Mord mit Nachschlag

So knapp vor dem Nationalfeiertag gibt es die Reden zur Nation der Wiener Literaturhäuser, wo die bekannten Namen, Bodo Hell, Peter Waterhouse, Richard Obermayr, etc von den literarischen Institutionen eingeladen werden. Die Gesellschaft für Literatur lud Peter Waterhouse in den Asylgerichtshof und ich habe mich dafür angemeldet, aber ich will ja nicht gerne meinen Personalausweis abgeben und mich durch eine Sicherheitsschleuse begeben und außerdem bin ich gar kein Waterhouse-Fan und weil ich derzeit schon wieder mit meinen Buchbesprechungen und Veranstaltungsbesuchen um Tage voraus blogge, dachte ich, bleibe ich zu Hause und lasse lieber eine meiner Rezensionen erscheinen. Dann kam eine Karte mit einem bunten Fliegenpilz von Irene Wondratsch, die Kurzkrimis mit Rezepten “Schon wieder einer tot” geschrieben hat und mich zur Präsentation in die Galerie Kadinsky einlud und ich disponierte um, umso mehr, da ich heute mit den Korrigieren von “Kerstins Achterl” fertig geworden bin und im November beim Nanowrimo mitmache und, wie werde ich es dann mit dem Bloggen und meiner Leseliste machen?, die auch immer voller wird, denn ich habe ja Irene Wondratsch am Samstag im Gasthaus “Pfudl” um ein Rezensionsexemplar gebeten, Ruth Aspöck hat mir inzwischen ihr “Grillparzer-Buch” geschickt, in der Edition Zwischenwelt ist ein Briefband von Ulrich Becher erschienen und Konstantin Kaiser hat mir gemailt, daß er mir gerne ein Rezensionsexemplar schickt, also wieder die Quadratur des Kreises, um die ich mich ja zu reißen scheine. Aber ich kenn Irene Wondratsch ja schon lange, ich glaube, ich habe sie bei der Geburtstagslesung von Ruth Aspöcks fünfzigsten Geburtstag im Amerlinghaus kennengelernt und dann auch ihre zwei Bücher gelesen, die sie in der Editon die Donau hinunter hinausbrachte.
“Paris im Fieber”, lag, glaube ich, beim Volksstimmefest einmal in einer Gratiskiste der Zentralbuchhandlung und “Eine Haus, eine Spur, ein Roman” hat mir Ruth Aspöck bei einem literarischen Buisnesslunch bei ihr übergeben und sie auch während der Dichterradkarawane in Grein im Cafe Blumensträußl daraus lesen hörte, bei den Mittleren IV hat sie gelesen und ihr Handtaschenbuch “Lippenstift und Notfallstropfen” hat sie mir auch einmal gebracht.
Also bin in die Galerie Kandisky, die in einem Durchhaus zwischen Neustiftgasse und Lerchenfelderstraße angesiedelt ist, gegangen. Wenn ich zum Klinischen Mittag ins AKH gehe, komme ich daran vorbei und vor Jahren war ich dort auch schon bei einer Lesung, bei der sich Petra Ganglbauers Schreibgruppe vorstellte. Ruth Aspöck ist mir ganz elegant mit Hut entgegengekommen und ich habe gestaunt, wie voll die Galerie Kadinsky war, ich werde wahrscheinlich am Montag nicht so viele Leser haen, aber sei es drum und nicht neidig werden. Es gab schon im Voraus was zu trinken, der Verleger des Oktoberverlags, bei dem Irene Wondratsch schon die “Lippenstift-Anthologie”- herausgebracht hat und der eine Krimi Reihe “Mord mit Nachschlag” hat, hat begrüßt und dann hat die 1948 in St. Pölten geborene Irene Wondratsch mit dem Lesen begonnen.
Der erste Krimi “El destino del coracon” spielte im Ärztemilieu, da hat ein kleiner HNO Arzt, gibt es sowas überhaupt, eine enorm tüchtige Chirurgin als Ehefrau und eine Krankenschwester als Geliebte und weiß nicht, wie er von der trefflichen, die noch dazu Primaria wird, loskommen soll.
“Du mußt sie umbringen!”, rät ein Freud, dann scheint sie aber ihm das Gift ins Glas zu kippen oder steht jedenfalls teilnahmslos dabei, als ihm die Herzkrämpfe plagen, als er sie im Bett mit einem Lover ertappt.
Bei “Needles und Pins” geht es um einen Angestellen oder Angestellte, der oder die von der strengen Chefin geplagt wird, so daß er oder sie zu einer Vodoo Puppe greift. Das Rezept dazu war Huhn in Voodoo Sauce, vorher war es das “Gespickte Herz”, die dritte Geschichte handelte in einer Galerie während einer Vernissage. Da beneidet ein erfolgloser Maler einen berühmten und malt ihn während er sich besauft, in Todespose, der Maler stirbt dann auch zufällig und der andere wird berühmt. Das Rezept dazu lautet “Schinkelkipferl” obwohl die gar nicht in der Geschichte vorkamen, da wäre Wein oder Bier passender gewesen und die letzte Geschichte handelt von einem Koch, der von einem Fisch in die Schlagader gebissen wird oder überhaupt von aggressiven Fischen.
Siebzehn Kurzkrimis, an denen mir besonders gefiel, daß die Morde keine wirklichen waren und nachher gab es Brötchen ich habe mich ein bißchen mit den Bekannten unterhalten. So war zum Beispiel Ditha Brickwell da und eine Frau, die ich von der Schreibwerkstatt der Gewerkschaft kannte. Mit der ausstellenden Künstlerin, denn es gab in der Galerie natürlich eine Ausstellung, die gestern eröffnet wurde, habe ich mich lange unterhalten, sie ist auch Lebensberaterin und Kunsttherapeutin und hat auch Gedichte geschrieben und Ruth Aspöck, die am Montag eine Lesung in Linz hat und demnächst nach Salzburg fährt, um für ihr neues Buch zu recherchieren, ist, wie meistens, bald gegangen. Ich habe allen die “Paula Nebel” gezeigt, die heute aus der Druckerei gekommen ist.

Drei russische Dichter

Drei russische Dichter in der Alten Schmiede, nämlich Oleg Jurjew mit seiner Frau Olga Martynova aus Frankfurt und dann noch Wjatscheslaw Kuprijanow, Erich Klein moderierte und die Alte Schmiede war wieder sehr voll. Eine Schulklasse, dann wahrscheinlich die russische Gemeinde und auch ein paar bekannte Gesichter, Lukas Cepek, der Lehrer aus Hollabrunn, die alte Dame, die mich immer so irritiert ansieht,etc.
von dem 1959 geborenen Oleg Jurjew habe ich vor kurzem ein Poem gelesen, jetzt ging es um den bei Jung und Jung erschienenen Gedichtband “In zwei Spiegeln”, in dem offenbar ein Querschnitt seines Schaffens einthalten ist.
Erich Klein moderierte, daß Oleg Jurjew, der 1991 nach Deutschland gekommen ist, einige Romane geschrieben hat und zitierte dann, glaube ich, Musil, der gesagt haben soll, daß ein Proasist selten Gedichte schreiben kann, während das ungekehrt möglich ist, was ich nachvollziehen kann, aber den Unmut des Dichters erregte, der meinte, daß er seine Prosa anders als die Lyrik schreibt und Kurt Neumann knurrte, daß man nicht jeden Unsinn nachsagen muß.
Oleg Jurjew erzählte aus der Zeit, wo er in Leningrad nicht gedruckt wurde, aber einem Dichterkreis angehörte, der Wohnungslesungen veranstaltete und sich im Samisdat-Verfahren verbreitete. Zwei solche Alben zeigte er her und las auf russisch seine Gedichte, die von Kurt Neumann auf Deutsch vorgetragen wurden, dabei erzählte er, wie er einmal in Dalmatien Urlaub machte und aufs Meer schaute, da kam ein Schiff daher und er überlegte, was das wohl verkünden würde? Dann ist der “Tod des Vergils” daraus geworden.
Olga Martynova, die letzte Bachmannpreisträgerin, die nach ihm kam, war noch interessanter, ist der bei Droschl erschienene Gedichtband von “Tschwrik und Tschwirka” offenbar ein Nebenprodukt ihres 2009 auf der Longlist stehenden Romans “Sogar Papageien überleben uns” und da geht es um russische Dichter aus den Zwanzigerjahren, Charms und Vvedenskij beispielsweise und das hat sie offenbar zu Gedichten angeregt, die diesem Sprachspiel angelehnt waren und sie sagte, daß ihr das sehr großen Spaß gemacht hätte und es dabei um “Sinn” und “Unsinn” geht.
Wer sind Tschwirik und Tschwirka? Zwei Fabelwesen, die auf die Welt gekommen sind, um sie sich anzusehen und man nicht sicher ist, ob sie sie nicht vielleicht selbst erschaffen haben. Es gab auch ein paar Stellen, wo es um die Briefe der russischen Dichter ging und dann noch um früher erschienene Rom Gedichte.
Oleg Jurjews und Olga Martynovas Gedichte sind auf Russisch geschrieben und von Elke Erb und Olga Marynova übersetzt, die Prosa schreibt Olga Martynova, glaube ich, auf Deutsch.
Der dritte Dichter war ein bißchen älter und mir unbekannt. Wjatscheslav Kuprijanow, 1939 geboren, der auch Übersetzer ist, las aus seinem Band “Verboten”
In der Diskussion ging es darum, wie weit seine Lyrik politisch und ob er satririsch ist, es scheint ein Nachwort zu geben, wo er meint, daß Leute, die nicht mehr lesen, ihre Nationalität verlieren und das passt, genau, wie das im Samisdat verlegte, ja irgendwie zu der Diskussion, die wir heute über die Veränderung des Buches führen. Und die Erzählungen über den illegalen Dichterkreis und den Wohnungslesungen passt zu Kazimierz Brandys “Warschauer Tagebuch“, das ich gerade lese. Geht es dabei doch auch um fliegende Vorlesungen, die in Warschauer Wohnungen 1980 abgehalten wurden und um Hausdurchsuchungen, mit denen sie verhindert werden sollten.

