Tim Parks “Schicksal” könnte man auch “Auslöschung” nennen, ist es doch ein Endlosmonolog eines Mannes, der seinen Sohn verlor, ganz nach Vorbild des alten Meisters, die Sätze “Das ist die Wahrheit” kommen mehrmals vor, das Wort “Auslöschung” wird genannt, aber vielleicht ist nur die Übersetzerin ein Bernhard-Fan, ist der 1951 in Manchester geborene Tim Parks ja Engländer und lebt als Autor und Übersetzer, unter anderen hat er Italo Calvino und Alberto Moravia übersetzt, in Verona.
So geht es auch dem Ich-Erzähler Chris, der sich am Beginn des Romans in einem Hotel in London befindet, weil die Ärzte seines Sohnes ihn und seiner Frau geraten haben, Italien zu verlassen, damit sich dieser von seiner Schizophrenie erholen kann. In der Rezeption des Hotel Knighbridges kommt die Nachricht vom Selbstmord Marcos, worauf er mit seiner Frau nach Italien zurückfliegt.
Chris monologisiert dabei endlos vor sich hin, hört Stimmen, erzählt sein Leben und uns den Roman, während Mara mit einem roten Mantel, grünen Hut und rosa geschminkt, das Flughafenpersonal veranlaßt, sie ohne Ticket ins Flugzeug zu lassen, die Überstellung des Sarges nach Rom und das Begräbnis organisiert.
Chris, der ein Buch über den italienischen Nationalcharakter schreiben will und ein Interview mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Andriotti organisiert, beschließt seine Frau zu verlassen, während er mit ihr im Flugzeug sitzt. Er ist herzkrank, hat keine Tabletten bei sich und auf dem Flughafen Schwierigkeiten zu urinieren und Stuhl zu lassen, dafür entdeckt er ein Buch über den italienischen Nationalcharakter im Flughafenshop, das sein Nebenbuhler geschrieben hat. Er hat seine Frau aber auch betrogen, im Hotel in Neapel, als seine Frau nach Rom zurückfuhr, weil der zehnjährige Marco nicht mit seiner Schwester Paola bei der Großmutter schlafen wollte.
Vielleicht ist das der Anfang der Geschichte, denn Mara hat Marco, der, wie ihr Vater heißt, sehr verwöhnt, nachdem sie glaubte keine Kinder bekommen zu können und daher die kleine Paola, die die Tochter einer Prostituierten ist, aus einem ukrainischen Waisenhaus holte.
Danach hat es, wie bei vielen Paaren geklappt, Marco wurde zum Muttersöhnchen, Paola war auf den Bruder eifersüchtig und begann ihre Adoptivmutter zu hassen. Chris wurde zum Starjournalist und begann in der Welt herumzureisen.
Der Anfang der Geschichte, als Marco die Mutter zurückholen wollte, weil die Großmutter, in deren Bett er schlafen sollte, gestorben ist oder erst nachdem sich dieser, vielleicht zehn Jahre später, mit seiner Mutter weigerte Italienisch zu reden und der Vater ihr, die nicht Englisch kann, alles übersetzen mußte.
Man sieht Tim Parks hat sich mit der Entstehungsgeschichte der Schizophrenie gründlich auseinandergesetzt, obwohl er seinen Christ zu einem biologischen Psychiater und keinen Psychotherapeuten schickt, der ihm, wofür er viertausend Lire in der Stunde verlangt, genau die biologischen Ursachen der Schizophrenie erklärt.
Marco hat sich jedenfalls mit einem Schraubenzieher erstochen, bzw. die Pulsadern aufgeschlitzt, obwohl die Ärzte, die dem Ehepaar rieten nach England zu ziehen, von einer Besserung überzeugt waren. Davor hat das Muttersöhnchen, der Mutter Schlamm, Paola Butter in die Haare geschmiert und das Geisterhaus zertrümmert.
