31 Bücher in 31 Tagen

Vor ein paar Tagen bin ich in einem Bücherblog mit dem Titel “Zwillingsleiden” auf den bemerkenswerten Satz gestoßen “Jeden Tag ein Buch, diese Aktion verbreitet sich in den Bücherblogs wie ein Buschfeuer!” und habe “O weia!” gedacht, denn es war ja erst der dreizehnte und ich hatte im Mai schon an die zehn Bücher gelesen und meine durchschnittliche Monatsstatistik um einiges erhöht. Zwar habe ich in der Vorwoche bei meinem Lyrik-SUB kräftig umgerührt und in zwei Tagen sieben Bücher durchgenommen, sonst wäre das Fazit normaler, aber durch den offenen Bücherschrank, den ich regelmäßig mit und ohne einen eigenen Bücherstapel besuche und immer etwas finde, hat sich die Anzahl des Ungelesenen erhöht und da sehr viel Interessantes dabei ist, das ich gelesen haben sollte, disponiere ich immer wieder um und hinke meinen SUBs sehr nach. Daß ich es auch ohne offenen Bücherschrank nicht schaffe, meine SUBs auszulesen, habe ich mir schon bei der Büchergilde Gutenberg Bibliothek gedacht, die ich vor Jahren von meinen Eltern erbte und da es inzwischen viele Möglichkeiten gibt, Bücher geschenkt, getauscht oder um einen Euro zu erhalten und ich wenigstens versuche das Unmögliche mögliche zu machen, hat sich die Zahl der gelesenen Bücher, seit ich meinen Blog betreibe, erhöht. Seit ich die Bücher bespreche, lese ich genauer und immer aus. Leselustfrust hat mich mit ihrer Lesestatistik bekanntlich schon vor einem Jahr animiert mehr zu lesen und es gibt noch andere Bücherblogs mit Lesestatistiken. Auch wenn die meistens das lesen, was mich nicht so besonders interessiert, haben die ihre Bücher Stöckchen und das “Jeden Tag ein Buch!”, wo ich spontan dachte “Ich will ja auch noch schreiben, bzw. korrigieren!” und mich gleichzeitig wunderte, daß das bei den Bücherblogs jetzt Mode ist, da ich um mich herum überall bemerke, daß die Leute immer weniger lesen und die durchschnittliche Jahresbücherzahl bei neun liegt und nicht bei fünfzig, wie ich eigentlich dachte.
Es ist auch ein Mißverständnis, geht es dabei nicht darum seinen Bücher SUB endlich abzulesen, sondern um einunddreißig Fragen, die man sich im Mai vornehmen soll, wie: “Das Buch das du derzeit liest, das vierte Buch aus deinem Regal von rechts oder das neunte von links, dein Haßbuch, das Buch das du von deinen Freunden bekommen hast” u.s.w. und so fort.
Lillyberry macht dabei mit, hier kann man auch die Fragen lesen und sich selbst beteiligen, obwohl heute schon der sechzehnte ist.
Evi von Zwillingsleiden hats verweigert und bespricht ihre gelesenen und ungelesenen erotischen Bücher und ich mache auch nicht mit, da die Bücher in meinen Regalen doppelreihig stehen und ich viele Antworten gar nicht weiß.
Es ist aber eine hervorragende Idee für ein Buchgeflüster, denn der offene Bücherschrank hat mich sehr begeistert und ich bin schon gespannt zu erfahren, ob die Aktion verlängert wird?
Ich hoffe schon und beobachte, daß die Unkenrufe derer, die Kommentare dazu geschrieben haben, nicht eintreffen. Es ist keine “Universität für Sandler” und es gibt nicht nur unbrauchbar gewordene Lateinbücher, sondern manchmal rare Gustostückerln, so daß ich den Besuch wirklich sehr empfehlen kann.
Hineingespukt, geschissen und was auch immer hat auch noch niemand und das Buch ist leider, wie ich schon vorher merkte, kein so begehrter Gegenstand, daß die Leute mit den Taschen kommen, um ihr Geschäft damit zu machen.
