1793 – Frankreichs Schicksalsjahr

Mit Victor Hugos, 1874 geschriebenen, letzten Roman “1793 – Frankreichs Schicksaljahr”, ging es beinm Pfingstlesemarathon, nach Frankreich und in die franhzösische Revolution. Denn die in der Zieglergasse gefundene “Buchfolge der Lesergilde” aus dem Jahre 1946 – “Diese Ausgabe ist nur für die Mitglieder der Lesegilde” bestimmt, steht noch auf dem leicht vergilbten Papier, ist ein wahres Schmankerl, mit einem sehr schönen fast jugendstilartig wirkenden Buchcover, ja die kurz nach dem Krieg erschienenen Ausgaben, sind manchmal sehr schön.
“Der große französische Dichter – ein ewiger Romantiker, ein Meister der Sprache, ein treuer Sohn seines Volkes, ein weiser Mensch – schuf damit einer großen Zeit ein würdiges Denkmal. Und es ist für uns, die wir es heute lesen, ein neuer Beweis der Unvergänglichkeit der Menschheitsideale. Denn über alles stellt Hugo den Menschen und seine Freiheit – die innere und die äußere.”, steht im Klappentext und es war für die Mitglieder der Lesegilde, wer immer die auch waren, 1946, so kurz nach dem Krieg, sicher interessant vom “Schicksalsjahr” der französischen Revolution zu erfahren. Heute, sechsundsechzig Jahre später liest man es wahrscheinlich wieder anders und ich tat mir auch, obwohl ich mich ja für die Geschichte sehr interessiere, ein wenig schwer, in die Revolution hineinzuspringen, denn Hugo gibt nicht viele Erklärungen, geht gleich hinein in Medias Res, aber was weiß man schon 2012 in Wien über das Frankreich von 1793, wenn man nicht gerade Historiker ist?
Es beginnt also auf “hoher See”, bzw. im Wald von Saudraie, da finden ein Pariser Bataillone und eine Marketenderin, eine arme Frau und drei kleine Kinder, das kleinste hat sie noch an der Brust, Hunger haben alle und Schuhe gibt es ebenfalls nicht. Sie hat alles verloren, man weiß nicht recht ob sie jetzt für die “weißen” oder “blauen” ist und schließt sich den Soldaten an.
Dann gehts auf die See, so heißt die Kapitelüberschrift, da schifft sich ein geheimnisvoller, als Bauer verkleideter, alter Mann in England ein und kommandiert gleich das ganze Schiff, das durch ein Versehen unter geht, der der das veranlaßt, rettet ihn zwar und wird dadurch belohnt, weil er aber schuldig war, ordnet der alte Mann an, ihn zu erschießen. Das wird getan, der alte Mann muß das Schiff verlassen und der, der ihn ans Land rudern soll, ist der Bruder des Erschossenen, der will ihn nun auch erschießen. Der alte Mann, ein Marquis den Lantenac kann den ehemaligen bretonischen Bauern und jetzigen Matrosen aber durch seine Autorität überzeugen und so kommt er zu seinem Schloß, denn er soll ja gegen die Franzosen kämpfen, die ihren König hingerichtet haben. Es gibt aber noch Widerstand, vor allem bei den bretonischen Bauern, es gibt aber auch schon einen Befehl den Marquis zu liqudieren. Der wird durch einen Bettler gerettet und läßt dann aber das Bataillon und die zwei Frauen erschießen, nur die Kinder läßt er auf das Schloß bringen. Die Mutter kommt aber nicht um und sucht in weiterer Folge ihre Kinder und in Paris wird von Marat, Robespierre und Danton, ein ehemaliger Priester dafür bestimmt, den Marquis zu stürzen, der hatte, als er noch Priester oder Hauslehrer war, einen Schüler, der der Neffe des Marquis ist. Der ist jetzt auch Revolutionär, aber so gutmütig, daß er Kinder und Frauen oft laufen läßt, so wird ihm der Priester quasi als Kontrollor vorgesetzt. Sie kommen also alle in das Schloß, der Marquis kann fliehen, die Kinder sollen aber in Brand gesteckt werden. Das verhindert der ebenfalls gutmütige Marquis, dafür soll er hingerichtet werden, nun läßt ihn der Neffe fliehen und als ihn der Kontrolleur dafür hinrichten lassen will, gibt es Widerstand bei den Soldaten. Er bleibt aber hart und erschießt sich selbst.
Ein bißchen rührselig und heldenhaft scheint die Handlung heute im Hier und Jetzt. Nicht ganz leicht zu verstehen, wie ja überhaupt die ganze Revolution, die auch ein großes Blutbad war, nicht so leicht zu verstehen ist.
Und für mich war es natürlich interessant, einen Victor Hugo zu lesen, von dem ich den “Glöckner von Notre Dame” kennen und dessen “Elenden” ein berühmtes Musical geworden ist. Über die schöne alte Buchausgabe freue ich mich ebenfalls sehr.