Vor dem fünfundsiebzigsten Geburtstag

Julian Schutting hat bei Jung und Jung ein neues Buch herausgegeben “Die Liebe eines Dichters” – Alles gute zum Geburtstag steht bei dem Verlagsinserat im Alten Schmiede Programm, wurde er doch am 25. 10. 1937 in Amstetten geboren und so gab es in der Alten Schmiede am Montag eine Veranstaltung zu Ehren des Dichters, die mit Martin Kubaczeks Zusammenfassung und Ergänzung der Ergebnisse des Julian Schutting Collloquiums der Alten Schmiede 1910, das mit Franz Joseph Czernin, Klaus Amann und Astrid Graf stattfand, begonnen hat.
Da war ich bei einem Teil dieser Veranstaltung, vor kurzem auch bei einer Schutting-Gruber Leser in der Gesellschaft für Literatur, beim letzten Volksstimmefest hat er gelesen und auch sonst war ich schon bei einigen Veranstaltungen und habe einige Bücher gelesen, von denen es inzwischen, glaube ich, fast vierzig gibt.
Die Alte Schmiede war daher auch gut besucht, Gerhard Jaschke, der Verleger, Ingeborg Reisner, Angelika Kaufmann, einige Stammbesucher und, ich glaube, auch eine Schulklasse, Kurt Neumann leitete den dreiteiligen Abend ein, nach Martin Kubaczek, von dem ich auch schon einiges gelesen habe und ihn in der Alten Schmiede hörte, kam die Lesung aus Julian Schuttings neuem Buch, die er liebevoll einleitete und erklärte, die Geduld der Zuhörer nicht überstrapazieren zu wollen.
Ein Buch über “Die Liebe eines Dichters” muß sehr poetisch sein, was Julian Schutting ohne Zweifel ist, ein Arrangeur der Sprache, wo die Grammatik, wie Martin Kubaczek in seiner Zusammenfassung erklärte, scheinbar nicht stimmt und dann doch vollendet ist und so haben mir diese Sprachspielereien, auch sehr gut gefallen, wo Julian Schutting in poetisch schönen Worten schildert, wie er mit seiner Liebe den Tag verbringt, sie dabei in ein Burgfräulein verwandelt, einem Vogel das Leben rettet, eine Rose ist eine Rose zitiert und von einer alten Dame berichtete, die er in ihrem Rosengarten traf, am Schluß kam noch das Erlebnis in der Straßenbahn mit dem Satz, daß man seinen Sitzplatz den anderen überlassen soll, was den Sprachkünstler zu Wortspielereien veranlaßte, um die Lesung, wie er sagte “lustiger zu beenden”, dann kam der dritte Teil, nämlich eine Ausstellung in der Zeitschriftengalerie “Blickrichtungen – Denkrichtungen”, neun Collagen aus ausgewählten Fotografien des Dichters, deren Zusammensetzung, ich schon am Freitag während des kulturpolitischen Arbeitskreises ein bißchen miterleben konnte.
Julian Schutting erklärte ein bißchen etwas zu seinen Fotos, die auch die Entstehungsweise seiner Texte nachempfinden lassen. Da gab es eine Serie von Fäßern, die zu einer Collage zusammengestellt waren und Büsten, die der Dichter in einem Heldenpark fotografierte und darüber sinnierte, wie man sie auch anders zusammenstellen hätte können, ähnliches galt für die Christuskreuzungen am Kapuzinerberg in Salzburg, eine Pferdecollage und eine von Dächern, etc gab es auch.
Sehr interessant und poetisch und an Julian Schutting gefällt mir seine feine vorsichtige Art, kann ich mich ja erinnern, daß er einmal bei einer Neuaufnahmediskussion einer GAV-GV dafür eintrat, daß alle Bewerber in die aufgenommen werden, als ich damals vergeblich zu der Alpha Preisverleihung wollte, ist er gerade vor mir zu spät gekommen, einmal in der Gesellschaft für Literatur bin ich es, glaube ich und dann so weit hinten gestanden, daß ich kaum etwas gesehen habe und bei der Schule für Dichtung, bzw. bei den diversen Sprachakademien unterrichtet er auch und Thomas Wollinger hat ihm, der bei ihm Kurse besuchte, seine “Archäologin” gewidmet, die Erklärungen zu seinen Collagen hat er übrigens auch charmant unterbrochen, um eine ältere Dame zu küssen, die aus Klagenfurt zu der Veranstaltung gekommen ist, nachher konnte man sich das Buch signieren lassen und ich wünsche Julian Schutting, den ich noch als Jutta kennenlernte, alles Gute!

