Die Mann im Mond

Helmut Zenker, 1949 -2003, ein “Wespennest-Mitbegründer”, der sich später auf Kriminalromane verlegte, die berühmte “Kottan-Serie” schrieb und uns, als ich einmal mit der Monika von Salzburg nach Wien stoppte, mit dem Auto migenommen hat und ich sehr stolz darauf war, daß ich ihn erkannte, hat Ende Achtzig, Anfang Neunzig, eine kleine, im “Europa-Verlag” erschienene Serie mit einer behinderten weiblichen Heldin “Minni-Mann” geschrieben, von denen ich mir einige Bücher vom Alfred, zum Geburtstag, glaube ich, schenken ließ.
Jedenfalls bin ich mit einem und dem Frans aus Holland, 1989 wars, glaube ich, ein Wochenende nach Budapest gefahren und habe, den Antikrimi oder die Krimiparodie, denn ich glaube, daß es das ist, was Zenker schrieb, auch begierig gelesen.
“Minni Mann”, “Kleine Mann was nun?”, hießen die Bücher und stehen in Harland im Bücherregal in der Küche.
Dann gibt es noch “Die Mann ist tot und läßt Sie grüßen” und “Die Mann im Mond”, letzteres stand vor einiger Zeit ganz neu und ungebraucht, in mehreren Exemplaren im Bücherschrank am Zimmermannplatz und ich habe mir beim Lesen ein bißchen schwer getan, liegen mir die Nonsenskrimis ja nicht so und es ist auch schwer die Handlung zusammenzubekommen. Wahrscheinlich weil es keine richtige gibt und Zenker vor Einfällen, Verwicklungen, etc, nur so sprühte und das auch sehr genau und ausgiebig zelbrierte.
So hat das hundertsechzehn Seiten Büchlein, 1990 erschienen, von Karin Jahn lektoriert, ein genaues Inhaltsverzeichnis der handelnden Personen, da ist einmal die Detektivin Hermine Mann, zweiundzwanzig, einen Meter zwanzig groß, körerbehindert und rotzfrech, ihr Assistent Joey Howorka, die Polizisten Eberhard Sedlak und Lucky Bittner und dann, die aktuellen Protagonisten.
Es gibt einen Prolog und zwei Epiloge und verschiede Anmerkungen mit Gewinnspielen, Geschichten und dem Hinweis, daß der Autor 2006 den Nobelpreis bekäme und dann mit den Krimis aufhören würde.
Das hat er leider nicht mehr erlebt und die Krimihandlung spielt sich dann in dreizehn Kapiteln ab. Da wird zuerst der Geschäftsführer einer Peepshow beim Strippen auf der Scheibe erschossen aufgefunden. Daneben liegt ein Zettelchen mit der Inschrift “Sweet Surrender”, dann kommt ein Mann mit Namen Markus Herzner zu Minni Mann und läßt von ihr seine Frau suchen, als er zum Scheckheft greift, fällt er zusammen, denn er hatte auch eine Kugel im Körper.
Nach und nach stellt sich heraus, daß “Sweet Surrender”, ein Glücksspiel ist, wo man zwei Millionen gewinnen kann und es haben sich fünf Leute zusammengetan, um alle zehn zu gewinnen, wenn sie einander umbringen und als letzter überbleiben.
So läßt sich die Handlung, glaube ich, zusammenfassen.
Verwicklungen gibt es dazwischen natürlich auch. So wird Minni Mann von einem Steuerprüfer heimgesucht, sie stiehlt ein Auto und einen Swingerclub muß sie mit ihren Assistenten auch aufsuchen, wie es sext und crimt halt und das Ablaufdatum, 1990 gab es offenbar noch keine Handies und man mußte Telefonzellen aufsuchen, ist auch zu spüren.
Spannend spannend, zwanzig Jahre nach Erscheinen noch ein paar brandneue Restexemplare zu erwischen.
“Minni Mann” wurde vor ein paar Jahren auch von “Wien live” als Sommerlesehefterl neu aufgelegt und, wenn mich mein Bibliothekskatalog nicht täuscht, müßte ich “Die Mann ist tot und läßt Sie grüßen”, noch finden und eine Frage hätte ich auch an den Autor, die ich ihm leider nicht mehr stellen kann, denn was ich nicht verstanden habe, ist, wieso die Geschichte so heißt, wie sie heißt, denn ein “Mond” kommt darin nicht vor und die kleine rotzfreche Detektivin wird auch nicht dorthin geschossen.
Aber vielleicht habe ich was überlesen und das Swingerlokal in dem die Party stattfand, hieß vielleicht so, vielleicht war es auch nur einer der Einfälle des Autors, der übrigens auch für die Kommunisten kanditierte und ein paar Mal am Volksstimmefest gelesen hat, denn es ist ein sehr schöner Titel.

Mein Leben in Aspik

“Unglaublich”, “Ein irrwitziger Barock-Petry Slam”, “Wow, was für ein Buch”, “Komisch, schwarzhumorig, überbordend, respektlos, ein ganz großer Spaß”, steht am Buchrücken von Steven Uhlys Romanerstling “Mein Leben in Aspik”, bei Amazon kann man ein paar ratlose, beziehungsweise ablehnende Rezensionen finden und ich frage mich, ob das Buch des 1964 in Köln geborenen Autors, der deutsch-bengalischer Abstammung ist und mit einem spanischen Stiefvater aufwuchs, von dem ich auch “Adams Fuge” gelesen habe, eine Schelmensatire, ein Inzestroman, eine Abrechnung mit den Deutschen oder einfach das Produkt von Uhlys Fabulierlust, der mit einem mehr oder weniger großen Konzept dahintreiben ließ, die Politik des letzten halben Jahrhunderts auf die Schaufel nahm und dabei ein paar Tabubs brach, ist.
Habe mir, da ich ja eine eher ernsthafte Leserin bin, die nicht so gern lauthals vor sich hinlacht, mit dem Buch etwas schwer getan, andererseits war es spannend zu lesen und der unglaubliche Inhalt floß auch leicht dahin.
Worin geht es in dem seltsamen Familienroman, des namenlosen Ich-Erzählers, der damit aufwuchs, daß ihm seine Oma, wie andere Kinder Märchen vorgelesen bekommen, vor dem Einschlafen erzählte, wie sie den Opa umbringen würde.
Jahrelang, bis er fünfzehn war, dann starb der Opa an Rattengift, es erschien die Polizei, die Mutter bekam einen Weinkrampf, die Oma konnte sich herausreden und der Enkel zog nach Köln, um Philosophie zu studieren.
Dann kam die Mutter auf Besuch und erzählte, daß sie sich deshalb vom Vater trennte, weil der von der Oma ein Kind bekommen hat.
Der Enkel zieht nun nach Berlin, wird dort von der sechzehnjährigen Natascha, seiner Halbschwster oder Tante erwartet und die beiden verbringen die nächsten Tage im Bett, bis die Glieder schmerzen und die Polizei anklopft, denn Natascha ist noch minderjährig und die Mama hat den Sohn angezeigt.
Er kommt ohne Gerichtsverhandlung ins Gefängnis, die Mama holt ihn aber heraus und er soll nun Natascha in Hinkunft meiden, es kommt aber zu einem großen Familientreffen, das damit endet, daß der Sohn bzw. Enkel in Ohnmacht fällt und unter dem Tisch, sowohl Natascha, als auch die indische Freundin seines Vaters, beziehungsweise die Großmutter schwängert, obwohl die altersmäßig darüber sein müßte und der Vater behauptet auch, daß Natascha von ihm schwanger wäre und bietet einen Frauentausch an.
Natascha fällt nach der Geburt ihrer Tochter ins Koma, die Inderin Shalini zieht zum Ich-Erzähler, bietet sich ihm als Sex-Sklavin an, während er die kleine Schantal Maria Jose täglich ins Krankenhaus bringt, damit Natascha sie stillen kann.
Dann werden seine Söhne Heinz, der von der Gromutter, die inzwischen mit einem Archie zusammenlebt und den Ich-Erzähler als Heinz Neffen ausgibt und Anurag geboren. Der Vater möchte, daß er etwas arbeitet und so steigt er in dessen Buffs als Barkeeper ein, wird selber zum “nettesten Zuhälter” von Berlin, muß dann fliehen und bringt sich, als in Berlin die Mauer fällt und die Wende kommt, als Obdachloser durch. Er dreht auch ein bißchen durch, rennt nackt im Schnee herum, so daß ihm seine Zehen amputiert werden müßen, dann gehts zurück zur Oma und auf die Suche nach dem richtigen Opa, denn der mit dem Rattengift war der falsche. Der Echte war ein Nazi, der jetzt als Jude getarnt in München leben soll, so begibt sich der Held, der sich inzwischen Steven Uhly nennt, in die “Vier Jahreszeiten” und wird dort von seinem Opa mit dem Messer attackiert und am Schluß, es sind jetzt wieder ein paar Jahre vergangen und die Kinder erwachsen geworden, beginnt er seine Geschichte aufzuschreiben….
“Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie nicht alles verstanden haben!”, habe ich in einer Rezension noch gelesen und ich habe für die, die mir immer das Inhalt nacherzählen vorwerfen, anzufügen, daß da noch einiges fehlt, weil man das bei dieser Geschichte wirklich nicht kann.
Schundroman, Porno oder grandioser Zeitroman beziehungsweise ein sich darüber Lustigmachen? Wahrscheinlich alles zusammen, noch viel mehr und etwas weniger.
Steven Uhly hat jedenfalls weitergeschrieben und ist mit dem dritten Roman, dem “Glückskind” wahrscheinlich noch ein bißchen bekannter und berühmter geworden, aber das habe ich noch nicht gelesen, nur bei einem meiner “Frankfurter-Buchmessen-Surfings” darüber gehört.

