Laut und Luise als fünftausendste Veranstaltung

Die Alte Schmiede hat wieder einmal Grund zum Feiern, nämlich die fünftausenste Veranstaltung im literarischen Quartier und tat dies mit einem Fest, einer besonderen Grundbuchveranstaltung und mehreren Radiosendung. Daß ich zu Grundbuch “Laut und Luise” gehen wollte, hatte ich in meinem Kalender schon eingetragen und das mit der fünftausendsten Veranstaltung ignoriert, als mir Friedrich Hahn am letzten Dienstag von dem Fest am Freitag erzählte. Welches Fest, wahrscheinlich nur für geladene Gäste, für die hundert Autoren vielleicht mit denen sich die Alte Schmiede besonders verbunden fühlt und dazu gehöre ich wohl nicht, obwohl ich sicher bei zehn oder so Veranstaltungen selbst gelesen habe und die Elfriede Gerstl, die mir einmal spontan bei einer solchen Gelegenheit angeboten hat, mitzukommen, kann das ja nicht mehr tun.
Am Freitag war aber ohnehin die Festwocheneröffnung und Milena Michiko Flasar in der Hauptbücherei, die habe ich zwar schon in Leipzig gehört, die Veranstaltung war aber trotzdem interessant und am Mittwoch war Kurt Neumann mit Martin Prinz im “Von Tag zu Tag”, was ich versäumte und Montagmorgen konnte ich von der Festveranstaltung im “Leporello” hören und erfahren, was Peter Henisch, Barbara Frischmuth, Andrea Winkler, Robert Menasse etc von der Alten Schmiede halten und am Abend selber hingehen und dabei ein wenig an die vielen Veranstaltungen denken, bei denen ich schon dort gewesen bin. Eine ist eine ganz Besondere, hat da nämlich in dem Hofquartier, das es nicht mehr gibt, Ernst Hinterberger, seinen Roman von den kleinen Leuten vorgestellt und der ist, hatte ich zu Mittag im Mittagsjournal erfahren gestorben.
Ernst Jandl ist das schon länger, nämlich im Juni 2000, ihn habe ich auch einige Male in der Alten Schmiede gehört und es war auch ein sehr feierlicher Rahmen mit sehr viel Prominenz, so kam Friederike Mayröcker in Begleitung von Christel Fallenstein, Waltraud Haas, Herbert J. Wimmer war da, Ferdinand Schmatz, Ruth Aspöck, Robert Egelhofer u.u.u.
Walter Famler eröffnete, wies auf Wichtigkeit der Alten Schmiede hin und darauf, daß der Kellersaal schon der dritte oder eigentlich vierte Veranstaltungsort ist, habe ja auch ich meine ersten Lesungen im ersten oder zweiten Stock des alten Hauses gehalten, dann gab es ja den Parterresaal und da habe ich auch gelesen und das Schmiede-Museum und seit eineinhalb Jahren den Keller, nachdem die Alte Schmiede umgebaut wurde.
Dann hielt Stadtrat Mailath Pokorny seine Festrede, nachdem die Festgäste und die Kulturbeamten der Stadt Wien begrüßt waren, Kurt Neumann folgte und erläuterte das Programm, das ja seine eigenen Seminarreihen und Autorenprojekte hat, von denen eine Martin Prinz begründet hat und die Grundbuchveranstaltung gibt es auch schon sehr lange. Bei einigen bin ich inzwischen gewesen, über zwei habe ich gebloggt und interessant, daß ich beide Bücher inzwischen auf meiner Leseliste habe, den Torberg werde ich ziemlich bald lesen und für Ernst Jandls 1966 zum ersten Mal erschienenen berühmten Gedichtband “Laut und Luise” konnten wieder besondere Interpreten gewonnen werden. Die Grundbuchreihe wird ja immer von Klaus Kastberger moderiert und am nächsten Tag im Linzer Stifterhaus wiederholt. Einer liest aus dem Werk, ein anderer stellt es literarisch vor und diskutiert wird auch darüber. Der Leser war diesmal der Bachmannpreisträger von 2001 Michael Lentz und tat das mit sehr lauter Stimme, er wird nachher vermutlich heiser gewesen sein oder auch nicht, ist er ja ein Musiker und Performer und erzählte auch ein bißchen was zu den Laut und Sprechgedichten, die Ernst Jandl zum größten Teil 1958 geschrieben hat und die ihm einem größeren Publikum bekannt machte. Ein paar davon kennt man sicher schon, so ist das mit “Napoleon” ja sehr bekannt, hat Ernst Jandl ja damit einmal die Royal Albert Hall gefüllt und diese Aufnahme war auch im Wien-Museum bei der Jandl Ausstellung zu hören. Danach folgte Bernhard Fetz brachte, ein paar Originaltonaufnahmen und erzählte etwas über die Entstehungsgeschichte, nämlich, daß es nicht sehr leicht war für den ehemaligen Englischlehrer einen Verlag zu finden. Suhrkamp hat es beispielsweise mit der Bemerkung, daß das keine Gedichte seien abgelehnt, als Jandl aber später die Frankfurter Poetik Vorlesung hielt ist Siegfried Unseld in der ersten Reihe gesessen. Jandl hat schließlich einen Schweizer Verlag gefunden und der konnte nicht alle Gedichte bringen, waren einige ja zu radikal und alle wären wahrscheinlich auch zu teuer gewesen. Jandl tat sich aber schwer mit dem Auswählen und inzwischen sind, wie Berhard Fetz, glaube ich, in seinem Schlußwort sagte, viele Gedichte sehr bekannt und Evergreens. Man hat sie schon im Ohr, auch wenn man vielleicht nicht wußte, daß sie aus dem Gedichtband “Laut und Luise” stammen und Luise ist der Name von Jandls Mutter, die selber Gedichte geschrieben hat, die religiös und wahrscheinlich konventioneller waren.
Friederike Mayröcker habe ich beobachtet ist sehr ernst und konzentriert dabei gesessen, die anderen haben gelacht, geklatscht und waren vielleicht ähnlich begeistert, wie die Massen in den Sechzigerjahren in der Royal Albert Hall und Kurt Neumann hat auch noch genau begründet, warum dieses Grundbuch für die fünftausendste Veranstaltung ausgewählt wurde und der Stadtrat hat uns noch fünftausend weitere Veranstaltungen gewünscht, ob ich die noch erleben werde, ist fraglich, aber an einige sehr schöne Veranstaltungen kann ich mich erinnern. Auch wenn ich nicht mehr genau sagen kann, wann ich das erste mal in der Alten Schmiede war und über viele habe ich in den fast vier Jahren Literaturgeflüster auch gebloggt, so daß man die Geschichte auch ein bißchen nachvollziehen kann, ich werde aber nicht alle verlinken, so daß man sich die selber zusammensuchen muß. Ich erinnere aber an Angelika Reitzers Textvorstellungen, an Friederike Mayröcker in der Alten Schmiede u.u.u.
Eine Nummer des “Hammers”, wo die Nachrufe auf inzwischen verstorbenen Alte Schmiede Leser, wie Gerald Bisinger, Reinhard Priessnitz, H.C. Artmann, etc, die, wie ich mir von Ruth Aspöck sagen ließ, am Freitag von Dichtern, wie Marie Therese Kerschbaumer, Peter Rosei etc vorgetragen wurde, nachlesen kann, gibt es auch.
Und noch eine Neuigkeit habe ich durch meine eifrigen Suchanfrager gerade erfahren, Cornelia Travnicek darf heuer beim Bachmannpreis lesen, mit der ich ja auch einmal in den Textvorstellen war.

