Leipzig im Zimmer

Die Leipziger Buchmesse findet diesmal vom 14. bis 17. März statt und weil der Alfred wegen der WU-Übersiedlung von Wien nicht wegkann, sind wir diesmal nicht dabei.
Was, wie ich mir vor ein paar Tagen überlegte, nichts macht, denn erstens kann ich ja wie auch in Frankfurt surfen und zweitens bin ich im Vorjahr ja eigentlich sehr frustriert dort herumgelaufen, denn in den Literaturbetrieb, das hört man ja auch immer, kommt man in Leipzig nicht herein und der Typ mit seinen selbstgemachten Büchern selbstbewußt von Stand zu herumzulaufen und “Hallo, da bin ich, die neue Autorin!”, war ich nie und werde das auch höchstwahrscheinlich nicht mehr werden.
Also wäre Leipzig ohnehin nur als literaturinteressierte Leserin für mich interessant, um mir meine Buchempfehlungen zu holen, die habe ich, wenn ich so auf meine Leseliste schaue, ohnehin schon und der Falter-Bücher-Frühling liegt auch auf meinen Tisch.
Aber, um Mißverständnisse zu vermeiden, ist Leipzig natürlich interessant und wenn es passt, fahre ich auch gerne wieder hin, um die Hundertmarks zu besuchen und diesmal ist es ganz besonders interessant, denn Anna Weidenholzers “Der Winter tut den Fischen gut”, ist ja für den Leipziger Buchpreis, der am Donnerstag um vier vergeben wird, nominiert, sowie Alexander Nizbergs Bulgakovs Neuübersetzung.
Anna Weidenholzer hat außerdem noch das Publikum Voting gewonnen, was ich sehr spannend finde, daß die 1984 geborene in Deutschland so bekannt ist, dann gibt es erstmals noch einen Indie Preis, der für mich, ich scheine wirklich überall zwischen allen Stühlen zu fallen, nicht in Frage kommt, weil meine Indies ja nicht als E-Books erscheinen und den Verständigungspreis für europäische Literatur, der Mittwoch Abend bei der Eröffnung im Gewandhaus, während ich im “21-Haus” bei der Lyrik im März war, vergeben wurde, hat es auch gegeben.
So richte ich mich diese vier Tage in meinem Wohnzimmer ein, beziehungsweise mache ich ganz normal meine Praxis weiter, denn das blaue Sofa kann ich auch als Konserve sehen, bezüglich des Buchpreises gibt es einen Livestream, aber auch den Klinischen Mittag über Eßstörungen, so daß ich versuche möglichst pünktlich zurück zu sein, um fünf, wenn der Gewinner auf dem Sofa sitzt, habe ich aber eine Stunde, thats live und macht ja nichts und daß Cornelia Travnicek aus ihrem Hotelzimmer Leipzig gut sehen kann, hat sie schon getwittert, dann muß sie sich die Stiefel anziehen, um das Kranichsteiner Jugendliteraturstipendium, abzuholen, liegt ja Schnee in Leipzig und am Messegelände und Daniela Strigl die ja in der Jury des Buchpreises sitzt und dadurch wahrscheinlich so unermüdlich die österreichische Literatur nach Deutschland bringt, bekommt auch einen Preis.
So weit die Vorinformationen, das blaue Sofa beginnt, glaube ich um elf, die Messe hat um zehn aufgemacht und so habe ich mir die Fahrt in der überfüllten Straßenbahn zum Messegelände erspart und da wir ja so an die zehn Mal schon in Leipzig waren, kann ich mir auch alles gut vorstellen und am 3-Sat Stand gab es schon um halb elf einen Kindercomic “Ferdinand der Reporterhund”, denn die Comics sind genau, wie die Indies inzwischen Salonfähig geworden und Wolfgang Tischer ist mit seinem Literaturcafe natürlich auch in Leipzig und bietet einen Podcast an, so daß ich nicht so viel versäumen werde und es kein Trostprogramm für die Zuhausegebliebene wird, wie es Anni Bürkl im Vorjahr angeboten hat, aber da war ich ja vor Ort.
In ein 3 Sat Bücherzeit habe ich mich inzwischen auch hineingehört, da gab es ein Gespräch mit Regina Ziegler in einem Leipziger Kino, die unter anderen das neu übersetzte Buch von Peter Buwalda “Bonita Avenue” empfahl und Amos OZ stellte dann um zwölf auf den blauen Sofa seinen neuen Kibbutz-Roman “Unter Freunden” vor, über den ich, glaube ich, schon einmal in Ex Libris hörte.
Dann kam Peter Estherhazy, aber den habe ich ja auch schon gehört, so ging es zu den Eßstörungen, die ich zwar auch schon mal hörte, aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse ändern sich ja rasch und zum Glück war es nur kurz, so daß ich pünktlich zum Leipziger Buchpreis-Livestream zurecht kam und des Juryvorsitzungen Hubert Winkels leicht zynische Eröffnungsreden hören konnte, in der den Vorgang begründete, wie man aus über vierhundertfünfzig Bücher fünfzehn vorschlagen kann, aus denen dann drei ausgesucht werden? Das möchte ich zwar auch gern wissen, nehme es aber ebenfalls gelassen und in Leipzig höre ich, sind Warntafeln “Achtung Buch!”, aufgestellt.
Dann wurden die fünfzehn Nominierten vorgestellt und die Preise der Reihe nach vergeben. Die krankheitshalber verhinderte Ezra Pound Übersetzerin Eva Hesse bekam den Übersetzerpreis, Helmut Böttigers “Gruppe 47”-Buch, das mich sehr interessieren würde, den Sachbuchpreis und David Wagners “Leben”, wo es um eine Lebertransplantation geht, offenbar ein Stück Selbsterfahrung, wie der Autor in seiner Dankesrede anklingen ließ, den Belletristikpreis und ich gratuliere natürlich herzlich.
Dann hätte ich, wenn ich in Leipzig gewesen wäre, ins Österreichcafe gehen und mit dem Hauptverband ein Glas Wein trinken können, das habe ich allein getan, mir das Preisträgervideo vom blauen Sofa angeschauen und in der Badewanne, den Orhan Pamuk ausgelesen und am Freitagmorgen noch Marlene Streeruwitz “Majakowskiring”, um um zehn zurecht aufs Sofa und zu “Staufenbergs Gefährten” zu kommen, da waren wir ja schon vor zwei Jahren auf der Wolfsschanze, bei den Talibans war ich noch nie und auch Linus Reichlin, der einen Roman darüber geschrieben hat “Das Leuchten in der Ferne”, war das nicht.
Klaus Michael Bogdal hat den Preis der europäischen Verständigung für das Buch “Europa erfindet die Zigeuner”, bekommen und war um elf auf dem blauen Sofa.
Am 3-Sat-Stand hätte es um halb elf ein Gespräch mit den Kranichsteiner Stipendiaten gegeben, das ich leider versäumte, jetzt muß ich schauen, das Video davon zu finden und am blauen Sofa kam zuerst ein Malaie und dann zwei sehr lustige junge Männer, die Krimi Autoren Volker Klüpfl und Michael Kobr mit ihren Allgäuer Krimis, die ich vor ein paar Jahren bei Leselustfrust kennenlernte und deren Buch “Michgeld” ich auf meiner Liste habe.
Dann sollte der Stargast Michael Gorbatschow folgen, der natürlich absagte, so daß dann Frank Sieren über den “chinesischen Gorbatschow” sprach.
Dann kam Robert Schindel mit seinem neuen Buch “Der Kalte”, das ich ja sehr gerne lesen würde, in dem es um das Bedenkjahr 1988, das Burgtheater, den Bundespräsidenten, das Burgtheater mit dem Direktor Peymann und das Hrdlicka-Denkmal geht und der eine fast showhafte Vorstellung über die österreichische Seele gab, Knacker mit Spinat und Spezies im Hawlka oder so steht im Glossar, das es natürlich für die deutschen Leser gibt.
Aris Fioretos habe ich auch schon in der Alten Schmiede gehört, der gut Deutsch sprechende Schwede mit österreichischer Mutter, der ein Buch über seinen Vater schrieb.
Auf der ARD-Bühne stellte Dennis Scheck die zehn meist verkauftesten Bücher vor, stöhnte über “Shades of grey”, empfahl einen richtig guten Porno und schwärmte sehr vom neuen Buch von Reinhard Jirgl, das er leider noch nicht ganz verstanden hat. Am blauen Sofa hätte um 17.30 der Preis der Literaturhäuser vorgestellt an Hanns Zischler werden sollen, hat aber nicht geklappt und so ging der zweite Messetag zu Ende und während es in Leipzig zu den Lesefesten geht, sind wir nach Harland gefahren.