Schwimmfüchslein

“Schwimmfüchslein”, Judith Gruber-Rizys fünftes Buch, im Oktober im Republikanischen Club vorgestellt, wo es mir der Alfred kaufte und ich es dann nicht mehr 2013 zu lesen schaffte, ein Roman, der, wie auch die anderen Romane der 1952 in OÖ geborenen, die mir einmal Arthur West vorstellte, GAV Mitglied und seit eingen Jahren in der Frauen lesen Frauen Gruppe des Wiener Lesetheaters sehr engagierten Autorin, eine Rosa als Erzählerin hat.
Ob es die gleiche ist, habe ich Judith Gruber-Rizy einmal gefragt und weiß die Antwort nicht wirklich, “Aurach” und “Drift” habe ich gelesen, die Bücher mit ihr getauscht oder zu den Geburtstagsfesten bekommen und dieses geht um die Rolle der Künstlerin und ihre Benachteiligung in der Gesellschaft, beziehungsweise um die Malerin Gabriele Münter, 1877-1962, die eine langjährige Beziehung zu Wassily Kandisky hatte.
Aber das deutet Judith Gruber-Rizy nur an, der Maler wird nur K. genannt, sie Ella-Gabriele oder eben Schwimmfüchslein, wie der Maler, seine Geliebte, der er nach seinen Willen zu formen versuchte und dann verließ, um eine andere zu heiraten, nannte und auch die anderen Beispiele von Künsterbeziehungen, werden, was ich für einen Nachteil halte, nur und mit Buchstaben statt mit dem Namen genannt. So daß ich gerne wüßte, wer der Nobelpreisträger um Mileva Maric ist? Das Venetiana oder Veza Magd, beziehungsweise Veronika Knecht mit Veza Canetti identisch ist, weiß ich inzwischen und ihr Nobelpreisträger, ist laut Judith Gruber mit ihr schmählich umgegangen und hat sie mit Anna Mahler, der Tochter von Alma und Gustav Mahler betrogen?
Auch das wird nur angedeutet und das Buch beginnt damit, daß Rosa, eine Schriftstellerin mit einem ungenannten Ehemann und einem Sohn namens David, mit denen sie zusammen lebt, sich von ihnen nicht trennen will, sich aber ungeliebt und einsam fühlt und offenbar nicht viele Gemeinsamkeiten hat, außer für den Sohn zu kochen und mit dem Mann gelegentlich in ein Konzert zu gehen, mit dem Zug von der Sommerwohnung, am 6. Dezember im Zug zurück nach W. reist.
Da findet sie ein Buch, das in einer altmodischen Hülle steckt, schaut es an, denkt darüber nach und steckt es, weil es offenbar niemand haben will, am Westbahnhof wahrscheinlich, ein und versteckt es dann verschämt in ihrer Nachttischladen und liest ein Jahr an der Beziehung zwischen der jungen Malerin und dem berühmten Russen, der ihr, verheiratet, die Ehe verspricht, sie versteckt, eine ihrer Ausstellungen, aber offenbar ihren Erfolg doch nicht verhindern kann und stellt Vergleiche zu sich selber an.
Rosa, die Schriftstellerin oder vielleicht doch nur Hausfrau, sie kocht und putzt und gießt die Blumen, während Sohn und Ehemann, offenbar ein Lehrer, zur Schule gehen. Sie ist von ihm aber nicht abhängig, sondern spekuliert an der Börse, weil sie von ihren Büchern nicht leben kann. Fühlt sich in ihrem Schreiben nicht ernst genommen, Mann und Sohn halten jedenfalls nicht viel davon, hat aber Freundinnen und Gleichgesinnte, hat Preise gewonnen, veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien, geht am Abend oft zu Lesungen und am Ende des Buches ist wieder Weihnachten, sie reist in die Sommerwohnung und beginnt ein Buch über das “Schwimmfüchslein” zu schreiben.
Ein paarmal habe ich Judith Gruber Rizy aus dem Buch schon lesen gehört, beim Volksstimmefest, bei der Poet Night vielleicht und habe mir daher meine Vorstellungen darüber gemacht. Es wirft natürlich viele Fragen auf, eine ist wieder die nach der Autobiografie, denn Judith Gruber hat ja einen Sohn, eine Sommerwohnung und einen schreibenden Ehemann und ein Thema ist auch die Unterdrückung der Frau in Künstlerbeziehungen. Die in dem Buch erwähnten, sind eher aus dem Neunzehntenjahrhundert und die unterdrückten Frauen, die zum Teil ihre Selbständigkeit aufgaben und den Erfolg nicht hatten, während die Männer den Nobelpreis bekamen, waren Angehörige der Ober- oder zumindest einer Bildungsschicht und wie ist das heute, wo es das in dieser Form vielleicht nicht mehr so gibt?
Da werden von den Tausenden, die vielleicht auch malen, schreiben, musizieren wollen, zwanzig oder dreißig auf die Akademien aufgenommen. Der Rest kann inzwischen selber publizieren oder in Beiseln auftreten und hat da den Spott und die Häme und wird genauso übersehen, wie im neunzehnten Jahrhundert, wahrscheinlich die vielen Dienstmädchen, die gar nicht auf die Idee kamen, zu zeichnen, zu schreiben und zu malen und das betrifft ja auch mich, die ich das, aus keiner sehr priveligierten Schicht und keinem Künstlermilieu kommend, nach meiner Knödelakademiematura für mich ganz selbstverständlich zu machen begann und immer wieder hörte “Du bist nicht gut genug, hör damit auf, du schreibst zu viel, weil das ja niemanden interessiert!” und das waren oft Frauen, die mich nicht im Literaturhaus, im Cafe Prückl etc, lesen ließen und das Lesetheater hat meine Werke auch noch nicht sehr oft aufgeführt und bei mir waren es nicht die berühmten Männer, die mein Schreiben verhindert haben.
Gibt der Alfred ja meine Bücher heraus, geht zu meinen Lesungen, fotografiert dort und seine Fotos sind sehr begehrt und werden immer wieder angefordert, während ich meine Bücher genauso trotzig seit 2000 selber mache, da war es auch der Alfred, der mich auf diese Idee brachte und seit sechs Jahren blogge, was auch nicht wirklich anzukommen scheint.
Das Thema Unterdrückung der Frau in Künstlerbeziehungen ist aber interessant, ich habe ja schon öfter geschrieben, daß ich mit Mitte zwanzig, als ich zu den Arbeitskreistreffen der schreibenden Frauen zur Valerie Szabo ging und mir ihr Mann die Hand küßte, naiv dachte, er würde mich jetzt fördern, später habe ich herausgefunden, daß er das bei seiner Frau auch nicht tat.
Judith Gruber Rizy lebt mit Helmut Rizy mit einem gleichfalls schreibenden Ehemann und von dem Paar Ernst JandlFriedericke Mayröcker habe ich auch schon gehört, daß sie in seinen Schatten gestanden ist und den “Büchner-Preis” erst ein paar Jahre nach der Elfriede Jelinek bekommen hat.
Ein interessantes Thema also, aber das neunzehnte Jahrhundert ist mit dem einundzwanzigsten und seinen prekären Lebensverhältnissen wahrscheinlich nicht zu vergleichen und ich bin sowieso der Meinung, das jeder der möchte, schreiben, dichenten, komponieren soll, bin dabei aber auch in der Bloggerlandschaft, in die ich in den letzten Jahren ausgewichen bin, allein, höre ich da doch immer von der schlechten Qualität der Selbstpublisher und, daß man leider leider keine Zeit hätte, sich dafür zu interessieren, etc, es wird aber trotzdem sehr viel geschrieben.
Ob mehr als früher, weiß ich nicht und auch nicht, ob wirklich die Männer, die Frauen noch unterdrücken, gibt es inzwischen ja die Fräuleinwunder und sehr viele, sehr selbstbewußte schreibende Frauen, die sich auch gut zu vermarkten und zu vernetzen verstehen.
Die Zeiten haben sich geändert, bei den Stipendien und den großen Preisen werden aber wahrscheinlich immer noch die Männer bevorzugt, obwohl die einzige Nobelpreisträgerin, die wir haben, weiblich ist, was auch nicht zur Gänze stimmt, denn der schon erwähnte, ist ja irgendwie auch Österreich zuzuzählen, obwohl er in Bulgarien geboren wurde, in der Schweiz gestorben ist und ich mich erinnern kann, daß ich einmal Kurt Neumann fragte, ob er jetzt ein Österreicher oder Engländer ist und seine Antwort war, glaube ich, nicht so klar.

