Gleich ein zweiter Artikel, hat doch Leselustfrust das neue Buch von Thomas Glavinic “Das Leben der Wünsche” besprochen und da flüstere ich lieber, bevor ich es vergesse, wenn ich bis morgen warte.
Der 1972 in Graz geborene Autor ist auch noch ein eher junger Mann und mit seinen inzwischen sieben Romanen, ein Star in der jüngeren Literaturszene. In “Boboville” kommt er vor und das Interessante an ihm ist, daß er, so weit ich weiß, einer der ersten war, die jeden ihrer Romane in einem anderen Stil schreiben, sozusagen am Reißbrett komponieren.
“Karl Haffners Liebe zum Unentschiedenen” war 1998 der erste, dann kam 2000 “Frau Susi”.
Beide habe ich nicht gelesen und damals auch nicht viel von ihnen und dem Autor mitbekommen.
Das wurde mit dem “Kameramörder” 2001, ein Krimi, wie Leselustfrust anmerkt, anders. Darin geht es darum, daß sich zwei Paare in einem Haus am Land zum Osterurlaub treffen, den Schinken vorbereiten etc., gleichzeitig wird im Fernsehen ein Video übertragen, das zeigt, wie ein paar Kinder von einem Täter gezwungen werden, in den Tod zu springen.
Die Paare diskutieren darüber, das Fernsehen erörtert, ob man sowas zeigen soll oder muß und am Schluß stellt sich heraus, daß einer der beiden Männer, ich glaube, der Ich-Erzähler, der Täter war. Hervorragend konzipiert, ich war bei einer Lesung im Literaturhaus und habe mit dem Autor sehr emotional diskutiert, weil ich ihm sagte, daß ich das nicht lesen will und auch nicht finde, daß man sowas beschreiben sollte. Das Publikum hat mich als zu emotional betroffen abgestempelt, das Buch hat sich gut verkauft. Spätestens jetzt war Thomas Glavinic berühmt, hat wieder seinen Stil gewechselt und mit “Wie man leben soll” einen Roman im Sinn der Ratgeberliteratur, ich glaube, über einen Schwächling und Unsympathler, der sich in diesem Stil “man soll oder so” durch das Buch hantelt und seine Tanten umbringt etc. … geschrieben. Ich habe ein Stück bei “Rund um die Burg” gehört. Der nächste große Erfolg war vor drei Jahren “Die Arbeit der Nacht”. Ein düsterer Roman schreibt Leselustfrust, es geht um einen Jonas, der eines Morgens munter wird und darauf kommt, er ist alleine auf der Welt, alle anderen sind verschwunden. Auch das habe ich nicht gelesen und dann kam es vor zwei Jahren.
Ich hatte mit “Wilder Rosenwuchs” gerade wieder eine Satire über den Literaturbetrieb und das erfolglose Schreiben geschrieben. Franziska Link, Mitglied einer Germanisten-WG, in der alle unter den prekären Arbeitsverhältnissen leiden, putzt bei einem alten Germanistikprofessor und schreibt einen Roman über eine Frau, die der Bachmann ähnlich sieht und im Mistkübel ein abgelehntes Manuskript einer Maria Schneider findet, von dem sich dann herausstellt, daß es das schon als schwedischen Bestseller gibt.
Ich schreibe öfter über solche Verwechslungen und höre dann, daß man das nicht darf, weil es niemanden interessiert und ich nicht so larmoyant vor mich hinjammern soll und als ich das schon beinah glaubte, kam der junge Erfolgsautor daher und schrieb mit “Das bin doch ich” eine Satire über den Literaturbetrieb und über einen Autor der Thomas Glavinic heißt, ein Hypochonder ist, einen Roman “Die Arbeit der Nacht” geschrieben hat, auf die Veröffentlichung wartet, dabei im 5. Bezirk und seinen Szenelokalen herumstolpert, im Rabenhof liest und von seiner Mutter mit Informationen beliefert wird, wie hoch oben sein Freund Daniel Kehlmann jetzt schon auf der Bestsellerliste steht.
Er ist damit sogar auf die Shortlist des deutschen Buchpreises gekommen und ich war verwirrt, denn ich habe ja gedacht, darüber darf man nicht schreiben. Noch mehr hat mich verwirrt, daß der Autor offenbar in meiner Nähe wohnt und die Buchpräsentation fand auch in dem Lokal an der Ecke statt. Da habe ich fast gedacht, er hätte die Idee über den Literaturbetrieb zu schreiben von mir und vielleicht sogar meine weggeschmissenen Manuskriptseiten aus dem Müllcontainer geholt. Inzwischen denke ich, er wird von selber daraufgekommen sein und wenn man einen großen Namen hat, darf man auch darüber schreiben. Dann ist es interessant, denn die Dusl hat ja, wie Leselustfrust ebenfalls anmerkte, mit “Boboville” den Fortsetzungsroman geschrieben, der spielt auch im fünften Bezirk und in seinen Szenelokalen, Thomas Glavinic und Thomas Maurer kommen vor und die drei haben auch das Lesefest der Buch-Wien im Museumsquartier im letzten Jahr eröffnet.