Kopf hoch

Jetzt kommt wieder ein Kunststück, ähnlich schwierig wie die Besprechungen von Büchern des lieben Rudis, denn wie bespricht man einen Karikaturenband?
Hat mich da ja der Holzbaum-Verlag wieder angeschrieben und auf das neue Buch der Edition Komische Künste aufmerksam gemacht.Gerhard Haderer empfiehlt Oliver Ottitsch, denn das besondere an der neuen Reihe des Holzbaum-Verlags, dessen erster Ban “Kopf hoch” von Oliver Ottitsch am vorigen Dienstag herausgekommen und Donnerstags im Museumsquartier vorgestellt wurde, ist, daß hier immer ein renommierter Künstler in einem Vorwort einen jungen Künstler vorstellen und präsentieren wird. In diesem Fall präsentierte Gerhard Haderer, den 1983 in Graz geborenen und in Wien lebenden, studierenden und Witze zeichnenden Oliver Ottitsch, der schon im “Nebelspalter”, im “Eulenspiegel” in “Fiese Bilder” und weiteren artverwandten Druckwerken veröffentlicht hat und auf Seite dreiundsechzig des Bändchens mit roten Schopf, großer Nase, runder Brille und ohne Mund mit oliven Hemd zu sehen ist.
“Kopf hoch” heißt der Band, deshalb sieht man einen Henker, einen Baumstumpf und einen Deliquenten auf dem Titelbild, der solche Forderung ausspricht. Dann geht es rein in die Bilder mit wenig Text. Was tut da die realistische Literatin? Noch dazu da Haderer in seinem Vorwort schreibt “Die Themen seiner Arbeiten sind breit gefächert, keineswegs ist dabei seine Neigung zum schwarzen Humor zu übersehen. Politische Themen lässt er bewußt aus, weil das Andere bereits zur Genüge tun, wie er sagt”? Klingt nicht gerade sehr ermutigend. Aber da sieht man auf Seite achtundvierzig eine Schulklasse mit rothaariger Lehrerin mit langen wallenden Haar, die ihren Schülern das Beispiel vorliest “Marco hat 3 Springermesser im Bauch. Wie viele Springermesser stecken in ihm drin, wenn er 2 rauszieht und Kevin noch 5 nachrammt?” Und schon ist sie angesprungen, die tagespolitisch interessierte Literatin. Hat sie doch vor kurzem erst einen “Langen Brief an den Herrn Kurz” geschrieben und interessiert sich ja sehr für die Bildungsdebatte und die aktuelle gesellschaftliche Situation.
Denn sie sind natürlich schon politisch die Zeichnungen des, wie Gerhard Haderer weiter schreibt “wirklich ambitionierten und begabten Künstlers, der es verdient hat, dass man ihn mit dem Begriff der Komischen Kunst assoziiert.”
Also hinein in das Buch, weil ich den Rundgang durch die Galerie bei Wein, Bier und kleinen Snacks wegen meiner fixen Abendstunde am Donnerstag leider versäumte. Wer interessiert ist kann das aber noch bis Ende Juni im Museumsquartier nachholen. Das Buch hat fünfundsechzig Seiten und auf Seite sieben ist die Tagespolitik ebenfalls nicht angesagt, dafür hält der Folterknecht den gefesselten Deliquenten, die sehr aktuelle Frisuren haben, die Folterkammer auf “Für die einen ist es eine eiserne Jungfrau, ich nenne es Akupunktur für Fortgeschrittene”, sagt er lapidar dazu und es überkommt einer, ob des bösen Witzes das Gruseln. Der Horror scheint Oliver Ottitsch überhaupt sehr zu liegen. So gibt es “Horrorfilme für Brötchen” – “In drei Tagen bist du Kot”, sagt die Semmel und hält ein Handy oder einen Taschenrechner in der Hand und im Bassin für “Nichtschwimmer” treiben die Leichen herum und strecken ihre Hände oder Füße aus dem Wasser.
Makaber, makaber! Im Meer fährt zur untergegangenen Titanic ein kleines Boot heran, das den herbeischwimmenden “Schwimmwesten” verkaufen will, vielleicht nicht tagespolitisch aktuell, man denkt aber trotzdem an den Korruptionsskandal.
“Also raus mit der Sprache! Wo schmuggeln Sie die Welpen?”, wollen die Polizisten von der Austria Security vom nackten, total Durchuntersuchten wissen und während der der Mittagspause in der Modelschule, gibt es von der Kantine kommend einen Run auf das Klo: “He! Andere Leute müssen auch mal kotzen!”, fordert die Schöne und trommelt gegen die Tür.
Daneben gibt es natürlich auch den kleinen subtilen Witz. So ist das “Ende eines Workoholics” “Wegen Ulaub erschossen” und bei den “Sadismus-Wochen beim Japaner” werden “Maki de Sade” befohlen.
“Sollten Sie Stimmen im Kopf hören – Es könnte meine Frau sein. Seit Ihrer Gehirn-O.P hab ich mein Handy nirgends mehr gefunden!”, sagt der Doktor bei der Visite. Subtil grausam, aber natürlich nicht aktuell tagespolitisch oder doch vielleicht, wenn man die Erfolgsmeldungen über die Beinahefehlermeldestatistik der Ärztekammer gehört hat.
Das koschere Gemüse ist ein Kohlrabi mit schwarzen Hut und Schläfenlocken.
“I”m just drinking to forget. To forget what? I don´t remember”, sagt der eine Betrunkene in der Bar zum anderen. Also ein voller Erfolg und noch ein kleines Witzchen, was vielleicht die Ausstellungseröffnung bei Wein und Bier betraf, denn das gabs laut Ottitsch in der Steinzeitauch, da stehen die Fred Feuersteine mit den Sektgläsern vor den Wandmalereien und meckern “Also ich finds primitiv!” und um wieder etwas aktueller zu werden. Hans und Gretel gehen heute zum Hexenhäuschen und sind enttäuscht “Was? Keine Energy Drinks?” “Haben Sie W-Lan?”
Und “auf denWinterschlaf folgt bei den Bären das böse Erwachen”, nämlich “698473 ungelsene Mails”, dann folgt der Lebenslauf und die Website des jungen Zeichners http://oliverottitsch.com/ , wo man sich die Cartoons auch anschauen kann und das “Game ist over, wie auch meine Karikaturenbesprechung und da ich aus Platzgründen keine Bilder zeige und man sich auf diese Art und Weise das Buch vielleicht nicht wirklich vorstellen kann, kann ich den Besuch im Museumsquartier und das Lesen des Bändchens wirklich sehr empfehlen.