Festival lateinamerikanischer Poesie

Noch eine Lyrikveranstaltung, die neben der “Poliversale” derzeit in Wien stattfindet, fein, denn von Lyrik kann man nicht genug bekommen und so hatte ich mir die Eröffnungsveranstaltung heute im Literaturhaus auch dick angestrichen, dann aber die vielen Konkurrenzveranstaltungen gesehen, Barbara Neuwirth in der “Gesellschaft für Literatur”, die mich dazu einlud, Mirko Bonne in der Hauptbücherei, die “Poliversale” gab es auch und die “Literarische Soiree”, so war ich etwas unentschlossen, wo ich den Mittwochabend verbringen werde, da ich dem Lehrer aus Retz aber seine signierten Bücher zurückgeben sollte und er das Literaturhaus vorschlug, hat es sich entschieden und es war eine tolle Veranstaltung.
Denn da gibt es das GAV-Mitglied Enrique Moya, der sich sehr für die Verknüpfung von österreichischen und lateinamerikanischen Autoren engagiert, eine Reihe “Auf Spanisch, bitte!”, im Literaturhaus hat, bei der ich war, als dort Lidio Mosca-Bustamante gelesen hat und dann das “Festival Lateinamerikanischer Literatur”, inzwischen schon zum siebenten Mal veranstaltet, bei dem ich bisher noch nie gewesen bin und dabei sicher einiges versäumte, was ich jetzt zumindest teilweise nachholen konnte. Denn das Festival findet an mehreren Abenden an mehreren Orten statt und als ich das Literaturhaus erreichte, gab es schon einen vollen Büchertisch und eine eigene Broschüre dieses und der vergangenen Festivals gibt es auch.
Das Besondere an der Veranstaltung ist, soweit ich es verstanden habe, die Verknüpfung von lateinamerikanischen mit österreichischen Autoren und so trat heute der Mexikaner Marco Antonio Campo, der Kolumbianer Gustavo Adolfo Garces und Gerhard Rühm, legendäres Mitglied der Wiener Gruppe, auf. Zuerst kamen aber Enrique Moya und die Übersetzerin Eva Srna auf das Podium und es gab eine lange Dankesrede, denn so ein Symposium muß natürlich unterstützt werden.
Der 1949 in Mexiko City geborene Marco Antonio Campo, der eine sehr eindrucksvolle Art zu lesen hatte, begann seine Vortrag mit der Feststellung, das Gedichte eigentlich nichts bewirken können, war dann aber sehr politisch und Erinnerungen an seine Eltern, seine Jugend, seine Kindheit gab es immer wieder auch.
Dann folgte der Doyen der österreichischen Literatur, der 1930 geborene Gerhard Rühm, legendäres Mitglied der Wiener Gruppe und an seinen Laut. und anderen Gedichten, kann man herrlich Spanisch lernen, da sich die Wortfolgen wiederholen und Claudia Sierich, die Übersetzerin, verstand auch sehr ausdrucksvoll zu lesen, zum Beispiel seine Litanei: “Ich glaube an die Kuh, an die Henne, an das Hirn und so weiter und so fort, bis das “Hirn im Ei” entstanden ist und sicherlich gut schmeckte und mir wurde und das habe ich dem Autor auch gesagt, erst heute klar, was er für ein großartiger Dichter ist.
“Besser spät als nie!”, antwortete er charmant und das “Blumenstück”, das Gedicht in dem es, um das Scheißen, Kotzen, Furzen in Bezug auf Blumen geht, das er in den Siebzigerjahren geschrieben hat und damit den Unmut der Kronenzeitung erregte, kann ich mich erinnern, daß ich es, in der Otto Bauergasse, in der ich damals wohnte, ausschnitt und mir aufgehoben hat.
Der dritte Gast des Abends, der 1957 in Kolumbien geborene Gustavo Adolfo Garces wurde von Birgit Weilguny übersetzt und gelesen, er hatte eher kurze, fast aphorimenartige Gedichte und Zweizeiler, die sehr oft von Vögeln handelten.
Nachher gab es Wein und Wasser und eigentlich eine sehr herzliche Unterhaltung, vielleicht ist das die lateinamerikanische Art, Gustavo Adolfo Garces sprach mich und den Chemiker, der auch gekommen ist, gleich an und umarmte uns herzlich, obwohl er kein Deutsch und Englisch und wir kein Spanisch verstanden.
Morgen, Freitag und am Samstag geht es sowohl in der Hauptbücherei, als auch im Literaturhaus und vor dem Theseus Tempel weiter, da werden auch E.A. Richter und Sabine Gruber, neben den lateinamerikansischen und spanischen Gästen lesen und ich habe wieder viel gelernt, obwohl ich bei den anderen Abenden fehlen werde, denn morgen muß ich zum ÖAAG-Reflexionstreffen und am Freitag geht es mit dem Herrn Sladky und seiner Wandergruppe in Hochschwabnähe.