Wer wird den dritten Roman dieser Serie schreiben?, hat Leselustfrust gefragt und ich habe, glaube ich, auf Klaus Nüchtern getippt.
Nun hab ich ja auch einiges über den fünften Bezirk und das erfolglose Schreiben, aber das lockt nicht die Massen zu Anna Jeller.
Diesen Roman habe ich gelesen und bevor ihn mir Alfred schenkte, auch bei Libro in St. Pölten durchgeblättert, schon um Ähnlichkeiten zu entdecken. Waren natürlich keine. Aber die Buchhandlung Jeller kommt in beiden Büchern vor und der Unterschied zu mir ist wahrscheinlich auch, daß ich mit Herzblut darüber schreibe, während die sich lustig machen.
Jetzt gibt es ein neues Glavinic-Buch, leselustfrust.wordpress.com hat es gestern besprochen und sehr viel Wissenwertes über den Autor und seine Bücher angefügt und es geht, wenn ich es richtig verstanden habe, um einen Jonas, die Fortsetzung aus der “Arbeit der Nacht” vielleicht, der auf einer Parkbank einen seltsamen Mann trifft, der ihm seine Wünsche erfüllen will.
Er nimmt das nicht ernst und rennt dadurch ins Chaos, weil plötzlich alle um ihn sterben und am Ende schwimmt er mit seiner Freundin Marie im Meer davon. Das hab wohl ich jetzt ein wenig flapsig zusammengefaßt, ohne das Buch zu kennen.
Leselustfrust nennt den Roman düster, meint man soll oder muß ihn mehrmals lesen, um alle seine Möglichkeiten und Anspielungen zu verstehen und zitiert Kafka.
Klingt sehr interessant, ich werde in den nächsten Wochen sicher mehr darüber hören.
Ich könnte dazu anmerken, daß es beim “verrückten Traum der Thea Leitner” auch um das Wünschen geht. Da verspricht eine gute Fee der erfolglosen Autorin, daß ihr ab nun alles gelingt, sie wacht auf, ihr einziger Klient sagt ab, sie will ihr Manuskript kopieren, geht auf die Bank, hebt ihr Erspartes ab und fährt nach Salzburg, landet im Starverlag und verliebt sich in den Lektor …
Ja, ich wechsle meinen Stil und meine Themen nicht so schnell. Böse Zungen könnten wieder vom Dilettantismus sprechen und meine drei Wünsche habe ich auch parat, wenn ich zufällig die gute Fee auf einer Parkbank treffen sollte, während ich mein Manuskript korrigiere.
Also weghören, denn ich wünsche mir wirklich den Nobelpreis, das Charisma mit allen gut auszukommen und als dritten Wunsch, daß sich alle an die zehn Gebote halten, also nicht lügen, morden, stehlen, schwarzfahren oder Steuer hinterziehen, das mit der Unkeuschheit sehe ich nicht so genau und gläubig bin ich ebenfalls nicht.
Also wieder sehr naiv, das ist wahrscheinlich auch ein Unterschied zu Thomas Glavinic, Daniel Kehlmann und Andrea Maria Dusl, die das vermutlich nicht sind.
Day: 19. August 2009
Rechtschreibfragen
Über die Rechtschreibung, die alte und die neue und, wie ich dazu stehe, habe ich auf diesem Blog noch nicht geschrieben.
Es ist aber wichtig, ich habe dazu eine Meinung und die hat sich im Laufe meines Schreiberinnenlebens auch verändert.
Ich mache viele, viele Rechtschreibfehler, meinte Frau Heidegger und das meinte anno 1972 oder so, auch Frau Professor Friedl in der höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe in der Wiener Straßergasse. Sie hat den Kopf geschüttelt und gesagt “Da kann ich Ihnen wirklich nur ein minus sehr gut geben!”, hat es gut gemeint und mir in weiterer Folge damit wahrscheinlich einige Stipendien vermasselt.
Oder natürlich nicht, denn ich bin für mich selbst verantwortlich und habe damals auch sehr selbstbewußt, individualistisch gedacht, die Rechtschreibung ist egal, ich schreibe, wie ich will!
Daß das in einer Gesellschaft wie dieser sehr schwer ist, habe ich erst viel später begriffen, logisch erscheint es mir immer noch und als Ansatz ist es das, zu dem ich stehe, obwohl ich mich nicht mehr daran halte!