Neue Bücher, Blogbekanntschaften, Trennungsgedanken, Fertigwerden

Was tut eine, wenn sie am Muttertag allein zu Hause sitzt, weil der Gatte in Australien herumfährt und die Tochter, den Großeltern in Harland den Rasen mäht? Richtig, sie geht um zehn Uhr morgens mit der großen Tasche zum Wortschatz am Margaretenplatz, um dort die Evi vom ehemaligen Zwillingsleiden, jetzigen Cafe Uranus zu treffen, die gerade wieder eine Blogpause macht. Das scheint unter Bloggern so üblich zu sein, sich vorher aber von ihren Büchern trennt und daher auf ihrer Seite bekannt gab, daß sie sie verschenkt. Das alamiert natürlich eine Bibliophile, um so mehr, da unter den angeführten Romances und Erotikbücher, die mich, um es salopp zu sagen, nicht die Bohne interessieren, zwei Titeln von David Sedaris finde und dessen “Nackt” stand ja einmal auf der Libro-Bestsellerliste, als es diese Bestseller-Aktion noch gab und in der Filiale in der Neubaugasse, fehlte das Buch auch in den Regalen. Die Verkäuferin hat es mir aber aus dem Lager geholt und sein “Holiday on Ice” habe ich einmal im Bücherschrank gefunden und zur vorigen Adventzeit gelesen. Also habe ich mein Interesse angemeldet, die Evi heute um zehn beim Bücherschrank getroffen und denke, daß sie die Siebente ist, die ich durch das Literaturgeflüster kennenlernte. Da war ja einmal Elisabeth von Leselustfrust, deren Blog es auch schon nicht mehr gibt, bei deren Gewinnspiel habe ich eine kleine Zotter-Käfer-Schokolade gewonnen und sie dann bei einer Eva Rossmann-Präsentation im Thalia auf der Mariahilferstraße getroffen und Cornelia Travnicek und Andrea Stift sind auch irgenwie Blogbekanntschaften, zumindest wurde der Kontakt um den Blog geknüpft, als Autorinnen hätte ich sie zwar wahrscheinlich auch anders kennengelernt, so habe ich ja einmal mit Cornelia Travnicek in der Alten Schmiede gelesen und sie und Andrea Stift dann auch zu den “Mittleren” eingeladen. JuSophie hat sich auf meinen Blog einmal gemeldet, ich habe sie im Literaturhaus bei der Studentenlesung kennengelernt, dann ist sie zu einer scharfen Kritikerin geworden, was ich sehr schade finde, weil man ja auch wohlwollend miteinander umgehen kann, wenn man den anderen für keinen guten Literaten hält und Thomas Wollinger, auf dessen Blog ich ja fast täglich meinen literarischen Senf verbreite, habe ich auch kennengelernt, bei der Texthobellesung im Cafe Anno, wo ein halbes Jahr später Sarah Wipauers Bekanntschaft machte.
Bloggen ist also ziemlich kommunikativ und das hat auch die Evi angesprochen, als ich sie fragte, warum sie ihre Bücher nicht einfach in den Bücherschrank stellt, weil das Verschicken nach Deutschland beispielsweise ja ziemlich aufwendig und auch teuer ist? Außerdem hat sie mir gleich strahlend John Irvings “Garp”, glaube ich, das sie vorher im Schrank gefunden hat, mit “Ich kann es nicht lassen, entgegengestreckt und das kann ich auch nicht und habe anschließend auch ein “Jahrhundertbuch” aus dem Schrank gezogen, nämlich Hilde Spiels Roman “Die Früchte des Wohstands” und da habe ich ja erst unlängst gebloggt, daß ich gerne Hilde Spiel Bücher finden würde. Jetzt muß man das nur alles lesen, was bei mir, wenn ich nicht eine extra Lebenslesezeit dazu bekomme, ziemlich unmöglich ist, aber ich versuche wenigstens die Bücher auf Leselisten zu setzen, um den Überblick zu haben.
Das sich von den Ungelesen trennen, wie es die Evi momentan praktiziert, kommt für mich nicht in Frage. Ich bin eine Büchersammlerin, versuche nur das Ansammeln zu bremsen, indem ich nicht extra zu den Bücherschränken gehe, wenn ich aber vorbeikomme, schaue ich hinein und versuche inzwischen nur mehr die Gustostückerln zu nehmen und einen dicken Stephen King, z.B. den ich wahrscheinlich nicht lesen werde, drinnen zu lassen. Es gibt aber sehr viel Gustostückerln und das finde ich eigentlich gut. So bin ich heute auch draufgekommen, als ich Ex Libris hörte, daß J. D. Salingers “hebt den dachbalken hoch, zimmerleute und “seymour wird vorgestellt”, das ich einmal gefunden habe, inzwischen neu aufgelgt und den Lesewilligen sehr empfohlen wurde.
Eine Trennerin bin ich eigentlich nicht, die Evi hat ja jetzt doch noch einen “Trennungsartikel” auf ihren Blog geschrieben und gemeint, daß sie damit gute Erfahrungen gemacht hat, da habe ich wahrscheinlich noch das Nachkriegsgenerationsblut in mir “Man wirft nichts weg, denn man könnte es noch brauchen!”, allerdings bin ich ja eine Konsumverweigerin und auch sonst ein eher sparsamer Typ und ich denke auch, daß man sich vielleicht in zwanzig dreißig Jahren, wenn es keine Papierbücher mehr geben wird, über meinen Nachlaß freut…
Danach bin ich zu meinem einsamen Muttertagstag zurückgegangen, die Muttertagsfeier im Pensionistenheim ist ja schon gewesen, habe eine Gemüsesuppe und einen Kaiserschmarrn mit Hollerkoch zur Feier des Tages gemacht und mich dann zu meiner “Paula Nebel” gesetzt. Daß es mir damit gut geht, habe ich schon geschrieben, auch wenn sie literarisch vielleicht nicht den Standard einer Andrea Winkler oder einer Milena Michiko Flasar erreicht, sondern sprachlich realistisch ist und weil der Text nur zweiundfünzig Seiten hat, ging auch das Korrigieren flott voran, was heißen soll, ich wurde gerade damit fertig und nun erwarten den Alfred zwei Manuskripten zum Buch daraus machen. Ich werde morgen den Buchtext schreiben, danach aussuchen was ich für den 16. Juni aus der “Mimi” lesen will und bin frei für das nächste. Und da schreibe ich gleich, die Idee für meinen nächsten “Jahrhundertroman” ist mir schon am Freitag gekommen und ein Arbeitstitel, der “Ein Glas zuviel” heißen könnte. Aber ich werde mich dennoch nicht gleich darauf stürzen, sondern, wie geplant, vielleicht doch bis zum Nanowrimo warten, bzw. zuerst die Texte für das “Literaturgeflüster- Texte- Buch” zusammenstellen und da ich da möglicherweise zu wenig literarische Skizzen habe, kann ich mich ja am nächsten Wochenende mit oder ohne Fahrschein in die Stadt begeben und ein paar Stücke zusammensammeln, was auch gut passt, habe ich ja gerade von Mathias Handwerk von den “5er Autoren” ein Mail bekommen, daß es jetzt doch eine Anthologie zu der Lesung im November geben und ich Texte schicken soll, die kann ich dann auch gleich zusammensuchen.
Ansonsten habe ich noch immer vor mein sogenanntes Strohwitwendasein, das ich durchaus sehr genieße und gewohnt bin, weil der Alfred mehrmals jährlich größere Reisen macht, mit Lesen zu verbringen, die ungelesenen Bücherstapeln und die Bücherkästen treiben mich dazu an und da habe ich nicht nur ein “Pfingsten erlesen” geplant, das ich ziemlich zelebrieren will, einen Tag mit den Bücherlistenbüchern in der Stadt herumfahren, einen Tag zu Hause auf der Terrasse, im Bett oder in der Badewanne”, den dritten Tag vor den Bücherkästen und daraus lesen, also wieder meinen SUB erweitern, sondern habe in der einen Alfred freien Woche, auch schon einiges gelesen, was mich wieder ein bißchen in Blognotstand bringt, will ich ja nur einen Artikel pro Tag verfassen. Ja, die Leute haben Probleme und so erscheinen am Muttertag zwei Artikeln und ein paar Buchbesprechungen gibt es schon auf Vorrat.
Und hier das Muttertagsarchiv

Jagdsaison

“Jagdsaison”, einer der historischen Krimis des berühmten Sizilianers Andrea Camilleri, ist ein skurilles Buch oder, wie auf der Rückseite steht “eine sizilanische Komödie voll praller Sinnlichkeit, erzählt mit spürbarer Lust an überraschenden Wendungen und komischen Situationen von wunderbar plastischen Figuren”, wie die Frankfurter Rundschau schreibt.
Ich habs ein bißchen weniger euphorisch empfunden. Mir war die Geschichte von der Verderblichkeit der Adeligen und ihrer verlogenen Gottesfurcht und gelebter Sündhaftigkeit, ein wenig zu schwülstig und die Frauen kommen bei ihm auch nicht gut weg oder werden so dumm naiv und einfältig hilflos dargestellt, wie sie um 1880 in den sizilianischen Dörfern höchstwahrscheinlich auch waren.
Ich habe in den offenen Bücherschränken inzwischen ja einige Camilleris gefunden, von dem ja, obwohl 1925 geboren, vor kurzem erst ein Buch auf Deutsch erschienen ist, die überall angepriesenen Montalbin Krimis sind aber noch ungelesen, denn jetzt ist “Jagdsaison” auf meine Leseliste geraten. Ich wiederhole es, ein wahrhaft skurilles Buch, wo man die Boshaftigkeit des Autors zu spüren scheint, ich denke aber doch, daß man, wenn ich so was schreiben würde, es wahrscheinlich kitschig nennen würde.
Nun mit dem Postschiff kommt im Jahre 1880, lang lang ists her, ein geheimnisvoller Mann in das Städtchen Vigata, sagt niemanden, wie er heißt und entpuppt sich als der künftige Apotheker und als er seine erste Runde in dem Städtchen macht, begegnet er einem Geist, bzw. einem alten Mann, dem Marchese des Ortes, der ihn anstarrt und mit “Die Jagdzeit beginnt” begrüßt, dann nach seinem Namen sucht, ihn aber nicht herausbringt, ist er ja schon ein wenig senil und wird von seinem Diener mehrmals am Tag auf den Dorfplatz und dann wieder zurück ins Schloß gebracht, wo er mit seinem Sohn, dessen Frau und zwei Kindern lebt. Der Sohn, der jüngere Marchese hat von seiner Frau zuerst eine Tochter bekommen und sie dann solange zum Vögeln gezwungen, bis endlich doch ein Sohn entstand, ob das legal oder mit Mithilfe anderer Männer oder Hilfsmitteln geschah, ist nicht ganz klar.
Der Großvater ertrinkt jedenfalls irgendwann einmal oder begeht Selbstmord und der Enkel stirbt an einem Pilzgericht. Die Mutter verfällt darob in Wahnsinn und der Marchese verläßt das Schloß, um sich bei seinem Verwalter einzuquartieren und bekommt von dessen Frau dann auch einen Sohn. Danach wird er tot in einer Schlucht gefunden und der Apotheker kommt bis dahin immer zart ins Spiel, indem er sämtlichen handelnden Personen Pillen verkauft oder verschreibt.
Der Pfarrer spielt auch eine große Rolle und will die Tochter des Marchesen, die inzwischen als Erbin überblieb, zuerst mit dem Apotheker verkuppeln. Aber der Gatte einer Marchesa muß natürlich adelig sein. So kommt ein Cousin aus Palermo angefahren, der ist zwar ein Filou und verspielt ihr Geld, die Jungfrau gibt ihm aber trotzdem ihr Ja-Wort, der Apotheker rät ihr auch dazu. Da man in Sizilien aber um jeden Toten drei Jahre trauern muß und die Marchesa Vater, Mutter und Bruder verloren hat, kommen neun Jahre Trauerzeit heraus und weil der Verlobte nicht solange warten wird, entsteht ein Ablaßhandel und der Bischof läßt sich auf drei Jahre hinunterfeilschen.
Die sind fast vorbei und Antoinetta trägt schon wieder weiße Streifen auf ihrem Trauerkleid, sie hat auch einen schwarzen Hintern, als ein Onkel aus Amerika angereist kommt, den Verlobten zum Teufel jagen will. Nur leider stirbt er samt seiner Frau und Dienerschaft dabei und der Verlobte verendet an einem diabetischen Anfall. Antoinetta hat schlechte Träume, ohrfeigt ihre Dienstboten mit denen sie vorher an einem Tisch gegessen hat und scheint auch zu onanieren, so daß der Pfarrer jetzt wieder zur Ehe mit dem Apotheker rät, der gerät kurz danach in eine Jagdleidenschaft und es erscheint auch noch ein Commissario der ihm auf den Kopf zusagt, daß er der Mörder all der Toten ist, weil er sich schon als Kind, er war ein Bauernjunge im Dorf, in die schöne Antoinetta verliebte, die aber unter normalen Umständen nur einen Adeligen heiraten darf. Nach vollzogener Eheschließung bereut der Ehemann aber die Heirat.
“Ein Weib zu haben ist nur ein schwacher Ersatz für eine gelungene Masturbation. – Fofo ahnte nicht, daß er mit dieser Maxime einem Österreicher namens Karl Kraus um viele Jahre zuvorgekommen war.”
Nun ja, ein bißchen schwülstig halt und für meinen Geschmack zu skurril und verarschend und es wundert mich ein wenig, daß die Literaturkritik, das Andrea Camillieri durchgehen läßt. Hat ja die Courths- Mahler Ähnliches, wenn auch viel weniger skurril satirisch beschrieben und war damit auch sehr erfolgreich, wenn auch nicht literarisch anerkannt.
Das ist der zweite historische Camillieri Krimi, den ich gelesen habe.
Zu Ostern stand ja “Der zweite Kuß des Judas” auf meiner Leseliste und den habe ich weniger skurril empfunden.

