eine Sterbehilfediskussion hineingekommen.
Gab es ja doch am blauen Sofa in Frankfurt eine Diskussion mit dem Arzt Uwe Christan Arnold, einem deutschen Sterbehelfer, der ein Buch darüber geschrieben hat und so habe ich mich ein bißchen in die Materie hineingehört, die sehr präsant ist, weil plötzlich 70% der Bevölkerung angeblich eine aktive Sterbehilfe und ein selbstbestimmtes Sterben wollen, ein Thema, das ich bisher für Tabu gehalten habe und das meines Wissen und meiner Meinung nach eigentlich nicht nötig bin.
Am Donnerstag habe ich dann eine Recherchetag gemacht und über die Bücherkästen ins AKH und dann in die Hauptbücherei gezogen. Am Freitag war Weltspartag, da habe ich meinen Bankfreund in seiner neuen Filiale besucht, meine alte in der Margaretenstraße gibt es ja nicht mehr und habe dann meine Diagnostik und Psychotherapiestunden abgerechnet und mich dann weiter im Netz umgehört und umgesehen bis es langsam Abend wurde.
Da war ich im Literaturhaus und als ich nach Hause kam, war eigentlich schon Zeit zum Registrieren. Ich wartete damit auf den Alfred, der war müde und ungehalten, sagte, machen wir das Morgen du kannst ja ohnehin schon schreiben und das begann ich, da die Mitternacht schon vorüber war, dann auch. Aber weil das Rundherum nicht klappte, war ich nervös und mit der ersten Szene, die ich mir am Donnerstag so schön konzipiert hatte, nicht einverstanden.
Daß ich nicht mit dem Gang auf die Gloriette, sondern schon vorher beginnen, also alles neu schreiben würde, hatte ich mir schon vorgenommen.
Es würde in der Klinik mit der Diagnose oder vorher bei einem Kongreß, den die Veronika besucht, beginnen, da bricht sie zusammen und kommt ins AKH schön und gut und wie, die Ärzte ihren Patienten die Diagnose beibringen, das habe ich schon in einem Film gesehen.
Aber dann war ich mit dem, etwa siebenhundert Wörter, die ich schließlich hochgeladen habe, nicht zufrieden, dachte “Schlecht, schlecht, das bist du nicht, du mußt mehr erzählen, du bist einfach müde und blokiert!”
So löschte ich am Morgen, als ich mit dem Badewannenlesen fertig war, das das erstes wieder weg und begann von vorn. Zwei Szenen, die Veronika bei der Tagung über die Zukunft des Buches, die Veronika ist ja Onlinejounalistin und bei Wolfgang Tischer gab es den Hinweis auf eine solche. Dort bricht sie zusammen, kommt ins AKH und Oberarzt Martin Höllerer erzählt ihr etwas von schlechten Leberwerten, überall Metastasen und einem Pankreaskarzinom, das sie in weiterer Folge “Pankreasterl” nennt und das AkH verläßt. Dann fährt sie nach Schönbrunn und steigt auf die Gloriette hinauf und als ich soweit war, wachte der Alfred auf und setzte mir auf mein Siteboard das neue “Nanowrimologo”, so daß man meine statistischen Verläufe schön nachvollziehen kann.
Mein 2009 Novel habe ich jetzt auch eingetragen, da ist die Statistik weg, ist aber im Buch ein bißchen nachzulesen und eine kurze Synopsis geschrieben, mit der ich dann auch nicht einverstanden war. Die schönen Einfälle gestern weg, jetzt sind sie aber wiedergekommen, aber vorerst sind wir in ein indisches Restaurant bei der Volksoper gegangen, ich habe dort “Thali gegessen, Mangolassi getrunken und die Ingrid getroffen und ihr ein bißchen was vom “Nanorrimo” erzählt.
Der Alfred macht sich darüber ja gehörig lustig.
Das kann ein jeder, weil es prüft ja keiner nach, geh lieber in eine Schreibwerkstadt und lies es jemanden vor!”
Aber darum geht es nicht, solche Gruppe gibt es ja, ich bin, denke ich darüber hinaus, habe außerdem eine, in der die Ruth immer sagt, daß sie nicht will, daß ich an meinen Roman dort schreibe und schreibe trotzdem, wenn es passt daran.
Dann sind wir nach Hause gekommen und ich habe weitergeschrieben, die Szene drei bis dahin, wo die Paula, die Tochter, die schwanger ist und mit ihrem Hannes Schwierigkeiten hat, anruft, 5043 Wörter, aber leider kann ich das nicht angeben, auf meiner Statistikseite stehen noch immer 2406, wahrscheinlich weil der Server überlastet sind und sich alle anmelden wollen.
