Achter Dezember

Am achten Dezember 1912 wurde Jura Soyfer in Charkow geboren, deshalb war Cornelius Hell diese Woche in den “Gedanken für den Tag” vier Minuten vor sieben zu hören und hat das Kunststück zusammengebracht, eine Verbindung zwischen Advent, Krampus, Nikolo, dem Maria Empfängnistag und dem hundertsten Geburtstag des so jung verstorbenen Dichters herzustellen und auch das Lied vom Menschen zitierte, das ja das Thema des letzten Volksstimmefests war
“Augen offen halten und Warten”, hat er seine Textfolgen genannt und das ich nicht nur nicht gut, sondern fällt mir auch als Pessimistin auch das Warten auf den Tod ein, das man ja für den Sinn des Lebens halten könnte, obwohl die Kinder und wahrscheinlich auch andere in der Adventszeit auf das Christkind, die Geschenke etc und die Kaufleute auf den guten Umsatz warten und deshalb lange schon am achten Dezember die Geschäfte offenhalten, damit man genügend einkaufen kann.
Das gab einen Konflikt mit der katholischen Kirche, die ihren Feiertag gewahrt haben will und vielleicht auch mit der Gewerkschaft, die die ohnehin unterbezahlten Supermarktkassiererinnen, die Zeit mit ihren Kindern verbringen lassen will. Deshalb hält die Supermarktkette Billa ihre Filialen auch geschlossen, während die anderen von zehn bis sechs offenhalten und die die Supermarktkette “Zielpunkt” hat in den letzten Jahren auch mit einem Gratisfrühstück geworben, das man bekam, wenn man sich, um zehn im Geschäft einfand.
“Nur mehr die Katholiken können wirklich unterscheiden, ob der achte Dezember ein Feiertag ist und was gefeiert wird!”, meinte Cornelius Hell auch heute morgen.
Ich kann es, habe ich gestern ja, nach der Auge- Nichtweihnachtsfeier “Es begab sich aber…” bezaubernde Geschichten von himmlischen und irdischen Wundern, von Agatha Christie gelesen und da kommt ja in der ersten Luzifer zu Maria im Stall und will sie in Versuchung führen, in dem er sie in die Zukunft schauen läßt.
Halt, werden, meine Kritiker jetzt sagen, das spielt schon bei der Krippe und das Kind ist bereits geboren, bei Maria Empfängnis kommt aber erst der Engel zu Maria und verkündet ihr die frohe Botschaft, weshalb wir feiern und nicht einkaufen sollen. Ich bin auch nicht katholisch und Cornelius Hell hat vor ein paar Tagen auch von den Brauch der Barbarazweigerln gesprochen, die man sich vom Kirschenbaum abschneidet, in die warme Stube stell und hofft, daß sie zu Weihnachten blühen werden, während das in der Kälte draußen natürlich nicht passiert.
Was macht man also am achten Dezember? Ich meist nichts anderes als an den übrigen Feiertagen und Wochenenden, schreiben, lesen, bloggen und nicht einkaufen, denn das tue ich, manchmal zum Ärger anderer, als Konsumverweigerin nicht sehr viel, vor zwei Jahren hat Ruth Aspöck zu einem Adventbrunch eingeladen und heuer hatte ich auch etwas vor, bin ich ja zur Wotrubakirche hinausgewandert, um an der Auferstehungsfeier meiner Schulfreundin Edith, die am 25. November ihrem Tumor erlegen ist, beizuwohnen.
Ich bin ja eine leidenschaftliche Geherin und renne, wenn es die Zeit erlaubt, liebend gerne durch Wien, kommt man da ja in eine mediative Stimmung und kann viel sehen, was sich später, vielleicht in einen Text verwenden läßt.
So bin ich nach neun von zu Hause weggegangen und habe mich ein bißchen in den Weihnachtseinkaufstrubel bzw. an ihm vorbei begeben, beobachtet, welche Geschäfte offen haben und welche nicht, der “Zielpunkt” war diesmal nicht dabei, da gab es, glaube ich, schon gestern zehn oder fünfzehn Prozent Minus, wenn man dort einkaufte, habe die dunkelhäutigen jungen Männer, die vielleicht Asylwerber waren, beobachtet, wie sie die Zeitungsständer mit frischen Zeitungen füllten und habe an Edith Brocza gedacht, denn ich bin ja schon einmal vor drei Jahren, als der Alfred mit dem Karli unterwegs war, nach Liesing hinausgewandert, um mit ihr die Wotruba Kirche zu besuchen und einer Lesung mit Ernesto Cardenal beizuwohnen. Das war das erste Mal, daß ich in dieser Kirche gewesen bin, sonst habe ich nur drumherum Brobeeren gesammelt und das weckte natürlich Gedanken an den Tod und die Auferstehung, an die ich persönlich nicht glaube.
Die Edith war aber eine sehr liebe Schulfreundin aus der Straßergasse. Ich habe während meines Studium auf ihre zwei Kinder, die damals sehr klein waren, aufgepasst und sie seither nicht mehr aus den Augen verloren, sondern sie zu meinen Geburtstagsfesten eingeladen, ihr meine Bücher gebracht, die sie sehr treu und begeistert gelesen hat und als der Buchhändler in ihrem Haus zusperrte und ihr seine Bücherschachteln in den Hausflur stellte, hat sie mich eingeladen, mir zu nehmen, was ich will, was ich auch reichlich tat und bei der ersten ART-Margareten ist sie neben mir am Büchertisch gesessen. Sonst war sie eine Frau, die so gesund, wie es nur geht, lebte, nicht rauchte, nicht trank, biologisch kochte, sozial sehr engagiert war und ähnlich sprarsam und konsumkritisch, wie ich gewesen ist. Wieso sie trotzdem einen Tumor bekommen hat, ist eine Frage, die sich nicht so leicht beantworten läßt und die Kirche war, als ich sie erreichte, auch sehr voll und es wurde gerade der Lebensbericht verlesen, so daß ich einiges erfahren konnte, was ich noch nicht von ihr wußte.
Und dann zurück durch den Weihnachtsmarkt von Schönbrunn, wo schon um zehn Uhr morgens, die ersten Touristen oder waren es Einheimische mit ihren Punschbechern standen. Um drei Uhr Nachmittag war es noch viel voller und als ich heimkam habe ich Tamta Melaschwilis aufsehenerregenden Debutroman über die Not und das Elend der Halbwüchsigen in Kriegsgebieten, den ich mir diesmal zum Geburtstag wünschte, gelesen, mir selber einen Punsch bereitet, im Radio gab es zwei Stunden Diogonal zum Thema “Jura Soyfer” zu hören und im Schrank gab es das dicke “Ö1 gehört gehört”- Buch von Alfred Treiber zu finden.

