Zwei fast vergessene Literaten

Heute war es wieder einmal schwer mich zu entscheiden, beziehungsweise hatte ich das schon, als ich im Dezember das Alte Schmiede Programm zugeschickt bekam, denn da wurde in der Alten Schmiede um acht Uhr “Ich die Eule von Wien” – Walter Buchebner Gedichte Prosa Tagebücher, herausgegeben von Daniela Strigl vorgestellt und der inzwischen fast vergessene Dichter, 1929 in Mürzuschlag geboren, 1964 in Wien gestorben, war mir in den Siebzigerjahren durch den Walter Buchebner Preis bekannt, wo ich meine ersten Texte zaghaft schüchtern nach Mürzuzuschlag schickte und mir Erwin Holzer von der steirischen Literatur der Arbeitswelt, den ich einmal darauf ansprach sagte “Da gewinnen nur die bekannteren Autoren!”
Gloria Kaiser und Felix Mitterer taten es damals, glaube ich, als ich es versuchte, war ich damals noch naiv. Dann wurde der Preis auch eingestellt und jetzt gab Daniela Strigl, die Werke des Dichters heraus, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in den neuen Wegen publizierte und wahrscheinlich auch von Hermann Hakel und Hans Weigel gefördert wurde. Es gab eine von “Tag zu Tag” Sendung im Dezember und klar, daß mich der Dichter interessierte. Aber dann schickte mir Dine Petrik in den Weihnachtsferien eine Einladung, daß sie um neunzehn Uhr in der Buchhandlung Tiempo ihr Buch “Hertha Kräftner – Die verfehlte Wirklichkeit” vorstellt, Renald Deppe spielt dazu Musik und auf der Einladung stand, daß man sich bei der Buchhandlung anmelden soll.
Ich habs getan und auch Dine Petrik halb zugesagt und war dann irgenwie blockiert, obwohl ich dachte, daß sich ja beides ausgehen könnte und ich von Veranstaltung zu Veranstaltung sozusagen hoppeln könnte.
Die 1942 in Burgendland geborene, Dine Petrik, die heuer auch bei den “Mittleren” lesen wird, hat ja schon ein ein Buch über Hertha Kräftner geschrieben, so daß ich eigentlich dachte, es wäre die Neuauflage und Hertha Kräftner ist ja auch sehr interessant. Ein Fräuleinwunder aus den Fünfzigerjahren, von den Herren Hakel und Weigel gefördert, die sehr schöne Gedichte schrieb und sich blutjung mit dreiundzwanzig Jahren, 1951, noch als Studentin das Leben nahm.

Renald Deppe

Renald Deppe

1978 war es glaube ich, als ich, mit meinen Eltern einmal auf einer Autobusreise durch Südtirol teilnahm und mir in Bozen die Zeitschrift “Brigitte” kaufte und dort das erste Mal den Namen Hertha Kräftner las. Ich hab mir diesen Artikel aufgehoben und als ich in den frühen Neunzigerjahren mit Margot Koller die “Selbstmordanthologie” der GAV herausgegeben habe, habe ich auch einen Artikel über Selbstmord bei Schriftstellern geschrieben, der in der Zeitschrift Podium herausgekommen ist und der hat ein Hertha Kräftner Zitat als Titel “…ausschlaggebend ist, daß der Tod auch nach Teheran kommt” und ihre bei Roetzer in den Siebzigerjahren erschiene Werkausgabe, die wie ich hörte neuaufgelegt wurde, habe ich auch in Harland.
Eine junge begabte Dichterin, die sich das Leben genommen hat, Dine Petrik, die daran schon lange forscht, spricht von einer Vergewaltigung durch die Russen, bei der auch ihr Vater ums Leben gekommen ist und sie meinte auch, daß sie, wenn sie länger gelebt hätte, die Bachmann an Bedeutung überholt hat. Jetzt ist das zweite Kräftner Buch von Dine Petrik in der Edition von Raimund Bahr herausgekommen und als mir Margot Koller vorige Woche mailte, daß sie diese Woche in Wien ist und mich fragte, bei welchen Veranstaltungen sie mich treffen kann habe, ich ihr beide angegeben und sie hat sich in der Buchhandlung Tiempo angemeldet.
Dann habe ich es noch dem Alfred gesagt, daß er hinkommen soll und gestern mailte mir der Rudi Lasselsberger und fragte mich ob ich in die Alte Schmiede gehe? Denn dann würde er mir seine neuen Bücher bringen, aber da hatte ich mich schon festgelegt und bin so in die Buchhandlung Tiempo in die Taborstraße marschiert, in der ich ohnehin noch nie war.
Margot Koller, Alfred und Dine Petrik waren schon da und hat fulminanten Vortrag über Hertha Kräftner gehalten bzw. aus dem Buch gelesen und das ist ja interessant, habe ich mich ja vor kurzem erst mit zwei Büchern von Literaten aus den Fünfzigerjahren beschäftigt. Alfred hat das Buch auch gleich gekauft, ich werde es aber erst auf die 2013 Leseliste stellen und Dine Petrik verteidigte die Dichterin, von der sie meinte, daß ihr von vielen Männern Unrecht getan worden ist und die ihre Vergewaltigung nie verkraftet hat, sondern immmer bei den Männern Liebe suchte und dabei eingefahren ist.
Briefe, Gedichte, etc hat Dine Petrik gelesen und dabei viel über die Dichterin erzählt, die die Vorlesungen von Viktor Frankl hörte, nach Norwegen gereist ist, etc…
Daniela Striegl hat wieder das Vorwort geschrieben. Nachher gab es eine intensive Diskussion, die damit begann, daß ich den Kopf schüttelte, als Dine Petrik meinte, daß eine lange Psychoanalyse Hertha Krätner retten hätte können, weil mir das als eine zu große Verallgemeinerung erscheint und es wahrscheinlich schwer ist Aussagen von, was wäre wenn…, zu treffen.
Es war auch eine Frau da, die meinte, daß sie das Brigitte Interview geschrieben hat, Judith Gruber Rizy, die ja auch in der Edition Art Science verlegt und noch ein paar andere Literaturexperten. Es gab ein Gläschen Wein und Dine Petrik erstes Hertha Kräftner Buch, das mehr in Romanform geschrieben ist, lag auch in der Buchhandlung auf.
Interessant, daß an einem Tag Bücher von zwei vergessenen Literaten aus den Fünfzigerjahren präsentiert wurden, schade, daß man sich nicht splitten kann, wenn ich allein gewesen wäre, hätte ich es versucht, es war aber auch so sehr interessant.