Mit leichtem Gepäck

Wie geraten Bücher zu einem, bzw. nach welchen Kriterien entnehme ich sie den offenen Bücherkästen? Monika Buschs “Mit leichtem Gepäck”, wäre mir höchstwahrscheinlich entgangen, hätte ich nicht heute meinen Pfingstlesemarthon gemacht und mir dafür ein Buch zum sofort Lesen auswählen wollen. Eine Vicki Baum ist mir ins Auge gefallen und dann als ich schon weggehen wollte, der blaue Himmel, das Meer und die weiße strohgedeckte Windmühle auf dem Cover. Name und Titel sagten mir nicht viel. Was ist das für ein Buch, ein Reiseführer?
Ich schlage es auf und lese “Wäre am Pfingstsamstag mein Zug nicht mit dreizehn Minuten Verspätung in Karlsruhe angekommen, hätte ich Tamara vielleicht nie kennengelernt” – Was zu dem anderen Satz “Hätte ich nicht während meines Pfingstmarathons, hätte ich dieses Buch höchstwahrschein nicht…”, hinüberschwenkt und ich habe umdisponiert.
Hätte ich nicht, wäre mir wahrscheinlich auch nicht viel entgangen, denn ich bin ja eigentlich schon zu alt für ein Jugendbuch und ein solches ist es ja. 1986 erschienen und es handelt von der füfnzehnjährigen Christiane, die an besagten Pfingstsamstag ihre Schwester Andrea, die Krankenpflegeschülerin in Freiburg ist, besuchen will und den Zug versäumt. Während sie wartet und sich ärgert springt ihr der Name “Bad Wiesenstein” ins Auge und sie erinnert sich, daß dort ihre Großmutter lebt, die sie nicht kennt, weil sie bis vor kurzem im Ausland lebte, bzw. ihren spießigen Eltern zu leichtsinnig ist.
Mal eine Umkehrung des gewohnten, Christiane wird jedenfalls neugierig, telefoniert der Schwester, daß sie später kommt und steigt in den Zug. Sie findet die Adresse der Großmutter gleich, die flotte Frau, die ihr öffnet, hält sie zunächst für die Haushälterin oder Pflegerin. Es ist aber Grandma herself, die sich wahnsinnig über den Besuch der ihr unbekannten Enkelin freut.
Ist Omi doch jung Witwe geworden und hat sich dann einen Künstler zum Freund genommen, der ihrer spießigen Tochter nicht genehm war und Christiane hält diesen “Leo” zuerst auch für das Hündchen der Oma, denn das diese einen Lover hatte, kann sie sich nicht vorstellen.
Die Oma serviert exotisches Obst, Kiwis und Avocados z.B., läßt auch etwas von einer Jugendliebe namens Antonio durchblicken und schwärmt vom leichten Leben, das König Minos in Griechenland führte, dann trennen sich die beiden vorerst, Christiane fährt zu Schwester weiter, die schlechter Stimmung ist, weil sie in ihrem Krankenhaus am Montag ein Fieberthermometer zerbrach, Dienstag beim Anblick eines Verbandwechsel schlappmachte und fast einem Patienten statt einem Schlafmittel ein Abfuhrmittel brachte und dann noch den Chefarzt mit “Herr Doktor” ansprach. Christiane überredet sie sich trotzdem mit ihren Kollegen am Abend zu treffen und sich auch dafür ein neues Kleid zu kaufen und als sie wieder heimkommt, gibt es auch dort schlechte Stimmung, denn ihr Vater, ein Versicherungsvertreter hat eine Polizze verschlampt und soll den Schaden nun ersetzen. Kann er aber nicht, hat er doch erst einen Kredit für das neue Auto aufgenommen. Da fällt Christiane die Großmutter Tamara ein, die sie inzwischen dicke Oma nennt, weil sie nicht zunehmen will und die verkauft dann einen antiquarischen Schreibtisch und fährt im Sommer mit Christiane nach Kreta um mit ihr das “minoische Leben” auszuprobieren. Das heißt, alles mit leichten Gepäck anzugehen, aber Christianes schwermütige Mutter packt ihr natürlich einen ganzen Koffer warmer Westen und Pullover ein, weil es ja auch in Griechenland regnen kann, die läßt die Oma aber in einem Schließfach zurück und so kommen die beiden Damen leicht in Heraklion an und Christiane ist erst einmal enttäuscht, weil diese Stadt ist nicht so schön. Die Oma mietet aber ein Auto und so fahren die beiden auf der Insel herum, immer auf der Suche nach Omas Jugendliebe, die sie vor vierzig Jahren dort kennenlernte. Christiane ist begeistert, schwimmt zwar mal ein Stück zu weit hinaus, bekommt auch einen Sonnenbrand, trinkt aber ihr erstes Schückchen Wein, sowie ihren ersten Ouzo und verliebt sich fast in einen jungen Schnösel namens Fabian, der der größte Schauspieler werden will und den heiligen Antonio finden sie nur in einer Kirche und lernen dabei die giriechische Gastfreundschaft kennen, denn der grauhaarige Herr, der jeder alten Dame “Frollein, ich dich kennen!”, zuruft und sich dann den Wein bezahlen läßt, ist es nicht. Christiane macht aber doch die Bekanntschaft eines französischen Jungen der es ernster zu nehmen scheint, gerät beim Schmuggeln von “alten Scherben” fast den Zöllnern in die Händen, aber die nehmen es dann auch leicht. Die Schwester wird doch nicht Krankenschwester, weil sie dafür zu empfindlich ist und die Oma kehrt zu ihren Leo nach Mallorca zurück, aber irgendwann werden sie und Christiane sich sicher wiedersehen und das Interessante an dem leichten Buch über das Wunder Griechenlands ist, wenn man es mit dem vergleicht, was wir heute über die Griechen und ihren Schuldenstand denken. Da hat man wohl etwas vielleicht zu leicht genommen. Aber heute haben wir 2012, Christiane wird vielleicht bald auch schon Oma sein und mit ihren Enkeln auf Urlaub fahren und Günter Grass hat die Welt schon wieder mit einem Gedicht erregt, das diesmal “Europas Schande” heißt und sich mit Griechenland beschäftigt.

Erlesenes Pfingsten

Zum Pfingsten einen Lesemarathon machen, das heißt, die drei vier Tage nichts als Lesen, darüber bloggen und das vielleicht auch ein bißchen aufmotzen und zu zelebrieren, habe ich mir in meinem Strohwitwendasein ja heuer vorgenommen, weil ich früher mit den logischen Denkern zum Pfingsttreffen nach St. Gallen gefahren bin und wenn wir in Harland sind mit dem Rad nach Nußdorf an der Traisen. Wenn der Alfred auf Urlaub ist, geht das nicht, so war ich da einmal während eines Bachmann-Symposium auf deren Spuren unterwegs und voriges Jahr hat die Galerie Splitter zu einer besonderen Veranstaltung eingeladen. Diesmal ist mir der Lesemarathon eingefallen, denn das wollte ich schon immer machen und meine Bücherberge, zu denen mich die offenen Bücherschränke und andere Gelegenheiten ja verführen, verlocken ja auch mehr zu lesen.
Was ist ein Lesemarathon? Die Bücherblogger haben offenbar dasselbe Probleme ihre SUBs abzubauen und rufen so gelegentlich, meistens am Tag des Buches, aber auch zu anderen Gelegenheiten dazu auf. Im vorigen März wollte ich schon bei einem mitmachen, da war der Alfred glaube ich in Spanien, aber dann war ich so im Fluß des Schreibens der “Zwillingswelten” drinnen, daß ich das nicht dafür unterbrechen wollte, aber heuer hats gepasst. Bin ich ja mit der “Paula Nebel” früher als erwartet fertig geworden, die Texte für das “Literaturgeflüster-Buch” warten auch schon auf den Alfred und mit dem “Glas zuviel” habe ich zwar schon angefangen, bin aber noch nicht wirklich so weit hineingekommen, daß es unter den Fingern brennt, bzw. habe ich mich schon sehr darauf gefreut.
Drei Tage nichts als lesen und darüber schreiben, kann ja für eine biblophile Literaturbesessene genauso ein Erlebnis sein, wie wenn andere teure Urlaube buchen, segeln oder tauchen gehen. Man muß es nur genau planen und zu Pfingsten hat man ja auch drei oder sogar vier Tage dazu Zeit. Wie macht man das, damit man das auch für das Literaturgeflüster ein bißchen aufbereiten kann? Die Idee dazu ist mir schon bald gekommen und die passenden Bücher stehen ohnehin auf meiner Leseliste, zumindestest hat sich bald abgezeichnet, daß es Marlene Streeruwitz “Verführungen”, Friedrich Torbergs “Tante Jolesch” , Antonio Skarmetas “Das Mädchen mit der Posaune”, Dan Lungus “Das Hühnerparadies” und vielleicht noch Hans Falladas “Kleiner Mann, was nun?” werden könnten.
Denn wieviele Bücher liest man an einem verlängerten Wochenende und wie gehe ich das genau an? Packe ich die Bücher in die Tasche und fahre damit mit der Straßenbahn in Wien herum, beziehungsweise setze ich mich in den Park damit oder lese ich zu Hause, wie das ja bevorzugt tue, in der Badewanne, im Bett oder auf der Terrasse? Beides hat sich bald herausgestellt, denn Pfingsten ist ja lang und so habe ich gestern, die Streeruwitz, die ich schon am Freitag zu lesen angefangen habe und den Torberg eingepackt und bin damit in Wien herumgefahren und da ich bei meinem letzten Recherchetag, vor einer Woche am Kahlenberg und auf der Donauinsel war, haben sich bei mir schon ein paar andere Wien-Schmankerln angesagt, bzw. geplant, diesmal in Schönbrunn zu beginnen, dann vielleicht nach Rodaun und noch in den Prater hinauszufahren. Da hatte ich noch keine Ahnung, daß ich das mit zwei Wien – Büchern tun werde, die ja hervorragend dazu passen und auch ein bißchen das Wien-Klischee beschreiben, die echten und die falschen Sachertorten, die Cafes etc.
Ins Cafe Central und in das Sacher bin ich zwar nicht gegangen, da bin ich, wie meine Leser wissen, zu geizig oder auch zu konsumverweigernd, aber inzwischen gehe ich bei meinen Wien-Tagen ganz gerne in den Mc Donald “essen” und nehme mir nicht mehr meine Brote mit und vor allem in Schönbrunn trifft man ja die Wien Touristen, die Italiener und Japaner und wenn man denen nach, auf die Gloriette geht, ist das Lesen der Marlene Streeruwitz noch einmal so schön.
Den Torberg habe ich in der Prater Hauptallee, vor der Geisterbahn und in der Straßenbahn gelesen und das hat mich auch, vor allem weil das Wetter sehr schön war, in eine besondere Stimmung gebracht. Am Sonntag bin ich zu Hause geblieben und habe “Das Mädchen mit der Posaune” und “Das Hühnerparadies” hauptsächlich in der Badewanne gelesen, besprochen habe ich es auf der Terrasse und im Bett und mir dazwischen Zuchini gebraten und sie mit einem beim Hofer gekauften Pizzatäschchen mit Gurken- und Karottensalat gegessen. Zwei Bücher pro Tag gehen sich also bei einem Lesemarathon locker aus und so habe ich meinen SUB wirklich ein bißchen abgebaut, es gibt aber noch den Pfingstmontag und da habe ich zur Belohnung etwas ganz Besonderes vor, nämlich eine Bücherkastentour, das heißt, wenn das Wetter mitspielt, von einem Schrank zum anderen zu wandern, mir daraus ein Buch zu nehmen und mich dort, wo es Bänke gibt, zum Lesen hinzusetzen. Da kann ich gleich ein paar Beobachtungen machen und beim Hegerpark gibt es auch einen Mc Donald, wo ich mir einen Mc Double und eine kleine Portion Pommes frites kaufen kann. Einen Gutschein für einen verbilligten Cafe und eine Erdbeerschnitte habe ich auch.