Aber ich habe es geschafft und muß mir jetzt nur noch die Zeit nehmen, trotz Buch-Wien, Geburtstagsfest, etc, regelmäßig und langsam, der Tagesschnitt sind ja 1500 Worte an meinem Roman zu arbeiten, die Handlung ausfeilen. Es kann auch länger werden und ich kann länger brauchen. Es wäre nur schön, am 30. die fünfzigtausend Worte zu haben und bis dahin, wenn es geht und wenn es möglich ist, eine einigermaßen regelmäßige Kurve.
Nach den Mitstreitern habe ich mich im Netz auch schon umgeschaut, ich habe ja keine Buddies, aber Klaudia Zotzmann macht wieder mit, die Louisa Rabenschwarz, die ich von Anni Bürkl, die voriges Jahr etwas dazugeschrieben hat, kenne. Die Jaqueline Vellguth von der Schreibwerkstatt, die das bisher groß plante und bei der ich auch das erste Mal was gewonnen habe, hat auf ihrer Seite diesmal, glaube ich, nichts, aber ich bekomme regelmäßig “Nanowrimo Mails” und da ist auch ein bißchen was von deutschen Mitmachern dabei.

Die Sonnenposition

Kann man über den Zusammenbruch der DDR, den zweiten Weltkrieg und den Vertreibungen aus dem Osten einen poetischen Roman schreiben, heißt die Eingangsfrage und die Antwort lautet, die 1969 in Essen geborene Marion Poschmann hat es versucht und ist damit im Vorjahr auf Shortlist des dBP gekommen und damit auf meine Leseliste, denn die im Longlistlesebüchlein abgedruckten Eingangszeilen von der in einem zerbröckelnden Barockschloß untergebrachten Psychiatrie, wo von der Stuckdecke, die Mauerteile im Speisesaal hinunterrieseln, so daß die Tische von der Mitte des Raumes weggeräumt wurden, damit sie den Patienten nicht in die Suppenschüßeln fallen, haben mich so beeindruckt, daß ich mir das Buch im Vorjahr zum Geburtstag wünschte.
Jetzt habe ich es gelesen und bleibe ein wenig ratlos zurück oder vielleicht nicht so beglückt, wie ein Buch, das die “Sonnenposition” in die ehemalige DDR bzw. zu den Wendeopfern, die dort wohnen, bringen soll, beanspruchen will, aber andererseits, das wissen wir wahrscheinlich, ist das nicht möglich und Marion Poschmann hat das vielleicht auch gar nicht versucht oder doch vielleicht mit vielen schönen Worten, Phrasen und Metaphern…?
Ich bin ja, wie meine Leser vielleicht wissen, als realistische, viel zu wenig abgehoben schreibende Autorin, eine, die mit den bloßen Worträuschen eines Richard Obermayrs oder Andrea Winklers vordergründig nichts am Hut hat und dann doch zu ihren Lesungen geht, die sich das Poschmann Buch zum Geburtstag wünschte und nach dem Lesen natürlich sagt, Psychiatrie ist anders und der Alltag in der Ex-DDR wahrscheinlich auch, aber eigentlich und genau genommen war in dem Poschmann Buch, alles drin was ich mir wünsche, die Realität verpackt in wunderschönen Worten, wie ich sie vielleicht nicht zusammenbringe und darin ist Marion Poschmann ohne jeden Zweifel eine Meisterin und sie läßt ihren Protagonisten den einunddreißigjährigen dicklichen allergischen Altfried Janich mit seinem Freund Erlenkönige jagen, das sind, wenn ich es richtig verstanden habe, nächtliche Autofahrten, wo man seltene Automarken fotografiert, er ist aber auch Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, wow, sage ich in Zeiten, wo ich den Autoren immer noch erklären muß, daß ein Schulpsychologe nicht gleich ein Psychiater ist und eine Psychologin keine Medikamente verschreibt.
Altfried Janich also, der Name spricht schon Bände, obwohl ich anfangs Alfred gelesen habe, ist vom Rheinland in die schöne EX-DDr, in das zerbröckelnde Barockschloß gegangen, um dort den Psychiatriepatienten die Sonne zu bringen, vielleicht auch, weil dort ein Posten frei war und man Psychiater suchte und nun haust er dort, in dem zerfallenden Schlößchen, für die Sanierung ist kein Geld vorhanden, erzählt davon, daß es in der DDR Usus war, die Gefangenen, die Kinder und die Verrückten in ehemalige Schlößer unterzubringen, lebt im Schloß, weil es für ihnim Dörfchen noch keine Wohnung gibt. Seine Chefin, die Frau Dr. Z. hat dort eine und läßt sich vom Zivi ins Schloß und am Abend wieder zurückchauffieren, es gibt eine Ergotherapeutin und eine Küche, die frühmorgens Eierspeise brät, so daß Altfried, der Empfindliche, der seinen Patienten im Sprechzimmer immer einen Extrakugelschreiber hinlegt, damit sie sich daran klammern können, nicht schlafen kann.