Milena Michiko Flasar und Festwocheneröffnung

Normalerweise gehe ich ja nur einmal zu Lesungen und Milena Michiko Flasar habe ich schon in Leipzig im Berliner Zimmer, gehört, aber der dritte Roman, der 1980 in St. Pölten geborenen Milena Michiko Flasar “Ich nannte ihn Krawatte”, wurde, wie Edith Ulla Gasser, die in der Hauptbücherei moderierte, einführte, von der Kritik hochgelobt. Die Kritik ist abgefahren auf das in Japan spielende Buch über das Phänomen der Hikikomori, das sind meist junge Männer, die den Leistungsdruck von Schule und Gesellschaft nicht aushalten, sich in ihr Zimmer einschließen und die Wohnung oft Jahrelang nicht verlassen und es ist neben Cornelia Travnicek und Emily Walton das dritte hochgelobte Frühlingsbuch junger Frauen und wurde auch überall vorgestellt, in Leipzig, beim Wiener Stadtfest vor einer Woche und noch bei anderen Gelegenheiten. In Leipzig habe ich, wie erwähnt, in das Buch hineingehört, das mich als Psychologin interessiert, da ich gelegentlich Schulverweigerer in meiner Praxis habe und auch von Kollegen immer wieder höre, daß ihre Verwandten Sorgen um ihre Kinder haben, die plötzlich nicht mehr in die Schule gehen.
Als ich in die Hauptbücherei gekommen bin, war es sehr früh, da man wegen der Festwocheneröffnung, ab fünf gratis mit den Wiener Linien fahren konnte und ich mit dem Durchkorrigieren der “Paula Nebel” fertig war und nicht neu beginnen wollte. Kam also in einen leeren Saal, nicht einmal der Büchertisch war schon aufgestellt, nur die Autorin probierte gerade das Mikrophon und machte mit Edith Ulla Gasser aus, wo sie sitzen würde.
Die begrüßte mich auch gleich, sagte, daß sie in meine “Zwillingswelten” hineingelesen hätte, ich habe ihr ja letzte Woche “Die Frau auf der Bank” geschickt und sagte mir dann, heute wird ein interessantes Buch vorgetellt. Aber das wußte ich schon und es spielt auch auf einer Bank, denn Milena Michikos Roman, das ist auch sehr interessant, ist nicht chronologisch, sondern beginnt erst, als der Hikikomori, das ist für mich ein schwer merkbares Wort, für die anderen aber wahrscheinlich interessant. So wurde er nur als solcher bezeichnet, daß ich in der Diskussion fragte, ob die Protogonisten keine Namen hätten, die Wohnung der Eltern schon wieder verläßt und in einem Park einen anderen Außenseiter der Gesellschaft, nämlich den, den er Krawatte nennt, trifft und das ist ein sogenannter Saleryman, der aber schon entlassen wurde, weil achtundfünzig und nicht mehr leistungseffizient genug. So geht er jeden Tag mit Anzug und Krawatte aus dem Haus, damit seine Frau nicht merkt, daß er arbeitslos ist.
Die beiden, jeweils von Schuldgefühlen geplagt, freunden sich vorsichtig an, erzählen sich ihr Leben und so bekommt man rückwärts heraus, warum der für mich Namenlose ein Hikikomori wurde. Es ging um einen Freund, dessen Vater ihm das Gedichtheft entriß, weil der Sohn nicht unglücklich, sondern in die Fußstapfen seiner Ahnen treten und die Juristenlaufbahn übernehmen sollte, der ihm auf die Straße bestellte und sich in den Verkehr stürzte, der Ich-Erzähler schämte sich aber für ihn, hilft ihn nicht und zieht sich aus diesen Grund in sein Zimmer zurück. Klingt alles ein bißchen abstrakt und abgehoben, ich würde da viel realistischer erzählen und am Boden bleiben.
Milena Michiko Flasar, die viel über das Buch und wie es geschrieben wurde, erzählte, meinte, daß sie ein Buch über Japan schreiben wollte. Dann hat sie eines Nachts den ersten Satz “Ich nannnte ihn Krawatte” geträumt, sich die Handlung in Bildern vorgestellt und auch ein paar Artikel über das Phänomen der Hikikomori gelesen. Zuviel wollte sich sich aber nicht in die Theorie einlassen, sondern sich lieber in die Personen vorstellen und interessant, sie schreibt in der Ich-Form über einen jungen Mann. Es geht um Schuld und um das Zulassen von Gefühle, die beiden nähern sich vorsichtig an, erzählen sich ihr Leben und das Buch geht, wie Edith Ulla Gasser erwähnte, gut aus. Am Schluß steht “Anfang”, aber es wurde nicht verraten, was da alles noch passiert.
Ich bin ja an der psychologischen Seite des Problems interessiert. So tat ich mir Anfangs mit der für mich erlebten Distanz auch etwas schwer. Die Sprache ist aber wieder wunderschön schön, wenn auch für mich fast zu abgehoben. Aber das will die Literaturkritik ja, deshalb wurde das Buch wahrscheinlich so gelobt und etwas über Japan zu erfahren ist sicher auch interessant, obwohl eine Frau aus dem Publikum, die das Buch schon gelesen hat, meinte, daß es überall spielen könne und ein Herr erkundigte sich, was man therapeutisch gegen das Phänomen machten könne und schien auch nicht nur an der schönen Sprachen interessiert
Milena Michiko Flasar, die Komparatistik, Germanistik und Romanistik studierte und Deutsch als Fremdsprache unterrichte, erzählte noch, daß sie in Japan meist die Sommer verbracht hat und keine Schwierigkeit mit ihrer doppelten Identität hat, sie hat ja auch einen interessanten Namen, der tschechisch ausgesprochen wird, was die Fremdheit vielleicht noch ein wenig erhöht. Ein interessantes Buch, hochstilisierte Psychologie und wir haben vielleicht wieder eine Sprachkünstlerin, wie Andrea Winkler beispielsweise. Ich habe am Büchertisch noch ein wenig in die beiden anderen Bücher hineingeschaut.
“Ich bin” heißt das erste, “Okaasan, mein unbekannte Mutter” das zweite, das von einer an Alzheimer erkrankten Japanerin handelt, deren offenbar österreichische Tochter ihr Leben aufzuspüren versucht und am Ende nach Japan geht, auch ein interessantes Thema, das vielleicht sehr literarisch aufgearbeitet wurde.
Nach der Lesung war es Zeit für die Festwocheneröffnung am Rathausplatz, die ich immer gern besuche. Auch hier ging es um junge Talente, nämlich um das Finale der Eurovision Young Musicians, wo sieben ausgewählte junge Leute zwischen fünfzehn und achtzehn aus ganz Europa mit dem ORF-Symphonieorchester unter Cornelius Meister musizieren durften. Mnozil Brass unterstützte, Martin Grubinger moderierte und es war sehr voll am Rathausplatz, da ich aber diesmal von der anderen Seite eingetroffen bin, habe ich ziemlich vorn einen guten Platz bekommen und gewonnen haben, was natürlich ein Zufall ist, drei junge Männer, das war ja bei den Bezirkschreibern am Dienstag anders. Da haben drei junge Frauen gewonnen, das Musikgeschäft läuft aber vielleicht anders. Es war ein interessanter Abend und die Wiener Festwochen sind eröffnet.