Das Hühnerparadies

“Das Hühnerparadies”, ein falscher Roman aus Gerüchten und Geheimnissen, von Dan Lungu, aus dem Rumänischen übersetzt von Aranca Munteanu ist der erste, von inzwischen drei bei Residenz erschienenen Romanen, des 1969 geborenen Autors.
“Ein rasantes Schelmenstück aus der rumänischen Provinz, wo der Geist Ceausescus durch die Geschichten der Dorfbewohner spukt und die versprochene Zukunft noch auf sich warten läßt”, steht auf der Buchrückseite und ich habe von dem Autor das erste Mal 2009 gehört, als er in der Hauptbücherei die “Rote Babuschka” das zweite bei Residenz erschienene Buch vorstellte, das dritte “Wie man eine Frau vergißt”, habe ich im Dezember 2010 gelesen.
Mit Schelmenstücken tue ich mir wahrscheinlich schwer, auch mit denen aus der postkommunistischen Provinz, weil ich nie so genau weiß, wie ernst ich das zu nehmen habe.
Der Kommunismus ist also fast vorbei in der Akazienstraße und von der und ihren Bewohnern wird in zehn Kapiteln erzählt, wo das erste zum Beispiel die Überschrift hat “In dem sich Frau Milica Zugang zum Haus des Oberst verschafft, das Fräulein Veronica Geambasu Besitzerin eines “unehelichen Embryos” wird und in Relu Covalciucs Garten seltsame Dinge passieren”, solche Kapitelüberschriften, die ich von E.T.Hofmann kenne, gehören offenbar zu Schelmenromanen und es wird auch gleich in das Buch hineingesprungen.
In der Akazienstraße gibt es nämlich das Haus eines Oberst, der nicht so recht in die Gemeinschaft passt, er hat sich zu den Rentnern und den Arbeitslosen, die seit dem Sturz des Regimes dort wohnen, vorher waren sie Genossen und angestellt, eingekauft und, wie die neugierige Frau Milica erzählt, teure Teppiche und Bilder in seinem Haus, während die anderen nichts haben oder eigentlich doch, denn ein bißchen trauern sie dem verlorenen Regime nach oder haben sich noch nicht so ganz an das neue des Liberalismus gewöhnt und ihr Autor macht sich über all das auch ein bißchen lustig.
So kommt die neugierige Frau Milica unter dem Vorwand telefonieren zu wollen, in das Haus des Fremden und erzählt dann allen, wie toll es eingerichtet ist und die sind zuerst neugierig, dann fallen sie über die Erzählerin her und vom Fräulein Veronica heißt es zuerst, sie ist schwanger, dann das sie heiratet und später erfährt man, die Schwangerschaft war nur ein Vorwand, damit sie heiraten durfte.
Im zweiten Kapitel geht es zurück in den Kommunismus, denn Herr Mitu erzählt, vielleicht im “Zerknautschten Traktor”, dem Wirtshaus, wo sich alle Männer treffen, wie er einmal in die Stadt gefahren ist, um den Genossen Ceausescu zu sprechen und, wie ihn der bewirtet und beschenkt hat. Das ist jetzt vorbei und die Straßenbewohner wissen nicht so recht, ob sie sich über den “Erschossenen” freuen sollen oder nicht. Denn damals konnte man zwar nichts in den Geschäften kaufen, man hatte aber Geld und die Sachen, die man zum Leben brauchte, hat man sich an seiner Arbeitsstelle organisiert. Jetzt hat man die verloren und findet sich im “Zerknautschten Traktor” zu Klatsch und Tratsch und erzählt sich die sonderbarsten Dinge.
So wird im dritten Kapteil beispielsweise berichtet, daß dort, wo jetzt das Haus des berühmten Oberst steht, der im “Traktor” höchstens Mineralwasser oder Fruchtsaft trinkt, während die anderen Wodka saufen, ein Misthaufen war, der von den Behörden zugeschüttet wurde, weil die Siedlung eigentlich abgetragen werden sollte und die anderen warten schadenfroh darauf, daß in sein Haus Risse kommen.
So wird Kapitel an Kapitel aneinandergereiht in denen, satirisch liebevoll, die postkommunistischen Käuze vorgestellt werden, die es offenbar nicht nur in der Welt der Tante Jolesch gegeben hat, auch wenn das Herrn Torberg wahrscheinlich ärgern würde. Es gibt sie auch in der postkommunistischen Provinz, wo sich Herr Relu Covalciuc, ein Hühnerparadies wünscht und dann in arge Bedrängnis gerät, als plötzlich in seinem Garten die Regenwürmer auftauchen und kein Mensch genau weiß, wo genau sie herkommen. Gut, Herr Covalciuc säuft auch soviel, daß ihm der Arzt schon den Tod prophezeit, aber die Regenwürmer sehen auch die anderen und kommen herbei, um sie anzustaunen und im “Zerknautschten TraKtor” wird schon besprochen, ob man sie nicht vielleicht den Westlern verkaufen kann, denn die lassen sich ja alles andrehen und das soll man ja im Postkommunismus. Am Ende waren es dann die Männer von der staatlichen Strom und Gasversorgungsgesellschaft, die irrtümlich ein paar Stromstöße durch den Garten schickten enttäuscht und wir haben noch ein paar andere schräge Typen kennengelernt, die Frau Vera Socoliuc zum Beispiel, die sich aus Bukarest in die Akazienallee eingeheiratet hat und sich nun auf das Sterben vorbereitet, vorher hat ihre Schwiegermutter sie aber zu dem Brunnen geschickt, wo es Wasser gibt, wo die Bohnen erst weich werden, wenn man ein paar rostige Nägel hineingibt, Herrn Petrica, der jetzt verbittert ist, aber vorher ein begehrter Schildermaler war und die schönsten Obst, Gemüse oder Milchabbildungen auf Etiketten malte oder Frau Aurora Spataru, die ihre Finger unentwegt bewegen muß, so daß sie gratis Pullover strickt, wenn man ihr dafür Wolle gibt und wenn man das nicht tut, die schon gestrickten wiederauftrennt, zu mindestens erzählt sie das im Fernsehen, in dem sie schon einmal in einer Sendung über kurioses aus allter Welt aufgetreten ist und man hat ein bißchen, was über den Rumänischen Postkommunismus gelernt, der wahrscheinlich gar nicht so lustig ist, wie ihn Dan Lungu schildert, obwohl man, wie Alexandre Fille auf der Rückseite meint, “Das Hühnerparadies unbedingt lesen muß”, da “dieser witzige Erstroman viel über das Rumänien von gestern und heute aussagt.”