Es gibt aber auch noch andere Kisten mit dem schönen Schild “Zur freien Entnahme – bedienen Sie sich bitte!”
So hat zum Beispiel das Wien Souvenier Geschäft in der Kettenbrückengasse, in dem Alfred einmal Anna Lindners “Wiener Literaturschauplätze” kaufte, zugemacht und da stand diese Woche so eine Kiste. Das erste Mal, als ich vorbeigekommen bin, war sie schon leer, beim zweiten Mal lagen zwar keine Wien Bücher darin, aber ein Jean Marie Gustav Le Clezio, der Nobelpreisträger von 2008 mit einer DDR-Ausgabe seines “Protokolls” und da ich zugebe, daß ich von ihm nichts gelesen habe, habe ich auch vor, es ziemlich bald zu besprechen. Mal sehen, ob ich es schaffe oder etwas anderes nicht noch mehr lockt?
Dagegen wird es nichts mit der “Bücherdiebin”, denn bei der Aktion des “Literatur Managements Lind” zum Tag des Buches, die eine aktuellere Bezeichnung für Bücherwürmer suchte, habe ich nicht gewonnen. Es gibt aber einen Gewinner bei der Buchstabensuppe und zwar soll das aktuelle Wort “Büchergourmets” heißen. Man sehen, ob es durchsetzt und nicht nur Frau Lind gefällt.
Es haben aber fünfundsechzig Leute Ideen gespendet. Andreas Unterwegers Vorschlag war, glaube ich, Bücherjunkies und der wird am Stadtfest Wien am 29. 5. ím Schweizerhof aus “Wie im Siebenten” lesen und das ist ein Buch, das ich wahrscheinlich auch nie lesen werde.
Macht nichts, gibt es ja soviele Bücher und da man auch bei größter Anstrengung nur ein paar tausend schafft, ist die Idee des Bücherhoppings und die Kunst über Bücher zu lesen und zu schreiben, die man nicht gelesen hat, gar nicht so schlecht und da bin ich bei dem für mich Wichtigeren, bitte nicht mißverstehen, nämlich dem Schreiben und da gibt es einiges zu vermelden.
“Die Heimsuchung” wird, da korrigiere ich schon die Endphase, so daß es demnächst zu digitaldruck.at gehen kann. Es gibt das Cover, das aus den “Nanowrimo” Logos besteht und einen Text, den ich selbst geschrieben habe, da es Cornelia Travnicek, an die ich eigentlich dachte, bei ihren vielen Lesereisen, nicht machen konnte.
Dafür wird Otto Lambauer den Text für “Mimis Bücher” schreiben, da Anna das, die jetzt ihren Dienstvertrag bei LOK unterschrieben hat, auch nicht schafft. Da korrigiere ich noch fleißig und hoffe bald fertig zu werden. Das Cover habe ich aber noch nicht. Ich hätte da an eine Collage aus den Ohrenschmaus-Schokoladeschleifen gedacht, vielleicht zeichnet mir die Anna auch ein paar Bücher hin.

Am Ende des Gartens

“Am Ende des Gartes” – Erinnerungen an eine Jugend von Erika Pluhar beginnt mit einer Gartenszene und endet mit einer solchen.
Das 1997 veröffentlichte Buch, in der distanzierten “Sie-Form” geschrieben, die von einer Erika berichtet, die Schauspielerin werden will und bald nach der Geburt der Tochter Anna und der nicht so glücklichen Eheschließung mit Udo Proksch ziemlich abrupt endet, beginnt mit der Schilderung des Gartens im polnischen Lemberg und von der ersten Erinnerung des kleinen Mädchen, das mit seinem Spielgefährten Dudusch in diesen einen Stahlhelm findet.
Erika Pluhar wurde ja 1939, allerdings in Wien geboren, der Vater war Nationalsozialist, die Mutter ist schwanger mit ihr und der älteren Schwester nach Wien zurückgekehrt. Es folgen Schilderungen von Bombenalarmen und einem schreienden Kind, das in den Luftschutzkeller geschleppt wird und sich dort die ersten Traumatisierungen holt.