Strohwitwendasein

Seit Sonntag bin ich Strohwitwe, ist der Alfred mit dem Karli ja für drei Wochen nach Australien aufgebrochen, wie er mit ihm ja öfter weite Reisen macht und ich habe für diese Zeit große Pläne oder eigentlich will es ein weniger bedächtiger angehen. Die Paula Nebel ist zu korrigieren und damit bin ich inzwischen auch zur Szene fünfzehn und Seite siebenunddreißig vorgedrungen. Ich korrigiere es jetzt wieder Szene für Szene und denke, wenn ich auf meine letzte Krisenstimmung zurückkomme, so schlecht ist es gar nicht.
Es ist ein kürzerer Text, ein Kurzroman oder eine Novelle von zweiundfünfzig Rohseiten und nicht der große Roman geworden, den ich so gerne hätte. Das schon. Die realistische Erzählung von den letzten Tagen einer alten Frau, die ihr Leben durchlebt, auf einmal viele Besucher bekommt, eine kleine Wahlenkelin bei sich wohnen läßt und für sie und Herrn Hans, einem gemobbten Haumeister, hektisch vor sich hinkocht. Das sind vielleicht auch die Besucher bevor es ans Sterben geht. Nur viel weniger spekuär als es Kurt Palm schaffte, denn ich scheine von den literarischen Überhöhungen nicht sehr viel zu halten. schreibe lieber realistisch psychologisch vor mich hin und werde dadurch nicht anerkannt.
“Da passiert ja nichts!”, habe ich schon vor fünfunddreißig Jahren gehört. Ich denke, es passiert schon einiges und es ist auch ein positiver Versuch, die kleine Sofia von der Straße weg und in die Schule zu bringen. Das positive Schreiben einer überzeugten Verhaltenstherapeutin, die es nicht lassen kann, wenn man so will und “sagte er” , “sagte sie” kommt auch öfter vor und die Krise wurde wohl auch durch die ständigen Gedanken, die ich in meinem Kopf habe “So darfst du nicht schreiben, das wird schon wieder nichts!”, ausgelöst.
Die will ich ja versuchen herauszubringen und so werde ich den Text auch als Kurzroman herausgeben und beim Korrigieren geht es mir eigentlich gut. Ich achte darauf, die Sprache ein wenig zu glätten, die Fehler zu beseitigen und lasse es sonst so, wie es ist.
So schreibe ich einmal und es hilft nichts dagegen anzukämpfen, eine Andrea Winkler wird sicher nicht aus mir, aber warum darf man nicht realistisch schreiben und die letzten Tage einer alten Frau sind sicher interessant? Auch wenn schon viel darüber geschrieben wurde und meine Novelle sicher eine konventionelle Erzählweise hat. Das Fetzige, noch nie Dagewesene, das ich mir vielleicht wünschte, ist es nicht geworden, soll so sein, ich kann es nicht verändern. Wem es interessiert, der kann es trotzdem lesen, wenn es, in einem halben oder Jahr vielleicht erschienen ist. Bis dahin gibt es die Schreibberichte 1 2 3 4 5 6 7 und die zwei Goodies, die “Nebelschwaden” und den “Langen Brief an den Herrn Kurz”, die sozusagen, die Vorstudien waren und die ich danach für das Literaturgeflüster-Texte-Buch zusammensammeln werde, aber dazu werde ich wohl länger als drei Wochen brauchen. Ich rechne ja, daß ich jetzt noch ein zwei Monate an den zweiundfünfzig Seiten korrigiere und dann will ich die drei Alfred freien Wochen ja auch zum Lesen benützen. Hat sich da ja Dank der Bücherschränke einiges bei mir angesammelt, so daß meine Leselisten gut gefüllt sind. So werde ich neben meinem Praxisbetrieb und den Veranstaltungen, die ich mir ausgesucht habe, das Lesen etwas intensiver betreiben und plane sogar Pfingsten zu einem Lesemarathon zu machen, wenn ich das zusammenbringe. Drei Tage nur mit Bücher in der Badewanne oder auch der Stadt herumfahren und es sich sonst gemütlich machen, baden, essen, lesen und darüber schreiben.
Herrn Blaha habe ich inzwischen für eine Rezension “Der Frau auf der Bank” gewinnen können und habe ihm das Buch. Ansonsten gibt es schon einige außerliterarische Events, die “Zeltstadt der Frauen” auf dem Ring, wo Hilde Schmölzer und die Frauen lesen Frauen Gruppe aus ihren Büchern “Revolte der Frauen” und “Der Krieg ist männlich der Friede ist weiblich” lesen wird, die Festwocheneröffnung, das Genußfestival im Stadtpark und Iris Geburtstagsfest, das ich mir geben will und meine Lesung aus der “Mimi” am 16. Juni vor dem offenen Bücherschrank in der Grundsteingasse muß ich auch noch vorbereiten.
Es werden also hoffentlich geruhsame Wochen werden, ein paar Bücher habe ich ja schon gelesen, ein paar Veranstaltungen besucht und auch schon ein paar Pannen ohne die helfende Hand erlebt. So hat der Drucker einen Papierstau gehabt, die Waschmaschine wollte nicht funktionieren, eine Glühbirne ist ausgefallen etc.
Es gab aber auch eine schöne Muttertagsjause bei der Bezirksvorstehung, während das Muttertagsessen wohl ausfallen oder zum Vatertag nachgeholt werden wird.

Ein Mann im Haus

Die Novelle oder Kurzroman “Ein Mann im Haus” der 1946 geborenen, als Lyrikerin bekannt gewordenen Ulla Hahn, hat es in sich und geht es in ihren hundertachtundvierzig Seiten scharf an. Denn die Protagonistin Maria, eine Goldschmiedin, in einer deutschen Kleinstadt lebend, “liebte es Todesarten, Motive, Opfer und Täter durchzuprobieren” und stellt sich auch vor, wie sie Giftpilze sammelt, ihre Freunde zu einem opulenten Pilzdinner einlädt und einem Auserwählten die Giftpilzsauce serviert, Maria hat aber auch einen Liebhaber. Den Küster und Chorleiter des Städtchens Egon Hansegon, verheiratet mit der Tochter eines Wurstfabrikaten und von der läßt er sich nicht scheiden, obwohl er es Maria schon oft genug versprach.
“Warte, bis die Kinder groß sind!”, dann will er auch noch auf Reisen gehen und so lädt ihn Maria zu einem Abschiedsessen ein, spielt die Linzer von Mozart, mischt Schlaftabletten in den Champagner oder Sherry und Hansegon kann sich nach dem Liebesakt nicht mehr fortbewegen. So schleppt sie ihn ins Bett, verklebt ihm den Mund mit einem Pflaster und fesselt ihn mit selbstgefertigten Handschellen an die Pfosten.
Das ganze passiert kurz vor Weihnachten und während Maria Rachephantasien schmiedet, vom Kopf und Penisabhacken träumt, füttert sie ihren Liebsten mit einem goldenen Röhrchen, durch das er das Kalbsragou und die Kraftnahrung trinken muß. Sie hält ihm die Urinflasche an und als er sich schließlich anscheißt, reinigt sie ihn liebevoll und bringt auch noch den Fußpilz von den Füßen. Dazwischen geht sie in die Werkstatt zum Weihnachtsgeschäft, besorgt in der Nachbarstadt Gips, um ihm die Totenmaske anzulegen, liest ihm Goethes “Reineke Fuchs” vor, denkt sich ein bißchen durch ihr Leben, das immer ein sehr religiöses war. So hat sie brav im Kirchenchor gesungen, auch einmal mit einem früheren Mann in Hamburg am Wasser gelebt, die dortigen Kirchen aber als sozialen Wohnbau empfunden, so daß sie wieder in die Nähe Kölns zurückgekommen ist.
Eine Woche geht das so, währenddessen geht Küstermann seiner Küsterfrau ab und die Frauen des Städtchens treffen sich in der Bäckerei, um Phantasien über die Gründe Abwesenheit auszuspinnen. Ist er jetzt mit seiner Geliebten durchgegangen oder ein Opfer des Terrorismus geworden? Ein kleines Mädchen namens Bärbel, das Maria mit ihrem Teddy in der Werkstatt besucht, bringt die Nachrichten von der Tante und Maria erfährt auch davon, wenn sie in die Bäckerin geht, um sich ihren Spekulatus zu holen.
Die Totenmaske mit dem offenen Mund wird zwischendurch mit Karotten gefüttert und Küstermann bekommt seine Weihnachtsnaschereien in der Bettpfanne serviert, nur nascht sie Maria ihm dann weg und als die Woche sich zur Wiederholung neigt, bekommt Egon nochmals Schlafmittel, darf sich dann anziehen und wird in ein Auto gesetzt, denn Maria hat nun genug von ihm. In der Nähe von Köln darf er aussteigen und will das nicht einmal und die Zeitung meldet Montagmorgen “Der Küster sei verwahrlost, unterkühlt, durchnäßt aufgegriffen worden. Trotz seines geschwächten Zustands habe er sich mit letzter Kraft gegen die Entfernung des Pflasters von seinem Mund zur Wehr gesetzt und als es ihm seine in Eile herangeschaffte Frau vom Mund riß, sei er in ein schmerzhaftes Wiehern ausgebrochen. Seither schweige er.”
Zum Glück für Maria, deren”gehämmerte Masken mit weit aufgerissenen Mündern aus Gold und Silber zum Fest die großen Renner wurden.
“Dieses intime Panorama der Grausamkeit wird mit größtmöglicher sachlicher Finesse vor uns ausgebreitet. Eine unbarmherzigere Geschichte gab es lange nicht zu lesen”, schreibt Hubert Winkels auf der Rückseite und ich habe mich naturgemäß ein wenig schwer getan, mit dem Racheakt einer Betrogenen, die den grausamen Unterwerfungsprozeß der Geschlechter umdreht und dachte mir obwohl es flott mit manchmal ein wenig kitschig wirkender Sprachevielfalt geschrieben wurde, die mich ein wenig an Evelyn Grills Rachefeldzüge erinnerte, wieder einmal, warum die große Literatur so negativ sein muß und warum wir das gern lesen wollen?
Obwohl ich bei Wikipedia erfahren konnte, daß der erste, 1994 erschienene Roman der Lyrikerin, große Kontroversen auslöste und sie deshalb auch angegriffen wurde.
Es ist mein erstes Buch von Ulla Hahn, die ich oft als als große Lyrikerin rühmen und in Leipzig oder Frankfurt einmal auf dem blauen Sofa lesen hörte. Im Bücherschrank habe ich es gefunden, den Gedichtband “Herz über Kopf” und den dritten Roman “Unscharfe Bilder” habe ich noch ungelesen in meinen Regalen stehen.