Das Mädchen mit der Posaune

“Das Mädchen mit der Posaune”, von Antonio Skarmeta ist “ein Feuerwerk der Poesie” oder, wie die Süddeutsche schreibt “eine anrührende und politische Geschichte, aus der eine tiefe Liebe zu Chile, seinen Menschen und seiner volkstümlichen Muusik spricht” und der 1940 in Chile geborene Antonio Skarmeta, ist für alle, die es wie ich vor kurzem, nicht wissen, der Autor, des unter dem Titel “Il Postino” verfilmt und berühmt gewordenen Romans “Mit brennender Geduld”, in dem es um Pablo Neruda geht. In “Das Mädchen mit der Posaune”, geht es um Magdalena oder wie sie sich nach der Großmutter und dem Großvater nennt Alia Emar Coppeta und ihre Gechichte wird, wie das bei den Lateinamerikanern üblich ist, mit viel magischen Realismus erzählt, so daß man sich oft gar nicht recht auskennt und die Kritiker es sogar unliterarisch nennen. Es ist auch sehr ineinandergeschachtelt. In die Geschichte der Ich-Erzählerin werden Briefe und Dokumente von Journalisten eingeschoben, einer ist Roque Pavlovic und der beginnt damit, daß er im Dezember 1944 mit dem malizianischen Einwanderer Stefano Coppeta auf den Stufen seines Ladens saß und da begegnen sie einen Mann mit einer Posaune, an der ein kleines Mädchen hängt und ihnen erzählt “Glenn Miller ist tot” und das Mädchen ist Alia Emar Coppeta, die Autorin von “Das Mädchen mit der Posaune”.
Dann geht es los mit der Geschichte von der kleinen Magdalena, die bei ihrem Großvater aufwächst, aus Europa kommt, keine Mutter und keinen Vater hat uns sich nicht recht auskennt, wie das mit ihrer Herkunft ist. Auf der Flucht vor den Nazis ist sie nach Antofagasta gekommen, der Vater war ein Partisan, die Mutter ist gestorben und die Großmutter Alia Emar hatte angeblich nichts mit dem Großvater und war vielleicht doch dessen große Liebe und dann gibt es noch einen Bruder des Großvaters, der ins Meer gesprungen ist, dort umkam oder vielleicht doch im gelobten Land Amerika landete und dort ein Filmproduzent oder etwas anderes geworden ist.
Die kleine Magdalena wächst jedenfalls beim Großvater auf und der raucht zuviel, so daß seine Lungen Schatten haben, er hat auch Arthritis, so muß er bald seinen Laden aufgeben und nach Santiago ziehen, auch auf seinem Motorrad kann er nicht mehr fahren und als er stirbt, wird Magdalena weiter von Jovana aufgezogen, das ist schon die Zeit, wo Magdalena Sonntags immer ins Kino geht und dann mit ihren Freunden die Szenen der amerikanischen Filme nachspielt. Am Begräbnistag des Großvaters gibt es “KingKong” und Magdalena setzt es durch in die Vostellung zu gehen. Da wächst dann der Traum später, wenn sie groß ist und Matura hat, nach Amerika zu gehen. Sie nennt sich zu diesem Zeitpunkt um und ihr Freund Pedro Pablo Palacios tut das auch und will fortan nur mehr New York genannt werden.
Es ist aber eine sehr politische Zeit, als Magdalena vierzehn ist und ihr Spanischlehrer, der sich inzwischen mit Jovana befreundet hat, ist das auch und sagt allem Bourgeoisen den Kampf an und will die Schüler, die nichts als Amerika im Kopf haben zu Revolutionären machen, ist der doch mit Dr. Allende befreundet und Magdalena wird auch, obwohl sie ja nach Amerika will, dessen Wahlkämpferin. Sie bekommt auch ein amerikanisches Luxusauto geschenkt, vermietet es und wird von Pedro Pablo schwanger und am Schluß hat Salvator Allende die Wahl gewonnen, keiner geht nach Amerika, sonder das politische Leben mit dem kleinen Jose Palacios Coppeta auf den Schultern beginnt.
Antonio Skarmeta mußte 1973 nach dem Militärputsch sein Land verlassen und ging nach Deutschland ins Exil. 1989 ging er wieder nach Chile zurück, von 2000 bis 2002 war er Botschafter in Deutschland.

Die Tante Jolesch

Es geht gleich weiter mit dem Wienbezug, den Grundbüchern und den Klassikern, ist Friedrich Torbergs “Tante Jolesch” ja auch ein Buch aus dem Bücherkasten, das ich erst nicht lesen wollte, weil ich den “Untergang des Abendlandes in Anekdoten”, für ein Klamaukbuch gehalten habe, die berühmten Zitate, wie “Alles was ein Man schöner als ein Aff ist” oder “Gott soll einem hüten vor allem was noch ein Glück ist”, waren schuld, daß ich dachte, das interessiert mich nicht. Dann war ich vor ein paar Jahren in der Torberg-Ausstellung im Jüdischen Museum, wo ich meinen Schirm verlor und voriges Jahr war es bei den Grundbüchern in der Alten Schmiede, so daß ich dachte, das ist eigentlich doch interessant, denn Geschichten aus den Dreißigerjahren faszinieren mich sehr und es geht nicht nur, um eine Tante und ihre witzigen Aussprüche. Geht es auch nicht, denn es zeichnet ein Bild von einer untergegangenen Welt, die es nicht mehr gibt. Torberg wurde, wie er in seinem Vorwort beschreibt, 1908 in Wien geboren und war, als die Monarchie unterging, zehn und und dreißig, als es Österreich nicht mehr gab und er zuerst in die Schweiz flüchtete. Das Buch wurde, glaube ich, 1977 geschrieben und ich erinnere mich auch, daß sie in der Alten Schmiede sagten, daß es die Verlage nicht haben wollten, weil sie dachten, das interessiert doch niemanden mehr. Dann wurde es so ein Erfolg, gehört zu den Grundbüchern und den geflügelten Worten und zeichnet in Andekdoten ein Wien, das ich, als 1953 geborene, nicht mehr gekannt habe und Torberg setzt in seinen Kapiteln, den untergegangenen Menschen, seiner Familie, Freunden, aber auch Künstlern, Schriftstellern, Schauspielern, etc. ein Denkmal. Es gibt verschiedene Kapitel, die alle Facetten beschreiben. Nach dem Geleit, wird die Tante Jolesch beschrieben und erklärt, daß sie sich aus mehreren Typen zusammensetzt, das reale Vobild aber 1932 gestorben ist und sie entstammt dem jüdischen großbürgerlichen Milieu, das in Wien oder Prag lebte, in beiden Städten ist auch Torberg aufgewachen, in Häusern, wo man die Schneiderin und den Friseur kommen ließ und schon einmal snobistische Ansprüche hatte, die dann in einer eigenen ebenfalls untergegangenen Sprache ausgedrückt wurde. Die wird dann im “Excurs über das Wörtchen “was” beschrieben. “Onkel, Neffen, Rabbiner und komische Käuze” kommen vor.
Ein Kapitel widmet sich dem Bridgespielen, das in den Dreißigerjahren in den Kafeehäusern offenbar fleißig betrieben wurde. Eine Andektode gilt dem alten Schwarz, dessen Tochter das auch tun wollte, aber eine Frau “spielt nur Bridgespielen”, sagt der Vater, so haben sie sich getrennt, der Krieg hat sie wieder zusammengebracht.
Dem Kaffeehaus sind natürlich auch einige Kapitel gewidmet, in Wien gab es da ja das Griensteidl, das Cental, das Herrenhof und das Prager Tagblatt und seine Redakteure sind ebenfalls sehr wichtig. Viele inzwischen vergessene Namen tauchen auf und dann wieder die, die man kennt. Franz Molnar ist ein Kapitel gewidmet, Alfred Polgar, Egon Kisch, etc, tauchen immer wieder auf. Im Anhang gibt es ein paar schon in den Fünfzigerjahren erschiene Artikel, so wird die Konditorei Demel genau beschrieben, die Demelianerinnen mit ihren schwarzen Kleidern, die “haben schon gewählt”, sagen und wer ein echter und ein falscher Demelianer ist, die echten wurden schon als Kind von ihren Großeltern, dort eingeführt. Die Geschichte von der echten und der falschen Sachertorte und den Tortenstreit gibt es und da ist interessant, daß das die Streeruwitz in ihren “Verführungen” auch erwähnt und die schildert ja ein bißchen das untergegangene Wien, was ich ein bißchen klischeehaft empfand. Aber natürlich interessiert es mich zu hören, wie es damals war, obwohl es ja nicht unbedingt meine Welt ist und der Herr Torberg auch ein bürgerlicher, wahrscheinlich konservativer Dichter war, der in den Siebzigerjahren das Kulturleben prägte und vielleicht auch einiges verhindert hat, was ich gern gehabt hätte, interessant aber, daß ich beide Bücher an dem Tag gelesen habe, als ich in Wien lesend herumgefahren bin und zufälligerweise auch sehr klischeehaften Orte, nämlich Schönbrunn mit all den Wien Touristen und den Prater, der ja auch ein Wienträchtiger Ort ist, dafür aussuchte und bin froh, daß ich sie auf meine Leseliste nahm, denn das untergegangene Wien interessiert mich sehr, wenn ich auch weiß, daß es auch ein anderes gegeben hat, nämlich das der Arbeiter und der armen Leute und das interessiert mich ebenfalls.

