Anni Bürkl leidet auf ihren Blog noch immer über schlechte Kritiken und hegt Schelmenverdacht und ich kann die Empfindlichkeit ein bißchen besser verstehen, wenn ich auf Leselustfrusts Blog die Diskussion zwischen Nina und Claudia Toman verfolge.
Ja, der Literaturbetrieb ist streng reglementiert und hierarchisch geordnet und wenn man an einer Stelle steht, scheint man von dort nicht weg zu kommen, zumindest mir geht es so, stehe ich ja jetzt schon siebenunddreißig Jahre am Eingang, habe fünfundzwanzig Bücher geschrieben, komme aber kein Stück hinauf oder hinein und stolpere von Mißverständnis zu Mißverständnis.
Die Preise der Stadt Wien bekommen zumindest heuer lauter experimentelle Autoren und Sprachkünstler, beim Priessnitzpreis ist das ähnlich, aber der ist auch dafür gemacht und bezüglich der Verlagsszene, gibt es die großen deutschen Verlage, wie Suhrkamp oder Rowohlt. Cornelia Travnicek hat jetzt ihr Geheimnis gelüftet, ihr nächstes Buch erscheint bei DVA, dann gibt es in Österreich Residenz, Droschl, Jung und Jung und die vielen kleinen, wo die Bücher meiner Kollegen erscheinen.
So habe ich beim letzten Gewinnspiel von Dietmar Füssel seinen bei Atelier erschienen satirischen Roman “Diesseits von Eden” gewonnen, wo es um einen erfolglosen Schriftsteller geht und durch Emily Waltons Blog weiß ich, daß die Bruni wieder ein neues Buch in der Edition Roesner hat, das ist der Kleinverlag, wo auch Anita C. Schaubs Frauenbuch erschienen ist.
Sehr viel Unterschied zwischen meinen Büchern und denen von Kitab, Resistenz, Arovell ect. sehe ich zwar nicht, beziehungsweise doch natürlich, die fehlende ISBN Nummer, um die ich mich ja nicht bemühe und die Reaktionen des Literaturbetriebs.
“Da dürfen Sie sich nicht wundern…!”, ect.
Nein, stimmt so nicht, es ist ein mühsamer Weg, aber ich bin ihn schon ein Stück gegangen und seit ich das Literaturgeflüster habe, nehme ich meine Bücher auch mehr ernst.
2000 oder 2002, als ich die ersten hatte und damit nach Frankfurt fuhr, war auch die Bruni dort und hat geglaubt, ich trete da in Verlagsverhandlungen. Aber das ist ja etwas, was mir aus irgendeinen Grund nicht gelingt und ich nicht zu können scheine. Da habe ich auch gedacht, ich müßte etwas machen, damit meine Bücher endlich einmal wo erscheinen, inzwischen denke ich, sie sind schön genug, professionell gemacht und auf den Inhalt kommt es an und der ist nun einmal wie er ist.
Sozialkritisch, leise, vielleicht nicht mit der allerkünstlichsten Sprache und vielleicht auch in einer eigenen Mischorthografie. Janko Ferk, der mir für die “Sophie Hungers” eine wirklich schöne Kritik geschrieben hat, die auf der Literaturhausseite zu finden ist, man darf es nur nicht aufgeben, dann klappt es schon einmal, nach dem Motto “Steter Tropfen höhlt den Stein!”, hat zwei Dinge bemängelt, erstens das fehlende Lektorat, da meint er, daß es ein Fehler wäre, das meine Bücher auf Seite eins beginnen, wo Suhrkamp ect. schon bei neun oder so ist.
Nun ja, das erscheint mir nicht so wichtig und Lektorat habe ich keines, stimmt, das machen wir eben so gut, wie wir es können, aber wie erwähnt, ich denke, die Bücher wirken, abgesehen von dieser Seitenzahl ohnehin sehr professionell und dann bemängelte er die Personenführung. Zu flach und naiv, wenn ich es richtig verstanden habe. Da mag schon etwas daran sein und ich nehme mir auch ernsthaft vor, bei der “Absturzgefahr” darauf zu achten, besser zu werden.
Aber sonst, glaube ich, kommt die Rezension schon hin zur Professionalität, wie man es es sich wünscht und eigentlich auch sein sollte. Denn natürlich verlocken meine selbstgemachten Bücher zum Drüberfahren, alles schon erlebt, es muß aber nicht sein und das das Thema interessant ist, denke ich eigentlich auch.
Es gibt noch eine zweite Rezension vom lieben Otto Lambauer, der im Augenblick seinen Blog wieder betreibt und da hauptsächlich sozialkritische Sachbücher bespricht.
Das wären also die Erfolge, ansonsten geht es weiter mit der “Absturzgefahr”.
Das die jetzt zu Ende konzipiert ist, habe ich schon erwähnt. 101 Seiten bzw. 56.721 Wörter sind es schon im Rohkonzept, das heißt 27 Szenen und der Roman, wo die Kapitel Überschriften haben.
Auf 33 Szenen habe ich es konzipiert und vom Roman fehlen noch drei Szenen, die wo Jennifer beschließt vielleicht doch mit Patrick in die Sanatoriumsstraße einzuziehen, Doras Begräbnis und die Szene nach dem Geburtstagsfest, wo Johanna schlafen geht: “Dora, ich komme, denn es geht doch nicht an, daß die Tochter vor der Mutter…” Und die Fritzi wird jetzt doch allein nach Linz zu ihrem Vater fahren und die Margret kommt nach Wien, um Jan von dort abzuholen.
