“Augenstern” von Harry Mulisch, ein weiterer Bücherschrankfund, wird als Roman bezeichnet, obwohl er das mit seinen hundertdreizehn Seiten wahrscheinlich nicht ist, eine Erzählung vielleicht oder, wie auf der Buchrückseite steht “Der Traum eines Taugenichts? Wirklichkeit? Eine phantastische autobiographische Erinnerung”?
Ich muß gestehen, ein wenig ratlos hat mich das Lesen schon gemacht, da ich eine bin, die immer gleich wissen will, um was es geht und nervös reagiert, wenn die Handlung ins Surreale kippt und es eigentlich nicht zu verstehen ist, wohin Madame Sasserath so plötzlich verschwand. Mit dem Taugenichts habe ich nicht so viel anfangen können und verstehe auch nicht so viel von der Literaturgeschichte, um an Dorian Gray zu denken, wie ich es in einer Besprechung las.
Inzwischen deute ich es mir als eine Parabel auf das Schreiben, stimme Buchkontakte zu, daß es ein feines süffiges Romänchen ist und beginne mit dem Anfang, schreibt Harry Mulisch doch auf der ersten Seite “Jedes Leben hat seine Geheimnisse und diese müssen gewahrt werden.” Und dann “Zu den Geheimnissen meines Lebens gehört ein Ereignis, das sich zutrug, als ich mit achtzehn Jahren für einige Monate der Augenstern von Mme Sasserath war.”
Dann geht es los mit der Geschichte und kurz nach den Krieg hinein. Es ist der Mai 1945 und der achtzehnjährige Ich-Erzähler ist ohne Papiere und ohne Geld, “wie es damals üblich war” in den sonnigen Süden aufgebrochen und hat sich in Rom als Tankstellengehilfe verdungen. Da kommt eines Tages ein Rolls-Royce mit einer achtundachtigjährigen alten Dame, Madame Sasserath, die Witwe des Erfinders der Sicherheitsnadel, der sie damit zu der reichsten Frau der Welt machte, und er spricht sie, weil er als Holländer ihr Flämisch versteht, an, hält ihr einen Vortrag bzw. ein Lob auf das Benzin, das sie mit ihrem Rolls-Royce nach Hause bringt. Daraufhin nimmt sie ihn als Gesellschafter mit in ihre Villa in Capri mit den vielen Hausangestellten, Luxushündchen, Rembrandts, Matisses, Cezannes, van Goghs, etc, die an den Wänden hängen und er muß gar nichts tun, als ihr ein wenig vorzulesen und sie unterhalten.
Da habe ich eigentlich mehr an “Harold und Maude”, als an den “Taugenichts” gedacht, denn der Jüngling will ja schreiben, kann es nur noch nicht, denn noch pauscht er alles auf und schreibt, wo er heute “Es blieb eine Minute lang still”, schreiben würde, ganze Absätze.
Er hat auch einen Widersacher in dem Sekretär Point, verliebt sich vielleicht ein wenig in Madame, geht aber doch in die Stadt hinunter und unterhält eine Beziehung zu einer, um fünf Jahre älteren Töpferin aus Luxenburg, “da die um fünf Jahre jüngeren Frauen erst dreizehn sind” und freundet sich mit einem amerikanischen Romanautor, einem französischen Philosophen und einen schwedischen Maler an. Es kommt auch der Tag, wo er Madame Sasserath, die nicht schlafen kann, einen wertvollen Dienst erweist. Er bringt ihr nämlich das Träumen bei, da er davon ausgeht, daß “Wer nicht schlafen kann, nicht träumen will.”
Ab da überstürzt sich die Handlung. Madame Sasserath hat noch unter Mussolini der italienischen Regierung einen Sessellift auf den Vesuv versprochen, der nun eingeweiht werden soll und sie will ihn nur in Begleitung ihres Augensterns eröffnen. Sie will auch mit ihm allein hinauffahren und ließ ihn auch die Eröffnungsrede halten. Dann hat er aber auf der Fahrt hinauf eine Erscheinung, kommen doch plötzlich von oben Menschen hinuntergefahren, die ihm bekannt erscheinen, obwohl er sie nicht kennt und als er sich zu Madame umsieht, ist sie verschwunden.