Apropos

In den frühen Achtzigerjahren hat der “Goldberg-Verlag” zwei Bände mit Nachgelassenen von Friedrich Torberg, zusammengestellt von Herbert Eisenreich und Marietta Torberg herausgebracht.
“Apropos”. Texte, Artikel des Homme de lettres, wie er sich selber nannte, 1908-1979 in Wien geboren und gestorben.
Dazwischen lag eine nicht bestandene Matura in Prag, die zum ersten weltberühmten Roman führte, eine Emigration über Portugal nach Amerika, eine Rückkehr nach Wien in den Fünzigerjahren und ein äußerst vielseitiges literarisches und öffentliches Leben.
Die “Gefahren der Vielseitigkeit” hieß eine Ausstellung, die es 2008 im jüdischen Museum gegeben hat und genau dieser Begriff taucht im ersten Band, den ich zusammen mit den “Erben der Tante Jolesch” in einem der Schränke gefunden habe, wieder auf, in der ersten Abteilung des Buch “Apropos Heiteres vom Totenbett” und da finden wir auch diese Grabinschrift wieder, von der Torberg auch in den “Erben” schreibt.
Friedrich Torberg, der Vielseitige, der Homme de lettres, nicht der Dichter, wie er sich selber nannte, obwohl er schon als Kind Gedichte schrieb, der mindestens in fünf Genres tätig war, Sportmeister war er auch und Herausgeber des “Forums”. Als ihm ein Buchhändler dann erzählte, daß einer der Kunden ihn fragte, ob der Autor des “Schüler Gerbers” der vom “Forum” ist, hat er angeblich damit aufgehört. Briefe hat er auch viele geschrieben und hat die Menschen wieder angeblich in Brief- und Nichtbriefschreiber eingeteilt. Briefe von Nichtbriefschreiber hat er nicht beantwortet.
Der erste Teil ist also eine Einleitung, eine Art Biografie, im zweiten “Apropos Deutsch als Sprache, als Kauderwelsch und auch ortografi”, gibt es dann Artikel für und gegen eine gute Sprache, das österreichische Deutsch wird vom deutschen Deutsch unterschieden und ein “Fehlender Beistrich bei Kleist” wird bemängelt und Heinrich Heines “Buch der Lieder” ein wenig geringgeschätzt:
Heut weiß man, daß du der Dichter
des “Buchs der Lieder bist…
Im Zweifelsfalle entscheiden
Die Deutschen sich stes für den Mist.”
Bumm, das wird dann gleich ein bißchen zurückgenommen und einen Artikel über die “Schlager” hat er 1978 auch geschrieben.
Teil drei heißt “Apropos Österreich, dieses selbst, und die lieben Nachbarn” und beginnt mit der Frage “Gibt es eine österreichische Literatur?”, die er 1954, natürlich anders beantwortete, als ich es heute täte und von der “Innsbrucker-Jugend-Kulturwoche” von 1953 berichtete, bei der an die hundert junge österreichische Autoren antraten, die er nicht namentlich nannte und an ihnen auch nicht viele guten Haare fand.
Ich weiß von “Jugend Kultur Wochen”, etwas später, bei der Elfriede Jelinek und andere auftraten und 1973 haben sich die damaligen jungen Autoren sehr kritisch vom damaligen PEN abgespaltet.
Diese Dichter werden vielleicht nicht zu Torberg Lieblingsautoren gezählt haben.
In dem Artikel von 1954 beruft er sich natürlich auf Grillparzer, Raimund, Nestroy, Schnitzler und bedauert, daß viele der altösterreichischen Dichter den Krieg nicht überlebten.
Stefan Zweig beging als 60jähriger in Brasilien Selbstmord, Robert Musil starb ungefähr gleichaltrig in der Schweiz, Franz Werfel war 54 Jahre, als er in Kalifornien buchstäblich an gebrochenen Herzen zugrunde ging, Joseph Roth hat sich mit 45 Jahren vorsätzlich zu Tode getrunken, im gleichen Pariser Exil, in dem Ödön von Horvarth von einem stürzenden Baum erschlagen wurde.”
Dann gibts Portraits von Peter Altenberg, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Heimito von Doderer, Franz Theodor Czokor und “Persönliche Erinnerungen an Karl Kraus”, den Friedrich Torberg sehr verehrte und der ihm das Telfonbuch empfohlen hat, als er nach einem “nützlichen Buch” fragte. Das hat ein anderer deutscher Meister, nämlich MRR auch einmal getan.
Der 1954 verstorbene altösterreichische Dichter Fritz von Herzmanovsky-Orlando wird von Torberg auch ausführlich gepriesen und eine Kurzeinführung in seinen “Gaulschreck von Roseneck”, dem Theaterstück “Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter”, etc gegeben. Torberg der viel von dem eigenwilligen Dichter hält sieht im Jahre 1964 eine Hermanovsky-Orlando Renaissance, während er im vierten Teil “Apropos Witz, Satire, Parodie und tiefere Bedeutung, nebst einem Anhang mit eigenen fremden Federn”, Peter Hammerschlag 1972 für unbekannt hält. Beides hat sich glaube ich inzwischen ein bißchen geändert, was das Lesen des Buches interessant und spannend macht.
Eine ausführliche Analyse über “Fug und Unfug des politischen Witzes” wird an Hand guter und nicht so gelungener Beispiele auch gegeben und dann gehts, wie schon im Titel angekündigt durch die literarische Parodie, mit der sich ja der mit Friedrich Torberg befreundete Robert Neumann besonders hervorgetan hat. Ein paar eigene Beispiele gibts natürlich auch, darunter eine Parodie genannte Besprechung von Heinrich Bölls “Die verlorene Ehre der Katharina Blum” – “Jetzt Böllerts” und am Schluß noch ein GedichT
“Einsichten
Seit ich
in einem literaturkritischen Aufsatz
ein Zitat von Peter Weiss gelesen habe—
schreibe ich nur noch Gedichte”
Ein interessantes Buch in dem man in die Ansichten des Vielseitigen eintauchen und sich ein Bild vom Literaturbetrieb des Wiener Literaturbetriebs der Neunzehnfünfziger bis Siebzigerjahre machen kann.