Es hätte aber auch ein interessantes Event im Writers Studio gegeben, Judith Wolfsberger hat wirklich tolle Einfälle, nämlich “Die lange Nacht der ungeschriebenen Texte”, wo man mit seinen Projekten hinkommen und die ganze Nacht bis am Morgen um sechs an seinen Texten schreiben kann, es gibt Textcoaching, Buchstabensupp und einen Spaziergang am Donaukanal mit Mondanheulen und ein inspierendes Pausenprogram mit Tee und Kraftfutter.
Eine Idee, die mich durchaus reizen könnte, obwohl ich nicht wirklich weiß, ob ich die ganze Nacht lang durchschreiben will und aufgeschobene Texte habe ich eigentlich auch nicht, ich hätte nur mit meinen Laptop hingehen und am Literaturgeflüstertextebuch korrigieren und darüber bloggen können, so ging ich in Harland schlafen, um mich am Wochenende wieder nach Leipzig zu begeben, bzw. nach St. Pölten zu fahren, um dort mein Fahrrad, bei dem mir vor zwei Wochen der Schlauch platzte, von der Werkstätte abzuholen.
Danach habe ich mich wieder vor das blaue Sofa gesetzt, bei dem ich die letzte Bachmannpreisträgerin Olga Martynova mit “Mörikes Schlüsselbein”, gerade versäumte und habe meine Leselisten 2016 und 2017 mit den Büchern aufgefüllt, die in Harland ungelesen stehen und bin mit Erstaunen draufgekommen, das wir Franz Kafka haben, der Dreiteiler Witiko, den ich mir in meinen Studententagen kaufte, ist nicht ganz daraufgekommen, es gab aber Alois Brandtsetters “Zur Lasten der Briefträger”, das der Alfred, glaube ich, einmal für seinen Vater kaufte, Gustav Freytags “Soll und Haben”, das ich schon einmal zu Lesen angefangen habe, Pavel Kohouts “Die Henkerin”, Friedrich Heer und und…
Jetzt ist das Programm der nächsten viereinhalb Jahre zur Hälfte festgesetzt und ich kann mich wieder den neuen Bücherbergen widmen und schauen, was sich so in Leipzig finden läßt, wo ich gleich auf Ferdiun Zaimoglu, den Bachmann und Literaturpreisträger vom Vorjahr stieß, der sein neues Buch “Der Mietmaler!”, in dem es um Maler und Frauenbilder geht, mit seiner leisten bedächtigen Stimme, vorstellte.
Dann kam Eva Menasses neues Buch “Quasikristalle”, in dem es, wie bei meinen neuen Projektplänen, um dreizehn Kapitel geht, die vom Leben einer Frau erzählen, die von verschiedenen Figuren aus unterschiedlichen Sichten geschildert wird. Was dazwischen kam, habe ich mehr oder weniger verschlafen, der große Martin Walser mit seinem dritten Messner-Buch “Messners Momente” folgte, in dem es keine Handlung gibt, sondern Walser seine Figur Messner in schönen, melancholischen oder auch positive Sätze das Leben betrachten läßt, folgte.
“Ist das hell, ist das dunkel?”, wechselte er sich mit der Moderatorin ab, ich glaube Martin Walser siegte, der meinte, daß es auf die Betrachtungen ankäme, wie man die Weisheiten interpretiert, die er in sein Notizbuch geschrieben hat.
Ich habe bei einem der Osterspaziergänge, das erste oder zweite Messner Gedankenbuch gefunden und noch ein paar andere Walser-Bücher auf der Leseliste. Auch den “Tod eines Kritikers”, in dem er sich angeblich mit Marcel Reich-Ranicky auseinandersetzt, kenne ich.
Dann kam Astrid Rosenfeld auf das Sofa, die mit Adams Erde auf die dBp Longlist 2011 gekommen ist und jetzt “Elsa ungeheuer” geschrieben hat.
Beim Zappen stößt man auf die vielen Bücher, die geschrieben werden und erschienen sind, Heiner Link, Joy Flemming etc, präsentieren ihre Bio- oder Autobiografien mit oder ohne Ghostwriter geschrieben, Töchter, Geliebte, etc von Terroristen oder Erschossenen haben ihre Bücher, wie zum Beispiel Ulrike Edschmid “Das Verschwinden des Philip S.”, junge Männer und Frauen aus Kuba, Mayaisia, etc traten auf, so daß man neidig werden könnte oder natürlich weiter machen.
Am Wochenende traten auch die Cosplayer auf und, wie man von den blauen Sofa-Aufnahmen sehen konnte, war das Wetter in Leipzig sonnig und schön.
Mit Videos über Irina Liebmann, der Leipziger Büchernacht, u.u.u. klang der Samstag aus und im Wochenendstandard, das ist auch noch zu erwähnen, gab es einen Artikel von Jochen Jung zum Thema “Was gibts neues in der Literatur”, wo er einen Kurzabriß der österreichischen Gegenwartsliteratur ab der Gruppe 47 gab und zehn Covers von Bücher junger frecher Frauen, wie Cornelia Travnicek, Angelika Reitzer, Andrea Grill, Andrea Winkler, Anna Weidenholzer, Andrea Stift, Cordula Simon, Andräa Präauer, Vea Kaiser zeigte, Valerie Fritsch, deren Buch ich kürzlich erst gefunden habe, wurde auch dabei erwähnt, Milena Michiko Flasar seltsamerweise nicht.
Nach eineinhalb Stunden Diskussion von der Leipziger Buchnacht mit Martina Rosenberg, Sabine Ebert, Christoph Hein, Cordula Stratmann,Sabine Rennefanz, Dirk Kurbjuweit und Rolf Schneider habe ich dann am Sonntag die 3 Sat-Standgespräche nachgehört, wo ich auf von Dennis Scheck hochgelobtes Buch “Der Komet” von dem deutschen, in Amerika aufgewachsenen und jetzt Amerikaner gewordenen Kulturjournalisten Hannes Stein, gestoßen bin, der aus Heimatsehnsucht ein Buch geschrieben hat, wo der erste Weltkrieg nicht stattgefunden hat und wir immer noch, in der von Hannes Stein hochgelobten “besten Demokratieform” Monarchie leben.
Das blaue Sofa begann mit Friedrich Schorlemmer, dem DDR-Pfarrer und Bürgerrechtler, der Sätze prägte, wie “Seit meinem vierzehnten Lebensjahr war ich nicht nur vom lieben Gott, sondern auch von der Staatssicherheit begleitet, ach nein, seit 1989 nicht mehr” oder “Friedrich steh auf, die Russen sind in Prag einmarschiert. Dann kam der 1980 in den USA geborene Joey Goebel mit “Ich gegen Osborne”, von dem ich weder “Freaks”, “Vincent”, noch “Heartland”, kenne, obwohl er, wie ich hörte, im deutschen Raum ein Kultautor ist und sein neues Buch auch zuerst auf Deutsch erschien. Dann kam noch Hans Christoph Buch, der einmal das jüngste Miglieder der legendären Gruppe 47 war und sich jetzt in seinem neuen Buch “Baron Samstag oder das Leben nach dem Tod” mit Haiti, Voodoo und noch einigen anderen, wie er betonte “Verrücktheiten” beschäftigte.
So das wars jetzt von Leipzig 2013, aus den Wohnzimmern, wo ich vom Tranzyt-Schwerpunkt außer einem Interview mit György Konrad und auch von den Indies nichts, dafür aber sehr viel von den 3-Sat und ARD-Veranstaltungen mitbekommen habe und es ist wieder ein sehr langer, sprunghafter Bericht geworden.
Anders geht bei vier Tagen mit tausenden Büchern wahrscheinlich nicht und weil meine kritischen Leser von mir eine persönliche Stellungnahme wünschen könnten. Ich finde Buchmessen interessant, lese immer noch sehr gern und auch das Alte auf.Das Schreiben ist mir nach wie vor das Wichtigste und bin für die allgemeine Kreativität, wo jeder schreibt, so gut er es kann und nicht nur die eine Chance für Leipzig bekommen, die einen bekannten Namen haben, aber das habe ich schon öfter geschrieben.
Ein paar neue Buchempfehlungen, mit denen ich mich vielleicht noch beschäftigen werde, habe ich natürlich auch bekommen und so müde und erschöpft, als wenn ich die vollgestopften Tüten durch die Hallen getragen hätte, bin ich nicht, dafür bin ich beim obligatorischen Ausflug auf die Rudolfshöhe mit dem Rad ausgerutscht und habe ein aufgeschlagenes Knie und ein paar Prellungen, die auch nicht angenehm sind. Bärlauch gibt es wetterbedingt übrigens noch nicht.
Und wer die live-Berichte bevorzugt, der kann auf die Buchmesseseite gehen oder bei der Klappentexterin nachschauen, was sie in Leipzig erlebte.