Verführungen

Das nächste Buch auf meiner Leseliste und das erste meines Pfingst-Lesemarathons ist Marlene Streeruwitz “Verführungen”, ihr 1996 erschienener Roman, der noch den etwas seltsamen Titel “3. Folge Frauenjahre” trägt, weil es die ersten beiden Folgen offenbar nicht gibt. Das Buch habe ich, glaube ich, an dem Tag gefunden, als der Bücherschrank im Hegerpark eröffnet wurde, es aber nicht gleich auf die Leseliste gestellt, denn Marlene Streeruwitz lesen ist schwierig, lautete das Vorurteil. Für 2012 habe ich es dann doch getan und inzwischen warten noch einige Streeruwitz Romane, habe ich im Wortschatz, ja einige sehr interessante Bücher “Lisas Liebe”, “Majakovskiring”, Jessica 30″ gefunden und die “Schmerzmacherin”, die mich inzwischen auch sehr interessiert, bei der literarischen Soiree gewonnen. “Partygirl” habe ich bei Buchlandung einmal um einen Euro gekauft und gelesen und einen Roman zum Prekariat hat es im Internet auch einmal gegeben, den ich eifrig verfolgte. Zählt Marlene Streeruwitz ja neben der Jelinek zu den berühmtesten österreichischen Autrinnen, um bei den sozialkritischen zu bleiben und wenn ich manche Streeruwitz Argumentationen in Interviews nicht folgen und verstehen konnte, “Verführungen” war eigentlich sehr einfach zu lesen, besteht es ja aus sehr kurzen Sätzen “Helene mußte in die Schule”, “Die Geschirrspülmaschine war kaputt”, “Das Cafe Sacher war leer”, wird etc, die Handlung aneinandergereiht und hat gleich einen fulminaten Beginn. Da wird die Hauptperson, die dreißigjährige Helene Gebhart, die zwei Kinder hat, von ihrem Mann getrennt lebt und sich versucht als Assistentin einer PR-Agentur durchzuschlagen von ihrer Freundin Püppi aus dem Bett geholt “Helene müße zu ihr kommen. Sofort. Dringend”, weil die offenbar immer wieder Selbstmordversuche macht, Helene läßt die Türe zu der Wohnung der Großmutter, der Mutter ihres Ḿannes, die nebenan lebt, offen und fährt los, genau werden die Straßen und die Polizeiautos, die sie dabei trifft beschrieben, in der Wohnung sitzt das thailändische Kindermädchen am Boden und ein Freund Püppis, ein Kunsthändler beugt sich über das Bett der vierjährigen Tochter, während Püppi in der Badewanne sitzt und telefoniert. Dann kommt noch ein Mann, nämlich Jack the Ripper, denn Püppi sogar heiraten will, später verschwinden dann ihre Diamantringe.
Dabei hat Helene andere Sorgen, hat sie ja jung geheiratet, wegen der Kinder ihr Kunstgeschichtestudium aufgegeben, dann hat sie Gregor, ein Mathematiker mit seiner Sekretärin betrogen und jetzt ist er nicht da. Helenes Eltern wissen noch immer nicht, daß sie getrennt sind, die Kinderbeihilfe kommt immer noch auf sein Konto und die Bank macht Helene das Leben schwer, denn sie kann nicht mit Geld ausgeben, geht ins Sacher oder in den Stadtpark essen und bezahlt 1989 schon mal fünfzig Schillig für eine Melange, außerdem hat sie einen Freund, einen Musiker, der Schwede genannt, der dauernd von Italien zu ihr kommt und sie für sich bezahlen läßt, so daß Helene schon einmal ihren Schmuck ins Pfandhaus trägt. Trotzdem macht viel für ihre Kinder, zwei Mädchen, von denen eine ständig den Daumen im Mund hat, die zweite sich in Turnen nicht traut, die Füße in den Ringen hängend über den Kopf zu geben, weshalb die Turnlehrerin eine Psychotherapie empfiehlt. Die Schwiegermutter kümmert sich einerseits um die Kinder, andererseits gibt es Schwierigkeit mit dem Telefon, das sie nicht bezahlen will und der Göttergatte Gregor taucht nur auf, um Helene zu befehlen Kaffee zu kochen und wenn sie sich weigert, sie zu beschimpfen. Er droht ihr auch ihr die Kinder wegzunehmen und will, als Helene dann doch zu einem Anwalt geht, fünfzehntausend Schilling Miete, wenn bei ihr in seiner Wohnung ein Mann lebt, hat er ja einmal den Schweden bei ihr getroffen.
In der PR-Agentur geht es auch um obskure Aufträge, da soll ein Magnetpflaster beworben werden, wofür Nacktaufnahmen nötig sind, die Helene organisieren muß und die Sekretärin hat eine Katze mit Leberkrebs von deren Sterben sie Helene immer wieder erzählt. Der Stil ist sehr realistisch, dann wieder ein bißchen altmodisch, an die Bachmann, vielleicht sogar an Joseph Roth oder Friedrich Torberg erinnernd. Verkehrt ja Helene ständig im Hotel Sacher, im Kalb ect. Sie ist auch die Tochter eines Ministerial- oder Regierungsrat der in Hietzing lebt, also aus dem gehobene bürgerliche Milieu, trotzdem zeigt es sehr deutlich die Unterdrückung der Frau und Helene wird einerseits sehr passiv naiv geschildert, so läßt sie sich von ihren Männern ausnützen. Andererseits stragelt sie sich ab, dem Mutterideal nachzukommen, mit Geld kann sie nicht umgehen, sie trinkt auch sehr viel, nimmt Medikamente, hat aber auch ständig Regelschmerzen und blutet dem kindergelähmten Physiker, der diese Magnettherapie erfunden hat, den Sessel voll. Sie bekommt nach dem Liebesakt auch mal eine Fieberblase und muß vom Schweden geretten werden. Es gibt auch wieder sehr packende eindrucksvolle Szenen, zum Beispiel, die die Sekretärin und ihre kranken Katze beschreiben und was den Torberg betrifft, der als nächstes auf meiner Leseliste steht, da ist interessant, daß beide die echte Sachertorte beschreiben, die unter der Glasur Marmelade hat, während die falsche in der Mitte aufgeschnitten wird. Ein bißchen Wien-Klischee für die deutschen Leser gibt es also auch und ich war überrascht über den realistischen Stil, so ähnlich schreibe ich nämlich auch, wenn auch die bürgerlichen Klischees wahrscheinlich fehlen und bin der Streeruwitz ein bißchen näher gekommen, so daß ich mich schon auf das Lesen der anderen Bücher freue.