Die Fliegenfängerfabrik

“Die Fliegenfängerfabrik” von Andrzej Bart ist ein sehr interessanter und ungwöhnlicher Versuch über das Ghetto von Lodz und seinen Vorsitzenden Chaim Rumkowski einen Roman zu schreiben.
Ein Salonwagen fährt durch die Nacht und hält vor einer Fabrik bzw. einem heruntergekommenen Hotel. Heraus steigt ein weißhaariger alter Mann, eine schöne rothaarige junge Frau und ein Junge mit einem Buch in der Hand und werden von zwei Individuen, die in der Lobby erscheinen, in ihre Zimmer geführt und dort eingeschlossen.
Am Morgen darauf gibt es eine Gerichtsverhandlung in der lauter Tote, in Auschwitz oder sonstwo umgekommenen, über den Herrn Vorsitzenden, der ebenfalls 1944 in Auschwitz ermordet wurde, dem ehemaligen Vorsteher eines Waisenhauses, der zum Vorsitzenden des Judenrates wurde und im Ghetto sowohl ein autoritäres Regime aufzog, als auch vielen Juden das Leben retten wollte, weil er einen Fabriksbetrieb aufzog, wo Waffen oder Mäntel für den Krieg erzeugt wurden und der, als die Juden abtransportiert wurden, zuerst die Kranken und die Kinder in den Tod schickte, bevor er selber mit dem letzten Transport, vom Lagerleiter Hans Biebow in den Tod geschickt wurde, zu Gericht sitzen.
Der Verteidiger, der Richter, der Staatsanwalt, alles ehemalige Ghettobewohner, prominente Zeugen, wie eben der Lagerleiter, aber auch Janus Korczak, der das Buch “König Hänschen” geschrieben hat und mit seinen Kindern eines wahrscheinlich anderen Waisenhauses in den Tod gegangen ist, Hannah Arendt etc.
Das Ganze scheint in der Gegenwart zu spielen, jedenfalls wird ein Schriftsteller, der Ich-Erzähler aufgefordert, dem Prozeß beizuwohnen. Mit einem Freund fährt er nach Lodz und muß am Eingang einer Riesin ein Losungswort sagen, um hineingelassen zu werden. Er trifft dort eine andere rothaarige junge Frau, Kafkas Schwester Dora, die eigentlich Ottla hieß, und verläßt mit ihr den Gerichtssaal, um in der Stadt spazieren zugehen.
Die Geschichte wird abwechselnd vom Ich-Erzähler, Pani Regina, das ist die schöne junge Frau und Juristin, die der Herr Vorsteher im Ghetto heiratete, anderen jungen Frauen soll er die Hand an sein Glied gehalten und ihnen dafür besseres Essen versprochen haben und Marek, einem Waisenknaben, der von ihm adoptiert wurde, erzählt und hat einen eigenartigen poetischen Reiz, die auf eine sehr ungewöhnliche Art die Geschehnisse im Ghetto, anschaulich machen.
Vor dem Prozeß gibt es noch eine Theateraufführung, in der Shakespearre gespielt wird, am Schluß werden die Toten aus dem Gerichtssaal hinausgetragen und der Schriftsteller beendet am 31. Dezember 2007 das Werk.
Das Buch ist 2011 erschienen und wurde, glaube ich, zu Ostern in Ex Libris vorgestellt. Ich war dann auch in der Präsentation in der Hauptbücherei und als wir im Sommer auf unserer Polenreise an Lodz vorbeifuhren, in Polen gibt es ja kaum Autobahnen, wurde ich daran erinnert und habe es mir zum Geburtstag gewünscht und war als ich die Frankfurter Buchmesse im Internet verfolgte sehr erstaunt, als da ein anderer Roman über das Ghetto und Chaim Rumkovski, nämlich die “Elenden von Lodz” von Steve Sem-Sandberg vorgestellt wurde. Erstaunt vor allem deshalb, weil sich keiner der Rezensenten auf den Bart Roman bezog oder auf ihn hinwies.
Das Buch sehr interessant und gar nicht so schwer zu lesen, als ich eigentlich dachte und hat mich, da ich mich ja für die Geschehnisse des dritten Reiches sehr interessiere, sehr beeindruckt, so daß ich mir gestern im Internet gleich noch einmal Roman Polanskis Film “Der Pianist” anschaute, der zwar im Warschauer Ghetto spielt, mir aber einiges noch verständlicher machte.
Die phantastische, ein wenig surreale Beschreibung, die der 1951 geborene Andrezej Bart, der wie im Klappentext steht, Filmschaffender und einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller der Gegenwart ist, für dieses sehr widersprüchliche Thema gewählt hat, ist sehr beeindruckend, und den Geschehnissen von damals wird man wohl auch nie ganz auf die Spur kommen, so daß ich die phantastische Form für sehr geglückt halte. Steve Sem-Sandbergs Buch, soll wie ich hörte, mehr ein Bestseller sein und vielleicht konventioneller geschrieben und eine Chronik von Lodz gibt es auch, die war, glaube ich, die Grundlage für sein Buch.

Glückliche Ehe

“Glückliche Ehe” von Rafael Yglesias ist ein Buch aus meinem Lieblingsbücherkasten und es stammt, glaube ich, aus dieser Kuppitsch-Bücheraktion, jedenfalls war es neu, 2010 erschienen und es ist ein Roman von einem Autor, von dem ich sonst wahrscheinlich nichts etwas gehört hätte.
Rafael Yglesias wurde 1954 in New York City geboren, ist der Sohn eines kubanisch stämmigen Schriftstellerpaars, brach mit Siebzehn die Schule ab, um einen Erfolgsroman zu schreiben, wurde dann Drehbuchautor, und hat seine Frau Margaret Yoskow, 2004 durch Krebs verloren und 2009, nach dreizehn Jahre Pause als Romancier einen Roman über seine Ehe und das Sterben seiner Frau geschrieben.
“Das vorliegende Buch ist frei erfunden. Namen, Personen, Institutionen, Orte und Ereignisse entstammen der Fantasie des Autors oder werden fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen oder anderen erfundenen Ereignissen, Schausplätzen, Organisationen und toten oder lebenden Personen ist rein zufällig.”
Das stört mich an dem Buch, weil mir vorkommt, daß da die Leser wegen der Rechtssicherheit ein bißchen verarscht werden. Das Buch ist jedenfalls “Für sie” gewidmet und beginnt in abweselnden Handlungssträngen vom Leben des Schriftstellers und Schulabbrechers Enrique Sabas und seiner Frau Margaret zu erzählen. Mit abwechselnden Kaptielfolgen, beginnt es doch in den Siebzigerjahren, da hat Enrique sein drittes Buch geschrieben, mit seiner älteren Freundin Sylvie mit der er einige Jahre zusammenlebte, Schluß gemacht und erfährt von seinem Freund Bernard, kein so literarischen Wunderkind wie er, obwohl er später ein berühmter Kritiker wird, von einer Margret, die aber in “einer ganz anderen Liga als er spielt”, so daß er ihm ihre Telefonnummer verweigert.
Im nächsten Kapitel ist Margret, die an Darmkrebs leidet und an den verschiedensten Schläuchen hängt und schon unzählige Operationen hinter sich hat, austherapiert und beschließt zu sterben, beziehungsweise sich in die Hospizpflege zu begeben.
So geht es weiter. Auf der einen Seite wird der Beginn der Beziehung zwischen den Beiden erzählt. Enriques Eltern sind Schriftsteller, Margrets Eltern Geldleute und sie eine begabte Fotgraphin und Malerin. Er geht zum ersten Date, bzw. zu einem sogenannten Waisendinner, in einem viel zu dicken Wollpullover und stellt sich ungeschickt an, bis Margaret sagt, daß sie ihn liebt und es zum ersten Kuß, später zur Hochzeit und den beiden Söhnen Greg und Max kommt. Es gibt auch eine Ehekrise, einen Seitensprung und einen Ehetherapeuten, der natürlich ein Psychoanalytiker namens Goldfarb ist, auf der anderen Seite bespricht Margaret mit ihrer Hospiz-Ärtzin Natalie Ko genau durch, wie sie sterben will und wie die Behandlungen nach und nach abgesetzt werden. Enrique stellt einen Verabschiedungsfahrplan zusammen, wo die Familie und die Freunde kommen, es gibt unzählige Verabschiedungsdinners, obwohl Margret schon lange kein Essen mehr halten kann und bei ihr alles wieder unten herauskommt, bzw. sich verstopft und abgesaugt werden muß.
Der jüngere Sohn hat Schwierigkeiten mit dem Loslassen und Enrique ist der starke Mann, dem alles aufgeladen wird und mit ihren Eltern verhandeln muß, daß Margaret ihre Verabschiedung in einer anderen Synagoge haben und auf einem anderen Friedhof begaraben werden will. Am Schluß sucht sie mit einer Freundin die Kleider heraus mit denen sie begraben werden will und will dazu auch die Ohrringe haben, die das einzige Geschenk waren, daß Enrique für sie aussuchte, daß ihr passte.
Der letzte Tag der Verabschiedung ist für Enrique reserviert, der ihr verschiedenes, darunter, daß er sie liebt, sagen will. Margaret fällt aber früher schon ins Koma, bzw. bekommt sie einen Schüttelfrost, so daß Enrique, in Versuchung kommt, ihr Leben doch ein bißchen zu verlängern, am Schluß bestimmt aber doch Margaret, den Zeitpunkt und das Ehepaar kommt zu seiner Verabschiedung.
Ein sehr beeindruckendes Buch über ein sehr beeindruckendes Thema, von dem die meisten von uns nichts hören wollen. Eine sehr beeindruckende Schilderung von der Art, wie ich beispielsweise, nicht sterben möchte. Ich gehe davon aus, darin sehr viel Autobiografie und Lebensbewältigung des Autors zu finden und habe trotzdem einen sehr kunstvoll konstruierten amerikanischen Roman gelesen, der alle Themen enthält, die dieser haben soll.
Sex und Crime, einen spannenden Aufbau und eine gekonnte Entwicklung, man erfährt auch viel vom Leben in New York, das es, nehme ich an, wirklich gibt und über die Kunst des Romanschreibens und die Vorstellungen, die ein literarisches Wunderkind in New York so hat und wie der Literaturbetrieb in Amerika so läuft. Balzac und Raskolnikow werden erwähnt und der junge Enrique träumt davon einen amerikanischen Roman in Fortsetzungen im Stile Balzacs zu schreiben. Daraus wird nichts, er wird ein Drehbuchautor und beim zweiten Roman hatte er schon weniger gute Rezensionen, wie beim ersten und seine Vorschüße hat er auch schon ausgegeben, bevor er sie bekommen hat.
Ein beeindruckendes Buch über ein sehr großes Thema, das mir entgangen wäre, hätte eine Buchhandlung vielleicht nicht dem Bücherschrank etwas, was sich möglicherweise nicht so gut verkauft, gespendet, was sehr schade wäre, denn eine so beeindruckende Schilderung des amerikanischen Lebens mit allen seinen Höhen und Tiefen, habe ich schon lange nicht gelesen. Die Literatur ist aber ein so harter Job, wie das Leben und wir lesen alle viel zu wenig, ich weiß.