Schnee

“Schnee”, der 2002 erschienene Roman des 1952 in Istanbul geborenen Orhan Pamuk, der 2005 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und 2006 den Nobelpreis bekommen hat, ist ein Monster Buch von fünfhundertdreizehn Seiten, an dem ich jetzt über eine Woche gelesen habe und eine politische Farce, in dem man sehr viel über die politische Situation der Türkei, erfährt und Anspielungen auf die deutsche Literatur gibt es dabei natürlich auch, so könnte der Dichter Ka ja an Franz Kafka erinnern und dieser Ka, der in Frankfurt Asyl bekommen hat, zum Begräbnis seiner Mutter aber nach Istanbul kommt und von dort weiter in das anatolische Provinzstädtchen Kars fährt, bleibt dort im Schneegestöber stecken, was auf Türkisch Kar heißt, wobei wir bei den sprechenden Namen wären, die man ja angeblich nicht verwenden soll, das Buch ist nicht ganz leicht zu lesen, hat mein Türkeibild, das ich ja durch die österreichische Brille sehe, aber vollständiger gemacht. Ka fährt also im Schneefall nach Kars, weil er für eine Zeitung über die Wahlen, die dort stattfinden werden, berichten soll und außerdem haben sich dort auch noch ein paar junge Mädchen umgebracht, in Wahrheit will Ka aber die schöne Ipek bewegen mit ihm nach Frankfurt zu kommen und er quartiert sich in das Hotel “Schneepalast”, das ihrem Vater gehört, ein und die Geschichte beginnt, die eigentlich von einem Dichter namens Orhan, der einen Roman über das “Museum der Unschuld” schreibt, vier Jahre nach Kas Tod erzählt wird.
Zuerst recherchiert Ka in den Familien der Mädchen, die sich umbrachten, weil sie unglückliche waren, einige auch, weil sie mit Kopftuch nicht auf die pädagische Hochschule gehen konnten, weil das in der Türkei ja verboten ist, die Islamisten bzw. die Wohlfahrtspartei versucht aber die Wahl zu gewinnen und Ka besucht zuerst den Inhaber der Provinzzeitung, der die Nachrichten der Einfachheit alle schon im Vorraus bringt, der empfiehlt ihm sich dem Polizeichef vorzustellen, dann wird er noch zu einem Scheich gebracht, der ihm von seinem Atheismus befreeien will und zu einem alten Revolutionär, der auch gegen das Kopftuchverbot ist, aber eine junge Geliebte hat.
Ka soll am Abend im Volkstheater ein Gedicht aufsagen und trifft sich mit Ipek in einer Konditorei, vor ihren Augen wird der Direktor der Pädagogischen Hochschule erschoßen und am Abend beginnt im Theater die Revolution, bzw. ein Putsch, der von einem Schauspieler organisert wird. Es werden dabei aber einige Leute erschossen, was die Bewohner von Kars, die ständig mexikanische Fernsehserien sehen, auch nur im Fernsehen mitbekommen und dann die Realität von der Schow nicht unterscheiden können.
In den Teehäuser hängen Plakate von Schweizer Bergen, Ka wird von Spitzeln verfolgt und Kadife, Ipeks Schwester, die inzwischen wieder Kopftuch trägt und die heimliche Geliebte des alten Lapislazulli ist, soll in einem Theaterstück ihr Haar entblößen, inzwischen wird Ka bedroht und von den Polizisten zusammengeschlagen, er soll auch eine Botschaft der Islamisten in die Frankfurter Rundschau bringen, dessen angeblicher Redakteur Hans Hansen heißt und blonde Haare hat, wie halt alle Deutschen, so erzählt es Ka Lapislazullis und den Koranschülern, in Wahrheit ist Hans Hansen aber ein Verkäufer, der ihm den Mantel verkaufte, den Ka in Kars trägt.
Inzwischen schläft auch Ipek mit Ka und verspricht ihm mit ihm nach Frankfurt zu gehen. Ka soll Kadife dann wieder davon abringen, ihr Haar zu entblößen und am Schluß erschießt sie den Schauspieler auf der Bühne, obwohl in ihrer Pistole nur Platzpatronen gewesen sein sollen.
Ka wird von den Polizisten zum Bahnhof gebracht, Ipek soll ihm mit dem Koffer folgen, kehrt aber wieder ins Hotel zurück, Kadife verbringt ein paar Jahre im Gefängnis, heiratet dann einen Koranschüler und Ka wird einige Jahre später in Frankfurt am Bahnhof, wo er sich bei den Pornokinos herumtrieb, erschoßen.
Orhan, der all das penibel recherchierte, kommt in seine armselige Wohnung, um sie aufzulösen und sucht auch nach den Gedichten, die Ka in der Zeit seines Aufenthalts ins Kars geschrieben hat. Schneegedichte in ein grünes Buch, neunzehn an der Zahl, sie sind am Schluß des Buches angeführt, aber verschwunden und Orhan vermutet, daß der Mörder Kas auf der Suche nach diesen Gedichten war.
Ein äußerst interessanter Roman, der sich über alles lustig und trotzdem ein scharfes Türkeibild entwirf und das dritte Buch, das ich von Orhan Pamuk gelesen habe.
Den Essayband “Der Blick aus meinem Fenster”, habe ich mir 2005 gekauft, als ich den Thalia-Gutschein bei der Festwochen-Büchereilesung gewonnen habe und das “Stille Haus” vor zwei Jahren in der Osterwoche.
Beide Bücher sind ganz anders und so bin ich auch auf die anderen Pamuk-Romane sehr neugierig und gespannt, ob und wann ich wieder einmal einen finde.