Ihr blöden Weiber

Da bei mir alles gerne chronologisch geht, kommt jetzt die Besprechung von Friederike Kretzens “Ihr blöden Weiber”, einen Tag nach der von “Planet Wermut”, denn dieses Buch habe ich ja im Bücherschrank gefunden, als ich zu der Oksana Sabuschko Lesung in die Hauptbücherei gegangen bin, wie man im Blog nachlesen kann. Und die 1956 in Leverkusen geborene und in der Schweiz lebende Friederike Kretzen ist mir ja keine Unbekannte, habe ich doch 2009 “Ich bin ein Hügel” gelesen” und sie im Februar während des Schweiz Schwerpunktes in der Alten Schmiede aus ihrem damals noch nicht erschienenen Roman “Natascha, Veronique und Paul” lesen hören und habe mir da natürlich den 1993 erschienenen, dritten Roman der Autorin sofort aus dem Schrank genommen, obwohl ich beim Lesen der Sprachkünstlerin, ähnliche Schwierigkeiten, wie bei den Büchern von Richard Obermayr und vielleicht auch bei Andrea Winkler hatte, was ja nicht verwunderlich ist, war Friederike Kretzen ja Tutorin beim Klagenfurter Literaturkurs und hat vielleicht dort einmal auch gelesen und das Thema des Buches wäre auch etwas, was mich sehr interessieren müßte, geht es ja um drei alte Frauen und es hat mich auch interessiert. Nur habe ich nicht sehr viel damit angefangen, weil es wieder einmal ein Buch ist, das ich nicht sehr verstanden habe. So habe ich mich beim Lesen an den Klappentext gehalten und das was dort steht, ist auch sehr einleuchtend.
Da gibt es drei alte Schwestern, Sophie, Louise und Maritta, die älteste hat Geburtstag und lädt dazu ihre Verwandten, in das Haus, in dem sie schon mit ihren Eltern lebte, zur Geburtstagsjause ein. Louise die Mittlere ist blind und lebt in einem Altersheim, sie macht sich auf, der Einladung zu folgen und dann gibt es noch Maritta die jüngste, die ihre Wohnung offenbar vermüllt und mit Lebensmitteln angeräumt hat, so daß sie nur mit Hilfe eines Seils aus Strumpfhosen den Ausgang findet. Trotzdem macht sie sich mit einem Handwägelchen, Bus und Bahn auf zu der Schwester, sie kommt aber nie dorthin. So warten Sophie und Louise auf sie, kochen Heringsalat, essen den Geburtstagskuchen, empfangen den Besuch der Cousins und Cousinen und weil Friederike Kretzen eine Sprachkünstlerin ist, springt sie von einem Bild zum anderen und läßt sie in vielen Assoziationen ihr Leben wiederleben.
“Ihr blöden Weiber!”, dieser Ausruf stammt vom Cousin Ernsti, der nicht zur Geburtstagsparty kommen will. “Und wißt ihr, was unser einziger Cousin, Ernsti, als Grund schreibt? Nie an einem Freitag, was für eine Zumutung. Weißt du nicht, daß freitas das Schicksal meiner Mutter schief über meinem Stern von Afrika hängt? Ihr blöden Weiber!” und weil Friederike Kretzen auch noch Dramaturgin ist, gibt sie ihrem Roman einen dramatischen Aufbau, so gibt es einen “Zuckerkrieg” genannten Prolog, der klar macht, daß die drei Schwestern ihr Leben sozusagen, wie in einem Zirkusstück spielen werden.
“Avanti, die Trompete bitte. Drei alte Schwester, Louise, Sophie, Maritta. Alles ist immer so schnell gegangen, sagen sie, Gewohnheit. Dazu lächeln sie und setzen sich hin fürs erste, so gut es geht. prost. Langsam wird es kalt auf der Bühne” und ein Nachspiel, das wieder mit “Avanti, die Trompete bitte. Das darf nicht wahr sein. Die haben ihre Kostüme vergessen, Schlampen, elende”, beginnt.
Im Klappentext steht etwas von “aberwitzigen Einfällen und intellektuellen Lesevergnügen” geschrieben.
“Doch zugleicht macht der Roman das Auseinanderklaffen der Vorstellungswelten der unterschiedlichen Lebensalter bewußt und erträglich”, wird noch hinzugeschrieben und “Friederike Kretzen verdichtet die Zurichtungen einer weilblichen Biographie zu einer Art szenischen Imaginationstheater” und am Titelbild sitzt dann noch eine Superfrau, mit dem Telfonhörer am Ohr, einem schwarzen Häubchen, prallen Busen und einer Art rosa Motorradhose.
Ups, da habe ich offensichtlich viel nicht mitbekommen, beziehungsweise nichts anfangen können und vor allem habe ich auch die Beschimpfungen der weiblichen Biographien nicht verstanden.
Warum muß man alte Frauen “Blöde Weiber und Schlampen” nennen? Ich täte es nicht und schieße auch nicht in Worträuschen mit Bildern und Assoziationen umher, wenn ich meine ganz banalen Alltagsgeschichten von meinen alten Frauen, wo ich ja gerade wieder ein “Cover” gesehen habe und den Sanktus, daß das Buch druckereifertig ist, gegeben habe. Schade nur, daß das offenbar einen höheren Stellenwert, als mein “Alltagsschreiben” hat, sehr schade sogar, denn ich denke, daß das Beschreiben des Lebens alter Frauen und Männer sehr interessant sein kann und, daß ich dazu keine Worträusche und kein szenisches Imaginationstheater brauche, aber Literatur ist eben sehr vielfältig und es ist auch interessant, wie unterschiedlich es sich über dieses Thema schreiben läßt.

Planet Wermut

Die Fußballeuropameisterschaft, die zumindestens von mir schon fast vergessen wurde, hat in Frühling ein größeres Interesse an der Ukrainie wachgerufen, so daß es in Leipzig und auch in Wien einen Schwerpunkt an der Literatur dieses Landes gab und einige diesbezügliche Publikationen, wie zum Beispiel den bei Droschl erschienenen Essayband “Planet Wermut”, der 1960 geborenen in Kiew lebendenden Oksana Sabuschko, die daraus nicht nur in Leipzig, sondern auch ein paar Tage später in der Hauptbücherei las, wo mir Alfred das Buch kaufte und wir in kleiner Runde auch noch in dem Cafe oben auf dem Dach zusammengesessen sind.
Da es eine Verbindung zu Kulturkontakt zu geben scheint, sind Oksana Sabuschko, Andrej Kurkov und Juri Andruchowitsch öfter in Wien zu hören und ich habe, glaube ich, Oksana Sabuschko schon einmal in der Hauptbücherei gehört, als sie dort die “Feldstudien zum ukrainischen Sex” vorstellte.
Planet Wermut, eine Anspielung auf Tschernobyl, da Tschernobyl im Buch Cornobyl geschrieben, auf Ukrainisch Wermut heißt, ist der Titel der Essaysammlung, die außer der Titelgeschichte noch drei andere Texte enthält, die das ukrainische Problem beschreiben, das wie dem Klappentext zu entnehmen ist, uns alle angeht.
Der erste Text “Zimmer 101 oder Die Suche nach dem Ausgang”, beginnt mit einem Orwell Zitat aus “1984” und einem von Lewis Carroll aus “Alice im Wunderland” und das “Zimmer 101”, wahrscheinlich eine Anspielung aus “1984”, der Ort, in dem, in dem Roman das Böse passiert. Oksana Sabuschko verbindet damit die ukrainische Situation und stellt die Frage, wie man mit den Leuten umgeht, die seine Eltern, Freunde, etc, ins Lager führten oder verhörten und dann Jahre auf einen zukommen und mit einem freundschaftlichen verkehren wollen. Die Hungerskatastrophe unter Stalin 1933, bei der sehr viele Ukrainer verhungerten, wird thematsiert und dann der Bogen in die Gegenwart an Hand der chinesischen Schuhe, die die Autorin, kaufte, weil sie so billig sind, aber natürlich von Häftlingen in Lagern fabriziert wurden, 1933 war das bei den Sowets ebenso.
Aus dem zweiten Essay “Planet Wermut” hat Oksana Sabuschko schon in der Hauptbücherei gelesen, er beginnt mit dem 26. April 1986 in Kiew, als die Autorin plötzlich Schnee auf ihrer Bluse hatte und den Himmel, ohne etwas von der Katastrophe zu ahnen, als sehr schön empfand, die fand man erst später heraus, so daß die Schulkinder am bald herannahenden ersten Mai noch immer zur Parade gezwungen wurde, inzwischen hat sich ein damals dafür Verantwortlicher umgebracht, während man etwas später schon die Mütter mit ihren Kinderwägen auf den Straßen unwillig musterte und sich selber vor der Verstrahlung, Geigenzähler gab es nicht zu kaufen, durch Haarewaschen und Schuhabputzen schützte.
Der über sechzig Seiten gehende Essay bringt Vergleiche mit Filmen von Lars van Trier, Oleksadr Dovzenko und Andrej Tarkovskij, wobei die beiden letzteren wieder in die Dreißigerjahre und in die Stalinzeit zurückgehen und für jemanden, der sich mit der ukrainischen Geschichte und den sowetischen Filmen nicht so auskennt, nicht leicht zu verstehen ist.
Im dritten Text “Das letzte Tor”, geht es dann zum Fußball und der, laut Marianne Gruber so wichtigen Angelegenheit, daß es klar ist, daß zu Ludwig Lahers Lesung nur wenige Leute kommen und es gibt ja auch tatsächlich mehrere Fußballfans unter den Autoren und Germanisten, die dann auch Bücher darüber schreiben.
In der Ukraine scheint das ähnlich zu sein und Oksana Sabuschko zieht auch den Zusammenhang zum Nationalismus, zitiert das Freundschaftsspiel zwischen Österreich und Ukraine am 15. November 2011. Wer hat gewonnen? Die Ukrainie wahrscheinlich, sonst würde Sabuschko ihren Text wahrscheinlich nicht damit beginnen. Zitiert Schlachtrufe “Es lebe die Ukraine, Die Helden leben hoch!” und kommt damit zur orangenen Revolution von 2004, die ich ja ein bißchen miterleben konnte, auch weil mir Stefan Teichgräber damals öfter Unterschriftaktionen und Namenslisten schickte.
2006 war Oksana Sabuschko während der Fußball-WM auf einem Literatur-Festival in Ulm und konnte in der Nacht nicht schlafen, weil die Deutschen ihren Sieg feierten, allerdings scheinen die sich Vergangenheitsbedingt ihrer Siegesrufe von wegen “Wollt ihr den totalen Krieg?”, ein wenig zu genieren. Der Zusammenhang zwischen Fußball und Nationalismus ist ja sehr interessant, warum man deshalb in Kämpfe und Kriege ausbricht, verstehe ich auch nicht so ganz, scheint aber so zu sein.
Dann gehts in “Als Frau und Schriftstellerin in einer Kolonialkultur”, in die ukrainische Literaturgeschichte und wird wieder etwas schwierig, denn Oksana Sabuschko ist ja “Mit ihren Feldstudien” berühmt geworden, so weit komme ich noch mit, dann gabs aber eine Zeitschrift in der ukrainischen Diaspora in Argentinien, die über sie einen Artikel mit der Überschrift schrieb “Haben wir eine vierte Lesja?”
Sabuschko schnappte die Überschrift, trug sie zu ihren männlichen Kollegen und fragte, wer sind die anderen zwei? und die antworteten, weil sie ja in derselben Schule sozialisiert wurden, alle “Lina Kostenko und Olena Teliha!”
Ich muß gestehen, von allen drein noch nie etwas gehört zu haben, offenbar lernen wir in unseren Schulen nicht viel über die ukrainische Nationalliteratur. Oksana Sabuschko führt das aber ein bißchen aus und gibt auch ein paar Textbeispiele und der Inhalt ihres Artikels ist der, daß die Frauen nach den Siegen als erstes von den Männern vergewaltigt werden, überall, nicht nur in der Ukraine, als Unterwerfungsgeste und, daß die sowetische Regierung ihren Bürgern durch die Mehrraumpolitik, die Lust am Sex und an der Fortpflanzung austrieb und sich die Frauen für das, was sie machen, schämen und sich als schlecht und als Untermenschen bezeichnen.
Interessant, der Essayband, weil man viel über die Ukraine, für die mich ja sehr interessiere und auch schon einiges gelesen habe, erfährt, obwohl mir die Romanform wahrscheinlich lieber ist und mir manches in dem Buch auch sehr theoretisch erschien, so daß ich nicht alles verstanden habe, was wieder ein Indiz dafür ist, daß man sich mehr für die Literatur und das Leben der anderen interessieren sollte.