Das alles geht Chris durch den Kopf, als er in der Totenkammer vor der Leiche seines Sohnes sitzt, Mara zu verlassen beschließt, nicht urinieren kann und keine Herztabletten hat. Er macht aber pflichtgetreu sein Interview mit Andriotti, wird nach dem Begräbnis von der Urologie weggeschickt, weil die kein Bett für ihn hat, hört die Stimme seines Sohnes und fährt ins Geisterhaus zurück, obwohl er Mara ja verlassen will. Die hat Kerzen für ihn aufgestellt und von ihrem Sohn geträumt, gesteht ihm aber ihre Liebe, so daß der Roman “Schicksal” doch nicht “Auslöschung” heißen kann.
Einen großartigen letzten Satz, hat es aber allemal.
“Morgen können wir anfangen, um unseren Sohn zu trauern.”
Es ist das erste Buch, das ich von dem englischen Schriftsteller gelesen habe. “Mimis Vermächtnis” wartet aber schon, denn das habe ich vor einiger Zeit im Bücherschrank gefunden.
Day: 7. November 2010
Jugoslavija revisited II
Teil zwei war der längste, begann es doch um elf in der Alten Schmiede mit dem Werkstattgespräch Jugopalaver und zwar nicht so besonders gut, kam doch, kaum nach dem ich mich in die zweite Reihe setzte und ein Gespräch mit dem Sascha begonnen habe, Walter Famler und sagte, die sei reserviert, ich müße mich zurücksetzen, die erwarteten Gäste kamen indessen nicht, so daß er als er das Wort ergriff, die Leute aufforderte, sich doch hinzusetzen, nun gut,ich muß es nicht persönlich nehmen, außerdem setzte sich in die Reihe hinter mich der bosnische Schriftsteller neben dem ich am Freitag gesessen bin und mit dem habe ich ein interessantes Gespräch geführt. Er ist auch durch den Krieg nach Wien gekommen, veröffentlicht seine Gedichte im Internet, bzw. verschenkt er sie, wie er es genannt hat. Ich habe ihn zu meinen Lesungen eingeladen und meine Bücher gezeigt, worauf er mir anbot, sie ins Bosnische zu übersetzten. Das wäre ja was, auf Hindi bin ich es ja schon.
Walter Famler stelte das Podium vor, erklärte die Geschichte der alten Schmiede, die bis in den Siebzigerjahren als solche in Betrieb war, bevor das Haus zum Kunstverein wurde. Wieder interessant, denn so genau habe ich es nicht gewußt. Er erklärte dann noch, daß das Wort “Jugopalaver”, die liebevolle Bezeichnung der Wiener für die Ex-Jugoslawen sei, die im Augarten sitzen und diskutieren und das Jugopalaver in der Alten Schmiede befand sich in slowenischer bzw. kroatischer Hand, nämlich Drago Jancar, Ivana Simic Bodrozic, Svetlan Lacko Vidulic und Laura Marchig, die gehört der italienischen Minderheit in Rijeka an und studierte in Florenz und als ich schon nachschaute, ob das eine Veranstaltung unter Ausschluß der Serben ist, fragte schon jemand, wo sie sind und sie saßen auch in der ersten Reihe und traten am Samstagnachmttag bzw. am Sonntag auf.
Die ältere Generation empfindet Jugonostalgie und sieht in die Zukunft wie Drago Jancar, die Jüngere wie die 1982 in Kroatien geborene Ivana Simic Bodrozic leidet an den Traumen ihrer Kindheit und möchte die Vergangenheit aufarbeiten.
Es wurde dann noch die Ausstellung von Feda Klaric eröffnet, aber seine Fotos “Split in den Siebzigerjahren” hingen schon im Odeon bzw werden sie dort als Diashow gezeigt.