Muttertagsfeier, Gedenkkundgebung und Bezirksschreiberlesung

Obwohl ein ganz normaler Arbeitstag war diesen Dienstag ganz viel los. Begonnen hat es mit der Muttertagsfeier zu der mich die Bezirksvorstehung Mariahilf, der Bezirk, wo ich ich seit 1977 wohnte, bevor wir nach ein paar Jahren Harland-Pendeln in die Krongasse gezogen sind, eingeladen hat. Seit vier Jahren bin ich da ja in der Liste der alten Frauen und meist die jüngsten. War zweimal im Haus des Meeres, was mich das erste Mal zu einer Szene in der Radiosonate, das zweite Mal zu einer in der “Absturzgefahr” inspirierte und voriges Jahr im Pensionistenhaus Loquaiplatz bei einem Konzert mit Heinz Zuber und Kaffee und Kuchen. Heuer war es wieder dort und die Schauspielerin Erni Magold, 86 Jahre jung und die ich aus den Theater der Jugend Veranstaltungen, ich glaube aus dem Theater im Zentrum, bzw. von einer ihrer bösen Darstellungen der Großmutter aus Ödön von Horvaths “Geschichten aus dem Wienerwald”, aber auch von einer Frauen lesen Frauen-Lesetheateraufführung, kenne, sollte aus ihren Memoiren “Lassen Sie mich in Ruhe” lesen, das sie gemeinsam mit Doris Priesching geschrieben hat und das Alfred schon für seine Mutter gekauft hat. Noch bevor die Einladung aus der Bezirksvorstehung Mariahilf gekommen ist, hat mich schon meine Cousine Irmi, die auch einmal in der Gumpendorferstraße wohne, angemailt und ich habe mich am Nachmittag kurz vor halb zwei auch mit ihr vor dem Eingang getroffen. Die Bezirksrätin Elisabeth Zoumboulakis-Rottenberg, die ich, glaube ich durch die Bezirksfrauenwochen kennenlernte, hat mich aber schon früher angemailt und mich zum “Tag der Befreiung” am Heldenplatz eingeladen. Die war dann nicht bei der Muttertagsfeier. Im Haus des Meeres ist sie immer gewesen und hat die Einladungen eigesammelt, bzw. die Gutscheine für die Würstel ausgeteilt. Es hat Kaffee gegeben und diesmal ein Stück Torte mit einem Herzen und einer Marzipanrose und die Bezirksvorsteherin hat ein Gespräch mit Erni Mangold und der Co-Writerin geführt. Das heißt, die drei Damen sind, nachdem der Kaffee getrunken und der Kuchen gegessen war, auf der Bühne gestanden, die Bezirksvorsteherin hat Erni Mangold ein bißchen nach ihrem Leben gefragt, beispielsweise warum sie Bruno Kreisky sexy fand?, wie es zu dem Buch gekommen ist? und und hat auch ein paar Buchabschnitte bzw. die Kapiteln vorgelesen. Um halb vier war die Veranstaltung zu Ende und ich wußte nicht recht, was ich anfangen sollte, wollte ich doch am Abend zu der Abschlußlesung des Alsergrund-Bezirksschreiberstipendiums ins Kabinetttheater in die Porzellangasse gehen. Das war um sieben, da ging sich ein Sprung auf den Heldenplatz noch aus. Denn am 8. Mai 1945 wurde ja der Krieg beendet und das wurde, glaube ich, immer im Parlament gefeiert, die Burschenschaftler legen aus diesem Grund am Heldenplatz aber auch immer Kränze nieder und trauern um ihre Niederlage und das gab immer Anlaß zu Auseinandersetzungen. Aber diesmal offenbar den ersten “Tag der Befreeiung”, einem Feierntag, zu dem mehrere Organisationen wie die Grünen, der Republikanische Club, die GAV, etc aufgerufen und mich dazu eingeladen haben. Als ich das Burgtor erreichte, war ich schon einmal erstaunt, weil dieses verschlossen, was ich zum ersten Mal in meinem Leben gesehen habe, obwohl ich schon auf vielen Demonstrationen am Helden- und am Ballhausplatz, zum Beispiel auch auf der großen im Jänner 2000 und auf der, am Tag der Angelobung von schwarz-blau, war. Die Kundgebung fand am unteren Ende statt und, um dort hinzugelangen, mußte man an einem Polizeispalier vorbei und alles war abgeriegelt.
Es waren noch nicht so viele Leute da, ich habe aber gleich Elisabeth Zoumboulaki-Rottenberg gesehen, die mir mein neues Buch abkaufte und mich einigen Leuten vorstellte und später Magdalena Knapp-Menzel von der GAV, die sich fragte, ob wir beide die einzigen anwesenden GAV-Mitglieder wären? Wir waren, es glaube ich. Die Renate Saßmann ist aber noch dazu gekommen und einige andere Gesichter. Die Grünen hatten einen Stand, wo stand “Wer heute nicht feiert, hat schon verloren”, dann sprachen David Ellensohn von den Grünen und Stadtrat Mailath-Pokorny, eine der Moderatoren sagte, daß Bezirksvorstehungen, darunter, die des fünften und des neunten Bezirkes, beflaggt worden seien. Die steirische Musikgruppe Stelzhammer musizierte und der Präsident der israelischen Kultusgemeide spendierte einige Flaschen koscheren Sekt. Dann bin ich durch die Polizei abgesperrte Innenstadt in den neunten Bezirk gegangen, denn, das Emily Walton Bezirksschreiberin geworden ist, habe ich ja schon einige Male geschrieben und habe ihre Bezirksschreiberberichte auch auf ihren Blog verfolgt, den ich seit einigen Jahren kenne und seither weiß, daß die 1984 in England geborene, auch eine ehrgeizige aufstrebende Jungautorin, wie Cornelia Travnicek, Anna Waidenholzer, deren neuen Roman im Herbst bei Residenz erscheint, etc ist. Als ich ihren Blog kennenlernte, hat sie, glaube ich, noch beim Kurier gearbeitet. Inzwischen ist sie, denke ich, freiberuflich tätig. Lesen habe ich sie bei der Texthobelspäne-Lesung vorigen Februar, hat sie ja auch Thomas Wollingers Schreibwerkstätten teilgenommen und jetzt ist ihr auch ihr Debut-Roman “Mein Leben ist ein Senfglas” erschienen, bei dessen Präsentation Anfang März in der Buchhandlung Kuppitsch ich war. Und von Jänner bis März ist sie die erste Bezirksschreiberin des Bezirkes Alsergrund geworden, das die Kulturkommission des Bezirkes, dessen Mitglied Friedrich Hahn, Bezirksrat, GAV-Mitglied und Textvorstellungs-Moderator in der Alten Schmiede ist. Sechsunddreißig Autoren haben sich zu diesem dreimonatlichen Stipendium, wo man 1500 Euro bekam, ein Konzept einreichen und dann einen Text über den Bezirk schreiben mußte, beworben, auch aus Deutschland und der Schweiz, obwohl keine Wohnung dabei war. Emily Walton hat gewonnen und in diesen drei Monaten auf ihren Blog intensiv über den Bezirk berichtet und immer wieder Artikeln, die von ihr in der Bezirkszeitung erschienen sind, hineingestellt. Jetzt gab es die Abschlußlesung im Kabinetttheater in der Porzellangasse, in dem ich noch nie war und das ein Stückchen näher dem Franz Josefs Bahnhof, als das Schauspielhaus ist. Eva Brenner, die auch am Heldenplatz war und die ich von den Adventspaziergängen in die Fleischerei und auch von ihren anderen Projekten kenne, zum Beispiel hat sie einmal bei einem Jelinek-Symposium referiert, ist ebenfalls hingekommen und hat sich sehr freundlich mit mir unterhalten und mir sogar ein Bauch abgekauft bzw. gegen die Peter Kreisky Gedenkschrift, mit dem sie ja befreundet war, getauscht. außer Emily Walton haben noch zwei andere Autorinnen gelesen, nämlich Stephanie Doms und Michaela Hinterleitner, die von den sechsunddreißig Bewerbern auf die Shortliste gekommen sind. Die Bezirksvorsteherin, die ich schon von der Offenen-Bücherschrank-Erföffnung umd dem Sigmund Freud Festakt kenne, hat eröffnet. Dann hat Friedrich Hahn ein bißchen was zu dem Stipendium gesagt, zum Beispiel, das er sich wünscht, daß es, wenn es wieder ausgeschrieben wird, verdoppelt wird. Dann wurde gelesen. Stephanie Domis hat mit einem sehr literarischen Text begonnen. Die 1979 geborene Michaela Hinterleitner hatte, wie sie sagte, kurze urbane Texte, einer handelte vom “Jonasreindl”, ein anderer vom “Alsergrund”, wo alle wichtigen literarischen Orte, die Strudelhofstiege, der jüdische Friedhof, aber auch das Kabinetttheater vorkam und Emily Walton hat, wie sie sagte, mehrere Alsergrund Geschichten geschrieben, die, die sie vorlas, hieß, glaube ich, “Frau mit dem Bleistift im Haar” und handelt von einer Helena, die von ihrem Freund verlassen wird, was sie, inzwischen in einer WG im Alsergrund wohnend, so traumatisierte, daß sie schreibend mit einem Bleifstift Sonntags durch den Bezirk herumläuft und alles aufschreibt, bzw. sich die sonderbarsten Geschichten ausdenkt, dabei wird sie von den Leuten scheel angesehen, mit Klagen bedroht, sie merkt aber auch, daß sie vor ihr flüchten und als sie sich darüber wundert, bemerkt sie auf einer Litfaßsäule eine Warunung, daß der Bezirk eine Bezirkschreiberin bekommen hat.
Eine sehr beeindruckende Geschichte, vor allem, da mir etwas Ähnliches auch schon mal passierte. 1992 war das, glaube ich, nicht im Alsergrund, sondern auf einer Radrundfahrt um den Neusiedlersee. Ich habe gerade “Lore und Lena” geschrieben und gedacht und gedacht, dabei die anderen ein paar Mal verloren und auf der Rückfahrt im Zug habe ich auch geschrieben, was einem Betrunkenen gar nicht gefiel. “Komm ich auch ins Büchel!”, hat er immer geschrieen. Ich habe mich ihm nicht erwehren können und es war mir sehr peinlich. Habe aber eine Geschichte darüber geschrieben, die in der “Unke” abgedruckt ist.
Nachher gab es noch die Verleihung eines anderen Awardes an eine Verlegergruppe, die Vorjahrspreisträgerin war Michaela Falkner, deren letztes Buch ich ja, gelesen habe, die den Preisträger aussuchen durfte und die Gruppe gewählt hat, obwohl sie den Text, den sie bei ihnen einreichte, ablehnten.
Nachher gabs ein tolles Buffet und als ich gegessen und lang mit Eva Brenner geplaudert habe, wollte ich mich noch Emily Walton als ihre eifrige Blogleserin vorstellen. Sie war aber nicht mehr da und als ich durch die Stadt nach Hause gehen wollte, konnte ich nicht, weil noch immer alles von der Polizei abgesperrt und mußte über den Ring gehen.
Schade eigentlich, daß eine ganze Innenstadt lahmgelegt wird, wenn man das Ende des Krieges vor siebenundsechzig Jahren feiern will.