Böse Schafe

Katja Lange-Müllers 2007 erschienener Roman “Böse Schafe” war für mich ein bißchen verwirrend, ist die Geschichte, die die 1951 in Ostberlin geborenene Autorin, die 1986 den Bachmannpreis bekommen hat, mit ihrer gewohnt direkten schnodderigen Sprache erzählt, für ein literarisches Sujet doch sehr ungewöhnlich.
“Versuch einer Liebesgeshichte am Rande der Geselschaft” habe ich in einer Rezension gelesen, in einer anderen steht etwas von “betroffenheitsschwangeren Drogenroman”.
Das Buch wird aber übereinstimmend gelobt und mich hat es beim Lesen sehr berührt, habe ich ja noch nicht sehr viele im Drogenmilieu angesiedelte literarische Auseinandersetzungen gelesen.
Da ist Soja, nicht Sonja, die von ihrer kommunistischen Mutter nach einer russischen Partisanin genannt wurde, die 1987 von Ostberlin in den Westteil flüchtete und ihre Liebesgeschichte zwanzig Jahre später Harry erzählt, dem Harry, den sie damals mit seinem Freund Benno kennenlernte, sich sofort in ihn verliebte, weil er ihr eine Rose und eine Clownsfigur schenkte, die beiden zum Essen einlädt und eine Unmenge an Schnitzeln und anderer Gerichte für sie kocht, die dann nicht gegessen werden, denn Harry will etwas anderes von ihr. Kommt er doch gerade aus dem Knast, hat eine Bewährungsauflage und braucht dazu Soja, die gelernte Schriftsetzerin ist und im Westen von der Sozialhilfe lebt, bzw. in einem Blumenladen aushilft.
So organisiert sie ihre Freunde, die Harry abwechselnd bewachen, bzw. in seine Therapie bringen und dort wird ihr vom Therapeuten eröffet, daß er HIV positiv ist, was 1987 noch ziemliches Neuland war. Die Therapie gelingt, Harry bekommt eine Wohnung, schenkt Soja eine Ratte, zieht aber mit seinen Freunden herum und erkrankt schließlich, so daß Soja ihn nur von einer Lungenentzündung durch die nächste begleiten kann.
Inzwischen macht sie einen Lottogewinn, die Drogenfahnder tauchen bei ihr auf und stellen ihre Wohnung auf den Kopf. Sie verheiratet sich in die Schweiz und kommt zurück, um Harry beim Sterben beizustehen.
Zwanzig Jahre später, als sie die Geschichte, anhand der Aufzeichnungen, die Harry ihr in einem Schuhkarton hinterlassen hat, neu erzählt, ist sie längst geschieden, der Lottogewinn ausgegeben, ein Versuch einen Blumenladen zu führen ist gescheitert, die DDR hat aufgehört zu existieren und das Jahrtausend hat sich gewendet. Harry hat Soja nicht angesteckt, von der Sozialhilfe lebt sie immer noch und hat auch ein paar mißglückte Männerbeziehungen hinter sich.
Eine sehr ungewöhnliche Geschichte gelesen, die man von einer Bachmannpreisträgerin gar nicht erwarten würde.
Aber Katja Lange-Müller ist auch eine ziemlich ungewöhnliche Schriftstellerin mit einer sehr direkten schlodderigen Sprache, die durchaus Randschichtthemen anzufassen weiß. Zwei Mal habe ich sie, glaube ich, in Wien bei Lesungen gehört, einmal in der Hauptbücherei, als es um das das erste Schreiben ging. Damals habe ich die “Bösen Schafe” für die Ute Hundertmark gekauft und von der Autorin signieren lassen, die auch etwas in das Buch hineinzeichnete.
2007 war ich einmal bei einer LesARt Aufzeichnung im Literaturhaus, da wurde das Buch vorgestellt und verlost, Christa Nebenführ hat es gewohnen und bei einer LesArt der Sprachkunst im Literaturhaus habe ich sie auch einmal gehört und mich mit ihr fotografieren lassen.
Jetzt gab es das Buch, das inzwischen ziemlich vergessen ist, zum Halbpreis bei Thalia in der Kremsergasse und es hat mich, wie beschrieben sowohl berührt als auch verwirrt. Ist man ja eigentlich nicht gewohntt solch realistische Inhalte in der Literatur vorgesetzt bekommen und der Plot bzw. Handlungsfaden schien mir auch zu fehlen, so daß mir lange nicht klar war, wo die Geschichte hinführt und ob es wirklich nur, um das Sterben eines aidskranken Junkies, der nicht einmal politisch korrekte Ansichten hat und die aussichtslose Liebe einer vom Schicksal nicht sehr beglückten Frau mit dem typisch weiblichen Helfersyndrom geht?