Ungelesen

Gestatten, ich bin ein Buch, ein neuerschienenes, hey, ihr, wie findet ihr das, ist doch megacool oder etwa nicht?
Gedanken zum Thema Buch bezüglich der Leipziger Buchmesse, dem angeblich publikumsfreundlichen Großereignis im Frühling, wenn der erste Teil der Jahresbucherscheinungen herausgekommen ist.
Hundertausend neuerschienene Bücher gibt es jährlich im deutschen Raum, im Frühling liegen sie in Leipzig auf, im Herbst beim sehr viel größeren Bruder in Frankfurt und dann gibt es noch die winzig kleine Buch-Wien seit 2008 im Wiener Prater, vom Wiener Lesepublikum noch nicht sehr wahrgenommen und wer wird das das alles lesen?
Wer kennt ihn nicht diesen Satz? Wir, die bibliophilen Bücherblogger, Junkies oder Leser, kennen ihn wohl alle und wer liest heute noch?
Acht Bücher werden jährlich von den Deutschen gelesen und neun von Österreichern oder war es umgekehrt? Und wer machte überhaupt diese Statistik, die ich irgendwann hörte.
Ich lese inzwischen an die hundtertfünfzig jährlich und wenn ich so weitermache, werden es in diesem Jahr vielleicht hundertachtzig werden, aber ich kaufe sie mir nicht so gerne und ein Hardcover um zwanzig- bis fünfundzwanzig Euro ist mir schlicht und einfach zu teuer und ich habe es überhaupt nicht so mit der Ware Buch, die das für mich nicht ist. Für die anderen aber offenbar schon, natürlich, selbstverständlich, denn hier wird das große Geld gemacht, in den Verlagen mit den Lizenzen und den Bestsellern etc oder, wie das so heißt, denn nur das ist wichtig und alles andere ist naiv und absolut nicht State of the Art und so gab es in Ö1 auch im Diagonal zwei Stunden über Bücher, bei der die Insider ihr Wissen darüber an das kulturell interesierte Publikum, an die Radiohörer, die zum Teil auch sicher Bücherleser sind und ihre neun bis hunderfünfzig Bücher jährlich schaffen, aber soll man das überhaupt?, ist das Bücherlesen ein Leistungssport, wie Radfahren oder Marathonlaufen, weitergab und das State of the Art, das bei den ORF-Redakteuren zu finden ist, an die Öffentlichkeit verbreitete.
Und was ist darunter zu verstehen? In Zeiten, wo sich sehr viel ändern wird, ob wir es wollen oder nicht, selbstverständlich natürlich viel.
“Das Ende der Gutenberg Galaxis”, nannten es die professionellen Sendungsmacher und was verstehen die Leser und die Nichtleser darunter?
Werden hier, wie ich finde, ja sehr viele Klischees verbreitet, vom der Haptik, dem Riechen und Berühren der Bücher sprechen die einen und mir scheint, es schreiben das, die einen von den anderen ab oder plappern es nach, um dann stillheimlich doch zu ihrem Kindle zu greifen und irgendwann mehr oder weniger verschämt zu bekennen “Ich habe es getan und einen E-Buchreader erworben, aber ich verwende ihn nur für meine Reisen, wo ich alle meine Bücher im Rucksack mitnehmen und nichts schleppen muß oder für das wissenschaftliche Arbeiten!”
Für die Uni ist das E-Book gut, aber sonst verbleibe ich beim guten alten Buch und werde darin lesen, auch wenn ich längst, in Zeiten wie diesen, in Zeiten der Generation Praktikum und des Prekariats keine Zeit mehr dafür habe, dann räumen, wie ich in der Sendung hören konnte, die Bobos in der Josefstadt oder vielleicht auch in der Gemeindewohnung in Wien-Favoriten ihre Wohnungen aus, schmeißen die Bücherregale auf den Müll und tragen ihre Bücher, hoffentlich zu den Bücherschränken, wo ich sie dann finden werde.
Weil ich soviel von dort nach Hause trage, habe ich mir vor zwei Jahren zum dritten Mal ein Humboldt-Regal von der grünen Erde gekauft und vor einigen Wochen von dort einen Brief bekommen, daß sie die Produktion desselben aufgeben werden, wenn ich meinen Bestand erweitern will, soll ich das, bitte sehr schnell tun, weil es sonst nur mehr in einer individuellen teuren Sonderanfertigung möglich ist.
“Schade und warum?”, hat der Alfred gefragt. Jetzt weiß ich die Antwort, Ö1 hat sie mir verraten und IKEA war womöglich wieder schneller und fertig seine Billies inzwischen auch schon breiter an, für die Bildbände und die Kafeesevices, den E-Bookreader mit der gesamten Bibliothek, kann man dann auch irgendwo dazu legen und während noch alle schreien “Mit uns nie, denn wir wollen greifen, riechen, tasten!”, hat sich die Möbelindustrie offenbar inzwischen still und heimlich umgestellt.
Mit mir nie, ich habe etwa siebentausend Bücher verteilt auf zwei Wohnungen und solange die Bobos ihre Bestände ausleeren, werden es wohl mehr und dann bin ich wahrscheinlich ohnehin schon gestorben oder sehbehindert und kann dem Ende der Gutenberg-Galaxis also ganz gelassen entgegensehen.
Die Frage, wer soll das alles lesen, interessiert mich aber schon ein bißchen, vor allem, wenn man, wie ich es zunehmend tue, sich viel in der Welt der Bücherblogger herumtreibt und die lesen nur das Neueste, den neuen Michael Köhlmeier, die neue Sophie Kinsella, die neue Doris Knecht und und und.
In der ersten Woche wird der Umsatz gemacht, habe ich in der Sendung Diagonal von der Deuticke-Chefin Martina Schmidt erfahren. Es gibt Sperrfristen, bevor man ein Rezensionsexemplar nicht besprechen darf und wenn die um ist, ist schon alles gelaufen und das Geschäft gemacht oder nicht und dann gibt es in Österreich und Deutschland ja die Buchpreisbindung.
Das heißt, ein Buch kostet überall und immer gleich, bevor es in den Ramschkisten landet und dort von mir, wenn möglich um einen oder zwei Euro herausgezogen wird, die Autoren schauen dann pikiert, wenn ich ihnen davon erzähle und wenn ich dann darüber blogge, daß ich 2013 einen Otto Friedlaender bespreche, den ich 2011 aus dem Wortschatz gezogen habe, erscheine ich wahrscheinlich ein bißchen jenseitig und so komme ich zu der Frage zurück, wie lange darf man die Bücher lesen und haben sie ein Ablaufdatum?
Was waren die Neuerscheinungen von 2012, 2011 und 2010 hat in der Sendung jemand den Kritiker und ehemaligen Jung-und Jung Mitarbeiter Paul Jandl, der, der einmal von Robert Menasse sehr zusammengeschissen wurde, gefragt und er hat gestockt und etwas von Clemens Setz, Wolfgang Herrndorf und ich weiß nicht so recht und man vergißt so viel, herausgestottert und ich mit ihm. Im Augenblick war ich genauso überfordert, obwohl ich seit Sommer 2008 ja alles penibel genau blogge und ist mir außer Cornelia Travnicek und Milena Michiko Flasar, meinen beiden Lieblingen nicht viel eingefallen, von der Flasar habe ich vor ein paar Wochen “Okasaan meine unbekannte Mutter” ihr zweites, noch bei Residenz erschienenes Buch, herausgezogen, darf man das noch lesen, habe ich gefragt und tue es natürlich, selbstverständlich keine Frage.