Das tut er, seit sein Freund Odilo, der Biologe, der mit ihm die Nachtfahrten machte, der mit Mäusen gentechnische Versuche macht und sie damit zum Leuchten bringt, einen Unfall hatte, ohnehin nicht mehr. Seine Unruhe hat sich auf Altfried übertragen, steht im Klappentext, so geistert er in der Nacht, wie ein Schloßgespenst durch die Räume, holt sich von der Küche tiefgefrorene Reibekuchen und taut sie auf seiner Heizung auf. Er ist ja dicklich, das Apfelmus holt er sich dazu aus dem Dorfladen und im Schloßpark gibt es Schwäne, die die Patienten leidenschaftlich füttern, obwohl das eigentlich verboten ist.
Es beginnt mit dem Begräbnis Odilos, da erfährt man noch einiges von Altfrieds Jugend, der sich durch sein Studium sparte, in dem er die Teebeutel mehrmals verwendete, was mir sehr bekannt erscheint.
Auf dem Begräbnis ist auch seine Schwester, die sich selbstherrlich von ihm, von Köln in ihre Wohnung nach Berlin chauffieren läßt, obwohl seine Eltern auf ihn warten. Der gute Psychiater scheint ein wenig schwach im Durchsetzen. Er erfährt da auch, daß Mila, eine Modeschöpferin, die in einer originaleingerichten Plattenbauwohnung lebt und sich die alten Kleider ihrer Tante umschneidert, ein Verhältnis zu Odilo hatte, was bei ihm zu Eifersucht, vielleicht sogar zu einer Traumatisierung führt.
Die Nachkriegsgeschichte gibt es in dem Buch, wie ich den Rezensionen lesen konnte auch, denn Altfrieds Ahnen, dessen Vater natürlich entsetzt war, als er hörte, daß sein Sohn Psychiater werden will, stammen aus dem Osten. Wahrscheinlich aus Ostpreußen, die Großeltern wurden dort ermordet und im eigenen Garten verscharrt, die Kinder, Altfrieds Vater und seine Tante, werden über Umwegen nach Köln gebracht, die Tante fährt mit den Kindern später mit einer dieser “Heimwehreisen” zurück, um ein Kreuz in dem Garten aufzustellen, was auch nicht so einfach ist und wenn wir uns durch die IV Teilen mit Pro- und Epilog, die Namen wie “Sol invictus”, “Furor”, “Patientia oder das Ostschoß”, “Memoria” oder “Splendor” tragen, gelesen haben, haben wir nicht nur einen realistischen Einblick in das heutige Ex-DDR Leben und seine Vergangenheit, sondern auch sehr viel Wortschöpfungen, bizarre Einfälle, skurrile Ideen, etc mitbekommen und können uns sowohl das Nacht als auch das Tagesleben unserer Welt ein bißchen besser vorstellen und ich, die ich mit dem allzu Abstrakten bekanntlich nicht viel anfangen kann, finde es schön, ein so poetisches Buch auf der vorigen Shortlist zu finden, auch wenn sich die Realistin in mir natürlich fragt, wieviele Leser diesen poetische Roman gefunden hat?
Uwe Tellkamps “Turm” hat sich ja vor Jahren, wie ich hörte, sehr erfolgreich verkauft, ich habe mich mehrere Wochen durch ihn gelesen und von anderen gehört, er wäre unlesbar, das Poschmann Buch läßt sich viel schneller lesen.
Wieviel der schönen Worte haften bleiben, weiß ich nicht, wohl aber, daß ich das Buch vor ein paar Monaten um einen Euro in der etwas verstaubt wirkenden Buchhandlung in der Lerchenfelderstraße in der Wühlkiste kaufen hätte können und mich ärgerte, daß ich schon hatte.
Kann man über die DDR und die Vertreibungen aus den Osten mit den damit verbundenen Traumatisierungen einen poetisch schönen Roman schreiben? frage ich wieder.
Marion Poschmann, die schon viele Preise gewonnen hat, ist es gelungen, die Sonnenposition in die Nachkriegs- und Nach-DDR- Literatur zu bringen und das ist in Zeiten wie diesen, wo alles auch ein wenig hoffnungslos ist, obwohl es, wie auch Poschmann schreibt, den Teufel nicht mehr gibt, eigentlich sehr schön.