Denn dann kam die inzwischen sechsunddreißigjährige Schreiberfahrung und auch die Rechtschreibreform und die österreichische Autorenschaft hat sich der neuen Rechtschreibordnung ja ziemlich geschlossen verweigert.
Es kam auch der Computer, nicht das Rechtschreibprogramm, das verwende ich nicht.
Ich bin außer individualistisch aber auch sehr ehrgeizig und genau, machte eine Verhaltenstherapieausbildung, lernte in meinem Therapeutinnenleben, daß Menschen mit Ängsten und Depressionen Strukturen und Haltegriffe brauchen und in meinem Schreiberinnenleben gewöhnte ich mir an, in ein paar Monaten einen Rohtext zu verfassen und dann ein halbes Jahr lang daran zu korrigieren.
Was mache ich in dieser Zeit, werden meine Leser fragen?
Ich lese mir den Text solange durch, bis ich damit zufrieden bin und so habe ich mir in den letzten Jahren auch eine ziemlich genau Rechtschreibung nach der alten Ordnung mit einigen Adaptionen erarbeitet und auch einen Duden auf meinen Schreibtischen liegen. Einen ganz alten, aus der ehemaligen DDR und da schaue ich dann nach, in der letzten Zeit immer mehr bei Google.
Die S-Schreibung, die Fälle und die Beistriche verweigere ich noch immer. Das korrigiert mir dann der Alfred.
Ansonsten bin ich in den letzten Jahren sehr genau geworden, denke mir zwar manchmal, “Hallo, du wolltest dich doch nicht an Rechtschreibregeln halten?”
Und meine Liebe zur Literatur hat sich sicher bei der Frau Professor Friedl entwickelt, bzw. hat sie wohl den Grundstein dazu gelegt. Mit ihren langen Leselisten, auf denen neben Schiller und Goethe auch die Namen Anton Wildgans, Max Mell, etc standen.
“Lesen Sie das alles!”, hat sie gesagt, dann war das Schuljahr zu Ende, die Matura da und ich habe auch viel gelesen.
Im Sommer 1973 oder 1974 “Den Mann ohne Eigenschaften” und sicher nicht verstanden, aber auch Jahre gebraucht, um die Geschichte hinter den Namen Wildgans, Mell etc. zu begreifen, um das mal so auszudrücken, weil ich keine Ahnung von der politischen Sozialisierung der Frau Professor Friedl habe, die schon lang gestorben ist und eine sehr gute Lehrerin war!
Inzwischen habe ich mir dieses Wissen erarbeitet, neunzehn Digitalbücher (und eins in der Edition Wortbrücke, eines beim Fischer TB Verlag und eines bei ORAC) geschrieben und, wie ich aus einigen Rückmeldungen weiß, mache ich wenig Fehler.
Aber natürlich viele viele in der alten Rechtschreibordnung mit dem falschen S, den Fällen und meinen emotional gesetzten Beistrichen. Der Alfred korrigierts, das scharfe ß gebe ich nicht her und ansonsten glaube ich immer noch, man soll so scheiben, wie man will.
Weiß, daß ich damit gegen Windmühlen renne, denn ich will gleichzeitig perfekt und ohne Fehler sein!
Wer löst mir diesen Widerspruch? Vielleicht ist es auch keiner! Oder sagen wir mal so, ich kann damit leben und nun wieder zum aktuellen Korrigierbericht, denn damit geht es mir ganz gut.
Bei der “Radiosonate” vor einem Jahr kann ich mich erinnern, daß ich eine Zeitlang sehr lustlos war, das ist jetzt nicht der Fall und zu 80% gefällt es mir auch. Ein paar holprige Stellen sind zwar noch drin, aber eigentlich nur wenige.
Daß es mit der “Verwinklerung” der Sprache nicht klappen wird, haben sich meine Stammleser wahrscheinlich ohnehin gedacht. Das liegt mir nicht, ich bin eine realistische Schreiberin. Es ist aber viel Dialog enthalten und auch eine Handlung, die sich weiterentwickelt, auch die Charaktere verändern sich.
Eher einfach strukturiert, das liegt wohl an meiner Person, an meinem Literaturbegriff und daran, daß ich mich für Randgruppen interessiere und für die, die nun wissen wollen, ob es eine Sophie Essen, Sophie Hunger, etc. werden wird?
Da habe ich einen Kompromiß gefunden, denn der Hinweis hat schon gepasst. Wenn ich zu Anni Bürkl nach Gars am Kamp gefahren wäre, hätte ich genau das diskutiert und so wird aus der Sophie Hunger eine Sophie Hungerer werden.
Vielleicht nicht ganz so schön und für das nächste Mal nehme ich mir vor, auch da ein wenig genauer zu sein, denn ich bin ein impulsiver Typ, ich nehme, was ich höre und habe dann das Problem!