Professionelles

Jetzt wirds ein bißchen professioneller für die Marathonbloggerin, Selbstmacherin und Veranstaltungsbesucherin, die ja meistens auf der Zuschauerseite sitzt, im Oktober, früher war es der November, gibt es die GAV-GV und ich bin ja Mitglied in der, glaube ich, immer noch größten österreichischen Autorinnen Autorenversammlung, gegründet 1973 in Graz, um sich vom damaligen Pen-Monopol abzugrenzen, seit 1987 bin ich dort Mitglied und die GV beginnt seit einigen Jahren schon am Freitag mit dem sogenannten kulturpolitischen Arbeitskreis, den Ruth Aspöck wieder ins Leben gerufen hat und den drei Nachmittagsstunden immer ein bestimmtes Thema gibt.
Diesmal war es “Journalismus und Literatur”, sowie “Die Struktur der deutschen Sprache ist ungerecht zu den Frauen” und Ilse Kilic, Magdalena Knapp-Menzel, die Rizys, Rolf Schwendter und Marlen Schachinger haben teilgenommen.
“Literatur und Journalismus!”, habe ich mir beim Hingehen gedacht, “dazu weiß ich nichts zu sagen!”, obwohl ich ja, wie ich glaube, gar nicht so unjournalistisch schreibe und seit fast viereinhalb Jahren eine engagierte Litbloggerin bin, aber im Standard, im ORF und den anderen Medien, werden immer nur bestimmte Autoren interviewt, die, die in Klagenfurt lesen, mindestens bei Residenz, Droschl, Deuticke, wenn nicht gleich in Deutschland verlegen, immer die selben zwei Händevoll und als ich mich bemühte bezüglich des “Tages der Freiheit des Wortes”, mit Kristina Pfoser in Kontakt zu kommen, bin ich abgeblitzt.
Ruth Aspöck hatte das Thema aber ohnehin anders verstanden, wollte wissen, was der Unterschied zwischen einem Redakteur und dem Reporter, was eine Glosse, eine Kolumne etc, ist und stellte die Frage, ob der Journalist dem Literaten das Brot wegnimmt oder umgekehrt?
Eine interessante Frage, denn durch das Internet wird sich ja viel verändern und so kam Ilse Kilic auch sehr bald zu den E-Books, die ja jetzt jeder bei Amazon einstellen kann und meinte, daß man sich das nicht gefallen, lassen sollte, daß jetzt jeder daherkommt und sich Autor nennt….
Dazu habe ich eine etwas differenzierte Meinung und denke, daß sich in diesem Punkt sehr seit den Zeiten, als Joseph Roth, Egon Erwin Kisch, Max Winter, etc ihre literarischen Reportagen geschrieben haben, geändert hat. Der Journalismus ist aber sicher immer noch für manche Autoren ein mehr oder weniger angenehmes Zubrot, auch wenn die Zeitungen, die Journalisten nicht mehr, wie früher anstellen und vieles im Prekariat oder auf Freelancebasis stattfindet.
Die Journalisten scheinen aber alle schreiben zu wollen, erst gestern habe ich in einer Selfpublishingdiskussion gehört, daß in Amerika achtzig Prozent der Leute ein Buch schreiben wollen, die restlichen zwanzig Prozent sind dann die sekundären Analphabeten, habe ich gedacht und, daß die Leute mehr schreiben und weniger lesen, ist eine Beobachtung, die ich schon länger mache.
Jeder will sein Buch, das war auch auf der Frankfurter Buchmesse zu bemerken und die Leute mit dem berühmten Namen vom Herrn Schwarzenegger abwärts, bekommen es auch und da kann es dann auch sein, daß ein oder zwei Ghostwriter mitschreiben.
Dann ging es nach der Kaffeepause in die zweite Runde, nämlich in die Genderfrage und das war auch sehr interessant, weil ich mich ja nicht nur im Literaturgeflüster mit der weiblichen Form der Sprache beschäftige und da auch meinen Weg gefunden habe. Manchmal schreibe auch ich, Autoren oder Menschen, einfach weil es kürzer ist, dann kann Frau aber auch wieder sehr schön damit spielen, von der Göttin und der Menschin sprechen und nicht aufhören zu betonen, da ist eine, die interessiert sich sehr für Literatur, auch wenn es vorkommt, daß die berühmteren Künstlerinnen sich in der männlichen Form benennen und wie macht Frau es mit dem Binnen-I, das ja zumindestens schwer auszusprechen ist?
Um fünf wars aus und es gab eine Pause bis zum sieben die Lesung der im Jahr 2011 aufgenommenen Mitglieder oder Mitgliederinnen, um genau zu sein, begann, die es auch seit einigen Jahren gibt, aber da wollte ich ohnehin nicht hin, da sich im Literaturhaus die “Class of 2012”, Lesung der AbsolvenInnen des ersten Jahrgangs des Instituts für Sprachkunst präsentiert, aber am 19. November wird es im Schloßquadrat eine Lesung geben, wo sich achtundzwanzig Margaretner Autoren und Autorinnen präsentieren und die sogenannte 5er Edition vorstellen werden und da gab es um sieben eine Vorbesprechung, so daß es noch einmal aktiv in Sachen Literatur unterwegs sein konnte, habe ich doch im April, wo ich gerade besonders intensiv mit meinen Resignationsgedanken beschäftigt war, ein Mail von Mathias Handwerk bekommen, der mich zu einer gemeinsamen Lesung der Margaretner Autoren einlud. Es wird auch eine Anthologie mit Texten geben, die am 19. November, wo ich wieder alle recht herzlich einlade, präsentiert werden wird und als ich das sogennannte” Hofstöckl”, wo die Besprechung stattfand, erreichte, traf ich schon einige Bekannte, wie Elisabeth Chovanec, Rotwitha Millner, Dagmar Fischer und Christa Urbanek ist auch bald gekommen und Stefan M. Gergely vom Schloßquadrat teilte einen Bildband “Lust auf Wien – Eine Entdeckungsreise durch Margareten” aus. Dafür wird es kein Belegexemplar, nur zwanzig Prozent Autorenrabatt, auf die Anthologie geben, in der auch noch El Awadalla, Armin Baumgartner, Ernst Hinterberger, Gerald Jatzek, Rudolf Kraus, Friederike Mayröcker, Carina Nekolny, Susanne Praunegger, Helga Schwaiger und Robert Sommer, von den mir Bekannten, Texte haben werden.