Alles, was ich finde oder leider doch nur maximal zweihundert pro Jahr, weil mehr als Lesekompetenz auch von erfahrenen Viellesern und Büchernjunkies ja nicht möglich ist.
Wieviel Prozent der erschienenen Bücher werden also gelesen?, lautet die nächste Frage, die mich wirklich interessiert und weil ich ja auch ein bißchen Sammlerin bin, schleppe ich viel nach Hause ohne es zu lesen und vermute, daß es vielen Büchern ähnlich geht, ähnlich gehen muß, denn wenn der durchschnittliche Österreicher acht bis neun Bücher liest und vielleicht liegt die aktuelle Zahl schon viel niedriger, kann man sich ja ausrechnen, was ungelesen in den Regalen bleibt, bis es sich in den Bücherschränken und von so unkonventionell-semiprofessionellen Typen, wie mir herausgezogen, gelesen und besprochen werden?
Eine Zahl, die die Autoren nicht hören wollen und sie wahrscheinlich gleich verdrängen und jetzt interessiert mich natürlich noch, wieviel lesen professionelle Bücherkritiker, wie Katja Gassner oder Cornelius Hell beispielsweise und wie schnell vergessen sie das Gelesene dann?
Meine Erfahrung ist da sehr viel und schnell, denn wenn ich einmal eine Frage, abseits des Mainstreams hatte, wie ist das mit Lilly Brett, der Fliegenfängerfabrik oder der Herta Staub beispielsweise, habe ich den Kritiker, die Kritikerin schnell am falschen Fuß erwischt, obwohl ich auf Anhieb auch nicht sagen konnte, was die Verkaufserfolge von 2009 oder 2010 waren, aber natürlich zugreife, wenn ich auf einen Flohmarkt die Rezensionsexemplare von Richard Obermayrs “Fenster”, Judith Zanders “Dinge, die wir heute sagen”, Olga Martynovas “Sogar Papageien überleben uns” oder Alina Bronskys “Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche” finde.
Haben Bücher ein Ablaufdatum? Natürlich haben sie es und sollten es eigentlich nicht. Die Ware Buch hat, in der ersten Woche weiß ich, es wird ein Flop oder nicht, sagte Martina Schmidt. Ich weiß das erst, wenn ich das Buch gelesen habe und das dauert sogar bei einer literarischen Außenseiterin, wie mir, die sich ja sehr wertschätzend für sehr viel interessiert, inzwischen schon sehr lange, die das Buch nicht als Ware sieht, damit manchmal aneckt, aber versteht, daß sehr viele Leute schreiben wollen und dann offenbar immer weniger Zeit zum Lesen haben, obwohl sie das natürlich nicht zugeben werden, aber mit hundertfünfzig gelesenen Büchern im Jahr, stehe ich schon ziemlich an der nichtprofessionellen Leserspitze und das ist ja noch immer nur ein winziger Teil der Bücherberge, die jetzt in Leipzig ausgebreitet sind, was ich diesmal nur durch das Netz und das blaue Sofa verfolge, mich aber natürlich interessiert und ich bin eine, die den neuen Veränderungen ja sehr offen und wertschätzend gegenübersteht.
Natürlich wird sich was verändern und nein, einen Kindle werde ich mir nicht kaufen und auch keine Bücher um fünfundzwanzig Euro, weil mir die schlicht und einfach zu teuer sind. Dafür lese ich sehr viel, die, die ich umsonst oder um einen Euro bekomme und schreibe auch so, an die drei pro Jahr und gebe sie selbst heraus, weil ich bisher koch keinen Verlag als Geschäft aufgefallen bin, schreibe, blogge, lese, verstehe wahrscheinlich schon sehr viel davon und bin immer noch an der Nichtware Buch interessiert und dem Ende der Gutenberg Galaxis stehe ich abwartend gegenüber, weil ich bis an mein Lebensende noch genug Ungelesenes auf meinen Bücherlisten habe, weil ich es nicht zusammenbringe, an den Bücherschränken, wo die Bobos derzeit ihre Druckwerke entsorgen sollen, vorüberzugehen und dem E-Book gegenüber bin ich eigentlich sehr aufgeschlossen, obwohl ich mir keinen Kindle kaufe und meine Bücher auch nicht auf Amazon, obwohl ich diese Selbstpublishleiste sehr toll und fortschrittlich finde, stelle, sondern mich mit meinen Blog und meinen Gewinnspielen begnügen werde und da kann ich gleich verkünden, daß ich mit dem “Nanowrimonovel”, fertig geworden bin, es also mit dem Beschreibungstext und einer Bücherliste an den Alfred zur PDF-Erstellung übersandte. Ein Coverfoto müssen wir noch machen und hoffe, daß auch “Kerstins Achterl” bald an die Druckerei gehen wird, das Gewinnspiel mit den dreißig Fragen über meine dreißig Bücher wartet und da bin ich neugierig, wieviele Leser sich daraufhin melden und die Frage, wie oft die Ware Buch egal, ob im E-Buchreader oder gedruckter Form gelesen wird, habe ich ebenfalls nicht beantwortet.
Finde es aber nach wie vor schön, daß soviel Leute schreiben und interessiere mich dafür. Tue was ich kann, die ungelesenen Bücher zu gelesenen zu machen, obwohl ich das natürlich ebenfalls nicht schaffen werde.
Und bezüglich Bücherschränke sind jetzt auch noch recht verwirrende Meldungen auf mich zugekommen. Hat es Frank Gassner mit den Politikern, die ihm für seine Ideen keine Subeventionen geben, dafür die Schränke aber in schöner Regelmäßigkeit abkupfern und sich davor fotografieren lassen, recht schwer. So kam ja vorige Woche recht überraschend die Meldung es gäbe in der Josefstadt einen von ihn errichteten und gebauten Schrank mit fünf irgendwie recht seltsam wirkenden Fotos davor, aber das ist mir erst später aufgefallen. Zuerst habe ich ihm “Fein!”, gemailt, bin nach der Wien-Bibliothek hingegangen, einen “Bodo Hell” herausgezogen und gedacht, der sieht ein bißchen weniger stabiler, wie der in der Neubaugasse aus und dann nicht weiter darüber nachgedacht, mir ist es ja egal wer die Schränke baut, in die mir die Bobos ihre Schätze geben und wundere mich immer nur ein bißchen, daß das so kompliziert und teuer ist. Am Mittwoch kam dann ein weiteres Mail, ales Fake und Fotokopie und das ganze war nur eine Aktion um auf die Mißstände hinzuweisen, also schade, daß die Stadt Wien die Schränke nicht subventioniert und wie man sieht, hat das Urheberrecht bzw. seine Umgehung auch hier
seine Dimension.