Da hat es wie erwähnt, bei mir ausgesetzt. Es geht aber in dem Buch weiter. Er fährt hinunter, läßt, als ihm der Sekretär des Mords beschuldigt, nach der Leiche suchen, kehrt nach Holland zurück und wird ein berühmter Schriftsteller, denn das Schreiben hat er nun gelernt und die, die in den Sesseln herunterfuhren, waren die Protagonisten seiner späteren Romane.
Nun gut, ich deute es mir als Parabel auf das Schreibenlernen und was das mit dem Verschwinden von Madame Sasserath zu tun hat, bleibt das Geheimnis des Protagonisten, bzw. Autors, so steht es ja auf der ersten Seite.
Das Buch ist offenbar in Amsterdam zwischen dem 3. und dem 24. Dezember 1986 geschrieben worden, so steht es am Ende. Auf Deutsch ist es 1989 erschienen und Harry Mulisch, der 1927 geboren wurde, ist im Oktober 2010 in Amsterdam gestorben. Er hat viele Romane geschrieben, von denen ich bisher nur “Siegfried – eine schwarze Idylle”, die Geschichte um Hitlers fiktiven Sohn gelesen habe, weil mir Alfred das Buch einmal zu Weihnachten schenkte.
Day: 1. May 2011
Wiedersehen in Fiumcino
In “Wiedersehen in Fiumcino”, dem dritten Roman des 1982 geborenen Reinhard Kaiser-Mühlecker wird, könnte man so sagen, die Midlifekrise der Generation Dreißig besprochen, der prekär Beschäftigten, sozial total vernetzten, die in der globalisierten Welt herumreisen, arbeiten, lieben und irgendwann mit Schrecken feststellen, daß sie die ersten grauen Haare bekommen zu haben.
Stimmt nicht so ganz, denn der Joseph Wagner, Reinhard Kaiser-Mühleckers Held, ist kein prekär Beschäftigter, sondern ein weltweit anerkannter Agronom, der schon das ererbte Haus seines Vaters verkaufte und sich dafür in dem Heimatdorfes eines Bekannten, keines Freundes, denn dieses Wort auszusprechen, ist für ihn viel zu verbindlich, ein anderes kaufte.
Es geht also um einen Beziehungslosen oder auch, wie es im Klappentext steht, um das Portrait eines außergewöhnlichen jungen Mannes, der eine eigenartige Faszination auf seine Mitmenschen ausübt, das in vier Perspektiven erzählt wird.
Die Mehr – Perspektiven Erzählweise scheint sehr beliebt zu sein, habe ich sie in den Osterferien ja gerade in Orhan Pamuks “Stillen Haus” gefunden. Marketa Pilatova hat für “Wir müssen uns irgendwie ähnlich sein” auch diesen Stil gewählt und ich erzähle meine Geschichten auch öfters vierstimmig. Die Ich-Form verwende ich dabei gewöhnlich nicht und ich erzähle auch viel linearer.
Reinhard Kaiser-Mühlecker tut das nicht, sondern springt mit den seinen vier Ich-Erzählern, drei Männern und einer Frau, durch die Zeit und läßt sie die Ereignisse des Jahres, in dem Josef seine Ex-Frau, Namen zu nennen, fällt ihm, ja schwer, plötzlich verläßt und nach Argentinien geht, um dort in Supermärkten die Konzentration der Soja Produkte, die dort angeboten werden, zu untersuchen, ohne ihr zu sagen, daß er das vorhat, aus ihrer Sicht erzählen.