Die Döblinger Wohnung wird zur Hälfte zerstört, die Mutter mit den Kindern nach Oberösterreich evakuiert, der Vater ist in Kriegsgefangenschaft, später kehrt die Familie nach Wien zurück und lebt länger bei den Großeltern, bevor sie in Floridsdorf eine Gemeindewohnung bekommt.
Es folgen Schilderungen der ersten Mädchenfreundschaften. Sie lernt leicht und begeistert, ist aber nicht sehr sprachbegabt und auch nicht gut in Mathematik, spielt und singt frühzeitig allen etwas vor, gerät in schlechte Schauspielschulen, bevor sie nach der Matura, die Aufnahmeprüfung ins Reinhardt Seminar besteht.
Da passierten schon einige Vergewaltigungen und eine Magersucht von der sie sich selbst befreit und noch vor der Matura wieder zu essen beginnt.
Ihre Reinhardt Seminar Klasse ist ein guter Jahrgang, Heidelinde Weis, Marisa Mell, Senta Berger, Achim Benning und noch andere befinden sich darunter. Sie wird Elevin im Burgtheater und schildert einige boshafte Bemerkungen Adrienne Gessners, die sie als verbitterte Frau erlebte, aber auch die Freundschaft zu ihrer Lehrerin Susi Nicoletti.
Freundschaften spielen in der traumatisierten Nachkriegsjugend überhaupt eine große Rolle. Nach dem ersten Mann von dem sie sich entjungfern läßt und zu dem sie ziemlich bald nach Aufnahme in die Schauspielschule die Beziehung abbricht, spielt der Dominikanerpater Diego, der am Reinhardt Seminar unterrichtet, eine große Rolle. Ausführlich werden Briefe an ihm zitiert, wie auch die frühen Texte Erika Pluhars, mit der sie das Theaterleben, aber auch ihre Beziehung zu Udo Proksch beschreibt, eine große Rolle spielen.
Die ist ihr sehr jung passiert, ebenfalls die Schwangerschaft, die die gerade angefangene Karrierre vorübergehend beendet, sie sitzt mit dem Kind und der Wirtschafterin, die ihr Udo Proksch engagiert, in der Wohnung ihrer Schwester und schreibt Briefe, in dem sie ihn mit “Herr Udo!” anspricht und von seiner Sekretärin schreibt, mit der er eine Liebesbeziehung unterhält. Die Hochzeit wird überstürzt auf dem Standesamt vollzogen, Trauzeuge ist der Portier und die Mutter sehr böse, nichts davon erfahren zu haben und Erika Pluhar, die sich als sehr intuitiv und selbstbewußt erlebt, beschreibt sehr deutlich, wie dumm und untertan sich die jungen Frauen in den Sechzigerjahren den Männern gegenüber benommen haben.
Es gibt auch eine traumatische Nachblutung in einem Ordensspital, wo es keine Ärzte gibt, so daß Herr Udo die Blutende nach Hause holt und auch ein Haus mit einem großen Garten für sie mietet, in dem sie am Ende des Buches an einem hohen Fenster steht und ins Tullner Feld hineinschaut.
“Solange wir uns erinnern, herrscht Leben. Vergessen ist Sterben. Ist Tod vor der Zeit”, sind die Worte mit denen die Erinnerungen an eine Jugend enden, aber nachher ist noch sehr viel passiert. Hat Erika Pluhar ja an die achtzehn Bücher geschrieben, 1999 ihre Burgtheaterkarriere beendet, weil Peymann sie nicht mehr besetzte, eine zweite Ehe mit Andre Heller erlebt, die 1984 geschieden wurde, obwohl sie sich schon 1973 von ihm trennte, bis zu seinem Selbstmord mit dem Schauspieler Peter Vogel gelebt, 1999 ist die Tochter Anna gestorben, deren Sohn Ignaz sie adoptierte und vielleicht auch noch den zweiten Teil ihrer Biografie schreiben wird.
Der erste erzählt von einer bewegten Nachkriegsjugend, der Gewalt und den Traumatisierungen denen man in dieser Zeit ausgesetzt war, auch wenn man scheinbar sehr behütet und priveligiert aufgewachsen ist.