GAV 2012-10-20 Foto Thomas Northoff

GAV 2012-10-20 Foto Thomas Northoff

Harald Pesata führte durch den Abend, so daß ich auch noch die neben mir sitzenden Autoren, Katrin Bernhardt, Wolfgang Felix und Werner A. Prochazka kennenlernen konnte, bevor es am Samstag mit der Generalversammlung in der Alten Schmiede weiterging, wo die Punkte zur Tagesordnung besprochen wurden, der Kassenbericht und die für 2013 eingereichten Veranstaltungen, ich habe mit den Mittleren ja diesmal ausgesetzt, weil ich im Frühling eine resignative Phase hatte und es auch leid habe, von denen, denen ich meine Zetteln hinstrecke zu hören “Da können wir leider nicht kommen, weil meine Großmutter Bauchweh hat!” und der Diskussionen bezüglich der Neuaufnahmen. Ein Veto habe ich wieder eingelegt, das positiv bearbeitet wurde und so haben wir jetzt Hanane Aad, die ich ja von den “Mittleren V” kenne, Martin Fritz, ein ehemaliger Fm4-Preisträger, Constantin Göttfert, den ich einmal in der Alten Schmiede hörte, Linda Stift, Emily Walton, Jörg Zemmler, Robert Eglhofer und andere, jetzt als neue Mitglieder. Am Anschluß gab es noch ein Referat über das E-Book, das für mich ja inzwischen sehr vertraut, für einige der GAV-Mitglieder, die immer noch von der Haptik und des Geruches des guten alten Buchs schwärmen, sehr ungewöhnlich ist und dann das traditionelle Abendessen im “Pfudl”, Kürbiscremesuppe, Tafelspitz, Powidltascherln und diesmal auch die Getränke frei, so daß ich es zuerst mit Rotweinachterln, später mit Schilcher Sturm probierte und mich mit Irene Wondratsch, Ruth Aspöck, Rudi Lasselsberger, Sven Daubenmerkl und Kurt Mitterndorfer, Margot Koller, etc, sehr intensiv unterhielt.
Mit dem Rudi habe ich ein Buch getauscht, so daß ich den “Willi auf ein Wort”, demnächst, beziehungsweise 2015 besprechen kann.

Mein Italien

Mit Klaus Wagenbach, dem 1930 geborenen Verleger des Wagenbachverlags, kreuz und quer durch Italien. Alfred macht es möglich, hat er mir ja in Leipzig das Wagenbach Taschenbuch 559, aufgeteilt in acht Abschnitten und erläuert durch den Herausgeber, gekauft und jetzt, kann ich mich, die ich ja keine Kurzgeschichten und Textausschnitte mag, in Italiens Literatur durchrobben.
Vielleicht ist das aber gar nicht so schlecht, bin ich ja mit Alfred bis 2004 oder 2005 lang jedes Jahr hin gefahren und hatte da auch manchmal Wagenbachbücher im Gepäck und ebenfalls 2005 oder war es 2006 bzw 2007 bin ich einmal in die Hauptbücherei gegangen und da das erste Mal auf die Bücherlandungseineurokiste gestoßen und da lagen lauter Wagenbach Italienbücher drinnen, denn Klaus Wagenbach, den, ich, glaube ich beim letzten Fried Preis und auch schon Leipzig traf, als er einen Preis bekommen hat, ist ja ein Italienkenner und Spezialist dieser Literatur, gibt vorzugsweise die linken Italiener heraus und ich muß zu meiner Schande gestehen, außer “Erica und ihre Geschwister” von dem, was ich mir in der Buchlandung kaufte, noch nichts gelesen zu haben, es gibt ja soviel Konkurrenz.
Die “Zwiebel”, das jährliche Verlagsprogramm, in dem man ebenfalls Leseproben finden kann, hole ich mir natürlich und jetzt zu Zeiten der Frankfurterbuchmesse, wo Neuseeland Gastland ist, ein Streifzug durch die kritische Literatur bella Italias, beim Aufschlagen des Buches bin ich, wie ich wieder gestehen muß, zusammengezuckt, denn dreihundertsiebenundsiebzig Seiten Kleindruck, wie lange brauche ich dazu und wie schaffe ich das zu bloggen, ohne etwas zu vergessen?
Die Lösung ist ettappenweise, also beginne ich mit der “Ortsbesichtigung”, wo der 1910 in Pescara geborene und 1972 in Rom gestorbene Ennio Flaiano uns über die “Größten Fehler der Italiener” erzählt. Und Umberto Eco macht gleich weiter mit “Welche Schande, wir haben keine Feinde”, wobei das eine Frage ist, die ihn in New York ein pakistanischer Taxifahrer stellt und Andrea Camilleri, von dem ich inzwischen einiges bei einem anderen Verlag Erschienenes gelesen habe, macht ich über den “Bei den Tempeln vergessenen Engländer” lustig, da verkleidet sich ein schlaues Bürschchen als Engländer und versucht die Bauern zu foppen, die kommen aber darauf und verprügeln dann irrtümlicherweise einen echten Engländer, der das dann für die italienischen Gebräuche hält und “Seltsames um den Turm von Pisa” von Gianni Rodari ist überhaupt sehr lustig, da kommen die Marsmenschen und wollen den schiefen Turm entführen, was aber durch den Andenkenverkäufer Carletto Palladino verhindert wird. Tiziano Scarpa erzählt etwas über “Venedig”, das ist auch sehr interessant, weil ich ja gerade Donna Leon gelesen habe, dann kommen Carlo Fruttero und Franco Lucentini und der 1927 geborene Luigo Malerba, der uns mit seinem “Aufgezehrten Panorama” Roms unterhält, das von den vielen Touristen kommt, bevor mit “Quer durch” in das “Lombardische Land” zum “Po” und mit Anna Maria Ortese, der bis jetzt ersten Frau, zu den “Weißen Gesichtern in Mailand” geht, da berichtet sie, wie sich die Stadt jeden Sommer leert, die aus der Bel Etage ziehen in die Sommerfrische, während die Hausmeisterkinder mit weißen Gesichter, weiter die Treppen kehren müßen und der kleine Sohn des distinguierten Beamten in der Eisdiele, den Vater wenigstens um einen Sonntagsausflug bittet und Gianne Celati erzählt überhaupt in “Eines Abends vor dem Ende der Welt” von einer Frau, die davon hörte, daß die Kohlensäure aus den Städten sich in der Atmosphäre aufstauen würde, so flieht sie mit einer Freundin nach Norwegen, als die sich aber dort verheiratet, wechselt sie den Job, freundet sich mit einem Mineralwasserliferanten an, als sie aber von ihm verlassen und von den anderen verspottet wird, verklebt sie sich den Mund und hüllt sich in Nylon, so daß sie nach dem Knall noch im Spital verstirbt.
Ferderico Fellini berichtete von seinem “Rimini”, das sich seit dem Krieg in eine einzige Flanaierzeile mit unzähligen Restaurants, Bars und Hotels verwandelt hat und Giorgio Manganelli führte und in “Die Uffizien” von Florent und hatte über beinahe jedes Bild etwas zu sagen, während Luigi Malerbo, von dem ich inzwischen “Die Schlange” im Wortschatz gefunden und noch ein anderes ungelesenes Buch in den Regalen stehen haben, belehrt uns über Korruption, die Toleranz, die Denkmäler und noch über einiges anderes das es im schönen Rom zu finden gibt, während uns der 1921 in Sizilien geborene Leonardo Sciascia im “Weinfarbenen Meer”, eine Reise von Rom nach Sizilien miterleben läßt, die ein Ingenieur in einem Abteil gemeinsam mit einem Lehrerehepaar, dessen Söhne Lulu und Nene und einem jungen Mädchen, das einem Gelübde wegen noch ein Monat lang ein schwarzes Kleid tragen muß, macht.
Bei den “Sitten und Gebräuchen” lesen wir zum Teil sehr schrullige Sachen. So lassen sich bei Primo Levi zum Beispiel die Leute Werbeschriften auf die Stirn gravieren, damit sie mit dem damit verdienten Geld ihren Ehestand finanzieren könnten, weil das alle wollen, kommt es aber zur Inflation und als Laura nach drei Jahren schwanger wird, kommt das Kind schon mit einer solchen Schrift zur Welt.