Wilde Worte am Pfingstmontag

Die “Wilden Worte” sind eine der wenigen Veranstaltungen, die auch Oster- oder Pfingstmontag stattfinden, ich gehe aber normalerweise am Wochenende und an den Feiertagen ohne den Alfred zu keinen Veranstaltungen. So war ich vor drei Jahren bei den “Wilden Worten” als dort Katharina Tiwald und der Alfred, glaube ich, in Portugal war und normalerweise fahren wir von Harland auch erst in der Früh des nächsten Tages zurück, aber morgen ist Alfreds Betriebsauflug und bei den “Wilden Worten” war Jürgen Heimlich am Programm, ein Autor der mir an sich unbekannt war, ich habe aber im vorigen Jänner oder Februar, ich glaube, bei “Frick” aus der Abverkaufkiste, zwei “Arovell-Bücher” gezogen, eines von der Anita Schaub und dann “Ende eines Genies” von Jürgen Heimlich und so war mein Interesse geweckt, denn das ist spannend, was und wer so bei “Arovell” erscheint bzw. verlegt.
Gertraud Klemm hatte dort ihren Erstling, bevor sie zu “Droschl” und jetzt zum “Bachmannpreislesen” kam und ganz am Anfang meines Bloggerlebens, hatte ich auch Paul Jaeg bei den Kommentierern, der mir anbot, ihm ein Manuskript für das übernächste Jahr zu schicken. Ich habe das bei der “Sophie Hungers” auch so gemacht, aber weil ich nicht so lange warten wollte, das Manuskript gleichzeitig zum “Digitaldruck” und das ehrlich, wie ich bin auch geoutet. Die Reaktion war die bekannte und ich hatte auch schon einen Termin bei den “Textvorstellungen”, als die Tochter mir absagte.
Wenn sie zugesagt hätte, wäre das vielleicht ein wenig schwierig gewesen, aber ein interessanter kleiner bis mittlerer Verlag, von dem ich das erste Mal, ich glaube 2004 oder 2005 war das, durch Margot Koller hörte, die dann auch nicht dort verlegte, ich greife aber, wenn ich Bücher in der Abverkaufskiste und ich den Autor kenne zu und vorigen Dienstag habe ich auch mit einem “Arovell-Autor” im Amtshaus Margareten gelesen.
Also gut, den Alfred fragen “Sind wir um acht schon zurück?”
“Ja!”, sagte er, aber dann war diesmal alles anders, weil am Sonntag einen Tisch bei Irene im Schloß Walpersdorf bestellt und also erst am Montag zum Pfingstfest nach Nußdorf an der Traisen fahren und dieses Wochenende war ja extrem heiß. Weil wir extra früh wegfuhren, schafften wir es aber einigermaßen frisch um zwölf in Nussdorf einzutreffen. Der Alfred drängte, um zwei zurückzufahren, ich dachte, das wird eine Schweinehitze und so war es dann auch, so daß wir, weil ich bei der Telefonzelle bei der Seedose einen Stop einlegen wollte, dort zwar zwei interessante Bücher fand, aber eigentlich kostete das eine halbe Stunde Aufenthalt und zwei Soda Zitron.
Dann mußte der Alfred noch gießen und auf der Autobahn gab es einen Stau, der Alfred brachte mich zwar hin, aber die Westbahnstraße konnte er nicht hineinfahren, so stieg ich aus und erreichte das Amerlinghaus um viertel neun. Dort war gerade Richard Weihs, sowie der Autor und ich glaube noch ein Besucher da. Es kamen dann noch zwei oder drei und Jürgen Heimlich der, wie ich dem Klappentext seines Buches entnehme, 1971 geboren wurde, eine Verlagsausbildung machte und seit 1989 als Autor aktiv ist, Richard Weihs sagte in der Einleitung noch etwas vom Zentralfriedhof, am Buchrücken steht etwas von “Friedhofsgeher, Fußballfan und Gesellschaftskritiker”, stellte seine bei “Arovell” erschienene Erzählung “Wunschfrei” vor und erzählte dazu, daß die Idee dazu auf Grund eines Traum gekommen ist.
Er hat von Koffern geträumt, die er sich holen sollte und dann irgendwie nie erwischte und mit “Wunschfrei” oder “Ein Koffer voller Wünsche”, wie es eigentlich heißen hätte sollen, wollte er auch gegen die Esoterikwelle anschreiben, die er, wie die Paulo Coelhos Bücher nicht sehr mag.
Das habe ich zwar nicht ganz verstanden, denn die Esoteriker, versprechen ja nicht wirklich alle Wünsche zu erfüllen, sondern reden eher vom positiven Denken oder den Kräften, die man in sich hat und fordern auf seinen eigenen Weg zu gehen und Paulo Coelho ist zwar ein sehr positiver Schreiber, hat aber ein großes Publikum und irgendwie sind seine Parabeln vom guten Leben vielleicht auch interessant und nützlich.
Und bei “Wunschfrei” ist mir natürlich der Roman von Thomas Glavinic eingefallen, der ja auch einmal um zwei Euro zu mir gekommen ist und der mir eigentlich nicht so besonders gut gefallen hat.
Ein spannendes Thema also, vor allem bei einer Veranstaltung in der es auch um “Wunschgedichte” geht und Jürgen Heimlich las drei Stellen daraus und versuchte dabei ganz verlagstechnisch den Inhalt nicht zu verraten, es gab aber, glaube ich, keinen Büchertisch, zumindestens habe ich keine Bücher aufliegen gesehen.
Es geht also um einen Paul und zu dem kommt ein Wunscherfüller bzw. ein Inhaber einer Wunschagentur und legt ihm einen Vertrag vor, Paul unterschreibt und wird damit unzufrieden.
So ähnlich ist es, glaube ich, auch bei Thomas Glavinic und ich habe ja auch einmal eine Wunscherfüllungsnovelle, nämlich “Den verrückten Traum der Thea Leitner” geschrieben, in dem ich versuchte mir meine geheimen Wünsche zu erfüllen.
Nachher gab es trotz der mangelnden Besucherzahl eine lebhafte Diskussion und natürlich auch die “Wunschgedichte”.
Da wünschte ich mir was von einem Autobahnstau, dem zu spät kommen am Pfingstmontag, das mit den Wortes “Es war einmal beginnt.”
Mal sehen was daraus wird und wenn auch Jürgen Heimlich, so habe ich es jedenfalls verstanden, gegen die Wunscherfüllung ist, beim offenen Bücherschrank fand dann eine statt, lag da, von mir fast übersehen, Sarah Strickers “Fünf Kopeken” darin und das steht, nachdem das die Blogger im letzten Jahr alle so eifrig lagen, ganz oben auf meiner Wunschliste und manchmal hat man da Glück.

Wachstumsschmerz

Nach dem “Mängelexemplar” kommt der “Wachstumsschmerz”, zwei Jahre nach dem Romanbestsellererstling geschrieben, widmet sich nun die 1979 in Ost-Berlin geborene Moderatorin dem Erwachsenwerden, beziehungsweise der “Quarterlife-Crisis” und beides stimmt nicht wirklich, denn die Herrenschneiderin und Castingbesucherin Luise ist zweiunddreißig, also schon längst erwachsen und für die Viertelkrise müßte sie hundertrzwanzig werden, was derzeit noch nicht der realistischen Lebenserwartung der Durchschnittsfrau entspricht, wie Luise in circa der Mitte des Buches selbst erkennt.
Und im Gegensatz zum “Mängelexemplar” ist Anfangs alles bestens, Luise und Flo, seit Jahren ein Paar, beschließen zusammenzuziehen und suchen eine gemeinsame Wohnung, weil sie ohnehin schon die meiste Zeit zusammenstecken und das zum Erwachsenwerden auch so gehört.
Sie finden auch eine und packen alles zusammen, die Umzugshelfer kommen, Luises Nachbarin eine Langzeitkunststudentin mit wenig Geld, die die Enge liebt, bereitet für die starken Männer veganes Quche, die allerdings lieber ungesunde Pizza mampfen.
Luise hat eine Schwester, die in Leipzig Psychologie studiert und gerne klettern geht. Flo ist Mangager in einer Kletterhalle. Luise klettert weniger, dafür geht sie gelegenlich zu einem Casting, weil sie einmal in einer solchen Agentur gelandet ist.
Da beginnt vielleicht das böse Ende, denn Luise kommt darauf, daß sie nicht wirklich genommen werden und in den Filmen blöde Rollen spielen will und ihre Mangagerin redet ihr ins Gewissen, sie soll sich überlegen, was sie will?
Das tut auch ihr Vater, der in zweiter Ehe eine kleine Pauli hat und in einem Verlag arbeitet. Luise arbeitet mit Kolleginnen in einer Agentur und schneidert alten Männern für tausend Euro neue Anzüge. Der Vater meint, sie soll eine eigene Kollektion kreieren.
Luise beginnt weiter nachzudenken und wird immer unzufriedener, sie bekommt Heulkkrämpfe, fragt sie Schwester um Rat, die von Sigismund Schlomo Freud zu sprechen anfängt, bei der Hochzeit eines Freundes von Flo eskaliert die Sache endgültig, weil sie und Flo den geforderten Geldbetrag in einem gewöhnlichen Kuvert, statt wie die kreativen anderen, als Selgelschiffchen gefaltet oder im Pudding versteckt mitbringen.
Luise schlägt Flo eine Auszeit vor, der zieht zu seinem Freund, der Großvater der Braut, den Luise bei beim Rauchen kennenlernte, kommt ins Atelier und will sich einen Anzug schneidern lassen, er redet ihrins Gewissen, so daß sie daraufkommt zu Flo zurückzuwollen und ihm schon nach zwei, statt der vereinbarten sechs Wochen eine E-Mail schreibt, jetzt will aber er nicht mehr und Luise bleibt allein in ihrer großen Betthälfte zurück, schreibt Memos und trägt auch zu große Schuhe, die ihr ihre Freundin Ricke borgt, denn das Erwachsenwerden ist schwer, wie in den Klappentexten steht, in Berlin und wahrscheinlich auch anderswo…
“Sarah Kuttner greift den Geist der Zeit auf!”, lese ich in einer Rezensionen, ich denke die liebe Luise hat sich in ihre Krise hineingedacht, beziehungsweise Sarah Kuttner ihre Prota in ihren gewohnten Schnodderton, dorthin gebracht und erinnere mich an die Ratlosigkeit, die vor einem dreiviertel Jahr ihr erstes Buch bei mir auslöste, in das ich erst langsam langsam hineinkam.
Jetzt war es umgekehrt. Das Hineinkommen war nicht das Schwierige. Denn da klappte ja noch alles, klang einfach und verständlich und war auch spannend zu lesen. Nur nachher wurde es schwer, denn so ganz kann ich nicht verstehen, daß zwei Menschen die lange und gut zusammenleben, wirklich durch das Zusammenziehen plötzlich nicht mehr miteinander können und Luise durch die Fragen ihres Vaters und der Agenturfrau den Boden unter den Füßen verliert und hoffe wirklich, daß das ein Reißbrettplot und nicht das das Problem der gesamte Generation Dreißig darstellt.
Irgendwo resumiert Luise einmal, daß sie ihre ersten Male nun schon vorbei hätte. Aber das stimmt ja nicht, das erste Kind, die erste Eheschließung, schließlich der erste Zahnausfall, vielleicht die erste Operation, das Klimakterium, der Haarausfall und zuletzt das Sterben fehlen bestimmt. Das Leben geht weiter, wenn man dreißig ist und bisher alles irgendwie klappte, denn da hat es erst angefangen und ist wahrscheinlich ein knappes Drittel vorbei.