Madame Strindberg

Als wir zur Lesung nach Salzburg gefahren sind, haben wir in Leporello, glaube ich, von Friedrich Buchmayrs “Madame Strindberg” und der am Abend im Radio Kulturhaus stattfindenen Lesung aus dem Briefwechsel Frieda und August Strindberg gehört und als wir in Harland Zwischenstation machten, habe ich mir das bei Residenz erschienene Buch bestellt, weil mich die Biographie der zweiten Frau des schwedischen Dichters, von dem ich als Studentin ein paar Reclamhefterl gekauft und vielleicht auch gelesen habe, aber sonst nur ein paar Vorurteile hatte, interessierte. Dann sind wir die Autobahn weitergefahren, haben in Mondsee Mittag gegessen und in Salzburg eineinhalb Tage spazierengegangen und ich weiß nicht, ob ich da viel Ahnung hatte, das es einen Bezug zu Frieda Uhl-Strindberg gibt. Vorige Woche ist das Buch gekommen, jetzt habe ich es ausgelesen und von einem sehr interessanten Frauenschicksal erfahren, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein durchaus ungewöhnliches Leben führte.
Friedrich Buchmayr, der Autor, wurde 1959 in Linz geboren und hat in Salzburg Germanistik und Publizistik studiert, seit 1987 ist er Bibliothekar in der Stiftsbibliothek St. Florian und Initiator des einziges Strindberg Museums außerhalb Schwedens, nämlich in Saxen OÖ. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen und jetzt auch ein sehr detailreichen, genau recherchiertes Buch mit vielen Fotos und Quellenangaben herausgebracht. Eine Mischung zwischen Anthologie und Biografie schreibt er in der Einleitung und die Lebensgeschichte, der 1872 in Mondsee geborenen Frieda Uhl-Strindberg ist durchaus interessant. Ihr Vater war Redakteur der Wiener Zeitung und die Eltern haben sich schon nach ihrer Geburt getrennt. Der Vater zog nach Wien, die Mutter sonstwohin und die kleine Frieda wuchs in der Villa in Mondsee, die ersten Lebensjahre mit einer Amme oder Dienstmädchen auf. Dann kam sie in eine Klosterschule, die ältere Schwester wurde vom Vater verheiratet, als sie mit einem Mann öffentlich spazierenging. Die junge Frieda machte der Vater aber zur Journalistin in den Achtzehnneunzigerjahren und so begegnete sie in Berlin dem schwedischen Dichter, der schon geschieden war, drei Kinder hatte und auch als Exentriker und Weiberhasser galt. Sie schrieb ihn einen Liebesbrief, “Geehrter Herr, wenn Sie wirklich für heute Abend nichts Besseres vorhaben, würde ich mich herzlich freuen, wenn Sie mich so um 8 heimsuchten!”, traf sich mit ihm in einem Restaurant oder Hotel zum Essen und wollte das noch, 1893, bezahlen! Eine sehr ungewöhnliche Frau. Friedrich Buchmayr schreibt von einem Helfersyndrom. Der Vater hatte nach all der Offenheit nichts gegen eine Ehe, nahm an der Hochzeit aber nicht teil und die muß sehr ungewöhnlich sein, bekam das Paar bei der Trauung doch einen Lachkrampf und eine Hochzeitsnacht scheint auch nicht stattgefunden zu haben. Frieda wollte dann auch die Kinder aus der ersten Ehe adoptieren, um sich das Bekommen eigener zu ersparen. Sie wurde aber natürlich schwanger und der Ehemann war, glaube ich, schon weg, als die kleine Kerstin geboren wurde. Die wurde dann von der Großmutter in Mondsee aufgezogen, während die Mutter, um sich zu ernähren durch die Welt reiste. Sie schrieb Feuilletons für die Wiener Zeitung und das Wiener Abendblatt, die ihr Vater druckte und verkehrte in Künstlerkreisen. Ihr nächstes Kind war auch von Frank Wedekind, hieß aber Strindberg mit Nachnamen, weil es noch zur Welt kam, bevor die Ehe neun Monate geschieden war. August Strindberg schien nichts dagegen gehabt zu haben und der kleine Friedrich Max scheint erst viel später erfahren zu haben, daß er einen anderen Vater, als seine Schwester hatte. Die Großmutter hat auch dieses Kind aufgezogen, sich mit ihrer Tochter aber nicht verstanden, die den Journalistenjob verlor, als ihr Vater starb, aber weil sehr mondän, ständig in Geldnöten war. So soll sie auch mit gefälschter Kunst gehandelt, aber auch sehr schöne Artikeln zur Frauenfragen etc geschrieben haben. Sie hatte unzählige Affairen, verkehrte mit vielen Künstlern und bedrohte. die schon mal mit der Pistole. Zur Zeit des ersten Weltkrieges war sie in London und gründete dort ein Kabarett, später reiste sie nach Amerika, hielt Vorträge über ihren berühmten Ehemann und verdiente sich später ihr Geld als Memoirenschreiberin, wo sie ihr Leben mit August Strindberg auch ein bißchen verklärte, bevor sie 1943 verarmt,exentrisch und heruntergekommen, in Salzburg starb. Übersetzt hat sie auch sehr viel. Die Jahre in der Klosterschule haben ihr Sprachkenntnisse beigebracht und sie hat ein Nomadenleben in Hotels, auf Pump und verschuldet geführt. Konnte oder wollte sich nicht um ihre Kinder kümmern und muß auf ihre Weise eine sehr emanzipierte, aber auch sehr weibliche, von Männern abhängige Frau gewesen sein. August Strindberg hat über die Beziehung zu ihr auch einige Bücher geschrieben. Friedrich Buchmayr zitiert einiges aus dem “Kloster”. Das oder ein anderes hat jetzt auch Richard Pils, in der Edition der Provinz herausgegeben. Ihre Strindberg Memoiren, die 1936 erschienen sind, heißen “Lieb, Leid und Zeit”. Sehr interessant welch interessante Frauenpersönlichkeiten es gegeben hat, von denen ich nicht wußte. Die Tochter Kerstin war, glaube ich, mit Lina Loos befreundet, die auch eine interessante Frauenpersönlichkeit und frühe Feministin ist. Von der habe ich ein Buch von meinen Eltern geerbt und erst vor kurzem einen schönen Frauen lesen Frauen Lesetheaterabend erlebt.
“Strindberg kannten wir schon einigermaßen, aber seine Frau ist eine Überraschung”, kommentierte Knut Hamsun die Memoiren und Frieda Strindberg schrieb “Ein Leben mit einem Genie mag die Hölle sein, aber es ist interessant. Jede Frau von Geist zieht ein stürmisches, aber interessantes Leben einem ruhigen, aber langweiligen vor”.
Das hat sie wohl gehabt, ob es ihr dabei immer sehr gut gegangen ist, weiß ich nicht. Es ist durch das Anbiedern an den berühmten Mann, die berühmten Männer, vielleicht auch die eigene schriftstellerische Karriere ein wenig verlorengegangen. Das lesen von “Madame Strindberg oder die Faszination der Boheme” kann ich jeden aber empfehlen, der wissen will, wie Frauen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch gelebt haben konnten.