Umberto Eco schildert “Eine TV-Show im Spiegel des Landes” und Gianni Rodari erzählt im “Am Strand von Ostia”, von einem Herrn, der Unmut erregt, weil er sich mit seinem Sonnenschirm aus Platzmangel ein Stückchen höher in die Luft begibt. Und Luciano de Crescenzo läßt in “Geschichte einer Verwarnung”, einen Taxichauffeur die Frage stellen, ob der Fahrgast die Strafe für eine Verkehrsübertretung zu bezahlen hat, während Guiseppe Marotta die italienischen Gebräuche schlicht und einfach an Hand der “Spaghetti” schildert. Dann geht es zur Geschichte, was hauptsächlich in den zweiten Weltkrieg bedeutet und da hat sich Mussolini ja eine Stadt schaffen wollen, wie Leonardo Sciascia erzählt und der im März verstorbene Antonio Tabucchi, der 19988 den österreichischen Staatspreis für europäische Literatur bekommen hat, erzählt in seiner “Hydraulischen Gleichheitsmaschine”, vom Hunger in den Dörfern, der kommunistischen Selbsthilfe und die Rolle, die der Dorfgeistliche dabei spielt und ich habe “Erklärt Pereira” noch immer nicht gelesen.
“Der falsche Arzt” zeigt wieder viel vom Camillerischen Humor, da fahren zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs sowetische Schiffe draußen am Meer und der Arzt des sizilianischen Dörfchens soll hinausfahren um einen Kranken zu retten, aber der wird immer seekrank, so holt er den Vater des Protagonisten, der soll kommen, den Puls messen und den Kranken ins Spital bringen lassen, der wird dann gesund und die Sowets wollen dem richtigen Arzt dann einen Orden geben und die Faschisten versprechen seltsamerweise auch ihn zu belohnen, vergessen aber darauf. In Romano Bilenchi “Der junge Linder”, schließt sich ein jüdischer Flüchtling dem kommunistischen Widerstand an und Natalia Ginzburg erzählt vom “Winter in den Abruzzen”. Italo Calvino zeigt im “Schwarzen Schaf” wie das italienische System funktioniert, alle rauben des Nachts das Haus des anderen aus und Guiseppe Tomasi di Lampedusa berührt mit “Freude und moralisches Gesetz”, da bekommt ein armer Buchhalter zu Weihnachten sein dreizehntes Gehalt, von dem er seinen Schulden zurückzuzahlen hat und einen riesigen Kuchen, den er mit seiner Familie essen will, aber er muß ihm, der “Ehre” wegen, an einen Advokaten schicken.
In der Abteilung “Frauen, Mütter, Söhne” sind mehr Autorinnen vertreten, trotzdem stammt die Geschichte “Ein Meteorit aus dem Kosmos” von dem 1937 geborenen Gianni Celati, wo eine Frau, wegen der Schlechtigkeit der Welt nicht mehr aus dem Haus gehen will, so kommt sie zu einem Arzt, der ihr ein paar gute Ratschläge gibt, ein Meteorit schlägt in ihrem Garten ein, sie verändert sich und am Schluß wird sie die Gattin des Arztes. So weit so gut und vielleicht passend zum italienischen Frauenbild des vorigen Jahrhunderts, das auch Dacia Maraini, die Lebenspartnerin von Alberto Moravia, treffend karikiert. Da zieht eine Frau aus der Wohnung ihrer Eltern, in eine eigene und hört ab nun, wie die Mama drüben, das dreißigjährige Söhnchen badet, anzieht, bekocht und verwöhnt, so lange bis die Mama einmal stirbt, da läßt sie die Mauer niederreißen und übernimmt fortan Mamas Rolle. Söhnchen ist gar nicht überrascht. Die nächste Geschichte stammt vom Meister selbst, von dem ich ja einiges gelesen und noch etwas auf meiner Leseliste habe. Da geht es auch, um die Frauen mit den älteren Männern, die Geschichten von den Frauen mit den älteren Liebhabern erzählen, die das Geld, das sie dabei verdienen den jüngeren Liebhabern bringen und von ihnen betrogen zu werden. So weit so what und hoffentlich schon lange vorbei!
Natalia Ginzberg bringt dann etwas über “Die kaputten Schuhe”, während Francesco Piccolo von der anderen Art der italientischen Mutterliebe erzählt, denn da wird einem Knaben aufgetragen, dem Bruder ja nicht “Auf der Straßenseite” gehen zu lassen, wenn er mit ihm zur Schule geht, was diesen zu sehr vielen Gedanken und darauf bringt, daß ihn die Mama weniger lieben könnte.
In der Abteilung “Gift und Galle” wirds kunterbunt. Dario Fo bringt einen dramatischen Ausschnitt, von einem Dieb, der während des Einbruchs von seiner Freundin angerufen wird.
“Wieder diese Frauen!”, könnte man denken.
Zwei Texte befassen sich mit der Literatur und am Ende des Kapitels wirds politisch und ausnahmsweise so modern, daß sich die Geschichten mit Silvio Berlusconi und seiner Politik beschäftigen. Eine, die des 1947 geborenen Stefano Benni, führt sogar ins Jahr 2194. Da geht ein Student in eine futoristische Bibliothek und will über die Politik des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts eine Seminararbeit schreiben, aber über Berlusconi findet der Computer nichts.
Die “Lebens- und Liebesgeschichten” ziehen einen weiten Rahmen, berichten vom Alltäglichen und kehren auch ein bißchen in Sado-Maso-Abteilung, die jetzt ja sehr modern ist, ein.
Da berichtet Guiseppe Pontiggia vom Lebensweg eines 1905 geborenen, mit der ersten Ohrfeige erweckt ihn die Hebamme zum Leben, dann kommen epileptische Anfälle, die der Doktor als Wachstumsbeschwerden beschreibt, damit kann er sich auch vor dem Eingezogenwerden drücken und wird, wie es der Vater wollte, staatlich geprüfter Chemiker, erwischt die falsche Frau, wandert aus und stirbt dann irgendwann verbittert. Ähnliches passiert auch Marco Lodolis Helden in “Italien 90”, während Claudio Piersanti in “Zelindas Kinder” von den Grausamkeiten des Lebens erzählt, hat die alte Putzfrau des Arztes zwei behinderte Kinder aufzuziehen, die sie verprügeln und von denen sie sich trotzdem nicht trennen will und Goggredo Parise hat das “Shade of Grey” in “Die Frau im Sattel”, schon vor langer Zeit, ist er ja 1986 gestorben, auf umgekehrte Art und Weise erzählt. Aber auch bei Alberto Moravias “Der Tisch aus Birnbaum” streiten sich die Paare und tragen untereinander ihre Konflikte aus. Mario Fortunato erzählt von “Seinen (homosexuellen) Gefühlen” und Italo Calvino schickt in “Der nackte Busen” seinen “Herrn Palomar” spazieren. Der tut das dann auch in der Abbteilung “Arrividerci” und dort sind ebenfalls noch ein paar vermischte Texte versammelt. So quält sich bei Tommaso Landolfis “Der Kuß” ein schüchterner Notar nächtens durch geheimnisvoll Küße durchs Leben und schließlich in den Tod, während uns Antonio Tabucchi “Vom Traum des Carlo Collodi”, das ist der Pinoccio Erfinder erzählt und uns Pier Paolo Pasolini einen Vortrag über die Abtreibung hält und so bin ich, während ich mich gleichzeitig durch die Frankfurter Buchmesse zappte, mit Klaus Wagenbach “Kreuz und quer” durch Italien gerast, Erinnerungen aufgefrischt, Gelesenes geordnet und die Leseliste ergänzt. Die meisten der großen Italiener, die Klaus Wagenbuch in seine Anthologie aufgenommen hat, sind Männer und gehören auch der älteren Generation an, während ich ja vor kurzem den Bestseller eines sehr jungen Italieners gelesen habe, der das Durchschnittalters der Träger des Preises, den er gewonnen hat, sehr herabsetzte.