Pfingstsommer

Pfingsten soll heuer heiß werden, war in den letzten Mittagsjournalen ständig zu hören, worauf sich alle, die auf die Hitze warten, freuten und wir sind wieder nach Harland gefahren, um das verlängerte Wochenende dort zu verbringen.
Pfingsten, das habe ich sicher schon geschrieben, hat bei mir Tradition, so kann ich mich an Pfingstrosen und ein Wochenende erinnern, das ich als Kind mit meinen Eltern und wahrscheinlich meiner Schwester in dem Häuschen am Almweg auf der Höhenstraße verbrachte, erinnern.
Später als Studentin bin ich ein paarmal mit dem Herrn Lembacher und den “Klub der logischen Denker” nach St. Gallen in die Steiermark gefahren.
Pfingsten in Harland ist die Radfahrt nach Nußdorf an der Traisen zum Mittagessen und Weinverkosten bei der Familie Herzinger und anderen.
Einmal ist mir da das Rad kaputt geworden, so daß uns Alfreds Eltern mit dem Auto abholen mußten und das Rad gleich in eine Werkstatt brachten. Heuer haben wir die Klappräder von Wien mitgenommen, denn Alfred kaufte mir ja vor kurzem eines, weil er sie auf unseren Sommerurlaub ins Elsaß mitnehmen und vorher ausprobieren will.
An ein Pfingsten, wo der Alfred mit dem Karli in Italien oder sonstwo war, kann ich mich auch noch erinnern. Es war das Jahr, wo die Ingeborg Bachmann ihren achtzigsten Geburtstag hatte und in Wien ein großes Symposium stattfand.
Da gabs am Pfingstsonntag eine Führung auf den Spuren Bachmanns, da bin ich auch auf das Buch vom Hans Weigel aufmerksam geworden, das ich seither so gerne in einem der Schränke finden will und als der Alfred in Portugal war, hat Batya Horn zu einer Veranstaltung in die “Galerlie Splitter” eingeladen, da hat E.A.Richter ein schönes Bild von mir gemacht, wie ich einen Stapel Zeitschriften auf den Judenplatz schleppe und ein Jahr später habe ich mir das Pfingsten dann erlesen, da war der Alfred mit dem Karli in Australien und ich bin in Wien und bei den Bücherschränken herumgerannt.
Aber heuer wieder stinknormal Harland, das heißt, ein bißchen außergewöhnlicher ist es schon, war ja die Anna mit dem Andreas da, die bis Samstag geblieben sind, am Samstag wieder die obligatorische Radfahrt auf den Markt, wo wir uns seit cirka einem Jahr treffen, um ein Glas Wein zu trinken, Käsekrainer oder jetzt auch einen Burger essen und dann beim Eduscho Kaffee trinken. In der letzten Woche sind auch Robert Eglhofer und die Ruth dazugestoßen und da haben sie uns von einem Restaurant in Walpersdorf erzählt, wo man so gut Schweinbraten essen kann. So hat uns der Alfred, weil Montag dort Ruhetag ist, für den Sonntag angemeldet, so daß wir erst am Montag nach Nußdorf radeln können und am Montag müßen wir auch nach Wien zurück, weil beim Alfred am Dienstag Betriebsausflug, aber da gäbe es sogar ein literarisches Programm, nämlich die “Wilden Worte” im Amerlinghaus mit Jürgen Heimlich als Gast, von dem ich mir einmal ein Buch beim “Morawa” oder “Frick” aus der Abverkaufskiste kaufte.
Mal sehen, ob sich das ausgeht, hinzugehen, ansonsten gab und gibt es ein mehr oder weniger dichtes Programm. Nämlich die Fehlerteufelchen, die immer noch in der “Brüderschaft” und in der “Anna” enthalten sind, jetzt endlich doch hinauszukatapulieren und dann lesen natürlich.
Die Harlanderleseliste neigt sich zwar allmählich zu Ende zu, so daß ich mir Helmut Zenders “Die Mann am Mond” und den zweiten Teil des “Unnützen Wien Wissen” vorsorglich mitgenommen habe und das ist auch sehr interessant, nämlich ein Buch, das ich, als das Angebot kam, einmal tapfer abzulehnen versuchte.
“Ein Teil ist genug!”, habe ich geschrieben, weil ich auch glaubte, daß es sich um eine Neuauflage handelte. Dann ist das Buch doch gekommen und ich habe es mitgenommen, jetzt werde ich es wahrschein wieder nach Wien zurücktransportieren und erst lesen, wenn ich dort meine, wie auch schon beschrieben, literarischen Tage mache, denn dann passt es wahrscheinlich, besser, als auf der Harlander Terrasse und hier habe ich noch Judith Gruber Rizys “Schwimmfüchslein” zu lesen, das schon auf der 2013 Leseliste stand und Stefen Uhlys “Mein Leben in Aspik” aus der “Thalia-Abverkaufskiste” in der Kremsergasse und die Postkarten, die mein Großvater aus dem Felde an seine Lieben schrieb und die hier in irgendeiner Schachtel lagen müssen, habe ich mir auch vorgenommen, herauszusuchen und dann gibt es ja noch ein Büchlein mit Briefen, die Soldaten aus dem ersten Weltkrieg geschrieben haben, das ich mir 1982 einmal kaufte und auf eine Wanderung auf den Kahlenberg mitgenommen habe, wie ich mich erinnern kann, ansonst das Pfingstwochenende genießen, obwohl mir der religiöse Bezug fehlt, aber mit dem Alfred fällt, mir noch ein, bin ich einmal, als wir noch keine Anna hatten, auf den Hochschwab gewandert und habe da auch einen Text über den “Sonnenzug” geschrieben, den ich am Südbahnhof entdeckte.