120 Rohseiten würde ich mal schätzen, werden es werden und dann ist, glaube ich, noch mehr als sonst zu überarbeiten, zu glätten, zu ergänzen, einzufügen und natürlich die üblichen 10-15% wegstreichen.
Ich bin da sehr zuversichtlich und es gefällt mir auch, obwohl das Rohkonzept natürlich noch sehr holprig ist. Das wären also die Erfolgsberichte oder auch die der Wehmut und der Melancholie, aber sonst bin ich sehr fleißig, beharrlich und konsequent…
Sonst schaut der Literaturbetrieb dem Bücherherbst bzw. dem deutschen Buchpreis entgegen. Da wird die Longlist, glaube ich, nächste Woche veröffentlicht und es gibt wieder das Lesebuch zum deutschen Buchpreis, das dem Buchhandel 1 Euro fünfzig kostet und ab dem 18. ausgeliefert wird. Das hat dem Literaturgeflüster im vorigen Jahr einige Artikel beschert und ich bin ganz schön herumgerannt, bis es mir die Annette Knoch geschickt hat.
So habe ich gestern gleich ein Presseexemplar bestellt, mal sehen, ob es kommt, sonst kann ich, wenn Residenz auf einer der Listen steht, den Herwig Bitsche danach fragen.
Day: 14. August 2010
Wir müssen uns irgendwie ähnlich sein
“Wir müssen uns irgendwie ähnlich sein”, ist der erste oder zweite Roman, der 1973 in Tschechien geborenen Marketa Pilatova, der von Michael Stavaric übersetzt, 2010 bei Residenz erschienen ist.
Marketa Pilatova hat Romanistik und Geschichte studiert, reiste 2005 nach Brasilien, wo sie den Nachfahren tschechischer Einwanderer Tschechischunterricht gab und lebt heute in Südamerika oder Prag.
Die spärlichen über Google erhältlichen Angaben variieren. Der Roman wurde jedenfalls von Kritik und Publikum in Tschechien, wie auf den Klappentext steht, gefeiert und auch von Residenz sehr gelobt.
Es ist auch ein sehr erfrischendes Prosawerk in einer jungen lebendigen Sprache, das die Tschechen und Prag von einer ganz anderen Seite zeigt. Geht es in dem Buch doch um vier Frauen, zwei alte und zwei junge und den jüdischen Doppelspion Jaromir, der immer ganz anders sein wollte. In Auschwitz oder sonstwo von der Zigeunerin Johana, den Tod aus der Hand gelesen bekam und von ihr mit den Resten der Nazigelage genährt wurde.
Jaromir ist danach nach Sao Paulo gegangen, wo er die Tochter deutscher Einwanderer Luiza heiratete, aber dennoch unentwegt seiner Jugendliebe Maruska, die in einem Prager Ministerium als Sekretärin arbeitete, Briefe schrieb und von ihr in abendteuerlicher Weise auch welche hinausgeschmuggelt bekam, herrschte in Prag ja der Kommunismus und so sind auch Lena und Marta, Kinder tschechischer Auswanderer, in Brasilien aufgewachsen. Lena als Cowgirl in den braslianischen Weiten, während Marta von ihrer unmöglichen Mutter in die Steiner Schule geschickt wurde und dort die künstlerische Ader und das soziale Handeln gelehrt bekam.
So beginnt das Buch auch mit dem Tod von Frau Hrubesova aus dem Club Novy Slovan in Sao Paulo, die sie betreute, um dann nach Prag zu flüchten, wo sie Schals und Mäntel mit schwarzen Vögel strickt und Lena kennenlernen wird, die auch nach Prag kommt, um dort bei Tante Ludmila zu wohnen.
Das Ganze ist nicht chronologisch erzählt, sondern in Kapitel, die unterschiedliche Namen tragen und von dem jeweiligen Protagonisten geschildert werden. Jaromirs Briefe an Maruska tauchen auf und das Tagebuch des alten Erdkundelehrer Jandls.
Jaromir, der seit seiner Zeit als Doppelspion immer eine Kapsel Zyankali im Mund oder in der Tasche trug, schluckt sie schließlich 1987, so daß Luiza nach seinem Tod nach Prag fährt, um dort endlich ihre Nebenbuhlerin kennenzulernen.
Aber die haben schon vorher Marta und Lena kennengelernt, da Lena das Blauauge Vladimir liebt, der sie als Hilfstherapeutin in eine Psychiatrische Klinik bringt, um in seiner Dissertation zu erforschen, ob Therapien von Laien erfolgreicher, als die von Psychoanalytikern sind, wo Maruskas Depressionen behandeln werden.
Am Schluß dreht und wendet sich alles, Maruska, die nie zu Jaromir nach Brasilien kommen wollte, zieht dorthin und unterrichtet auf Lenas Farm, die Kinder der Landarbeiter, während Marta mit ihrer Mutter endgültig nach Prag geht, um dort ein neues Leben zu beginnen, vorher nimmt sie aber an einer spiritistischen Sitzung teil, um mit Jaromirs Geist zu sprechen und ihn zu fragen, was sie Luiza von ihm mitteilen soll. Ein wirklich flott dahingeschriebenes Buch, leicht und spritzig, in dem immer wieder sehr schöne poetische Wendungen auffallen, obwohl es nicht wirklich viel Neues erzählt, zumindestens in den Jaromir Passagen, wo es um den Faschismus und den Kommunismus geht nicht, Lena und Martas lockerer spritziger Feminsmus und auch die Art, wie sich Marketa Pilatova über die Psychiatrie und sonst noch einiges lustig macht, klingt aber neu und vor allem die Art, wie die brasilanischen Tschechen Prag sehen könnten, ist erfrischend und amusant zu lesen.