Von der Festplattenabgabedemo ins Literaturhaus

In den letzten Tagen wurde ich von den IG Autoren, der GAV, der Literarmechana etc, regelrecht zugeschüttet mit der Aufforderung am Mittwoch um zwölf zum Hochstrahlbrunnen am Schwarzenbergplatz zum “Protestmarsch der Künstlerinnen und Künster – Festplattenabgabe jetzt”, zu kommen, da diese beiden Interessenvertretungen die Festplattenabgabe, das Gegenmittel gegen Raubkopien, die die IG-Autoren fordert, bis jetzt verhindern.
So ganz wußte ich auch nicht, ob ich auf dieser Demo richtig war, bin ich ja eigentlich nicht dafür, daß, wie ich auf Transparenten lesen konnte, “Kunst ein knappes Gut bleiben muß!” und ich weiß auch nicht, ob “Raubkopierer wirklich gleich Kunstterroristen!” sind und das World wide net ist mir als Bloggerin auch sehr willkommen.
Ich bekomme von der Literarmechana aber auch die sogenannte Bibliothekstantieme überwiesen, obwohl ich gar nicht so viele Bücher in den Bibliotheken stehen habe und dann war es auch eine gute Gelegenheit sich wieder zu treffen, die Stimmung zu beobachten und ein Stück spazierenzugehen.
Die Uhrzeit um Punkt zwölf zu Mittag war vielleicht ein wenig ungünstig, das geht sich für die freiberuflich Tätige gerade aus, die kann zwischen elf und vier eine Pause einlegen, bei einem fixangestellten Autor wäre das schwieriger, obwohl Barbara Neuwirth meinte, daß man sich dazu schon die Zeit nehmen sollte!
Es waren auch einige gekommen, Elfriede Haslehner, Hilde Schmölzer, Hilde Langthaler, Bärbl Danneberg, Georg Bydlinski, Stephan Eibl Erzberg, die Rizys, Elsabeth Reichart, Sabine Gruber, Kurt Neumann und und und….
Aus einer Kiste konnte man sich einen Sticker “Ich bin AK-Mitglied und für die Festplattenabgabe”, nehmen und sich auf die Jacke stecken, aber ich bin ja kein AK-Mitglied, wobei wir wieder beim Thema des Fremdfühlens und nicht Dazugehörens sind.
Gerhard Ruiss begrüßte und dann ging es unter den Transparenten die Argentinierstraße hinauf, wo beim ORF der erste Stop gemacht wurde. Ein Redner sagte etwas in das Megaphon, die Frau neben mir meinte “Welch häßliches Gebäude!”, aber die sahen in den Fünfzigerjahren eben so aus und das Stück bis zum AK-Theater bin ich neben Marlene Streeruwitz gegangen, die mich fragte, ob wir jetzt den Sitzungssaal besetzen würden?
Wahrscheinlich nicht, denn es war alles schon auf der Straße vorbereitet, der LKW, der als Bühne fungierte und der Kran auf dem eine große schwarze Platte baumelte, das Geschenk an die AKH, wie Gerhard Ruiss erklären sollte. Aber erst gab es zwei Redner und eine Rednerin, diese war Marlene Streeruwitz und danach wurde der AK- Direktor auf das Podium gebeten, der seine Solidarität und Gesprächsbereitschaft betonte und dann, wie die anderen interessiert zusah, wie die feste Platte, ein Kunstwerk der Bildhauerin Ulrike Truger, die schon die “Wächerin” und den “Omofuma-Stein gestaltet hatte, abgeladen und am Platz, wo schon eine andere Installation zu den Metallerverhandlungen, zu sehen war, festgemacht und gewidmet wurde.
Dann ging es weiter zu der Wirtschaftskammer, diesmal fuhr ein Traktor mit mit einigen ausrangierten Computern, ein Staubsauger war, glaube ich, auch dabei, der auf dem Platz verladen wurde und Gerhard Ruiss suchte nach dem Kammerdirektor, der aber nicht anwesend war, so wurde ihm eine Petion hinterlegt und Alexander Potyka, der Verleger vom Picus-Verlag hielt eine Rede, daß er sich als Wirtschaftskammermitglied die Festplattenabgabe wünscht, bzw. daß diese bald hermuß und auch kommen wird und Gerhard Ruiss bedauerte, daß die AK die feste Platte wieder abtransportieren lassen wird.
Inzwischen habe ich noch Ilse Kilic, Magdalena Knapp-Menzl und Ruth Aspöck entdeckt mit der ich dann auch ein Stück nach Hause, bzw. in den Hofer, wo ich Milch besorgen mußte, ging. Ich machte meine vier Uhr Stunde dann war es schon Zeit ins Literaturhaus zu gehen, wo die edition exil wieder unveröffentliche Texte aus der edition exil AutorInnenwerstatt präsentierte und ich aus Barbara Zwiefelhofers Einleitung erfuhr, daß das eine Reihe ist, die schon öfter im Literaturhaus stattgefunden hat und Christa Stippinger erklärte das Prozedere, wenn man beim Exil-Literaturpreis gewinnt, kann man in die Exil-Schreibwerkstatt eingeladen werden, man wird dann auch oft Juror für den nächsten Preis und die Texte der Preisträger werden dann auch in der “edition endeckt”- Reihe vorgestellt, zumindest war es so mit den diesmaligen Lesenden Ekaterina Heider, Kira Natani und Sina Tahori, war letzter ja im vorigen Jahr in der Jury und er hat auch einen Erzählband bei Christa Stippinger herausgebracht, den er im Vorjahr bei der KritLit vorstellte und, daß die 1990 in Irkutzk geborene Ekaterina Heider, die schon zweimal Jugendpreisträgerin war, heuer den Hauptpreis gewonnen hat, war schon in www.buecher.at zu lesen.
Die dritte Lesende Kira Nathani, war mir am unbekanntestens, sie hat aber im Vorjahr gewonnen und Barbara Zwiefelhofer erwähnte auch in ihrer Einleitung, daß schon einige ehemalige Preisträger wie Dimitrev Dinev, Julija Rabinowich und jetzt vielleicht auch Susanne Gregor, Karriren gemacht und größere Verlage gefunden haben, wobei ihnen Christa Stippinger nicht böse ist, sondern das sogar fördert.
So ist es auch bei dem 1966 im Iran geborenen Sina Tahory, der eine Geschichte aus dem Erzählband “Orient Extrem” und dann noch einen neuen Text gelesen hat, er hat schon zwei Romane in Vorbereitung und einen würde Christa Stippinger gerne verlegen, sie wartet aber, ob vielleicht ein anderer Verlag anspringt.
Die heurige Preisträgerin, die als zweites gelesen hat, studiert seit 2011 am Institut für Sprachkunst, schreibt vor allem Kurzprisa und beeindruckte mit ihren erbarmungslosen Geschichten, so daß ich wieder nur hoffe, daß es ihr nicht so geht, wie dem “Ich” von dem sie vortrug, das mit seinem Körper so gar nicht einverstanden ist, ihn ertränken und ermorden will, der Körper läßt sich aber nicht und diese Texte fangen mit “Manchmal” an.
“Manchmal möchte ich…”.
Dann gab es noch eine Geschichte von der besonderen Schwester, die in allem besser ist, bessere Noten, bessere Chancen im Leben, dem besseren Mann, die schöne Tochter, die die Ich-Erzählerin eigentlich haben wollte, sie hat nur einen Sohn bekommen, kauft ihm Puppen und Mädchenkleider, die er gar nicht haben will und als sie dann bei der Schwester zum Essen eingeladen wird, erzählt ihr die, sie hat Krebs.
Ein starker Ton ist in den Texten, so daß ich denke, daß ich durch Christa Stippinger wieder eine junge Stimme unter Dreißig kennenlernte, von der noch viel zu hören ist.
Kira Nathani wurde 1967 als indische Staatsbürgerin in Hamburg geboren, lebt in Wien, ist Übersetzerin und brachte zwei Ausschnitte aus einem Roman, der “Marathon” heißen wird, da rennt eine durch Wien, durch den Stadtpark bis an die Donau und wieder zurück, denkt dabei an einen Ludger und im zweiten Abschnitt ertränkt sie den in einer Badewanne in einem Zimmer im Rom.
Nachher gab es wieder Wein und die Ausstellung, die es im Literaturhaus zu sehen gibt, zu bewundern und ich habe Christa Stippinger, um zwei weitere Bücher ihrer schönen Edition gebeten,so daß ich mit meiner Leseliste bald in Bedrängnis komme, aber Petra Lehmkuhls Roman, wollte ich eigentlich schon im Vorjahr haben und Seher Cakir hat wieder einen Erzählband herausgegeben.