Samstagsbericht

Wie ging es weiter mit dem Schreiben der “Wiedergeborenen” und was tut sich sonst im Leben einer seit fast vierzig Jahren, so “besessen” wie “erfolglos” vor sich hinschreibenden Frau? Die Weihnachtsferien sind beendet, ich bin in die Praxis zurückgekommen und habe die ersten zwei Veranstaltungen im neuen Jahr besucht, dazwischen gab es einen langen meditativen Spaziergang auf dem Wilhelminenberg zu der Hochzeit von Alfreds alter Freundin Ingrid und ab Donnerstag wurde fleißig weitergeschrieben. Das Handlungskonzept ist mir ja in der vorigen Woche in etwa so gekommen und da finde ich wirklich interessant, was aus der ursprünglichen Idee, eine Philosophiestudentin wohnt in einer Wohnung, in der auch ihre Mutter und ihre Großmutter lebten und macht eine Metamorphose durch verschiedene Zeiten, Welten und Identitäten durch, geworden ist.
Denn die hat sich in den zwei Monaten in denen ich daran denke und arbeite, wirklich mehrmals verändert und ist auch durch mehrere Krisen gegangen. Inzwischen habe ich fast hundert Rohseiten, fünfunddreißig Szenen und fünfzigtausendfünfundert Worte. Der Nanowrimo wäre, allerdings mit Zeitüberschreitung, geknackt und ich weiß wieder einmal mit der Handlung nicht recht weiter, werde wieder korrigieren und dann bis zum Ende planen. Das heißt, so ungefähr weiß ich es schon und ich denke, ich bin auch schon ziemlich am Schluß oder so im dritten Drittel. Soll so sein. Interessant ist diesmal, glaube ich, wirklich die Entwicklung. Am Anfang habe ich ja ziemlich ins Blaue geschrieben, habe gedacht, ich mache wie im “Haus”, drei Romane. Einen über die Rosa, die Marianne und die Theresa und verbinde das alles mehr oder weniger kunstvoll miteinander. Jetzt ist es bei den zwei Handlungsebenen, die von der Marianne und der Theresa abwechselnd getragen werden, geblieben. Von der Idee die tote Rosa mit einer Jahreszahl oder via ihrem Tagebuch in die Handlung zu bringen, habe ich gelassen. Und die beiden Freundinnen, die Hannah und die Esther, für die ich je einen Charakterbogen angeglegt habe, werden in die Geschichte durch ihre Söhne, die sie bekommen haben, den Schriftsteller Ari, der aus Israel gekommen ist, um das Memoir über seine Mutter im Salzburger und auch im Wiener Literaturhaus vorzustellen und Johann Molnar, der aus Graz nach Wien kam, um mit seiner Tochter Margit, der Nachbarin Theresas, in die Oper zu gehen und seine außereheliche Tochter Ilona zu treffen, die in Budapest als freie Schauspielerin lebt, von Viktor Orbans Reformkurs aber, nach Wien getrieben wurde, um dort ein freies Theater zu gründen, bzw. ihre Forinths auf ein Wiener Konto zu legen, was ich diese Woche in den Journalen so hörte, daß das die Ungarn jetzt so tun, entwickelt.
So weit bin ich mit dem Schreiben gekommen. Theresa ist mit Albert Taher in die Konditorei Aida gegangen, hat dort Johann Molnar mit Ilona gesehen, während Marianne in Salzburg inzwischen im Literaturhaus war, Ari Eisenstein angesprochen hat und ihm nun Salzburg zeigt und Jan hat sich auch bei ihr gemeldet, um ihr zu sagen, daß er kommen will, weil Hanka Haugova im Prager Hospiz gestorben ist.
Was jetzt kommt, ist das Finale und der Weg dorthin. Irgendwie reizt mich ja die Idee, nach den Kritiken der letzten Bücher, das fulminant in der Wohnung in der Währinger Straße enden zu lassen. Alle kommen zusammen, bevor sie wieder auseinandergehen, Ari nach Jerusalem, Marianne nach Salzburg, Jan nach Prag und Theresa eventuell eine Wohngemeinschaft mit Albert, Ilona und deren Freund Gabor gründen wird.
Wie ich das verbinde und welche Szenen davor kommen, weiß ich noch nicht. Werde, wie beschrieben, jetzt einmal die bisherigen hundert Seiten vornehmen und alle darin vorhandenen Ungereimtheiten und Fehler ausmerzen, so stimmt das Alter meiner Protagonisten noch nicht ganz. Das Ganze also so glätten, daß ich weiterschreiben kann und dann die nächsten Szenen planen.
Ich habe noch nie so viel zwischendurch korrigiert und das Ganze immer wieder von vorne durchgegangen, wahrscheinlich, weil sich der Handlungsbogen zwischendurch sehr verändert hat und Personen auftauchten, von denen ich Ende November noch keine Ahnung hatte, daß sie kommen werden. Andere Ideen, wie zum Beispiel den griechischen Studenten oder Studentin habe ich fallen lassen und der Vladi oder Wassili Scharkawilli aus Tiflis ist auch zu einem koptischen Christen aus Kairo geworden.
Finde ich interessant und es war auch eine spannende Arbeit, wo ich wieder über einige meiner Hemmungen gekommen bin und das ist ja, glaube ich, meine große Schwierigkeit. Die Heimmung und das ewige “Das darst du nicht!”, im Kopf, dem ich in meinen Quälereien-Artikel ja tapfer den Garaus gesetzt habe und ich glaube, es ist mir auch gelungen, ein bißchen lockerer damit umzugehen und dabei hilft mir, so masochistisch das vielleicht auch klingt, die öffentliche Diskussion im Literaturgeflüster. Masochistisch deshalb, denn da kann man ja auch angegriffen werden, wenn man so öffentlich über seine Grenzen schreibt und sich als Eine outet, die Schwierigkeiten mit dem Verlagsfinden hat und trotzdem schreiben will.
So hat sich wieder mein Kritikerduo gemeldet und gemeint, daß es viel besser schreibt als ich! Soll so sein, ich bemühe mich so gut ich kann und kann aus meiner Haut nicht heraus. Arbeite aber daran oder auch nicht, denn ich bin, wie meine Leser wahrscheinlich bemerken, auch ein bißchen eigensinnig und versuche selber zu reflektieren, wie gut oder schlecht ich bin und da komme ich zu dem Resumee, daß ich mit dem Schreiben nicht viel Glück hatte und mich wahrscheinlich meine Persönlichkeit und der fehlende Förderkreis am Hineinkommen in den Literaturbetrieb hinderte, so daß ich nach wie vor am Rand herumkrebse, beziehungsweise mich durch das Literaturgeflüster ein bißchen davon entferne, wie ich das auch vor zehn Jahren mit dem sogenannten “Selfpublishing” machte”.
Ich tue was ich kann, wenn ich könnte, würde ich bei Suhrkamp verlegen, klar, keine Frage, aber es stimmt schon, der Autobus ist nicht gekommen, der mich nach Stockholm fährt. Der wäre auch sehr überfüllt, weil alle dorthin wollen und ich vielleicht nicht die Ellenbogen habe, die anderen hinauszudrängen, um selber einzusteigen. So schreibe ich mehr oder weniger verzweifelt alleine vor mich hin, berichte darüber im Literaturgeflüster meinen hundert bis hundertfünzig täglichen Lesern und setze mich gelegentlichen Kritkerinnen aus, die ihre Freude daran haben “Du bist eine Hobbyautorin und ich bin viel besser!”, zu schreiben. Soll so sein! Ich schreibe so gut ich kann und das ist mir bei der “Wiedergeborenen”, glaube ich, gar nicht so schlecht gelungen.
Auch wenn meine Sprache wieder am Boden der Realität blieb und ich fast mit einer Akribie “sagte er, sagte sie” , verwende, aber Gustav Ernst tut das auch und sagt “Na und!”, dazu und die Verlage, die mir das herausstreichen, habe ich ja nicht. Was ich aber schön finde, ich wiederhole es, ist der Schreibprozeß und das Überwinden von Hemmungen, es ist auch flüßiger geworden. Wie weit es trotzdem noch an der Oberfläche ist und ich bei der Personenführung tiefer werden sollte, muß ich mir noch anschauen.
Ich werde, wenn ich das Rohkonzept fertig habe, mir auch den Frey noch einmal herausholen, obwohl ich nicht mit allen, was er schreibt, einverstanden ist und ich auch keinen amerikanischen Roman schreiben will, der von einem Autor gecoacht wurde, der sich an Balzac oder Nabokov, also wieder an die Europäer, allerdings an denen des neunzehnten Jahrhunderts, orientiert. Da bleibe ich lieber gleich in der Gegenwart und in Wien.
Und ein bißchen Erfolg gibt es auch zu berichten. Ich habe gestern nämlich wieder einmal Druckfahnen durchgesehen, hat Christoph Kepplinger, die zur neuen Volkkstimmeanthologie geschickt. Es wird wieder Buch, juchee und von mir, einen veröffentlichten Beitrag geben, mit dem ich, wenn ich will, zum Pen marschieren kann. Aber ob der mit einer Volksstimmeanthologie etwas anfangen will, ist fraglich, ganz abgesehen, davon, daß ich aus der GAV nicht austrete!
Vielleicht zur Orientierung die bisherigen Schreibberichte 1 2 3 4 5 6