Eine Versammlung kommt selten allein

Die Grazer Autorinnen Autorenversammlung wird heuer vierzig und hat zwei traditionelle Großveranstaltungen, die Lyrik im März und den Tag der Freiheit des Wortes am 10. Mai bzw. Juni, wie es in den letzten Jahren, so war.
Heidi Pataki, die vorletzte GAV-Präsidentin hat die Lyrik im März, die lange in dem berühmten Hörsaal I, im neuen Institusgebäude stattgefunden hat, lange organisert, jetzt tut das Rolf Schwender, der derzeitige GAV Präsident. Es gibt immer ein bestimmtes Thema, eine Einleitung und dann eine Kurzlesung von ein paar Minuten, fünfundzwanzig bis dreißig Lesende hat es da, glaube ich, schon gegeben.
Ich bin nicht immer hingegangen und war auch nicht immer pünktlich, bin ich ja eigentlich nicht so ein Lyrikfan, wie heuer hat es sich auch öfter mit der Leipziger Buchmesse überschnitten. Es war dann auch im neuen Universitätscampus, 2010 hat der Alfred fotografiert, zweitausendelf bin ich, glaube ich, mit Margot Koller mit der ich mich wegen unserer “Mittleren”- Vorbesprechung vorher getroffen habe, hingegangen und bin zu spät gekommen, im letzten Jahr war die Veranstaltung parallel mit den “Mittleren” und heuer hätte ichs auch fast versäumt, bzw. bin ich erst etwa um halb acht hingekommen, es hat aber schon um sechs begonnen, aber irgendwie ist das Alte Schmiede Programm, dem die Ankündigung meist beiliegt, nicht gekommen und als mir die Ruth vor vierzehn Tage den Zettel gegeben hat, hatte ich schon eine sechs Uhr Stunde eingetragen, dann bin ich auch nicht gleich weggekommen und und der Ort der Versammlung, war das ja heuer das Motto, das Rolf Schwendter auswählte, der nach einer schweren Erkrankung, gestern, wie ich hörte, aus Kassel zurückgekommen ist, war auch ungewöhnlich, das “21-Haus”, bzw. der “Salon für Kunstbuch”, die Fortsetzung des “20-Haus”, dem Museum für moderne Kunst, in der Arsenalstraße beim Südbahnhof, den es auch nicht mehr gibt, im “20-Haus”, war ich ein paar Mal vor langer Zeit, einmal kann ich mich erinnern, mit dem Alfred und der kleinen Anna am Nationalfeiertag, weil es da freien Eintritt gab, es gab auch eine Lesung mit Ernst Jandl, den dritten Präsidenten, den die GAV hatte, der erste war H.C.Artmann, der zweite Gerhard Rühm, nach Jandl kam Heimrad Bäcker, dann zum ersten Mal Rolf Schwendter, Heidi Pataki folgte und der kleinen Anna hat die Lesung, glaube ich, nicht so gefallen, sie rannte jedenfalls herum und machte Lärm, Jandl äffte sie nach, dann kam ein Wächter und schmiß uns hinaus und Ernst Jandl hat sicher auch sehr oft bei der Lyrik im März gelesen, weil das ja eine Veranstaltung der großen Namen ist.
So leicht war es auch nicht das “21-Haus” zu erreichen, ich bin zwar mit dem Bus gefahren, aber der 13 fährt jetzt nur zum Südtiroler Platz und dann mußte ich, weil mir die Straßenbahn davongefahren ist, auch noch eine Weile suchen, dann fand ich das moderne Haus, traf auch gleich ein paar Bekannte und habe einen guten Teil der Lesung versäumt.
Am Wort war gerade Ronald Pohl, der Standard Redaktuer, der im selben Jahr wie ich in die GAV aufgenommen wurde, damals mußte man sich noch in der Vollversammlung, die es auch nicht mehr gibt, vorstellen, bzw. wurde man das vom damaligen Generalsekreär Josef Haslinger.
Dem Programm entnahm ich, daß Bernhard Cella berüßt hatte, Gerhard Jaschke moderierte und Fritz Widhalm, Richard Wall, Christian Steinbacher, Ferdinand Schmatz, Robert Schindel und E.A. Richter habe ich wohl versäumt, wahrscheinlich auch Helga Pankratz, die ich gesehen habe.
Mechthild Podzeit Lütjen und Walter Pilar stehen auch auf dem Programm. Gerhard Jaschke kündete als nächstes aber die Herta Kräftner Spezialistin Dine Petrik an, die zuerst drei Kräftner Gedichte las, die heuer fünfundachtzig geworden wäre und dann eigene Gedichte las, eines war Herta Kräftner gewidmet. Anton Mantler folgte, den habe ich schon auf der KritLit gehört, als GAV-Kollege war er mir kein Begriff, Gerhard Jaschke erzählte, daß er einen Teil seines Lebens in der Wien-Bibliothek verbrachte und jetzt Zeit zum Gedichte schreiben hätte und das “Erdbeergedicht” – überall Erdbeeren, wenn ich sterbe werde ich auch eine Erdbeere sein, war auch sehr ungewöhnlich und originell.
Friederike Mayröcker ist auch noch auf dem Programm gestanden, ich habe sie aber nicht gesehen. Neben Hilde Langthaler, der Nichte oder Großnichte des Lyrikers Theodor Sappers, bin ich gesessen, sie las Gedichte aus dem Triton Buch “Gras dein Gesicht” und dann aus einem neueren Edition Roesner Bändchen.
Erika Kronabitter, die die Lyrikreihe der Edition Art und Science betreut und auch beim Feldkirchner Lyrikpreis mitmacht, folgte, dann Ilse Kilic, die sich als erste auf das Thema “V2ersammlung bezog”.
“Ilse Kilic ist Lyrik pur”, moderierte Gerhard Jaschke sie an und sie hatte Gedichte, die sie als Fortsetzung auf Gedichte von Kollegen, die sie ihnen auch gewidmet hat, schrieb.
Für Rolf Schwendter war, glaube ich, eines, für Judith Nika Pfeifer, Nikolaus Scheibner, Heidi Pataki, Reimund Bahr und das letzte dann für sich selbst.
Marie Therese Kerschbaumer und Bodo Hell standen auch noch auf dem Programm, Bodo Hell hat jetzt einen runden Geburtstag und war daher mehrmals in der letzten Zeit im Radio zu hören.
Ingram Hartinger, der Kärntner Kollege, der auch Psychologe ist, folgte und widmete seine Lesung dem langjährigen Gerneralsekretär Gerhard Kofler, der 2005 verstorben ist.
Petra Ganglbauer, die als nächstes lesen hätte sollen, war erkrankt, dann kamen Klaus Ebner, Georg Bydlinky, der wieder Versammlungsgedichte hatte, wo es auch um Brotfeste ging, Georg Biron und Walter Baco, dem Albatrosverleger und sehr aktiven Kollegen, der auch als Musiker tätig ist und einige “Getanzte Gedichte”-CDs herausgegeben hat und am Schluß Rolf Schwendter mit seinem extra zum Thema angefertigten Langgedicht, das von der Revolution von 1789 bis zur Gründung 1973 ging und die Kinderläden und die Wohngemeinschaften einbezog.
Eine Broschüre “Die ersten vierzig Jahre”, die Andreas Renoldner zusammengestellt hat, ist am Büchertisch aufgelegen, von ihr habe ich auch die Präsidentenreihenfolge übernommen.
Dagmar Fischer, Ruth Aspöck, Margit Heumann, Susanne Schneider, Ottwald John, Helmut Rizy und noch viele andere habe ich gesehen, obwohl sich die Reihen sichtlich leerten und ich kann auch noch etwas ganz persönlich Erfreuliches anführen, ich habe ich eine Einladung zu einer Literaturgeflüsterlesung in Radio Fro, dem oberösterreichischen Radio bekommen, was mit der GAV und der Lyrik im März zwar nichts zu tun hat, aber sehr erfreulich ist, wieder mal im World Wide Net bemerkt zu werden.
Und einen neuen Papst haben die Katholiken auch bekommen, das hat mit der GAV ebenfalls nichts zu tun.

Lili Körber erlebt den Anschluß

Zum fünfundsiebzigsten Jahrestag des Einmarschs der Nazis in Österreich, gab es eine Veranstaltung des ersten Wiener Lesetheater im republikanischen Clubs, die Frauen lesen Frauen Gruppe las Lili Körbers “Eine Österreicherin erlebt den Anschluß”, das schon ab 23. April 1938 in einer Schweizer Zeitung als Fortsetzungsroman unter dem Pseudonym Agnes Muth erschienen ist.
Ich habe das Buch, der 1897 in Moskau geborenen und 1982 in New York verstorbenen Lili Körbers, die in Wien in den dreißiger Jahren in der Arbeiterzeitung publizierte und als Schriftstellerin “Eine Frau erlebt den roten Alltag”, etc, bekannt war, vor ca zwanzig Jahren beim Libro, um wahrscheinlich zehn Schilling gekauft und ein paar Mal gelesen und in den alten Büchergilde Gutenberg Katalogseiten, die ich von meinen Eltern erbte, habe ich ihr Bild, glaube ich, neben dem von Elisabeth Gürt und Erika Mitterer gefunden und der Anschluß an Österreich, wie überhaupt die ganze Nazizeit ist ja ein Thema, das mich sehr interessiert.
So habe ich mir vor ein paar Tagen, als mir die Mediathek das virtuelle Museum zum Thema “Progpaganda des Anschlußes” schickte, die Originaltonaufnahmen angehört und höre jetzt auch die Journal Panorama Sendung zum Anschluß und bin am Abend in den Republikanischen Club zur Lily Körber-Lesung gegangen.
Traude Korosa, die, wie mir Judith Gruber-Rizy sagte, immer so alte Sachen ausgräbt, war die Verantwortliche. Judith Gruber-Rizy, Heidi Hagl, Traude Korosa, Hilde Langthaler, Angelika Raubek, Gabriela Schmoll und Hilde Schmölzer haben gelesen.
Elfriede Haslehner, Eva Geber, Richard Langthaler, Antia C. Schaub und noch viele andere waren im Publikum.
Traude Korosa gab eine kurze Einleitung, zitierte Lili Körbers Lebenslauf und erwähne, daß das Buch inzwischen nur mehr antiquarisch zu bekommen ist, dann wurden Ausschnitte daraus gelesen, beginnend mit dem 12. März.
“Eine Österreichin erlebt den Anschluß”, ist ein Tagebuchroman, die Ich-Erzählerin Agnes Muth, die in Wien bei einem Verlag arbeitet, einen sozialistischen Bruder und einen jüdischen Freund hat, erfährt im Büro von der Schuschnigg-Rede, verbrennt mit ihrem Chef Briefe und Manuskripte und geht über den Heldenplatz nach Hause bzw. zu der Familie ihres Freundes, ein altes Mutterl weint dort, während die anderen begeistert “Heil Hitler!”, schreien, die Schwester ihres jüdisches Freundes ist Schriftstellerin und daher besonders gefährdet und soll flüchten, aber wo soll sie sie hin und wo sind noch die Grenzen offen?
Der Bruder Franz ist mit dem Mann der Arbeiterin Mitzi, die im Karl Marx Hof wohnt schon mit den Schiern in die Schweiz geflüchtet und Agnes wird in den nächsten Tagen schief angeschaut, weil sie kein Hakenkreuzzeichen trägt, denn das ist den Juden verwehrt, so wird sie für eine Jüdin gehalten gehalten, der Vater ihres Freundes meint aber, daß es nicht feig ist, ein solches zu tragen. Dr. Levy ihr Chef schenkt ihr dreihundert Schilling, damit sie sich etwas Schönes kauft und es nicht die Nazis gekommen, der entlassene Buchhalter Winkler übernimmt den Verlag und will Agnes Pass, so muß sie sich schließlich auch in den Zug in die Schweiz setzen, wo ein paar Wochen später der erste Roman über den Anschluß erscheint und niemand wußte, daß Lili Körber die Verfasserin war.
So weit die Lesung, ich kann mich noch an die Stelle erinnern, wo, ich glaube, die Mitzi, bei irgendeiner Dame putzt, die sich als Volksgenossin protzt, ihr einen Vortrag darüber hält und dann entsetzt ist, daß die couragierte Mitzi, sie einfach als “Volksgenossin!”, anspricht, denn so war das natürlich nicht gemeint.
Ein sehr interessantes Buch, schade, daß es nicht mehr zu bekommen ist, nachher gab es wieder Gespräche bei Wein und Soletti und schon am Mittwoch und im April weitere Lesetheaterveranstaltungen.
Am Mittwoch eine in Memoriam Ceijka Stojka-Veranstaltung, die ja eine KZ-Überlebende war und am 28. Jänner gestroben ist und am 18. April “Vilma Neuwirth: “Glockengasse 29”, wo sich eine Jüdin in der NS-Zeit versteckte und ein Buch das ich, glaube ich, auch schon gelesen habe, weil ich es einmal im Bücherturm der Literatur im März Veranstaltungen fand, wobei man wieder sieht, wie wichtig solche Bücherfunde und das Büchersammeln ist.