Die anderen Erzählstimmen sind der Schulfreund Hans Kramer, der Bekannte der schon vor zehn Jahren nach Argentinien gegangen ist und dort als Museumswärter arbeitet, vorher hat er etwas studiert, ohne irgend einen Abschluß zu machen, wird dafür von Joseph für einen Versager gehalten, obwohl er sehr erfolgreich Bücher über Holocaust Vertriebene geschrieben hat. Hans Kramer holt Joseph vom Flughafen ab und bringt ihm, statt in ein Hotel in eine Wohnung zu Freunden, bei denen er aber nicht lange bleibt, er zieht zu Savina, der weiblichen Erzählerstimme, auch eine Orientierungslose, weil sie ihr Gitarrespielen aufgegeben hat, da sie ein zu kleines Talent dafür besaß, von ihrem Ex- Freund Lucho gestalkt wird und Joseph, obwohl sie ihn liebt, aus der Wohnung schmeißt, weil ihr zu unverbindlich ist.
Joseph ist aber ein arbeitswütender, der stunden- und nächtelang über seinen Studien sitzt und nur ungern mit Savina Ausflüge in das argentinische Hinterland macht. Der vierte Erzähler ist Augusto, der Sohn eines Großgrundbesitzer, der der die Wälder roden läßt und das Soja anbaut, sich von seinem Vater löste, Medizin studierte, gerade seine Facharztausbildung macht, kein Geld hat und offenbar seiner Nachtdienste wegen, schlecht schläft. Er ist mit Joseph im selben Flugzeug gesessen und hat ihn später in der U-Bahn wiedergetroffen, so freunden sich die Unverbindlichen an, beziehungsweise verbringen sie das Jahr in Argentinien miteinander und wechseln ihre Partner.
Hat Augusto doch bei einem Ärztekongreß die Übersetzerin Ceci getroffen, sich in sie verliebt und viel Kaffee mit ihr getrunken, sie kommt jedoch im Laufe der Geschichte mit Hans Kramer zusammen. Savina schmeißt Joseph aus der Wohnung, so daß er in ein Hotel ziehen muß, am Ende seines Argentinienaufenthaltes fliegt er über Rom zurück. Fiumcino heißt der dortige Flughafen und dort trifft er auf seine Ex-Frau wieder, die gerade eine Fotoaufnahme macht, aber das ist völlig bedeutungslos, kehrt er ja nicht zu ihr zurück, sondern siedelt sich in seinem neuen Haus in Rohr an, wo er die Zugriffe auf seine Internetseiten mißt, geht mehrmals zum Arzt und läßt sich untersuchen, der ihm immer wieder bestätigt, daß er vollkommen gesund ist, ihm schließlich anbietet ein Bier miteinander zu trinken und ihm einen Stoß Papier in die Hand drückt, um seine Beschwerden aufzuschreiben, bevor er das nächste Mal kommt. Er will ihn offenbar loswerden, Joseph fängt aber zum Schreiben an und will auch Mesner werden und es gibt auch eine sehr schöne altmodische Geschichte in dem Buch, die offenbar von Hans Kramer aufgeschrieben wurde, die Sage über den Untergang des Dorfes oder der Stadt Rohr.
Denn Reinhard Kaiser-Mühlecker, das weiß ich schon von der literarischen Soiree bei der ich über seinen ersten Roman hörte, ist ein sehr altmodischer Erzähler, er verwendet auch manchmal etwas kitschig wirkende Formulierungen und er erzählt sehr fein und bedächtig.
Ein großartiger Erzähler scheint er allemal zu sein. Dadurch, daß die vier Erzähler alle von sich erzählen und durch die Zeit springen, ist das Lesen wieder etwas mühsam und eigentlich erzählen sie auch nicht sehr viel. Ein Stück Lebensabschnitt vier junger Menschen in Argentinien von denen zwei dort geboren wurden, zwei aus Österreich kommen und dann ist es wieder doch sehr viel. Ihre Lieben, ihre Wirrungen, Ängste, Hoffnungen, aber auch die unserer globalisierten, sicherlich etwas verrückten Welt und er hat auch immer sehr schöne Bilder und Geschichten und eine sehr langsame, bedächtige Erzählweise, dieser junge Mann aus OÖ, der mit seinen nicht einmal noch dreißig Jahren so ungewöhnlich erfolgreich ist.