Arthur Schnitzer und Sigmund Freud

Ich bekomme ja die Einladungen zu den Veranstaltungen des Sigmund Freud Museums und gehe auch gelegentlich hin, einmal bin ich nach einer anderen Veranstaltung, eine Weile im Foyer gesessen und habe mir die alten Freud Filme mit dem Sigmund und der Anna in der Sommerfrische etc angesehen, der Kernberg war einmal da und einmal gab es einen Vortrag über Anna Freuds Kindergarten, wo ich nicht weiß, ob ich darüber gebloggt habe, ich blogge ja eher über die literarischen Veranstaltungen und beim Sigmund Freud Museum, bin ich ja wieder an der Grenze, habe ich ja Psychologie studiert und bin während meines Studiums mit und ohne Hansi Berger gelegentlich zu den psychoanalytischen Montagen oder Samstagen gegangen, von den Hut und dem Stock, die damals noch sehr einladend im Vorzimmer hingen, habe ich ja im “Wiener Stadtroman” geschrieben und jetzt habe ich mich wieder zu einer Veranstaltung, einem besonderen Schmankerl angemeldet, sonst hätte ich ja wieder in den Augartenradius, in die Gesellschaft für Literatur zu Ilse Kilics Filmen oder ins Literaturhaus zu einer Veranstaltung über das Urheberrecht gehen können.
Ein Dr. Belletini, ein Italiener und Schnitzler Spezialist hat aber eine szenische Lesung “In geziemender Schüchternheit: Arthur Schnitzler und Sigmund Freud”, anläßlich des 150. Schnitzler Geburtstag zusammengestellt und das ist sehr interessant, gibt es ja ziemliche Ähnlichkeiten zwischen dem 1982-1931 und dem 1856-1939 Lebenden und das hat ja schon Freud in seinen sogenannten “Doppelgängerbriefen” so festgestellt, wo von “Entwicklungen und Schwankungen zwischen Bewunderung und Neid, Berührungsängsten und Annäherungsversuchen” die Rede ist und als ich das erste Mal bei einer Veranstaltung in der Gesellschaft der Ärzte war, war ich von der Atmosphäre dort sehr beeindruckt, die ja so dicht ist, daß man glaubt, der Sigmund und Arthur würden da jetzt um die Ecke biegen und sich begrüßen.
Von Arthur Schnitzler war ich, obwohl ich ja nicht unbedingt eine Theatergeherin bin, in meiner Studienzeit auch sehr beeindruckt, vom “Süßen Mädel”, der “Liebelei” im Film mit Romy Schneider, vom “Reigen” natürlich und besonders vom “Professor Bernhardi”, den ich, glaube ich, dreimal gesehen habe, einmal in München, einmal im Burgtheater und dann noch die Lesetheaterveranstaltung im Amtshaus des zweiten Bezirkes und als ich voriges Jahr zu meiner komischen Lesung ins Cafe Amadeus gegangen bin, hat vorher offenbar im Schrank ein Antiquar seine unverkäuflichen Bücher hineingestellt und ich habe mir ein im S. Fischer Verlag, 1910, erschienenes Exemplar von “Der junge Medardus” herausgezogen.
Schnitzler und Freud, die beide Medizin studiert haben und der eine dann die Psychoanalyse und der zweite das weite Land der Seele entdeckte, das fasziniert offenbar auch heute noch die jungen Wissenschaftler und so hat der Italiener Lorenzo Bellini eine szenische Lesung aus Texten von Freud und Stifter zusammengestellt, die Mijou Kovacs und Michael Smulik vorgetragen haben.
Vorher gab es eine Diashow von den jungen bis zu den alten Doppelgängern und Lorenzo Bellini hat auch einen Einleitungsvortrag gehalten. Dann gab es Briefe, Traumsequenzen, Announcen, Tagebucheintragungen ect.
“Lese die Vorlesungen von Freud und träume seither wieder mehr und praeciser”, hat Arthur Schnitzler so am 23. 4. 1922 in sein Tagebuch geschrieben.
Dann gab es noch ein Buffet, Wein, Wasser und kleine Pizzastückchen, die irgendeine Dame oder ein Herr gespendet hatten und Schnitzlers Enkeltochter ist mit ihrem Mann auch im PUblikum, von dem ich niemanden gekannt habe, gesessen, die literarischen Stammbesucher habe ich nicht gesehen und auch keine Fachkollegen, aber einige junge Leute, die eifrig von ihrem Studium und ihrem Baby erzählten “Schön wie die Mutter, intelligent wie der Vater!”, hat ein älterer Herr gemalltalkt und ich habe mir gedacht, “Sind wir noch immer nicht viel weitergekommen?, aber wenn er es umgekehrt zitiert hätte, wäre mir wahrscheinlich, das Zitat aus der Tante Jolesch eingefallen, die ja irgendwie auch zu diesem Thema passt und das gestrige Grundbuch der Alten Schmiede, das heute im Stifterhaus in Linz vorgestellt wurde, natürlich auch.

Jean Amery bei den Grundbüchern

Man erlebt immer wieder seine Überraschungen, obwohl ich ja eine sehr abgebrühte Literaturveranstaltungsbesucherin bin und eigentlich der Meinung, das in der Alten Schmiede vorgebrachte, kann mich weder umhauen, noch besonders stark berühren und da wurde von Kurt Neumann vor einigen Jahren die Reihe Grundbücher der österreichischen Literatur nach 1945 ins Leben gerufen mit jährlich vier bis fünf Veranstaltungen, die fünfundvierzigste war Jean Amery gewidmet, der vor ziemlich genau hundert Jahren in Wien als Hans Chaim Mayer auf die Welt gekommen ist und sich am siebzehnten Oktober 1978 in Salzburg das Leben nahm. Schriftsteller und Philosoph ist er gewesen und ich kenne seinen Namen, seit den späten Achtzigerjahren, als ich gemeinsam mit Margot Koller die “Selbstmordanthologie”- der GAV herausgegeben habe und dazu hatte er ja seine Thesen.
Ein bekannter Name, aber nie etwas gelesen, nur vor kurzem Kurto Wendts Arbeitsamtsatire, die sich darauf bezieht und jetzt ist er in der Grundbuchreihe, also ging ich hin, ohne mir besonders viel zu erwarten.
Lydia Mischkulnig, die ich ja vor zwei Wochen, beim jungen Hitler traf und die mich durch ihre sehr speziellen Fragen beeindruckte, hielt die kommentierte Lesung. Bei den Grundbüchern wird ja immer ein Gegenwartsautor gebeten aus dem Buch zu lesen und dann kommt ein Wissenschaftler und sagt dazu seine Meinung. Kurt Neumann leitete ein, Margot Koller, die schon zur GAV-GV nach Wien gekommen ist, habe ich getroffen und vorher habe ich mir die Bücher am Büchertisch angeschaut, denn wie erwähnt, ich hatte noch nichts gelesen. Es gab eine mehrbändige Werkausgabe und das 1966 erschienene “Jenseits von Schuld und Sühne-Bewältigungsversuch eines Überwältigten”, war das Grundbuch das besprochen wurde und mit dem er, der sich nach dem Holocaust Jean Amery nannte, im deutschsprachigen Raum bekannt wurde. Das Buch enthält fünf Essays und Lydia Mischkulnig, die von Kurt Neumann als eine profunde Jean Amery Kennerin vorgestellt wurde, las zuerst einen kurzen Einleitungstext und dann aus dem dicken Buch, das mit “Den Grenzen des Geistes” beginnt und da hat es angefangen mich zu packen, denn soetwas habe ich, die ich mich ja schon sehr viel mit dem Holocaust und seiner Literatur befasst habe, noch nicht gehört. Stimmt nicht ganz, Victor Klemperers Tagebücher sind ähnlich beeindruckend.
Da kommt ein jüdischer Intellektueller nach Auschwitz und beginnt zwanzig Jahre später darüber zu schreiben und spricht darüber, wie es einem als jüdischer Intellektueller dort ging, wenn man als Arzt, wie Viktor Frankl Erdarbeiten machen und Überlebensstrategien entwickeln muß, damit einem die polnischen Gauner, die einem da ja darin über sind, nicht die Schnürsenkel stehlen, schreibt von seiner Entwurzelung und Einsamkeit, als religionsloser jüdischer Intellektueller und beginnt im zweiten Essay über “Die Folter” zu schreiben, die er chronologisch vorher erlebte, als er als Widerstandskämpfer 1943 verhaftet wurde und dann nach Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen kam.
Der mittlere Essay heißt “Wieviel Heimat braucht der Mensch”, der vierte handelt, glaube ich, von den “Ressentements”, wie das Buch auch heißen sollte. Der Verlag hats nicht zugelassen und der fünfte “Vom Zwang und Unglück Jude zu sein”, da beschreibt er auch, wie er 1935 in einem Wiener Cafehaus in der Zeitung von den Nürnberger Prozessen gelesen hat und das in diesem Moment begriff.
Lydia Mischkulnig beeilte sich sehr möglichst viel vorzulesen, verhaspelte sich dabei und war auch sichtlich berührt. Dann kam Gerhard Scheit, der den Band auch mitherausgegeben hat und erzählte etwas von seiner Entstehungsgeschichte, nämlich, daß der Text über die Folter heute noch angegriffen wird, das Adorno aber schon in den Sechzigerjahren seinen Studenten das Lesen desselben empfohlen hat, daß sich Amery, der nach dem Krieg in Belgien lebte, mit Satre auseinandersetzte und in den Sechzigerjahren Helmut Heissenbüttel seine Texte angeboten hat, der sie im Rundfunk veröffentlichte, wovon er dann überlebte.
In der Diskussion meinte Kurt Neumann, daß der vom Verlag gewählte Titel besser gewesen wäre, während er Amery wahrscheinlich zu aufdringlich erschien und meinte auch, daß das Großartige nicht nur das persönlich Erlebte wäre, denn das hätte Primo Levi beispielsweise auch getan, sondern die Verknüpfung mit der Gegenwart und Lydia Mischkulnig meinte, das Berührende wäre die klare scharfe Sprache, mit der der Intellektuelle um Fassung ringt und mich haben wohl die psychologischen Komponenten am meisten beeindruckt, konnte ich mir so doch eine sehr klare Vorstellung machen, wie es damals gewesen ist und so denke ich, wirklich sehr wichtig ist.