Hilde Spiel und der literarische Salon

Die Grande Dame der österreichischen Literaturgeschichte der Vor- und Nachkriegsjahre, die Schriftstellerin und Journalistin, Hilde Spiel wäre am 19. Oktober 2011 hundert Jahre alt geworden, zu diesem Anlaß erschien im Studienverlag von Ingrid Schramm und Michael Hansel herausgegeben, das Buch “Hilde Spiel und der literarische Salon” und das zu lesen war sehr interessant. Taucht der Name Hilde Spiel ja bald mal auf. So hat sich Enrico Kuscher bei der mißglückten Oktoberlesung im Cafe Amadeus auf sie bezogen und auch der Buchpräsentation von Wolfgang Bauers “Der Geist von San Fransisco wurde ihr Name erwähnt. Ich habe mir von meinen Eltern einmal die Autobiografie “Die hellen und die dunklen Zeiten”, schenken lassen und gelesen. Wieviel ich damals über den Literaturbetrieb der Fünfziger- Sechziger und Siebzigerjahre mitbekommen habe, weiß ich nicht. Inzwischen weiß ich ein bißchen mehr davon und auch, daß der Psychoanalytiker Felix de Mendelsohn, den ich gelegentlich im Sigmund Freud Museum oder auf der Sigmund Freud Universiät treffe ihr Sohn ist. Hilde Spiel ist oder war also eine berühmte alte Dame des Literaturbetrieb und den Zusammenhang zwischen ihr und den literarischen Salons herzustellen, finde ich auch sehr interessant. Das Buch beginnt mit einer Einleitung von Bernhard Fetz, dem Direktor des Literaturarchivs der NB und dort dürfte sich ihr Nachlaß befinden, dann kommt ein Würdigung Julian Schuttings “Wie du schreibt niemand mehr!” und es beginnt auch sehr interessant, mit einer Zusammenstellung der berühmten literarischen Salons, die es im vorvorigen Jahrhundert in Wien gegeben hat. Da habe ich ja einmal eine Sommerakademie des Instituts für jüdische Geschichte besucht und da wurde auch Spiels “Fanny von Arnstein”-Roman erwähnt, aber der kommt erst im nächsten Kapitel vor. In diesem beschreibt Deborah Holmes die berühmten Salons von Caroline Pichler,Josephine von Wertheimstein, Alma Mahler-Werfel, Berta Zuckerkandl etc und kommt dann bald zu Eugenie Schwarzwald, der Frau Doktor mit ihrer berühmten Mädchenschule, in die auch Hilde Spiel gegangen ist. Dann hat sie Psychologie und Philosophie studiert, sich als Frau, was in den Dreißigerjahren offenbar noch etwas schwierig war, den Zugang zum Cafe Herrenhof erkämpft und mit zweiundzwanzig Jahren den Roman “Kati auf der Brücke” geschrieben, wo es um ihre Jugendliebe zu dem offenbar sehr eitlen Schriftsteller Hans Habe geht. Hilde Spiels zweiter Roman wurde dann nicht mehr angenommen. Sie heiratete 1936 den Schriftsteller Peter de Mendelsohn, mit dem sien nach England emigrierte, von ihm zwei Kinder bekam und die Manuskripte eines vielschreibenden Schriftstellers abtippte. Peter de Mendelsohn war dann bei der British Army und in dieser Funktion lebte Hilde Spiel einige Jahre mit ihm im Nachkriegsberlin, bevor sie 1955 nach Österreich zurückkam. Sie war Pen-Vizepräsidentin und kanditierte als Präsidentin, als Lernet-Holenia den Vorsitz zurücklegte, weil Heinrich Böll den Nobelpreis bekam. Das wurde aber von Friedrich Torberg verhindert, den sie als Freundfeind bezeichnete und hatte ein Haus bzw. einen grünen Salon am Wolfgangsee, wo Thomas Bernhard und auch Peter Turrini verkehrten, der ihr einen Tagebucheintrag widmete.
Evelyne Polt-Heinzel versucht in ihrem Beitrag “Hilde Spiel – Ein Lebensentwurf zwischen Kaffeehaus und Salon”, ein durchaus kritisches Spiel Bild zu zeichnen und weist immer wieder auf Autorinnen hin, die es nicht so gut, wie sie hatten, wie beispielsweise Lili Grün, im KZ ermordet oder Joe Lederer, die in London in den Salons als Dienstmädchen arbeitete, in denen Hilde Spiel verkehrte.
Es scheint auch ein etwas ambivalentes Verhältnis zu Ingeborg Bachmann gegeben zu haben, bezeichnet Spiel sie und Ilse Aichinger wegen ihrer Haarschnitte als “Nudelsuppe” und “Wasserschlange”. Christa Gürtler meint aber, daß Hilde Spiel Ilse Aichinger mit ihrer Zwillingsschwester Helga verwechselt hätte.
Hilde Spiel war auch Korrespondetin der Salzburger Festspiele, hat diesbezüglich viel im Cafe Bazar verkehrt und sich für Gottfried von Einem eingesetzt und all dies auch in ihren Memoiren, wie beispielsweise die erwähnten “Hellen und finsteren Zeiten” beschrieben.
Das Buch hat wieder sehr viele Fotos und in der Buchhandlung neben der Alten Schmiede in der Schönlaterngasse, die glaube ich, einem Fritsch Sohn gehörte oder gehört, liegen die antiquarischen und inzwischen vergriffenen, “leichten Sommerromane”, wie “Kati auf der Brücke”, “Verwirrungen am Wolfgangsee” oder auch “Die hellen und die dunklen Zeiten auf” und ich habe beim letzten großen Buchlandungsabverkauf mir Marcel Reich Ranicky “Hilde Spiel”-Buch um einen Euro gekauft, der sehr viel von ihr zu halten schien.
Es war wieder sehr interessant ein bißchen Literaturgeschichte, der Sechziger und Siebzigerjahre, die mich ja sehr interessiert, zu erfahren, mit den Bachmann Mythos habe ich es schon dieses Jahr getan und Ingrid Schramm, eine der beiden Herausgeber, habe ich einmal in der Erotiknacht bei “Rund um die Burg” gehört, als sie ihren Roman “Die Liebespriesterin” vorstellte und sie hat sich auch in die Sommerlochdebatte rund um Anni Bürkl “Ausgetanzt”- Kritik von leselustfrust, eingemischt. Interessant, wie sich die Kreise schließen.

