“Schmelzwasser” von Sigfrid Maron ist, wie auf der Buchrückseite steht ” krumm und gebogen und frei erfunden, wie ja ein Großteil unserer Geschichte heute ver- oder zurechtgebogen, wenn nicht völlig neu erfunden wird. Weder aus Sicht der Künstler, noch aus Sicht der Musikindustrie bzw. deren Mitarbeiter, von der Putzfrau bis hinauf zum Konzernchef, habe ich die geringste Ahnung von mehr oder minder. Was ich schreibe, habe ich gehört, gelesen, geträumt, fantasiert.”
Unter Autor und Titel auf der ersten Seite samt weißrussischer Übersetzung von Sergej Iljitsch Mladowskowitsch, steht noch, “eine Assoziationskette möglicherweise ein Roman keine Gebrauchsanweisung für eine Waschmaschine aber fast ein Kochbuch”, was sich wohl darauf bezieht, daß es auf den letzten Seiten ein paar Rezepte, wie Gulasch, Sauerkraut, Semmelknödel und Marillenkuchen gibt und beginnt, nach einigen Widmungen, einem Forwort (Achtung, bevor wieder eine Mahnung bezüglich meiner Rechtschreibung kommt, das ist im Buch so geschrieben und wird auch erklärt) und Erklärungen “mit quietschenden Reifen, Folgehorn und Blaulicht” und einer Fahrt des Notarztwagens in ein Krankenhaus und endet fast, denn dann kommt noch eine Stellungnahme des Übersetzers, die Kochrezepte und auch schon die Rezensionen vom Schwarzataler Bezirksboten bis zur Furche und einer Seite Platz mit Gegendarstellungen, mit dem Erwachen aus der Narkose oder sonstigen Zuständen.
“Schlecht geträumt?”, fragt die Frau am Bett.
“Das war ein ganzes Buch, was macht nur solche Träume?”
“Das Abendessen!”, sagt Schwester Erika und hängt eine Literflasche Flüssignahrung an, “nur das Abendessen.”
Dazwischen liegen zweihundertfünfundachtzig Seiten, ein Paar Zeichnungen, in denen man beim russischen Finanzminister Alexej Kudrin, rein zufällig, weil das ja jede Ähnlichkeit, wie darunter steht, sein soll, Karl Heinz Grasser erkennt und zwei Handlungssträhne. Die eine ist ein wirrer Monolog, des auf der Intensivstation liegenden mit wahrscheinlich ebenfalls nur zufälligen Ähnlichkeiten zum Autor, Teile seiner Lebensgeschichte, wilde Fieberphantasien aber auch Betrachtungen zur politischen Lage, schwarz-blau, Asylpolitik, Kommunismus, Gott und die Welt etc, dann folgen Geschichten von seinem Taxi fahrenden Neffen, der ihm einen Werkzeugkasten verspricht und als Koch oder Kellner in einem seltsamen Hotel arbeitete. Der Ich-Erzähler kocht auch Sauerkraut etc und schreibt vielleicht an einem Roman über die Musikindustrie, in der er uns und das ist der zweite Strang, an dem Arsch bzw. Geschäftsführer Mike Peschl der Priestwein AG, die Auswirkungen der Globalisierung erklärt. Will Peschl doch die beste aller Sekretärinnen ficken und in der folgenden Mitarbeiterversammlung alle entlassen, einsparen, freisetzen, kündigen oder wie das in Neu Deutsch-Englisch so schön heißt heißt. Er kommt dann nicht in seine Wohnung hinein, stolpert über Leichen und einer seiner gekündigten Mitarbeiter tarnt mit der besten aller Sekretärinnen eine Geiselnahme und entkommt mit der ins Hotel Minsk in der Nezawisimosti-Alle 11.
Was es mit der weißrussischen Übersetzung auf sich hat, der Ich-Erzähler säuft bzw. kommuniziert immer wieder mit dem Übersetzter Mladi, der das im Dialekt geschriebene Buch zuerst auf weißrussisch und dann auf Hochdeutsch zurückübersetzt, habe ich nicht ganz verstanden, aber das kann man, wie ja schon im Vorwort steht, offenbar überhaupt nicht.
Das Buch ist also ein gigantischer Monolog, eine Fieberfantasie und Weltabrechnung eines kritischen Denkers, der möglicherweise oder auch nicht, großen Spaß am Vorsichhinfabulieren hatte, des 1944 in Wien geborenen, sozialkritischen Lidermachers Sigi Marons, der 1956 an Kinderlähmung erkrankte, sich 1997 aus gesundheitlichen Gründen zurückzog, einige Male für die KPÖ kanditierte und 2010 mit dem Doppelalbum “Es gibt kan Gott” auf die Bühne zurückkehrte. Daraus habe ich ihm am Volksstimmefest singen und spielen gehört. Im November gab es in der Kunsthalle am Karlsplatz ein weiteres Konzert bzw. die Buchvorstellung, des in der Bibliothek der Provinz erschinenen “Schmelzwassers”, auf der Alfred war und mit das Buch zum Geburtstag schenkte
Sigi Maron ist auch GAV Mitglied und so habe ich 1990 in einer von Georg Bydlinsky organisierten Lesung im Pfarrheim von Maria Enzersdorf, das Flugblatt hängt noch am Harlander Klo, mit ihm gelesen.
Ein interessantes Buch einer offenbar sehr selbstbewußten, kritischen Stimme, die offenbar keine Angst vor den kritischen Leserstimmen und deren Wutausbrüchen hat, sondern mit ihnen immer wieder direkt kommuniziert und gleich von vornherein feststellt, daß man das Buch nicht lesen muß.
Denn “es besteht keine generelle Vorschrift überhaupt Bücher zu lesen, ganz besonders nicht dieses” und wie erwähnt, die Rezensionen hat er sich auch schon angefügt. So meint er, daß der Schwarzataler Bezirksbote meinen würde “Das ist kein Krimi und kein Roman, das ist Pornografie der schlimmsten Art. Solchen Autoren sollte man die Bleistifte wegnehmen, die Bleistiftspitzer natürlich auch.”
Tröstlich für die Rezensentin, die ja auch schon hörte, “daß sie sich nicht als solche nennen und auch nicht glauben sollte, daß sie schreiben darf weil sie es vielleicht ein bißchen kann, weil sie damit ja Ressourcen klaue und dem Betrieb schaden würde, aber wie!”
Der Unterschied zwischen meinen und Sigi Marons Texten ist vielleicht, daß ich es womöglich ernster meine, unsicherer bin und mich auch bemühe es meinen Kritikern recht zu machen oder auch nicht, was weiß man schon genau?
Ein interessantes Buch, daß ich allzu strengen Kritikern zur Lektüre sehr empfehlen kann. Man lernt dabei über den Tellerrand hinaus zu schauen. Wem das nicht gefällt, der kann sich ja an die Kochrezepte halten und “das und nicht der Gulasch” dabei essen. Ein Achterl rot oder einen grünen Vetliner sollte man vielleicht dazu trinken.