Die Erben der Tante Jolesch

Nun kommt die Fortsetzung des berühmten Grundbuchs von Friedrich Torberg, das ich zusammen mit einem anderen, im Bücherschrank fand.
“Die Tante” habe ich vor fast genau zwei Jahren zu Pfingsten anläßlich eines Lesemarathons im Prater und in der Straßenbahn rund um Wien, wie ich mich erinnern kann gelesen und hatte auch so etwas, wie ein Vorurteil, vielleicht weil ich Anekdoten nicht so mag und mich auch vor dem über das Lustig machen anderer scheue.
Ich war aber in der “Grundbuchveranstaltung” in der “Alten Schmiede”, halte den wortgewaltigen Kritiker und Meinungsmacher der Sechziger- und Siebzigerjahre” vielleicht für einen eher “durchschnittlichen” Dichter, was vielleicht das Los, der wortgewaltigen Kritiker ist, aber vielleicht ist auch das ein Vorurteil und eine wirkliche Torberg-Expertin bin ich auch nicht, war aber 2008 in der großen Ausstellung im jüdischen Museum, wo ich meinen Schirm verloren habe, weil sie mich damit nicht hineinließen und habe den Film in der Peter Vogel Verfilmung “Hier bin ich mein Vater” vor Jahren gesehen, einen Teil des Romans als Fortsetzungen in der sozialistischen Wochenzeitschrift “Die Frau”, die meine Mutter abonniert hatte, als es die noch gab, gelesen und war tief beeindruckt. Das Buch habe ich auch gefunden und muß es noch auf meine Leseliste stellen. Den “Schüler Gerber” habe ich vor Jahren, wenn nicht Jahrzehnten gelesen.
Nun zu der “Jolesch-Fortsetzung” und da muß man sagen, daß da der gewichtige Kritiker ein wahres “Schlitzohr” ist und sicherlich sehr ausgefuchst, denn er nimmt seine möglichen Kritiken gleich im Vorwort vorweg und hat ein paar Varianten an die Autoren, Verleger, etc.
Damit erklärt er auch warum die Fortsetzung, damit es nicht verloren geht, denn der Anekdotenschatz ist reich, die Betroffenen sterben aber langsam aus und das Gedächtnis wird auch immer schlechter.
Dann führt er ein paar Berichtigungen an und holt weiter aus mit den Erinnerungen an das deutsch jüdische österreichische Leben vor dem Krieg in Wien Budapest und anderswo, das es nachher so nicht mehr gegeben hat, so daß man über die Erinnerungen des inzwischen leider lang Verstorbenen, Torberg hat von 1908 bis 1979 gelebt, dankbar sein muß.
Er berichtet “Restliches von Molnar”, so die Geschichte beispielsweise von dem alten schon ein bißchen vergeßlichen Kellner, der immer das Falsche serviert und niemand berichtet ihn außer Ferenc Molnar, der eigentlich Kaffee mit wenig Schlagobers wollte und Würstel mit zuviel Saft bekam.
Über “Alfred Polgar, Egon Friedell und Karl Krauss” gibt es natürlich auch nie genug zu erzählen, so zum Beispiel, daß das Bonmot “Es werfelt und brodelt und kafkat und kischt”, nicht von Karl Kraus stammt, denn “So billig hat er`s nicht gegeben.”
Dann kommt ein Kapitel, es kann bei Torberg nicht anders sein, über Kommunisten und die Anekdote, daß sich ein Postbote geweigert hat, ein Telegramm an Stalin zuzustellen, weil es nicht, wie gefordert, an den “Vater des Proletariats und Steuermann der Weltrevolution!” gerichtet war.
In Berlin wurde Torberg einmal Joachim Ringelnatz vorgestellt, der davon aber nicht sehr viel wissen wollte und nur “So! Und nun geht mal beide wieder weg!”, sagte.
Dann kommen sowohl die literarischen als auch die psychoanalytischen Anekdoten. Wien war ja vor dem Krieg ein Eldorado der berühmten Psychoanalytiker, beherbergte sowohl Freud als auch Schnitzer und der Nobelpreisträger Wagner-Jauregg war ein Gegner der Psychoanalyse und wünschte seinen psychoanalytischen Schülern anläßlich einer Preisrede, auch einen NP, aber natürlich nur den für Literatur. Dden hat in dem Jahr als Wagner Jauregg Nobelpreisträger wurde, die Italienerin Grazia Deledda bekommen und Wagner- Jauregg fühlte sich bemüßigt in ein Dutzend Buchhandlungen zu stapfen, um ein Buch von ihr zu finden, was nicht gelang.
“Man sollt`s net glauben”, brummte er kopfschüttelnd.
“Und in Rom rennt jetzt die Frau Deledda umeinand, weil`s? ein Büchel von mir lesen will – und kriegt auch nix.”
“Wahrscheinlich ein Irrtum oder eine Selbstüberschätzung!”, füge ich vermutend hinzu.
Weiter geht es Kaffeehausanekdoten, die zwar auch schon im vorigen Band vorkamen, aber Kaffeehausgeschichten gibt es ja nie nicht genug und daher auch solche, die außerhalb des Kaffeehauses, wie zum Beispiel in der Kriegsgefangenschaft entstanden sind und da manche Kaffeehäuser richtige Redaktionsstuben waren, folgen auch ein paar Geschichten von Druckfehlern, die irgendwie passierten, so hat Torberg zum Beispiel in einem “Nachrufbuch” seinen Text “Essen war seine Lieblingsspeise nennen” wollen, der Redakteur, Setzer oder wer auch immer hat ein “Essen war seine Lieblingsbeschäftigung daraus gemacht”.
Sachen, die mir auch schon mal passierten und mich an eine Lesung in meinen Anfangszeiten erinnerte, wo ich mit dem frischen und selbtgekauften Buch in der Hand, die “Güler” las, der Veranstalter hat aus “Güler will kein Kopftuch mehr”, “Güler und der Pascha aus Ottakring gemacht”, was mich damals sehr empörte. Torberg schreibt nur lapidar bezüglich seiner Überschrift: “Ich will ja nicht behaupten, daß sie sich durch besondere Qualität auszeichnete, aber sie scheint mir doch um eine Kleinigkeit witziger als die korrigierte Fassung.”
Dann kommt das “Theater und Umgebung”, wo ich mir ein bißchen schwertat, weil ich viele Namen gar nicht kenne, aber zur Kenntnis nehme, daß der berühmte aus Armenien stammende Roul Aslan sehr eitel und sehr neidisch war und keinen anderen gelobt haben wollte: “Ich sage Ihnen: wenn die komische Alte in Ilglau einen Lacher hat, nimmt sie ihn mir weg!”
Die Schauspielermütter sind noch eitler und lassen niemanden anderen als ihren Sohn gelten, wie die Gattin eines Schauspielers merken konnte, als sie in der Loge mit Fritz Kortners Mutter saß.
Torberg hat auch fürs Theater geschrieben und dafür Kritik bekommen und ein Drehbuch für Anzengrubers “Pfarrer vom Kirchfeld”, unter Pseudonym mit Hilfe zweier Brüder, das dann sehr berühmt verfilmt wurde.
Das nächste Kapitel “Lieben Sie Sport?”, könnte beweisen, daß ich Torberg unterschätze, denn er gibt Eingangs gleich den Rat “Andernfalls würde es sich nämlich empfehlen, dieses Kapitel zu überschlagen.”
Ich habe zwar weitergelesen, aber nicht sehr viel verstanden, außer, daß Torberg einmal selber Spitzensporter, nämlich Wasserballer war und auch einen Roman “Die Mannschaft” geschrieben hat.
Dann gehts zur “Zeitenwende”, nämlich “Vorher””Mittendrin” “Zwischendurch” und “Hernach”.
Gemeint ist der Anschluß, Torberg emigrierte über Portugal nach Amerika, war dort in Hollywood Drehbuchschreiber und wurde von den “Warner Brothers” mit einem Vertrag und hundert Dollar pro Woche empfangen, was nicht so toll war, wie es klingt.
Und ich erinnere mich in meinen eigenen Anekdotenschatz an eine Buch-Präsentation in der “Wien-Bibliothek”, wo ein “Torberg-Dietrich-Briefwechsel” vorgestellt wurde.
Einen Anhang gibt es auch, nämlich unter einigen Nachrufen, zum Beispiel auf Arnim Berg, Karl Farkas und Hans Moser, die berührende Geschichte des Schauspieler Leo Reuss, der nach dem Anschluß als der Tiroler Kaspar Brandhofer an die Josefstadt zurückgekommen ist. Torberg wähnt die Geschichte inzwischen vergessen. Felix Mitterer hat aber in den späten Neunzigerjahren das Theaterstück “In der Löwengrube” daraus gemacht, das ich im Volkstheater gesehen habe und vor allem von der “Nazi-Loge” beeindruckt war, als auf der Bühne noch der “Kaufmann von Venedig” gegeben wurde.
Ganz am Anfang des Buches wird die Frage diskutiert, ob man die “Erben” lesen kann, wenn man die “Tante Jolesch” nicht kennt.
Ich habe darauf auch keine Antwort, denn ich kenne ja, muß aber im Nachheinsagen, daß ich den Folgeband spannender und interessanter fand, daß ich aber ein “Tante Jolesch-Vorurteil” hatte, habe ich schon bekannt.

Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich

Über die Kinderbuchphase bin ich ja schon hinüber, als Kind die Weihnachtsgaben der “Wiener Kinderfreunde”, die Kinder der SPÖ, Vera Ferra Mikura, Friedrich Feld und, wie sie alle hießen, gelesen, in der Hauptschule die Bücherlade gestürmt und ein Jugednbuch der Erika Mitterer, wie ich mich zu erinnern glaube, auch allen Ernstes abzuschreiben versucht, ja damals gab es keine Scanner und offenbar auch noch keine Copyshops.
Dann kam die Anna und die langen Vorlesphasen mit Christine Nöstlinger, Thomas Brezina, Enid Blyton, Mickey Mouse, ja auch das alles durch einander, einige schöne DDR-Bücher waren auch immer mal dabei und zwischen Phase eins und zwei lag die Ausschreibung für ein nicht konformes Kinderbuch “Mädchen dürfen weinen, Buben dürfen pfeifen”, was auch der Grund dafür ist, daß ich mir ein kleines Scheibchen des Kinder Buch Preises abschneiden bzw. mit Christine Nöstingers “Ausstauschkind” teilen dufte.
Jetzt lese ich keine Kinderbücher mehr und bespreche trotzdem eines. Das warum war ein Versehen oder wieder mal ein Ergebnis meiner Schlamperei, denn ich bin einmal ein bißchen flüchtig, höre etwas und renne gleich los ohne zu denken oder nachzuschauen und da habe ich auf der “Hanser-Facebook Seite” gehört oder besser ausgedrückt gesehen, daß man da an den Autor Finn-Ole Heinrich Fragen stellen kann und von Finn Ole-Heinrich habe ich durch Cornelia Travnices Blog gehört, bzw. sie glaube ich mit ihm 2008 bei diesem “Droschl-Verlagsfest” im Schauspielhaus gesehen und bei einer Lesung seines Romans “Räuberhände” bin ich auch einmal gewesen.
Auf der entsprechenden Seite las ich dann etwas von einer großen Bloggeraktion, man konnte sich von mehreren Autoren ein Buch aussuchen und das bekommen, wenn sich nicht mehr als zehn Leute dafür interessieren oder es sonst per Los gewinnen.
Das neue Buch von Martin Kordic, das auf den Blogs so besprochen wurde, war auch dabei, aber ich interessiere mich ja für Finn-Ole Heinrich, also angeklickt und weggeschickt und mich erst nachher für das Buch interessiert und gesehen, daß es der erste Band einer Kinderbuchreihe mit Illustrationen der Norwegerin Ran Flygenring ist.
“Wautsch!”, reingefallen oder eigentlich nicht, denn erstens gewinne ich ohnehin meistens nichts und vielleicht ist meine Oberflächlichkeit auch schuld an meinen breiten Buchgeschmack und mein breites literarisches Wissen.
Dann habe ich doch gewonnen und setzte das Buch erst auf meine 2015-Leseliste, weil ja nicht wirklich ein Rezensionsexemplar und dann, weil mich die Schuldgefühle plagten und ich sehr gewissenhaft bin, auf die zwar schon sehr volle von 2014.
Die “Klappentexterin” hatte auf ihrer Seite auch das Buch mit einem Interview gebracht und dann habe ich noch irgendwo gelesen, daß es um eine kranke Mutter und ein starkes Mädchen geht.
Also doch etwas für mich, denn die Probleme von Kindern mit sterbenden Müttern interessieren mich ja und da hat das Buch, wunderschön in hellblau, das mit den mit sehr vielen wunderschönen Zeichnungen, Bastelanleitungen, Rezepten und Zählaufgaben, fast ein wenig überladen ist und vielleicht, das merke ich noch an, für Kinder die in dieser heutigen Welt ohnehin oft an ADHS-Verdacht leiden, überfordern könnte, aber wir leben in einer sehr komplizierten Welt und das will uns dieses Buch auch sagen.
Da ist einmal Maulina, besser, Paulina Klara Lilith Schmitt, die freche Supergöre, in siebeneinhalb Jahren erwachsen, das Buch gilt für Kinder ab zehn und schon an dieser Namensvielzahl sieht man ein bißchen, die Überforderungen unserer Zeit, die an allem zuviel hat, in diesem Buch sind es die Probleme und Paulina von ihrer Mama auch Paule oder Keule genannt, hat jede Menge davon, aber das erfährt man erst später, denn am Anfang ist ja, wie das in den Märchen so ist, alles noch in Ordnung.
So beginnt denn auch das erste Kapitel “Es war einmal, da hatten wir noch alles:” Das längste Frühstück der Welt, ein wunderschönes Haus mit Garten “Krümel, Fingernägel, Rosinen, speckige Lichtschalter, Gummistiefel, Schmutz, zwei Lichtschalter, 84 Topfpflanzen(die man auch ausmalen kann)” etc und überall dem thronte Maulina, die neue Pippi Langstrumpf, die Prinzessin, die Chefin, die Generälin und Herrerschin über dieses Reich, das starke Mädchen, das über alles mault, was nicht in Ordnung ist, ihre Wutanfälle bekommt, so daß die Mama durch die Straßen laufen und den Leuten erklären muß “daß ihre kleine Paulina eine Maulia ist, ein Mauldat, ein Maultant, und daß das eben manchmal passiert, aber nicht weiter schlimm ist und es absolut unnötig sei, die Polizei zu rufen!”
Dann kommt der Bruch, der Knall, der Fall und die Möbelpacker und Maulina wird aus dieser Idylle herausgeholt und mit der Mama in ein “Plastikhausen”, in eine zwei Zimmerwohnung, in der es überall häßlich Plastikgriffe gibt, verfrachtet, während der Mann, Maulina nennt ihn nicht anders, in dieser Idylle bleiben darf.
“Das ist gemein!”, mault Maulina.
“Ja!”, sagt die sanfte Mama, die alles versteht, zu regeln versucht und den besten Trost-Kakao kocht, läßt Paulina aber trotzdem nicht auf dem Fahrrad zweimal eineinhalb Stunden täglich in die alte Schule fahren, wo es die Freunde gibt und alles, was sie schon kennt.
Maulina muß in eine neue Schule und als der Lehrer sie dort fragt, warum sie sie ausgesucht hat, hält sie eine “maulige” Rede und fängt dann zu weinen an, was zur Folge hat, daß Paul, der eine Reihe vor ihr sitzt, sich umdreht. Der redet zwar nicht viel, holt sie aber am nächsten Morgen ab und als Paulina ihn besuchen will, kommt sie in ein Jugendwohnheim und Paul muß seinen Hund in einem Tierheim besuchen, weil man in der Jugend-WG, keine Tiere halten darf.
Paul hat Maulina, die auch die größte Detektivin ist, auch die Erklärung für die vielen Haltegriffe der Plastikwohnung gegeben, in der hat nämlich früher eine Frau mit Rollstuhl gewohnt und als Maulina ihre Mama fragt, wieso sie den Behinderten die rollstuhlgerechte Wohnung wegnehmen, erfährt sie, die Mama hat MS und hat den Papa, den Maulina nicht so nennt, verlassen, weil sie von ihm nicht schwach gesehen werden will, wenn sie gepflegt werden muß.
Der hat zwar schon eine Freundin und Paulina ist der Mama auch ein bißchen bös, daß sie ihr das erst als letzte gesagt hat und sie ist auch so stark, daß sie die Mama auf ihren Armen die Stufen hinauf ins Königreich Mauldawien tragen kann.
Das leben geht weiter, Paul lädt Maulina zu seinem Geburtstag ein, die mag zwar keine Geburtstage, backt aber dennoch einen Kuchen und erlebt dann auch eine Überraschung. Denn die Geburtstagsparty findet bei Mc Donald statt und der kam in Maulinas Welt bisher nicht vor. Die starke Mutter ist Buchhändlerin und wahrscheinlich intellektuell und alternativ und gegen Fastfood und auf der Party sind außer ihr und Paul auch keine anderen Kinder, nur Pauls Vater, zwei Wärter und ein Betreuer, weil Paul seinen Vater ohne sie nicht sehen darf….
Ja, das Leben ist hart und ungerecht, zum Glück gibt es aber immer wieder Kinderbücher, die drauf eingehen und das zu erklären wissen. So kann man den mit der heutigen Welt überforderten Kinder, nur viele Fortsetzungen wünschen. Die Bilder sind schön, man wird durch die vielen Rätselaufgaben zwar ein wenig abgelenkt, aber das ist vielleicht auch ein Bewältigungsmechanismus und nur in der Schule ungünstig und ob die heute Zehnjährigen diese rotzfreche starke Sprache (da kann sie eimerweise Kakao kochen, das ist einfach so ungerecht und gemein) mit der Finn-Ole Heinrich die Geschichte erzählt, anfangen können, weiß ich nicht, bin ich ja schon über sechzig, sie klingt aber tröstlich und so ist es gut, daß ich vielleicht ein bißchen legasthenisch, zu schnell und oberflächig bin und schon nach einem Buch greife, ohne richtig nachzuschauen, um was es dabei geht…
Einen Preis hat das Buch, entnehme ich der “Hanser-Facebook-Seite” vor kurzem auch gewonnen.
Und jetzt werde ich das Buch in mein Kindertherapiezimmer tragen, vielleicht kann ich es da mal brauchen.