Der weisse Dampfer

Weiter geht es mit Tschingis Aitmatow und zwar laut Beschreibung dem wichtigsten und bekanntesten Werk nach “Dsamilja”, der 1970 nach einem Märchen entstandenen Erzählung “Der weisse Dampfer”, die mit den Worten “Er hatte zwei Märchen. ein eigenes, von dem niemand wußte. Und ein zweites, das der Großvater erzählte. Am Ende blieb keins übrig. Davon handelt diese Erzählung”, beginnt.
Erzählt wird wieder, diesmal von einem namenlosen, siebenjährigen Jungen, der mit seinem Großvater, dessen zweiter Frau, dem Onkel und der Tante in einer Försterei in der San-tasch-Schlucht lebt, die offenbar so einsam ist, das dorthin nur manchmal das Verkaufsauto kommt und mit diesem beginnt auch die Geschichte. Der Junge sieht es zuerst, ruft die Frauen heran, die dann kommen und schauen, aber kein Geld haben, um wirklich was zu kaufen, nur Tante Bekej, die kinderlose kauft zwei Flaschen Wodka und später kommt der Großvater und kauft dem Jungen eine Schultasche, weil er bald zur Schule kommt. Zu dem Großvater hat der Junge eine besondere Beziehung, die Großmutter, seine zweite Frau, ist oft böse zu dem Jungen und schimpft auch mit dem Großvater, weil er schwach ist und in seinen Fantasien lebt und die Försterei wird von Oroskul, dem Mann der Tante beherrscht, der ihr ihre Kinderlosigkeit zum Vorwurf macht und auch sonst eine sehr unsympathische Figur ist.
Der schwache Großvater ist aber das Idol des Jungen, der keine Eltern hat, die Mutter ist in die Stadt gegangen und hat dort wieder Kinder und der Vater soll als Matrose in einem weißen Dampfer fahren und das ist das Märchen des Jungen. Mit dem Fernglas des Großvaters sucht er am See den Dampfer und stellt sich vor, wie er zu einem Fisch wird und zu seinem Vater schwimmt, während auf dem Hof mit ihm alle, außer dem Großvater schimpfen und das Märchen des Großvaters ist die Geschichte von der gehörnten Hirschkuh, die einmal als gewalttätige Stämme, die Kirgisen ausrotteten, zwei Kinder rettete, zu deren Nachkommen sich der Großvater und der Junge zählt und so freut sich der auch schon auf die Schule, die im nächsten Dorf liegt. Der Großvater bringt ihm in der Früh auf dem Pferd dorthin und holt ihn zu Mittag wieder ab. Weil sich aber Oroskul durch Geschenke bestechen läßt und deshalb verbotener Weise Holzstämme, die für den privaten Hausbau etc gebraucht werden, verspricht, muß er mit dem Großvater, die Fichten im Wald fällen und er hört auch nicht auf den Großvater, als dieser sagt, er muß jetzt zur Schule, den Kleinen holen. Der Großvater setzt sich aber durch und reitet auf dem Pferd des Schwiegersohns hin, kommt aber trotzdem zwei Stunden zu spät, so daß ihn die Lehrerin vorwurfsvoll ansieht. Oroksul schlägt seine Frau und die Großmutter ist bös auf den Großvater aus Angst, daß Oroksul sie aus dem Haus jagen könnte. Indessen wird der Junge krank, hat aber im Wald die gehörte Hirschkuh gesehen und nicht nur er, auch die Männer, die den Baumstamm holten, bemerken die drei Maralen, die aus dem benachbarten Naturschuztgebiet kamen und wollen sie abschießen.
“Das darf man nicht!”, sagt zwar der Großvater, aber Orkosul hört natürlich nicht auf ihn und zwingt den Alten auf sie zu schießen, was dieser aus Angst, um die Zukunft dann auch tut. Nur dann betrinkt er sich und so findet am Abend der Junge ihn auch. Alle sind nach dem Festmahl betrunken und Orkosul hat vorher auch noch den Kopf der gehörnten Hirschkuh gespalten, so daß dem Jungen nichts anderes über bleibt, als sich in einen Fisch zu verwandeln und zu seinem Vater zum weißen Dampfer hinüberzuschwimmen.
“Während ich von dir Abschied nehme, mein Junge, wiederhole ich deine Worte “Sei gegrüßt weißer Dampfer, ich bins”, so endet die tragische Geschichte, die sich natürlich als Parabel auf den realen Sozialismus der UDSSR verstehen läßt und wohl auch als solche geschrieben wurde.
Die Neuübersetzung des Unionsverlag hat ein Nachwort vom Mai 1992 von Tschingis Aitmatov, wo er schreibt, daß das Buch nur erscheinen durfte, weil es die Unterzeile “nach einem Märchen hat” und das er zur Parabel natürlich das tragische Ende, den Tod des Jungen brauchte. Das wollten aber seine Leser nicht, nicht die realsozialistischen, die natürlich eine Aufnahme in ein staatlichen Kinderheim forderten, aber auch nicht die kirgisischen Studenten, mit denen sich Aitmatov 1989 im Peking traf, als er dorthin Michail Gorbatschow auf einen Staatsbesuch begleiteten.
“In ihrer Belesenheit gauben bewanderte Kritiker, zu wissen, wie ein Schriftsteller das Leben zu sehen hat, einfache Leser wünschen sich aber schlicht die ersehnte Wahrheit”, schreibt Aitmatov.
“Die Menschen von heute leben im Genre der Tragödie, die ganze Menschheit erfährt sie, und dem ist nicht zu entrinnen. Ich glaube, die zeitgenössische Literatur entwickelt sich unter ihrem Zeichen.”