Julian Schuttings Herrenrunde

Wieder einmal Zauberberg, die monatliche Veranstaltung im Klangtheater, wo man eine Hörspiel- oder Featureproduktion vorab hören und mit dem Autor und dem Regisseur diskutieren kann.
Bei Andrea Winkler bin ich einmal dortgewesen, diesmal gab es Julian Schuttings “Herrenrunde”, ein Sprachkünstler, der mich ja interessiert und traf prompt Inge Reisner im Foyer, bei der letzten Schutting Veranstaltung in der Gesellschaft für Literatur sind wir nebeneinandergesessen.
Im Klangtheater saßen wir in den vermutlich ausrangierten Polstermöbeln hintereinander. Die erste Reihe war für Autor und Regisseurin reserviert, Peter Klein, der Moderator lief auf und ab. Relativ viel Publikum, Julian Schutting begrüßte beim Hereingehen seine Freunde und meinte zu Beginn, das Publikum würde sein Hörspiel unsympathisch finden, gehe es ja um Ehescheidungen, zu mindestens hat Peter Klein zu Beginn die Scheidungsstatistik referiert.
In Wien werden die meistens Ehen geschieden, in ÖO die wenigstens und in Julian Schuttings-Herrenrunde kommen nicht nur Herren, sondern auch Damen zusammen, um sich über ihre Beziehungen zu äußern, stänkern, motschkern hat es Peter Klein erklärt.
Als Plädoyer für die Ehescheidungen hätte ich es gar nicht empfunden und auch der Titel wunderte mich etwas, kamen ja auch, wenn auch in geringerer Zahl Frauenstimmen vor und eingeleitet waren sie sehr oft mit Namen. Ein Peter, Dieter, Albert, Bruno, eine Gerti, etc, mit Musik umrahmt, Brahms aber auch moderneres und manchmal überschnitten sich die Stimmen, was vom Publikum später bemotschkert wurde und für mich war dieser Schutting auch alltagssprachlicher, als, was ich sonst so von ihm kenne. Er scheint das auch so empfunden zu haben und hat von einem Volksstück in der Diskussion gesprochen.
Das Publikum widersprach vehemt und hat Dinge herausgehört, die mir entgangen sind.
Schöne Sätze, schöne Szenen waren es aber allemal, Venedigszenen und Beschreibungen von Paaren, die sich gegeneinander beschwören, daß sie zu müde für die Liebe sind, bevor sie in ihre Liebesspiele entfalten und von den alten Paaren, die sich in der Wienerwaldschenke die Brettljause miteinander teilen und dem andere jeweils das schöner Brotstück, das größere Gurkerl zuteilen.
Wo bleibt da die Scheidung? Und es endete auch tröstlich, bekundete Julian Schutting am Ende. Ein Dichter kam natürlich auch noch vor und ein Paar das siebzig Sonntagseier miteinander teilte, weil die bekommt man nur dann zum Frühstück und eines das zur Scheidung ein Geschenk mitbringt. Sie bringt es, er hat es vergessen und reißt die Widmung von ihrem Buch heraus.
Allerweltsäußerungen über Beziehungen in einer etwas anachronistischen Sprache, was so die Peters, Dieters, Alberts am Stammtisch über ihre Frauen nicht sagen würden und Renate Pitroff hat es mit elf Schauspielstimmen zurechtgeschnitten, in der Diskussion sprach Peter Klein dann auch Julian Schuttings Flaneurtätigkeit an.
“Hierher sind Sie aber nicht zu Fuß gekommen?”
“Doch!” antwortete er .
“Von Grinzing über Döbling ist das nicht weit und in die Oper gehe ich auch zu Fuß über den Donaukanal!”
Was ich, die ich ja auch einmal, in der Sommeraffenhitze auf den Grinzinger Friedhof gegangen bin, bestätigen kann, das es nicht stimmt. Es ist von Grinzig weit bis in die Argentinierstraße und ich würde dazu länger als eine Stunde brauchen, gehe aber auch sehr viel zu Fuß und finde das sehr inspirierend.
Julian Schutting war einmal, wie er erzählte, verheiratet und ist ein großer Liebender, vierzig Bücher und mehrere Hörspiele hat er auch schon geschrieben.
Am Schluß gab es dann den Hinweis auf die Hörspielsendung gleich heute Dienstag.
Am Donnerstag gibt es dann Lyrik im Klangtheater, so daß Peter Klein Julian Schutting nach seinen Lyrikvorlieben fragte.
“Hölderin und Mayröcker!”, antwortete er und beklagte dann , daß soviel saudumme Lyrik geschrieben würde, was mich ein wenig verwunderte, kann ich mich ja an eine GAV-GV erinnern, wo es um die Aufnahme von eher als kitschig empfundenen Lyrikerinnen ging und er einer der wenigen war, die für die Aufnahme stimmten.
“Nach der Bachmann wird sehr schlechte Lyrik geschrieben!”, hat er aber sinngemäß gesagt, wie Peter Klein zitierte, die Herren und die Damenrunde hat aber ohnehin in ästhetisch schöner Prosa gematschkert und gestänkert.