Der Geist von San Francisco

Wieder einmal war es schwierig mit den Veranstaltungen, stellte doch Ruth Aspöck gemeinsam mit Gerhard Jaschke ihr neues Buch in der Alten Schmiede vor und dieses habe ich schon gelesen und auch die Präsentation bei der Buch-Wien gehört, trotzdem habe ich der Ruth als sie mich dazu in den Weihnachtsferien “Save the date!” einlud, zugesagt. Dann kam aber auch eine Eiladung von der Wien-Bibliothek zur Präsentation des neuen Ritter-Buches “Der Geist von San Fransisco” – verstreut publizierte und nachgelassene Texte von Wolfgang Bauer und ich habe mich bei der Ruth entschuldigt, habe ich ja, seit dem ich das Literaturgeflüster betreibe, so eine Regel, möglichst nicht zu einer Veranstaltung zu gehen, wo ich das Buch schon kenne, um meinen hundert bis hundertfünfzig täglichen Lesern, eine möglichste Bandbreite des Literaturbetriebes zu bieten. Und der 2005 verstorbene Grazer Dichter ist ja sehr interessant. Erst einmal besitzt er das Vorurteil, daß er in der Grazer Szene in der lebte, oft gesoffen hat, jedenfalls habe ich, als ich 1984 mit dem Alfred und der sehr kleinen Anna einmal zu einer Supervision in Graz war und am Schloßberg spazierengegangen bin, einen Text geschrieben, der von der besoffenen Grazer Dichter Szene Szene handelt. Dann besitze ich ein Foto von ihm, das am Harlander Klo hängt, wo er auf der von Gösta Maier organisierten “Tag der Freiheit des Wortes -Veranstaltung”, die 1998 oder so in Villach stattgefunden hat, gelesen hat und bei “Rund um die Burg” habe ich ihn auch ein paar Mal gehört. Da war interessant, daß er seine Texte offenbar gerne öfter gelesen hat, so daß ich oft einmal etwas doppelt hörte.
Jetzt fand in der Wien-Bibliothek eine Präsentation eines Bandes erstmals oder wiederaufgelegter Werke statt, weil, wie die Direktorin Sylvia Mattl-Wurm in ihrer Einleitung erklärte, 2002 der Vorlaß an die Wienbibliothek verkauft wurde und als da die Mitarbeiter, die Schachteln aus Graz holten, soll der Dichter gesagt haben “Nach Wien, wo Grillparzer und Nestroy wohnten, gehöre ich ohnehin hin!”
Sylvia Mattl-Wurm erzählte noch, daß es tausend Nachläße in der Wien-Bibliothek gäbe und freute sich über die gut besuchte Veranstaltung. Es war nämlich sehr voll, auch wenn ich die extrovertierte Dame, mit der ich im Lift gefahren bin, nicht unbedingt für einen Bauer Fan gehalten hätte und ich sah auch die ältere Dame, die am Montag ebenfalls in der Alten Schmiede war und von der ich eigentlich gedacht hätte, daß sie zu Aspöck-Jaschke geht. Der Germanist Thomas Antonic hat jedenfalls das Buch herausgegeben und der Ritter Lektor, dem ich fast erzählt hätte, daß ich mir am Montag den “Crauss”, um zwei Euro beim Morava gekauft habe, hat eigeleitet und Dank gesagt. Interessant die Einreihung Wolfgang Bauers zwischen Avantgarde, postexperimenteller Bellestristik und Popliteratur und auch, daß von Ulk, Klamauk und Pseudotexting die Rede war und daß Wolfgang Bauer mit seinen beiden Werken “Change” und “Magic Afternoon”, die in den Sechzigerjahren auf allen Bühnen gespielt wurden, Thomas Bernhard überholte. Dann hat er aber mit dem Stück “Memory Hotel” anders zu schreiben begonnen und Friedrich Torberg und Hilde Spiel, die ihn vorher sehr lobten, ließen ihn fallen.
Das erwähne ich deshalb, weil ich da gerade das Hilde Spiel Buch zu ihrem hundersten Geburtstag lese. Der Schauspieler Wolfgang Böck hat danach aus dem neuen Band gelesen, “Den Geist von San Fransisco”, wieder zum Leben erweckt und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich diesen Text, der von einem amerikanischen Dramatiker handelt, der in San Fransisco plötzlich von einem Wiener mit “Hey Karl!” angesprochen wird, daraufhin nach Wien fliegt und einen Tag lang dort im ersten Bezirk herumspaziert und im Cafe Hawelka daraufkommt, daß er der Doppelgänger von einem Karl Maria Ring, einem bekannten Maler, ist, nicht schon einmal bei “Rund um die Burg” gehört habe.
Als Draufgabe las der Schauspieler dann noch den “Tod von H. C. Artmann” 1969 geschrieben, einen prophetischen Text, wie Wolfgang Böck anmerkte, denn da lauern zwei Grenzer auf den Dichter, weil Österreich will einen Literaturpreis vergeben und das wissen die Dichter nicht, weshalb sie ins Ausland gingen. Jetzt soll H. C. Artmann zurückgeholt und verhaftet werden, der weigert sich aber und wird erschoßen, Nachsatz, “Da ist er ja, geboren und gestorben in Österreich!” Das war zwar erst ein bißchen später, nämlich 2000, wie Ernst Jandl und nachher gab es Wein und Knabberstangen und ich hörte dem Gespräch zweier Damen zu, die darüber rätselten, ob Karl Maria Ring, Franz Ringel sei? Denn der hätte ein Atelier in der Porzellangasse gehabt und kamen auf das Trio Franz Ringl, Joe Berger und Wolfgang Bauer zu sprechen. Eine der Damen meinte, sie hätte alle drei gekannt und ich war vor ein paar Jahren bei der “Hirnhäusl” Präsentation und wenn ich mich nicht irre, hat dieses Buch auch Thomas Antonic herausgegeben.