Der Junge und das Meer

Von Tschingis Aitmatow, den kirgisischen Dichter, 1928 dort geboren, 2008 in Nürnberg verstorben, der am Maxim Gorki Literaturinstitut in Moskau studierte und auch Berater von Michail Gorbatschows war, findet man viel in den offenen Bücherschränken.
“Der Junge und das Meer”, habe ich, glaube ich, zeitgleich mit der Iris Hanika gefunden oder war das “Der weiße Dampfer”, der als nächstes auf meiner Leseliste steht? Als ich mich mit der Anna vor ein paar Monaten zum Essen traf, habe ich ein altes DDR- Bändchen mit zwei Aitmatow Geschichten “Scheckiger Hund, der am Meer entlangläuft” und “Frühe Kraniche” gefunden und dann noch einmal “Dshamilja”, die Liebesgeschichte, die wie ich jetzt weiß, Loius Aragon “für die schönste der Welt hält” und als ich am Montag in die Alte Schmiede ging, lag in der Abverkaufskiste, des nun mehr einzigen Buchgeschäftes, an dem ich vorüberkomme, auch ein Aitmatow-Bändchen, um einen, zwei oder drei Euro. Welches weiß ich nicht mehr, denn ich hab ja ohnehin genug zu lesen und als ich mich gestern ein bißchen per Wikipedia auf die Aitmatow-Lektüre einstimmte und ich halte, obwohl ich immer wieder Kritiken höre, die Wikipedia Einträge für sehr gut und beziehe mich auch oft auf sie, nur meiner ist nicht ganz vollständig, hören meine Bücher ja bei “Und Trotzdem” auf, aber das ist eine andere Geschichte und gehört nicht hierher, fand ich, daß Aitmatows Liebesgeschichte in der DDR zur Pflichtlektüre in den Schulen gehörten und das die Geschichte “Der Junge und das Meer” in den DDR Ausgaben “Scheckiger Hund, der am Meer entlangläuft”, heißt.
Also habe ich nächstes Jahr, wenn das Bändchen an die Reihe kommt, weniger zu lesen und bei der rororo-Ausgabe von 1988, die ich gelesen haben, steht auf der Rückseite natürlich der Vergleich mit “Der alte Mann und das Meer” und davon, daß die Geschichte, die man wahrscheinlich Novelle nennen kann “ein großes bewegendes Gleichnis ist, das in die Botschaft von der moralischen Unbesiegbarkeit des Menschen, an Hemingway einnert.”
Man kann es natürlich auch viel weniger prosaisch deuten. Da fährt irgendwo in Kirgisien wahrscheinlich, ein Boot aufs Meer hinaus, weil drei Fischer, der Dorfälteste und zwei andere Männer, Vater und Onkel, den Jungen, der später ebenfalls Fischer werden soll, auf seine erste Ausfahrt mitnehmen. Das gehört offenbar zu den kirgisischen Bräuchen und ist wahrscheinlich, wie die Jugendweihe zu verstehen, ein Ritual des Erwachsenwerdens und natürlich auch eine Lehre, die man durchmachen muß und so ist Kirisk sehr stolz darauf und natürlich gibt es für diese erste Ausfahrt auch eigene Regeln, so hat ihn die Mutter ans Ufer begleitet und zum Abschied “Na, geh in den Wald und nimm trockenes Holz mit!”, gesagt, denn die bösen Geister oder Götter, die einem ans Leben wollen, muß man täuschen.
Und so ist Kirisk nun im Boot, Organ der Älteste sitzt am Steuer und raucht an seiner Pfeife, Vater und Onkel rudern und als sie ihn fragen, ob er Angst hat, schüttelt er stolz den Kopf. Er doch nicht, er denkt ans Dorf, an die Mutter, die Schwester und auch an das Mädchen, in das er vielleicht ein bißchen verliebt ist und sieht den “Scheckigen Hund”, das ist ein Hügel, den man immer sieht, wenn man vom Meer wieder ans Land zurückkommt.
In dieser Geschichte wird überhaupt sehr viel symbolhaft ausgedrückt, so gibt es die Ente Luwr und wenn man krank ist und nicht trinken darf, beschwört man die “Blaue Maus”, die einen Wasser geben soll und die Fischer denken heimlich an die große Fischfrau und haben mit ihr auch schon ihre Erlebnisse gehabt.
Jetzt geht es aber ins Meer hinaus und Kirisk soll lernen Robben zu fangen, zuerst muß er sie aber von den großen Steinen, die vor der Insel liegen, unterscheiden. Sie fangen dann auch eine Robbe und machen ihre Rast und als sie wieder ins Boot steigen, steigt der große Nebel auf, sie verlieren die Orientierung und die Katastrophe, bzw. das Gleichnis beginnt.
Sie müssen alles über Bord werfen, nur ein Fäßchen Wasser und einen Sack mit Dörrfisch behalten sie und der Älteste hat jetzt die große Aufgabe, das Wasser sorgfältig in kleinen Rationen zu verteilen. Er selbst trinkt nichts und geht, als seine Kräfte schwinden, auch als Erster freiwillig ins Meer. Mylgun, der Onkel, ein bißchen jünger, als der Vater und noch nicht so ganz gefestigt, der noch manchmal seine Späße macht und auch ein bißchen durchdreht, das heißt die Naturgewalten nicht so demütig, wie die anderen annimmt, folgt als zweiter und als letzter opfert sich der Vater für den Jungen und sein Überleben, aber der bleibt dann ganz allein im Boot ohne Wasser und Nahrung zurück und ist sowieso viel zu schwach, um die Ruder zu bewegen. Es gibt aber ein Zeichen, wenn man die Eulen fliegen sieht, dann weiß man, man ist auf den richtigen Weg und der Nebel verschwindet auch einmal und so treibt das Boot mit dem Jungen an das Ufer zurück. Er sieht den “Scheckigen Hund” und weiß er ist gerettet, weiß, daß er ein Fischer werden und vielleicht auch sein Mädchen heiraten wird. Daß er dann vielleicht selber einmal, viel später an der Reihe ist, als erster auszusteigen, weiß er vielleicht nicht oder doch? Jedenfalls hat er das Lied auf den Lippen “Scheckiger Hund, der du auf dem Meer entlangläufst, allein kehr ich zu dir zurück- ohne Atkytschch Organ, ohne Vater Emraijin, ohne Aki-Mylgun, Frag mich wo sie sind, aber erst gib mir zu trinken”, eine Parabel also von der Welt, von längst verschütteten Kräften im Menschen”, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt und sich natürlich an dem Vergleich mit der anderen berühmten Parabel erfreut.
Der in Ostdeutschland gewählte Titel, beschreibt die Symbolhaftigkeit wahrscheinlich besser, obwohl ich mich erinnern kann, mit dem ungewöhnlichen Titel am Anfang nichts angefangen zu haben und da ich ja ein wenig schlampert bin, habe ich auch nicht genau genug geschaut und “Schrecklicher Hund” in meine Leseliste geschrieben. Keiner meiner Leser hat es gemerkt, obwohl die ja immer sehr gut darin sind und als ich aus Clemens Meyers Erzählungen “Die Nacht der Lichter”, gemacht habe, hat sich der sehr empört bei mir gemeldet. Tschingis Aitmatow kann das nicht mehr tun und ich weiß auch nicht, wie die Erzählung im Original, in Russisch, denn Aitmatow hat, habe ich Wikipedia entnommen, in dieser Sprache geschrieben hat, heißt. Beeindruckend ist sie allemal, ob man sie sich nun als Parabael und symbolhaft oder ganz realistisch nach dem Spruch “Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um” und das Leben ist nun einmal sehr gefährlich und wir alle müssen sterben, deutet.
Interessant habe ich gefunden, daß sie zum Robbenfangen ausfahren, eine erlegen und sie dann, um selbst zu überleben ins Meer werfen. Ja, das Leben ist grausam und naturgewaltig und nicht so leicht zu verstehen. Man glaubt, man muß soviel machen und dirigieren und ist am Ende ganz hilflos den Naturgewalten ausgeliefert und so sind mir auch, ich gestehe es, bei den dramatischsten Stellen, auch ein paar Tränen hinuntergeronnen, wie das bei sentimentalen Frauen so sein kann.