funk funk chant

Oder Radio rosa 6 – “Das laufende Projekt rund ums Erzählen, konzipiert von Patricia Brooks und realisiert in Kooperation mit der Grazer Autorinnen Autorenversammlung. Das Ziel ist verschiedene Formen des Erzählens zu präsentieren – im Rahmen von Performances, die von den jeweiligen Protagonistinnen und Protagonisten gemeinsam erarbeitet und lose choreografiert werden. Das Thema – frei rund um Radio, Radiosendungen, Radioformate” steht auf dem Programm und in Radio rosa 3 Fritz Widhalm- melamar- elffriede bin ich auch gewesen. Radio rosa 5 habe ich versäumt, weil ich mich nicht vom Buffet des Künstlertreff der Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft losreißen konnte. Jetzt habe ich es wieder geschafft ins Amerlinghaus zu kommen und mir Radio rosa 6 zu geben. Was der Titel “funk funk chant” bedeuten soll, habe ich zwar nicht ganz mitbekommen, wohl aber, daß die sechste Performance eine durchaus musikalische war. Standen doch Michael Fischer (sound), Christian Katt (Text, Mundharmonika), Jörg Piringer (Sound) und Judith Nika Pfeifer (Text, Ziehharmonika) auf dem Programm und Michael Fischer, ein Musiker und GAV-Mitlied kenne ich von einem kulturpolitischen Arbeitskreis, Jörg Piringer diskutierte vor ein paar Wochen bei der GAV-Veranstaltung “Gibt es den Autor noch im Netz” und zeigte sich durchaus kritisch bezüglich der Urheberfragen. Christian Katt habe ich bei einer der Poet-Nights kennengelernt, sehe ihn immer wieder bei Veranstaltungen und er ist auch, glaube ich, Christian Loidls Nachlaßverwalter. Judith Pfeifer habe ich bei dem Literaturfestival “laut lauter lyrik” kennengelernt, wo sie den Literaturautomaten bediente und sie bei den “Lockstoffen” wiedergetroffen, was auch eine sehr permormative Veranstaltungsreihe ist und Patricia Brooks, die ich seit dem Interview in der Zeitschrift “Buchkultur” in den frühen Neunzigerjahren kenne und die einmal bei einer von mir organisierten “Tag der Freiheit des Wortes” – Veranstaltung und bei den “Mittleren VI” gelesen hat, ist eine durchaus experimentelle Autorin. Das bin ich zwar nicht, sondern schreibe, wie ich erst heute beim Korrigieren meiner “Paula Nebel” wieder einmal merken konnte, hoffnungslos realistisch, so sehr, daß ich ja Schwierigkeiten habe, als literarisch anerkannt zu werden. Da ich aber einen breiten Literaturbegriff habe und auch über den Tellerrand hinaussehe, bin ich heute gern ins Amerlinghaus gegangen. Obwohl ich mit dem Befund schreiben und meiner 5-Uhr-Stunde ein bißchen spät daran war, bin ich doch zurechgekommen und der Veranstaltungsraum kurz nach sieben, war auch noch ziemlich leer. Susanne Toth war aber, glaube ich, schon da. Gabriele Petricek, die auch sehr viel zu Literaturveranstaltungen zu gehen scheint, ist später gekommen und ein paar mir unbekannte Gesichter sind zwischendurch auch erschienen. Das technische Equipment, das ich bei meinen Veranstaltungen nicht brauche, war schon aufgebaut, die Claudia oder Lisa vom Amerlinghausteam ist neben mir gesessen und hat sich sehr für mein neues Buch interessiert. Dann ist es schon losgegangen. Patricia Brooks hat eröffnet und angekündigt, daß es eine sehr spannende Veranstaltung werden wird, weil spontan improvisiert und dann haben Judith Pfeifer und Christian Katt abwechselnd Texte gelesen, Jörg Piringer, hat, wenn man das so sagen kann, gemischt und Michael Fischer hatte eine Geige und ein Saxophon zur Verfügung und bei den Texten habe ich wieder keine Ahnung, wie sie entstanden sind, habe aber eifrig mitgeschrieben, den das Bloggen ist bei experimentellen Veranstaltungen ja nicht so leicht. Rund ums Radio lautete aber das Thema und das war auch zu erkennen, gab es ja zwischendurch Nachrichtenblocks und Wetteransagen und dann wieder sehr schöne poetische Texte, wo es mir schwer fiel an das Radio zu denken, obwohl Österreich 1, zugegeben, auch sehr poetisch ist.
“Was mache ich mir Gedanken – Der Nordwestwind läßt nach – was in uns eingeht in Muscheln – hören, hören, was ein guter Gugelhupf ist – das Publikum wartet – gehört habe ich ohne Ehrgeiz – ins Wochenende flüchten- der Vorhang zu und alle Fragen öffnen sich wie Blumenblätter- alle spitzen die Ohren – nächste Bitte um Vergebung – Japan – Kambodscha, Österreich, Türkei, – die Welt vergibt nie-” uswusf…
Christian Katt hat zwischendurch im Dialekt gelesen. Dann waren einige Stellen, wo es nur Musik gegeben hat. Christian Katt mit der Mund – Judith Pfeifer mit der Ziehharmonika. Manchmal kamen die Radiomeldungen auch aus Jörg Piringers Regler und eine schöne Stelle, wo Friederike Mayröcker vom Rundfunk fünfzig Sekunden Zeit bekommen hat, um alles zu sagen, was sie will und sie diese Zeit dann schweigt, hat es auch gegeben.
Sehr spontan, sehr konzentriert und sehr poetisch, Radio rosa 6, die performistische Reihe im Amerlinghaus, die auch ganz spontan mit “und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute” geendet hat.
Spannend für eine experimentelle Schreiberin, die die Frage mitnahm, wie sie wohl darüber bloggen wird? Es ist gelungen, mit ein paar Zitaten, die hoffentlich nicht das Urheberrecht verletzten, aber Jörg Piringer hat da, glaube ich, ja einen offeneren Begriff und die Phantasie läßt die roafarbige Radioreihe auch beliebig weiterbauen. Mein Radio ist nicht ganz so poetisch, aber ich höre mir auch meistens Nachrichtensendungen an, die ein bißchen vertreten waren und viel klassische Musik, die bei dieser Performancereihe vollständig fehlten.