Spannungsbogen

Die letzten beiden Jahre haben mit einem Besuch bei der oder von der Ingrid, eine alte Freundin Alfreds, mit der er in Studententagen in einer WG lebte, begonnen. Heuer hat sich diese Tradition forgesetzt mit ihrer Hochzeit im Schloß Wilhelminenberg, der mir Gelegenheit zu einem schönen Spaziergang in einer schönen Gegend gab, wo ich die Bücherschränke besuchen und meine Schreibprozeße reflektieren konnte. Denn ich komme mit meinem Work in progreß gut voran. Habe inzwischen achtundsiebzig Seiten, 40 200 Worte und siebenundzwanzig Szenen,am Samstag noch einmal alles durchkorrigiert und bin da auch auf einen kleinen Fehler draufgekommen. Die Handlung spielt in der Gegenwart, habe ich mich doch während des Schreibens auf einige konkrekte Ereignisse, die in dieser Zeit passierten, bezogen, beispielsweise auf den Tod Vaclav Havels, der in der Geschichte eine zentrale Rolle spielt, so erfahren Jan und Marianne nach Jans Ehrenkreuzverleihung davon und Jan hält auch den Nachruf oder die Einführung des ÖBB Westbahnkonkurrenzunternehmen. Jetzt ist die Marianne aber 1950 geboren und sechzig Jahre alt und die Theresa 1982 und achtundzwanzig, was nicht stimmen kann. Zwar rechnet das wahrscheinlich ohnehin keiner meiner Leser nach, ich bin aber schon ein genauer Typ, im Leinen-Buch wird auch darauf hingeweisen, daß die Details stimmen sollen, also werde ich das bei meiner nächsten Korrektur verändern.
Der nächste Punkt, der zu diskutieren ist, ist der Spannungsbogen. Alle fünfzig Seiten sollte man einen einbauen, am besten dreimal, raten die Schreibratgeber und mir wurde schon gesagt “Bei dir passiert ja nichts!”, beziehungsweise hantele ich mich an den Ecken und Kanten des Alltags, den Wald und Wiesendepressionen, der kleinen Arbeitslosigkeit, den Schuldenkrisen, etc dahin, weil ich nicht so gerne Mord und Totschlag will, weshalb man mir schon öfter einen harmlos fröhlich naiven Unterton nachgesagte, den ich eigentlich nicht so sehe.
Aber gut, was passiert mit meinen drei Frauen? Die Rosa ist ja schon gestorben, hat zwei Freundinnen versteckt bzw. bei sich aufgenommen und wurde wahrscheinlich von einem russischen Besatzungssoldaten 1950 vergewaltigt, deshalb hat sie sich mit Jan, als der dreißig Jahre später bei ihr wohnte, auch nicht so gut vertragen.
Die Marianne fährt nach Prag zu Jans Ehrenkreuzverleihung und ist auf seine Frauen, die Hankas, Katjas, Sonjas eifersüchtig und die Theresa lernt in Wien den koptischen Christen Albert kennen, verliebt sich in ihm, bzw. weiß sie nicht, ob sie ihn in ihre Wohnung lassen soll?
Den ersten Spannungsbogen würde ich nach meiner Krise vor zwei Wochen, als die Marianne gerade in Prag angekommen war und ich mich total blockierte, weil ich ständig dachte “Das wurde doch schon alles hundertmal geschrieben!”, sehen. Daraus bin ich gekommen, daß ich korrigierte und Mariannes Eifersucht erklärte, indem ich die Figuren der Hanka Haugova und der Sonja Pilankova einführte.
Inzwischen hat auch noch die Esther Molnar Fleisch und Blut durch ihren Sohn Johann bekommen, der der Vater von Theresas Nachbarin Margits Mayerhofer ist. Der zweite Spannungsbogen kam nach der zweiten Korrektur. Da war das Begräbnis schon vorbei, Marianne fuhr zurück nach Wien. Mutter und Tochter bekamen heraus, daß Johann Molnar schon in Budapest geboren wurde und erst mit fünf Jahren nach Wien zu seiner Mutter kam. Das hat sich aus den Jahreszahlen so ergeben und war keine bewußte Denkentscheidung und der zweite Spannungsbogen haucht der Hannah Eisenstein, die 1945 nach Israel emigrierte, Leben ein. Denn die hat auch einen Sohn, Ari Eisenstein, der ein Buch über seine Mutter geschrieben hat, das er im Salzburger Literaturhaus vorstellt und soweit bin ich jetzt.
Die Marianne ist wieder nach Salzburg zurückgekommen und erfährt von ihrer Kollegin, sie muß jetzt schon in Pension und nicht mehr in Altersteilzeit sein, arbeitet aber noch ein bißchen freiberuflich in der Redaktion, von Ari Eisensteins Buchpräsentation, wird ins Literaturhaus gehen und er wird ihr einiges über seine Mutter erzählen und auch, warum er nicht in der Währingerstraße recherchierte?
Da bin ich jetzt, wie breit die Begegnung Marianne-Ari wird, weiß ich noch nicht. Es könnte sich aber eine neue Liebe ergeben. Jan wird wahrscheinlich auch noch nach Salzburg oder Wien kommen und Johann Molnar nach Wien und der hat eine uneheliche Tochter namens Ilona, eine Schauspielerin oder Psychologiestudentin, von ihr wird er Theresa oder Marianne erzählen, aber soweit bin ich noch nicht. Und am Schluß wird Albert bei Theresa einziehen, das ist dann das Ende der Geschichte. Bis dahin kann ich die Handlung noch entwickeln und die Spannung legen.
Ein Detail am Rande ist, daß die Ingrid einen israelischen TMC-Mediziner heiratete, was zwar nichts mit meinen Roman zutun hat, ich konnte bei der Hochzeit aber ein bißchen Hebräisch hören und auch ein paar der israelischen Gäste beobachten.
Und eine Salzburg Variante gibt es auch, werde ich da ja im April lesen, also kann ich ein bißchen recherchieren, wo die Marianne wohnt, ich habe ihr ja die Körblleitengasse als Adresse gegeben und da wohnt auch Margot Koller und im Salzburger Literaturhaus habe ich, 1992, glaube ich, bei Christine Haideggers “Sichten und Vernichten”- Symposium, gelesen, von da weiß ich, daß die dort Eintritt verlangen und als ich am Montag von der Alten Schmiede nach Hause ging, hörte ich zwei Männer über das falsche Singen “Das ist völlig egal, die merken das ohnehin nicht!”, reden, was wieder den Handlungsbogen zur Margit Mayerhofer hinüberbringt und vielleicht der Vater zu der Tochter sagt.