Vom Wandel der Arbeitswelt

Da ich mich ja für Literatur in jeder Form interessiere, bin ich irgenwann in den Verteiler der Dokumentationsstelle lebensgeschichtlichlicher Aufzeichnungen hineingekommen, 2004 war das vielleicht, jedenfalls habe ich “M.M. oder die Liebe zur Germanistik” meine Margaretner Literaturgeschichte, die gerade entstanden ist, hingeschickt, wurde zu einer Präsentation und einmal zu einer Führung in das Wien-Museum eingeladen und jetzt zur Präsentation der in der Böhlau Reihe “Damit es nichtr verloren geht” erschienen Anthologie “Arbeit ist das halbe Leben – Erzählung vom Wandel der Arbeitswelten seit 1945”, in die Bibliothek der Arbeiterkammer.
Renate Lehner, die Vizepräsidentin der AK begrüßte und meinte, daß es nicht sehr viele Anthologien zur Arbeitswelt geben würde und nicht sehr viele Bücher, die sich mit der Situation der Arbeitsnehmer und Nehmerinnen beschäftigen. Das stimmt aber nicht, meine zweite Publikation in den frühen Achtzigerjahren erfolgte in der Anthologie des damaligen Wiener Frauenverlags, heute Milena “Arbeite Frau, die Freude kommt von selbst” ist aber durch Zufall passiert. Denn bei der ersten Anthologie “Aufschreiben” hat Elfriede Haslehner meinen Text nicht genommen, weil er ihr nicht genug authentisch war, ich hatte aber damals die Ausschreibung zu einem geschlechtsneutralen Kinderbuch “Mädchen dürfen pfeifen, Buben dürfen weinen”, mit meiner Erzählung “Güler will kein Kopftuch mehr gewonnen” und der Verlag “Jugend und Volk” in dem das Buch mit meinem Text erschien, machte damals eine Anthologie zur Arbeitswelt. Ich schickte meine Erzählung “Die freundlichen Stimmen oder auf einen Anruf warten hin”, ich war damals seit kurzem Psychologin, hatte aber noch keine Anstellung, sondern machte das Akademikertraining und da hatte ich mich bei der damaligen Semmelweisklinik bei der heutigen Frau Prof Wimmer-Puchicher für ein Praktikum beworben und die wollte mich anrufen, was sie nicht tat und beim Staubsaugen in der Otto Bauergasse, kam der gehemmte jungen Frau die Idee zu der Geschichte und weil ich mir einbildete, der Wiener Frauenverlag nimmt nichts von mir, habe ich den Text an “Jugend und Volk” geschickt. Die wollten ihn auch nicht, weil ich aber gewonnen habe, haben sie ihn nicht einfach ignoriert, sondern an den Frauenverlag geschickt und die haben ihn dann genommen. So hatte ich meine zweite Veröffentlichung in der zweiten Anthologie des Wiener Frauenbverlags, die erste war 1980 in der Zeitschrift “Stimme der Frau”, die den Arbeitskreis schreibender Frauen der Reihe nach vorstellte und die Arbeitsweltantholigie von “Jugend und Volk” habe ich inzwischen auch im offenen Bücherschrank gefunden.
Das Thema Literatur zur Arbeitswelt fristet in den neoliberalen Zeiten sicher ein Außenseiterleben, ich habe mich aber, solange es ihn noch gab, beim Luitpold Stern Preis der Gewerkschaft regelmäßig beworben und auch gelegentlich was gewonnen, ein paar Buchgutscheine und zuletzt den dritten Preis, ich glaube 450 Euro, dann hätte ich mich fünf Jahre nicht mehr bewerben dürfen, die sind jetzt vorbei, den Preis gibt es aber nicht mehr. Herr Elsner hat ihn mit seinem BAWAG-Skandal, glaube ich, zum Verschwinden gebracht, den Werkkreis zur Literatur der Arbeitswelt gibt es aber weiter und auch die Bibliothek der Arbeiterkammer und da war ich schon ein paar Mal.
Einmal zur Präsentation der Bibliothek der ungelesenen Bücher und dann vor einem Jahr, als die Anthologie des duftenden Doppelpunkts erschienen ist und jetzt zur Präsentation der Antohologie der Dokumentationsstelle lebebensgeschichtlicher Aufzeichnungen und weil ich ja einen Brotberuf habe und daher um vier Uhr eine Diagnostik und die Buchpräsentation schon um sechs stattgefunden hat, war ich knapp daran und es war auch gar nicht leicht zu finden, denn im Foyer war schon das Buffet gedeckt und Cateringpersonal und sonstige Personen wuselten herum und wiesen mir den Weg in die Bibliothek, wo die Vizepräsidentin der AK bereits eröffnete, der Saal sehr voll war, ich in der zweiten Reihe einen Platz fand und nach und nach Werner J. Grüner und Traude Veran im Publikum entdeckte.
“Ich hätte mir gar nicht gedacht, daß so viele Personen an der Buchpräsentation Interesse haben!”, sagte die Vizepräseidentin. Ich schon, denn ich weiß ja, daß sehr viele Leute schreiben und die schreibenden Arbeiter und Angestellten, die einen Text in der Anthologie haben, nehmen zur Präsentation ihre Freunde und Verwandte mit, während das allgemeine literarische Interesse an der Mainstreamliteratur immer schwächer wird.
Achtzig Arbeiter und Angestellte aus allen Berufen sind dem Schreibaufruf einen Text aus ihrer Arbeitswelt zu verfassen gefolgt. zwanzig wurden ausgewählt, Jahrgang 1930 bis 1951, die etwas von der Arbeitswelt der Fünfziger, Sechziger und Siebzigerjahre zu berichten wissen wußten.
ünter Müller vom Institut für wirtschafts- und Sozialgeschichte, erzählte nach welchen Kriterien entschieden wurde und stellte kurz die zwanzig Ausgewählten vor. Vier durften ihre Geschichten lesen. Eine Frau, die inzwischen Gedichte schreibt und ihre Bücher im sogenannten Eigenverlag herausgibt, Getrud Jagob berichtete, wie das nach dem Krieg war, wenn die Lehrerin einen eigentlich in die Lehrerbildungsanstalt schicken wollte, die Mutter aber dagegen war und der Vater, als Wrack aus dem World War II zurückgekommen, die Tochter nicht Schneiderin werden lassen wollen. Interessanterweise haben viele Betriebsräte ihre Texte eingesandt oder sind auserwählt worden und so las ein solcher als nächster vor, wie es in den Sechzigerjahren in der sogenannten Lebensschule war und in der hat sich, glaube ich, auch meine, 1978 bei einem Autounfall ums Leben gekommene, kleinwüchsige Schwester Uschi, weitergebildet. Dann kam noch eine Frau und ein Mann, der Automechaniker war und von seinen Lebenserinnerungen in der Autoproduktion berichtete.
Dann gabs ein Buffet, Wein und Brötchen und draußen im Foyer gingen die kleinen Snacks schon aus, Desserts wurden herangetragen und eine Ausstellung “Berlin nach 1945” war gerade eröffnet worden, wo ich auch einige bekannte Gesichter sah.
Ich fragte aber, die andere Herausgeberin, Sabine Lichtenberger nach dem AK-Flohmarkt, denn da hat mir ja der Karli, der jetzt gerade mit dem Alfred durch Australien tourt, erzählt, daß die ausrangierten Bücher dort einen Euro kosten, ich habe aber außer “Schmidt” den ich gerade gelesen habe, nicht wirklich was gefunden, bzw. ja eine endlos lange Bücherliste, so daß ich ohne Neuzuwachs nach Haus gegangen bin und mich schon auf meinen PfingstLesemarathon freue und die dafür bestimmten Bücher im Badezimmer hergerichtet habe.
Und wer es wissen will, heute vor neununddreißig Jahren, am 24. Mai 1973 habe ich an der Hbla in der Strassergasse maturiert, bin in meine philosophische Krise abgedriftet und habe meine erste, nie veröffentlichte Erzählung geschrieben.