Am Nachmittag gings weiter mit Lesungen von Franjo Francic, Drago Jancar, Olja Savicevic Ivancevic und Slavenka Drakulic. Drago Jancar und Slavenka Draculic habe ich schon gekannt bzw. Lesungen von ihnen gehört. Von dem berühmten Slowenen, der einen ähnlichen Namen, wie ich hat, dabei kommt meiner, glaube ich, nicht von dort her, habe ich eine Leseprobe von “Katharina, der Pfau und der Jesuit” einmal nach Hause gebracht, war vor zwei drei Jahren bei einer Lesung in der alten Schmiede und wäre auch fast vor kurzem zur Präsentation des neuen Buches “Baum ohne Namen” in die Hauptbücherei gegangen. Aus diesem wurde gelesen.
Von Slavenka Drakulic habe ich “Das Liebesopfer” gelesen. Die hat einige sehr interessante Bücher mit Namen wie “Wie wir den Kommunismus überstanden – und dennoch lachten”, “Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht” oder “Leben Spenden – Was Menschen dazu bewegt Gutes zu tun” geschrieben und scheint eine interessante Frau zu sein, jedenfalls wurde sehr intensiv auf Englisch mit Erich Klein diskutiert. Das letzte Buch, das noch nicht auf Deutsch erschinenen ist, behandelt wieder die Aufarbeitung des Krieges bzw. des Kommunismus und zwar erzählen da Tiere über verschiedene Länder auch sehr interessant.
Dann kam noch ein Lyrikblock mit der jungen Ivana Simic Bodrozic und dem Bosnier Mile Stojic, der 1955 geboren wurde, zehn Jahre in Wien gelebt hat und daher gut Deutsch spricht. Bei ihm, dessen Gedichte mir sehr gut gefallen haben, hat mich beeindruckt, daß er von einer persönlichen Schuld gesprochen hat, er hat sich auch bei Wien bedankt und ein Gedicht, die “Randnotiz zu Celan” handelt von einer Weihnachtsfeier eines Pavillon am Steinhof, der zu einer Flüchtlingsstation umgewidmet wurde, da teilte eine Sozialarbeiterin Mozartkugeln an ein kleines Mädchen auf, die sie ihren Papa mitbringen will, nicht an Weihnachten sondern, an Allah glaubt und so mit der Zauberkugel in der Hand auf einen Gott wartet, der nicht kommt.
Dann gabs wieder eine Diskussion zum Thema “Jugoslawien revisited”, wer war schuld, war es ein Bürger oder ein Aggressionskrieg? Slavenka Drakulic erzählte von der kleinen Freiheit, die man in Jugolawien hatte, weil man in Triest Schuhe kaufen konnte oder in Griechenland Urlaub machen, jetzt haben die Leute ihre Sicherheit verloren und sehen sich zurück, sie wollen aber mehr Sicherheit und keine Diktatur.
Und am Schluß wurde es hoch erotisch. Gab es nämlich Lyrik und Jazz, eine szenische Lesung mit Laura Marchig auf Italienisch und Darko Jurkovic, der Gitarre spielte.
Ivana Simic Bodrozic hat vorher ein paar Gedichte gelesen und Asim Kujovic, der das auch tun wollte, konnte nicht kommen, weil irgendetwas mit dem Visum nicht geklappt hat, das man aus Bosnien noch braucht. Das wurde sehr beklagt, während sich alle wünschen, möglichst bald in die EU zu kommen.
Ich habe mir diesmal die Bücher am Büchertisch ansehen können und auch ein paar Gespräche geführt, am Freitag habe ich ja darunter gelitten, daß es mir nicht gelungen ist, die mir Bekannten zu grüßen bzw. von ihnen bemerkt zu werden und einen Stoß Bücher zur freien Entnahme gab es auch. Die meisten waren zwar in slowenisch, bosnisch, kroatisch oder Serbisch. Zwei Englisch bzw. Doppelsprachige habe ich aber doch erwischt, darunter einen Gedichtband von Boris A. Novak, das ist ein 1953 in Belgrad geborener slovenischer Poet, Dramatiker, Übersetzer und Essayist.