Alle Wege

“Alle Wege” führen nach Rom sagt das Sprichwort und da gibt es ein Östereich-Atelier oder eine Stipendiatswohnung in der Via di Tor Millina und da zieht es die österreichischen Autorinnen von Martin Ammanshauser bis Cornelia Travnicek bekantlich hin. Viel mehr als dreizehn werden sich in der schon etwas abgehausten Wohnung, Andrea Stift hat einmal in ihren Blog, ein paar Fotos derselben hineingestellt, ihre Rom-Phantasien niedergeschrieben haben. Linda Stift, ihre Cousine hat jedenfals dreizehn Autoren gebeten, ihre Rom-Geschichten für eine Anthologie zusammenzustellen, die bei Sonderzahl herausgekommen ist. Thomas Kussin und Matthias Zsutty haben Fotos dazu gemacht, von der berühmten Künstlerwohnung gibt es keine und der Buchtext verspricht “Frische neue Blicke auf die citta eterna. Und wie nebenbei entsteht ein Panorama der österreichischen Gegenwartsliteratur.
Dann springen wir hinein, es hat ohnehin lang genug gedauert, bis ich das Buch gelesen habe und beginnen mit Rosemarie Poiarkow “Wenn der Papst stirbt”, da sind wir gleich mittendrin in dieser Künstlerwohnung, obwohl, die 1974 in Baden bei Wien geborene, von der ich “Wer, wenn nicht wir?” gelesen habe, erst, wie auf der Biografieseite steht “vor hatte, um ein Rom Stipedium anzusuchen, vorzugsweise in Okotober” steht noch dabei.
Johannes Gelich machte das in “Ponte Mammolo” auch, das heißt vorher war er in Madrid, dann kommt er in die Via di Tor Millina 35, wird von einem bildenden Künstler und einer Fotografin zum Spaghetti-Essen eingeladen und hat in seinem Zimmer Alpträume, denn im selben Bett haben schon Robert Menasse und Franzobel geschlafen, welche Vorstellung?, das Klo ist dauern verstopft, bzw. wird von ihm besetzt und über Pasolini will er seine Stipendiatsarbeit auch noch schreiben.
Dann kommt Andrea Stifts Text “Schmutzig”, die war im Juli 2007 das erste Mal in Rom, als ein Harry Potter erschienen ist, den sie dann gleich in der Buchhandlung Feltrinelli um Mitternacht erstand. 2009 war sie, glaube ich, noch einmal dort, jedenfalls habe ich diesem Jahr ihren Blog entdeckt und da auch die berühmten Fotos gefunden. Der nächste Text ist von Anna Kim und der bereitete mir ein bißchen Schwierigkeiten, beziehungsweise bestätigte er meine Vorurteile, warum ich mich so oft vor Anthologien und Kurzgeschichtenbänden drücke. Denn man liest sich ein in eine Geschichte und dann kommt ein ganz anderer Stil und das macht das Mitdenken ein bißchen schwierig. Noch unverständlicher wurde es bei Markus Köhle, denn der vermischte gleich genial das Deutsche mit dem Italienischen in “Amore fa mal di testa e daneggia gravamente la capacita linguale”, na klar, hat er ja in Rom Romanistik studiert, was mir gar nichts ausmachte, versuchte ich während meiner Italienaufenthalte ja Italienisch zu lernen und habe deshalb immer ein tausend Lektionen Italienisch Sprachbüchlein mitgenommen. Mieze Medusa versuchte es dann gleich auf Englisch “Its fobidden to rubbish the monument”, beginnt mit dem Südbahnhof, den es nicht mehr gibt und der Zugsfahrt, versucht dabei einen Stefan zu vergessen, lernt einen Sven kennen, geht mit ihm essen und Kaffee trinken und macht auch eine Stadtführung.
Die nächste Autorin konnte höchstwahrscheinlich schon Italienisch, als sie Rom bereiste, hat dort auch als Zimermädchen gearbeitet und in die Anthologie ein Stück von “Stillbach” hineingestellt und das war sehr interessant, besucht das deutsche Zimmermädchen doch in der Zimmerstunde den Fontana di Trevi und erwischt dort ihre Kollegin, wie sie mit einem Magneten die Münzen aus dem Wasser fischt, die die Touristen hineinschmeißen, um sich entweder in einen Römer zu verlieben oder in die ewige Stadt zurückzukommen. Sabine Gruber wurde 1963 in Meran geboren und lebt inzwischen in Wien. Und Michael Stavaric zählt in “Und in Italien” sämtliche Vorurteile auf, die man über diese und über andere Städte haben kann. “Und in Rom ist es allen Frauen, die MARIA heißen, verboten als Prostiutierte zu arbeiten, und im übrigen Italien ist es das nicht”
In Angelika Reitzers “Scherbenhügel” geht es gleich wieder in das Österreich-Atelier. Das heißt nicht gleich, zuerst geht es zu einer Fastenkur, die aber kein Erfolg wurde, so kommt sie nach Rom und läßt sich dort von ihren Mitbewohnern bekochen. Und Olga Flor beschreibt in den “Katakombenheiligen” die negativen Seiten, der ewigen Stadt, erzählt von den Bettlern, den Taschendieben und den Männern, die einen in die Toreinfahrten locken und zu vergewaltigen suchen, während Linda Stift, die viermal dieses Atlier besuchte in “Macks Verhängnis” einen verhinderten Heiratsschwindler seine Leiden schildern läßt. Er will in Rom eine reiche alte Frau verführen und berauben, stolpert aber über die amerikanischen Lolitas in den Eisdielen, kauft sich einen halben Liter Zitroneneis, spritzt ab, bekleckert seine Hose und findet am nächsten Tag auch in den Nobelhotels, die ersehnten reichen alten Frauen nicht. Und Cornelia Travnicek erinnert unter Palmen am Wiener Graben, daß Schriftstellerinnen gar nicht auf Urlaub gehen können und, daß man in Rom vor lauter Erwartungshaltung nicht schreiben kann oder höchstens einen Italienroman “Aber wer braucht schon soviele Italienromane?” und war 2010 durch den Umweg über Paliano, wo das andere Österreich Atelier, das es in Italien gibt, liegt, “zum ersten Mal in der ewigen Stadt.” Am Schluß führt uns Martin Ammanshauser noch auf den Friedhof und zitiert die Reisen, die, der Vater Johann Caspar Goethe, Johann Wolfgang Goethe und sein Sohn August machte. Und ich war 2003, glaube ich, einmal dort, auf einem Campingplatz mit dem Alfred ein bißchen außerhalb, da ich in der Zeit, wo ich noch unabhäng war und keinen Kassenvertrag hatte, nicht recht wußte, wie man sich um ein Rom-Stipendium bewirbt und vielleicht auch keines bekommen hätte, so also als Touristin mit einem literarischen Reiseführer durch die Stadt gezogen und dann 2004, als “Tauben füttern” schrieb, davon zehrte, macht da ja die arbeitslose Lehrerin, Veronika Schätzmeister, wie angeblich sehr viele Italiener auch, Urlaub auf ihrem Balkon mit Ausblick auf den Donaukanal, während sie im Italienischen Billig Supermarkt Spaghetti, Chianti etc einkaufte, um ihrer Freundin dann in Mails von einem vorgetäuschten Urlaub vorzuschwärmen, während unten am Donaukanal eine Tauben fütternde alte Frau erschlagen aufgefunden wird. So jetzt habe ich auch ein bißchen zu den Büchern der Autoren und den Veranstaltungen, die ich von ihnen schon besucht habe, verlinkt. Ich habe ja bei den “Mittleren” einmal Cornelia Travnicek und Andrea Stift eingeladen, da war auch Lina Stift und da hat die Anthologie vielleicht auch ein bißchen ihren Ausgang genommen, mit der man am besten wahrscheinlich nach Rom fahren und sie dort lesen sollte, da kann man dann auch am Campo di fiori und zu dem Haus gehen, in dem eine andere Exil-Römerin, nämlich die berühmte Bachmann einmal lebte.

Aktuelle literarische Gesellschaftsbefunde

So heißt eine neue Lesereihe in der Alten Schmiede und es war auch der erste Abend im Neuen Jahr und für mich die erste Literaturveranstaltung nach drei Wochen Abstinenz mit Kurt Neumann in der Gesellschaft für Literatur haben die Veranstaltungen 2011 geendet, mit Marlene Streeruwitz “Die Schmerzmacherin” fing es 2012 wieder an und von Marlene Streeruwitz habe ich in der letzten Zeit einiges gehört, so war das Buch auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2011 und den Bremer Literaturpreis bekommt sie im Jänner auch. In der Weihnachtsbeilage des Standards war ihr literarischer Gesellschaftsbefund zur Schuldenbreme und auf meinen Bücherlisten stehen drei Streeruwitz Bücher “Verführungen” ist heuer dran, “Lisas Liebe” und “Majakovskiring” folgt dann 2013 und ich bin eigentlich nicht so eine besondere Streeruwitz Expertin, ist sie mir ja auch irgendwie zu sperrig oder abgehoben könnte man sagen und ich verstehe manche ihre Gedankensprünge bei Diskussionen nicht, eine brillante Rednerin ist sie allemal und “Partygirl” habe ich vor einigen Jahren gelesen, weil es das bei “Buchlandung” um einen Euro oder waren es noch zehn Schilling, gab.
“Die Schmerzmacherin” ist aber in aller Munde, wurde von Daniela Striegl bei dieser Jahresenddsikussion als Buch des Jahres gelobt, so daß es mir schon leid, tat, daß ich es mir nicht zum Geburtstag wünschte. Aber man kann nicht alle Bücher haben und ich habe ohnedies schon genug und jetzt noch fünf Stück mehr und neun Euro weniger, ich weiß die Buchhändler unter meinen Lesern werden aufstöhnen, aber bei Morawa gab es einen Abverkauf und da habe ich die Marie Therese Kerschbaumer um vier Euro drinnen lassen, Karin Ivancsics “Muß das schön sein”, Kurt Bracharz “Für reife Leser”, Zdenka Beckers “Taubenflug”, Lukas Meschiks “Anleitung zum Fest” und Crauss “Motorradheld”, aber herausgenommen. Letzteres eigentlich nur, weil ich dachte, das kann ich dann der Christel Fallenstein zeigen, wenn ich sie in der Alten Schmiede sehe. Sie war aber nicht da, dafür habe ich einen Platz neben Angelika Kaufmann gefunden, die mir die “Absturzgefahr” abkaufte und Mieze Medusa und Markus Köhle, die ein paar Reihen dahinter saßen, erzäht, daß ich jetzt endlich die “Rom-Anthologie” lese. Dann kam schon Kurt Neumann mit seiner Eröffnung und Cornelius Hell, der den Roman mit sämtlichen Rezensionen, die es darüber gibt, einleitete. Er hat auch eine geschrieben, aber ich lese ja eher keine Reznsionen und einige Rezensenten, meinte er, haben das Buch theoretisch gefunden. Es ist aber politisch brillant und gibt eine hervorragende Analyse unserer Sicherheitsgesellschaft und dafür hat Marlene Streeruwitz drei Jahre recherchiert und fünf Jahre an dem Buch gearbeitet, das dann aber anders, als geplant wurde. Da sollte ich vielleicht neidisch werden, tu ich aber nicht, denn ich schreibe ja auch gesellschaftskritische Romane und bei mir kommt die potische Situation auch immer vor. Der erste Satz lautet jedenfalls “Noch nie waren soviele Raubvögel zu sehen gewesen” oder so ähnlich und es geht um die vierundzwanzigjährige Amy, die eigentlich Amalia Schreiber heißt, die sich als Sicherheitsmitarbeiterin ausbilden läßt, weil sie mit ihrem BWL-Studium scheiterte. Ja, als ich für die “Arm reich prekäre und andere Arbeitsverhältnisse”-Lesung, die ich nicht mehr im Literaturhaus machen durfte, recherchierte, war, glaube ich, gerade Wien Wahlkampf und da hat Marlene Streeruwitz auch einen sehr gesellschaftskritischen Roman über prekäre Arbeitsverhältnisse und eine gescheiterte Studentin ins Netz gestellt, den ich mir immer ausdruckte. Marlene Streeruwitz hat sehr originell das Ende des Buchs gelesen und vorher einiges darüber erzählt, zum Beispiel auch, daß ihr immer eine falsche Grammatik vorgeworfen wird, weil sie österreichisch schreibt, was mich ein bißchen wunderte, daß ihr das der Verlag drinnen gelassen hat, hat Cornelia Travnicek auf ihren Seiten ja unlängst beschrieben, was ihr ihr deutscher Verlag alles herausstrich und mir hat Fischer TB bei unseren StottererBuch ja auch die Buben zu Knaben gemacht etc.
Ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad kann man aber offenbar machen, was man will, nur bei dem Wort “Kübel”, sagte Marlene Streeruwitz hat sie sich erweichen lassen, denn da würden die deutschen lachen. Die österreichschen Leser sind dagegen gewohnt mehr zu schlucken und Cornelius Hell erwähnte vorher noch, daß sich die Rezensenten nicht einig waren, wie das Buch nun endete, ob die Amy am Schluß davon kommt, getrettet wird, etc. Es bleibt jedenfalls eine Windjacke über und Amy fährt in dem Stück, das Marlene Streeruwitz gelesen hat, in ein Hotel, das von einer Frau, die ihr Mails geschickt hat, gerade verlassen wird, dann in eine alte Schule, wo offenbar diese Sicherheitstrainingsfirma war, dort liegt ein Toter am Konferenztisch, Amy holt ihre Jacke und telefoniert mit einem Mann, mit dem sie sich über das trojanische Pferd unterhält und die letzten Worte lauten “Care and attention”. Den ersten Satz habe ich schon zitiert und der Buchbeginn ist in dem “Deutschenbuchpreis-Büchlein” nachzulesen, das ich mir jetzt immer schicken lasse.
So hat das Veranstaltungsjahr also angefangen und ein paar erfreuliche Meldungen gibt es auch noch, nachdem 2011 ja mir als Literatin nicht so viel brachte und auch meine literarische Qualität bezweifelt wurde, hat mich am Samstag Margot Koller aufgefordert, ihr mitzuteilen, was ich im April in Salzburg lesen möchte, wo ich mich dann kurzfristig entschloß, schon das “Work in progress” zu wählen und als ich gestern von der “Winterfrische” nach Wien kam, fand ich ein Mail von Barbara Neuwirth vor, daß Annemarie M. Moser die “Sophie Hungers” im letzten Podium besprochen hat. Das ist ein Erfolg, denn es gibt ja immer wieder Diskussionen, ob selbstbemachte Bücher in Literaturzeitschriften besprochen werden dürfen, die Sophie Hungers, wurde aber auch schon von Janko Ferk fürs Literaturhaus besprochen und Annemarie M. Moser ist auch eine anerkannte Autorin, deren Name ich kenne, seit sie einmal vor Jahren, bei einem Profil-Literaturwettbewerb, den ersten Preis gewonnen hat und die Rezension ist auch noch sehr gut.
Alois Eder hat die “Globalisierungsnovelle” auch schon einmal im Podium besprochen, konnte sie aber auch nicht verkneifen, ein bißchen auf den selbstgemachten Status hinzuweisen, ja und die dritte Freude ist eine verspätete Weihnachtskarte, die hat die Post wieder ein bißchen herum- und zurückgeschickt und ein handgeschriebenes Weihnachtsgedicht von Peter Gstöttmaier, den Ohrenschmaus- Lebensberichtpreisträger, der sich um das Preisgeld ein paar Möbeln kaufte, mit denen er demnächst seinen fünfzigsten Geburtstag feiern will.

Durst

Eigentlich wollte ich ja als nächstes, den Andrea Camilleri Krimi lesen, ich ich mir am Sommer in dieser Abverkaufskiste in Wilhelmsburg gekauft habe, bin aber daraufgekommen, daß er sich, weil er an einem Karfreitag spielt, als Osterbuch bestens eignet und ich es nicht nach Weihnachten lesen will, also habe ich zu Hermann Jandls achtzig Seiten dicke Erzählung “Durst” gegriffen, ein kleines Büchlein in einem blauen Umschlag, das im Österreichischen Literaturforum erschienen ist, das ist der Kremser Verlag von Johannes Diethart, bei dem auch unser Vier Frauenbuch erscheinen sollte, das ich mit Elfriede Haslehner, Hilde Langthaler und Valerie Szabo-Lorenz einmal machen wollte, das aber an der leidigen Druckkostenzuschußfrage gescheitert ist.
Hermann Jandl ist der jüngere Bruder von Ernst Jandl, 1932 geboren, Lehrer, Schuldirektor, der seit 1952 Lyrik und Prosa veröffentlicht, beim PEN und wahrscheinlich auch beim Schriftstellerverband ist und den ich einmal, vor Jahren in der Alten Schmiede kennenlernte.
Und “Durst” ist eine interessante Erzählung, schnell gelesen, hat aber viel Stoff zum Nachdenken und wahrscheinlich auch für eine Menge Bücher und beginnt, wie überhaupt in dem Buch viel enthalten, mit einem Dialog. Eine Frau holt die Polizei, weil sie ihr Lebensgefährte wüst beschimpfte und sie mit dem Tod bedrohte und die trommeln an an seiner Tür, beziehungsweise holt sie die Feuerwehr, dabei hat doch alles so gut angefangen. Die Pension des Klaus Steiners, auf die er sich nach fünfunddreißig Bürojahren schon so freute und auch große Pläne hatte. Ein Auto hat er sich gekauft und Bücher, Platten, und Englisch will er lernen, Italienisch, Reisen machen u.u.u.
Das Paar fährt dann auch an einen See und nach Mariazell und die Frau regt sich auf, daß der Mann so oft das Wort “schön” gebraucht. Dann überfallen dem Mann ungute Gedanken, wie es sein könnte, wenn er zuerst ein Wort vergißt und dann zuviel oder zuwenig Geld hinlegt. Er geht auf ein Begräbnis eines Schulkollegen und fängt zu trinken an. Denn das Büro geht ihm ab und die Struktur, die Ordnung, nach fünfunddreißig Dienstjahren kann er sich allein nicht beschäftigen, obwohl er früher so schöne Dialoge geschrieben und auch Goethe gelesen hat.
Es gibt auch sehr lebedinge Szenen, so will die Frau ihn zu einer Norwegenschifffahrt bewegen und zeigt ihm das Prospekt, liest es ihm vor und er steigert sich in ein solches Delir hinein, daß er glaubt, er wäre auf dem Schiff, dabei hat er sich zu Hause angetrunken. Die Frau macht ihn auch Vowürfe, fleht ihn an, mit dem Trinken aufzuhören und ist sonst eine gute Frau, die kocht und wäscht und bügelt. Es gibt auch einen Abstinzversuch, der aber scheitert, so kommt er wieder zurück und liest der Frau aus Zeitungen vor. Das ist vielleicht ein bißchen unlogisch, birgt aber interessante Geschichten, zum Beispiel, die von der Frau, die stirbt und vorher drei Jahre mit ihrem toen Sohn gelebt hat.
Das Ganze ist, wie beschrieben in Dialogform geschrieben und wirkt dadurch sehr verständlich. Das große Thema des Älterwerdens, bestimmt ist auch sehr viel Autobiografie des Achtzigjährigen dabei, das Buch ist 2001 herausgekommen, in einer realistischen Sprache, fast humoristisch verpackt, obwohl es tragisch endet, der Mann ist mit seinem Leben unzufrieden, kann und will sich nicht umbringen, bedroht die Frau, die schließlich die Polizei holt, die ihn abführt. Der vorletzte Satz “Ich komme sehr bald zurück”, des Mannes, während Johanna ihm nachsieht und “Ich verstehs nicht, ich verstehs nicht!”, sagt.
Ein Buch zum Nachdenken, philosophieren und wahrscheinlich besser machen. Hermann Jandl hat sicher seine Beispiele gehabt, an denen er sich abgeschrieben hat.