Der Sohn des Knochenzählers

Evelyn Grill führt mit ihren neuen Roman genannten hundertdreißig Seiten Text wieder in die beklemmende Welt der oberösterreichischen oder salzburgischen Provinz. ein kleinwenig moderner als bei “Winterquartier” scheint es zu sein und ist überhaupt die Fortsetzung von “Wilma”, beziehungsweise tauchen die Ev und die Agnes wieder auf und der Totengräber Kilian ist ja seit Wilmas Tod verschwunden, so daß in dem neunhundert Seelen Städtchen mit dem See und der Kältenausgrabung ein Totengräber gesucht wird und sonst auch recht unheimliche Dinge passieren und beginnen tut es mit der Frau, die der Archäologe und Hofrat Franziskus, genannt der Knochenszähler plötzlich in das denkmalgeschützte alte Haus mitbringt und in der Kellerkammer vorübergehend einquartiert.
Es ist seine Assistentin Frau Dr. Martha Tengler. Aber eigentlich ist etwas ganz anderes passiert, die Frau des Knochenzählers, die schöne Benita aus la bella Italia ist verschwunden, als sie am Faschingssamstag auf einen Ball gehen wollte, läßt Mann und den zwanzigjährigen Sohn Titus zurück und der fungiert eine Zeitlang als Erzähler und versteht sich nicht mit seinem Vater, stellt ihm die Pendeluhr ab und quält seine Hamster, die ihm alle sterben. Sein Freund Connie besorgt ihm immer neue und der ist auch recht seltsam, besteht er doch auf ein schwarzes Boot, eine schwarze Gondel mit der er über den Traunsee oder welchen See auch immer fahren will und Titus ist im Dorf ein Außenseiter, ließ ihn seine schöne Mutter doch als Jugendlicher über das Osterfeuer springen. Er rutschte aus und seither ist die halbe Gesichtshälfte entstellt, so bunkert er sich ein in seinem Zimmer, streichelt die Kleider der verschwundenen Mutter, streicht nachts in der Gegen herum, wirft die verstorbenen Hamster in die Zisterne, aus der es schon fürchterlich stinkt und trinkt auch immer wieder ein Bier.
Der Vater, die Mutter und auch die Putzfrau Agnes haben ihm zu einem Studium in Wien oder wenigstens einer Lehre drängen wollen, er verweigert und interessiert sich nur für das Amt des Totengräbers.
Da taucht aber schon ein italienischer Schauspieler namens Luziano Zanotti auf, der am Friedhof Festspiele auführen will und engagiert ihn als seinen Assistenten. Er hat einen Hut mit einer Teufelsfeder, das läßt an Mephisto denken und die sechzehnjährige Förstertochter Rita fürchtet sich vor Titus Nachstellungen. Der fährt mit den beiden Freunden im schwarzen Boot, Connie stößt ihn und Rita ins Wasser. Luziano hält Titus fest und sagt ihm, daß die Mutter am Tag ihres Verschwindens mit ihm durchgehen hätte wollen und der Herr Hofrat, der seine Martha in das Schlafzimmer von Benita läßt, sagt ihr, das Kind war nicht von ihm, es war nur eine platonische Ehe und drei verschwundene kaputte Porzellanpuppen gibt es auch.
Am Ende erhängt sich Titus, in der Zisterne wird Benitas Leiche gefunden, der Sohn hat sie nicht hergeben wollen und der Vater verschwindet mit seiner Assistentin nach Wien, ob sie wiederkommen ist unklar, obwohl Ev und Agnes beim Kaffee am Nachmittag darüber sprechen.
Ein beklemmendes Leseerlebnis, das mir manchmal wieder zu dick aufgetragen ist, da erscheint mir Evelyn Grill zu bemüht dem Österreichklischee mit dem morbiden Dunkeln zu entsprechen, hat sich von einer Psychoanalytikerin beraten lassen und möglicherweise auch einen Hang zur Burleske.
Ein bißchen erinnert das Buch auch an Thomas Wollinger “Archäologin”, obwohl die längst nicht so überhöht ist und eher ins science fiction genre geht.
Ich bin ja inzwischen fast sowas wie eine Grill Expertin, habe außerdem noch “Ins Ohr”, die “Schönen Künste” und das “Antwerpener Testament” gelesen und die “Rahmenhandlungen” vor Jahrzehnten als Fortsetzungsroman in der sozialistschen Wochenzeitschrift, “Die Frau”, die meine Mutter abonniert hatte.
“Vanitas oder Hostätters Begierden”, “Hinüber”,”Das römische Licht” und den “Sammler” noch nicht, aber letzter steht schon auf meiner Leseliste.

Land unter ihnen

Das bei Limbus, wo auch Erika Kronabitter ihre Bücher verlegt, 2011 erschienene Novellenbändchen von Alexander Peer habe ich, glaube ich, gefunden, als ich zum vorvorigen Adventspaziergang aufgebrochen bin, da war dann beim Heimkommen, als ich noch nach Hesses “Glasperlenspiel” schauen wollte, die Tür des “Wortschatzes” beschädigt, “Land unter ihnen” und Orhan Pahmuks “Schnee” hatte ich mir schon vorher mitgenommen, denn den Namen Alexander Peer kannte ich aus dem Kunst-Lesebuch des Essl Museums “Schönheit und Vergänglichkeit” und habe dort auch erfahren, daß er 1971 in Salzburg geboren wurde, Germanistik, Philosophie und Publizistik studierte und in Wien lebt.
Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind Reisereportagen, er ist PEN-Mitglied und hat für die vorliegende Novelle, das weiß ich aus seiner Homepage, 2001 den 3. Preis des Prosapreises von Brixen/Hall bekommen.
Ich wundere mich ja immer etwas so Aktuelles in den Schränken zu finden, in der Novelle geht es aber um die Eroberung von Mexiko im Jahre des Herrn von 1519 und um Hernando Cortes.
Das Buch ist in schönen grün gehalten, auf dem Titelbild ein Urwald mit bunten Blumen und einem Löwen, der sich zaghaft herausverirrt zu sehen und in der Laudatio von Prof Dr. Methlagel habe ich etwas vom Kippen vom sechzehnten Jahrhundert in die Gegenwart gelesen und wenn ich mich nicht irre, irgenwo auch etwas von slapsticartigen Momenten und das stimmt, Peer erzählt die blutige Eroberungsgeschichte in schönen bunten Bildern, beginnt auf der ersten Seite von einem abgebrochenen Studium des Helden und man staunt, hat es das im sechzehnten Jahrhundert schon gegeben? Von seiner Jugend und dem Vater, der sich zuerst, der Mutter, dann der Magd und zuletzt dem Wein zugewandt hat, den kleinen Hernando immer in den Weinkeller sperrte und auf ihn vergaß, auf den Wein nicht, so daß der Kleine überlebte.
Groß geworden legt ihn der König den Arm auf seine Schulter und schickt ihn nach Amerika, Mexiko, Indien oder wohin auch immer, denn er braucht Gold für seine Feldzüge, das ist aber auch nicht so leicht, denn Cortes hat Widersacher, zum Beispiel Diego Velasques, der ihn zurückhalten will, so muß er mit seiner Flotte ohne die nötige Verpflegung aufbrechen. Die Eroberung Mexikos ist auch mit einigen Mißverständnissen verbunden, so fragt Cortes einen Einheimischen, wie den die Insel heißt “Ya catan! – Ich verstehe nicht!”, sagt der.
“Aha, Yucatan!”
Mit Vera Cruz geht es ebenso, da wird das wahre Kreuz errichtet und Cortes hat auch eine Begegnung mit einem Kind, das ehrfürchtig den Saum des Kleides des Fremden berührt, was ihn an seine erste Frau erinnert.
Mit von der Partie ist auch der Soldat Vasques, der den Kakao nach Spanien bringen wird, denn Cortes und der König wollen ja das Gold, so reißen sie den Priester die Schätze aus den Tempeln und schmelzen es ein, es kommt zu Gemetzel und Blutvergießen und noch einigen anderen Raubzügen, bis Cortes vom König zurückgerufen in einem Art Altersheim stirbt.
Eine sehr interessante Novelle, die ein bißchen darüber nachdenken läßt, wie die Eroberung der Welt geschehen ist, obwohl es wahrscheinlich ganz anders war, als es Peer in seinen Bildsequenzen schildert, grausig war es wahrscheinlich allemal und es lohnt sich darüber nachzudenken, welch blutigen Boden wir betreten, wenn wir, wie ich es vor Jahren einmal mit Alfred und Anna machte, nach Mexiko reisen und die Aztekentempel besuchen.
Ein Nachwort von Karl Vocelka, Professor für österreichische Geschichte gibt es auch, der den Unterschied zwischen Literatur und Geschichte erklärt und meint, daß es der Literat einfacher als der Historiker hat, denn er kann “erfundene Figuren, die bestimmte Aspekte des Themas herausarbeiten, einführen, was oft den Reiz der Erzählung ausmacht und die Freiheit der Kundst gegen die Enge der Wissenschaft manifestiert.”
Eine interessante österreichische Neuentdeckung, die ich dank der Bücherkästen und dem Essl-Lesebuch da machen durfte, die sonst vielleicht an mir vorbei gegangen wäre.

Noch einmal Hauptbücherei

Cornelius Hell

Cornelius Hell

Normalerweise finden ja am Samstag keine Veranstaltungen in der Hauptbücherei statt, aber Peter Esterhazy tritt am Montag in der Sendung les.art auf und präsentierte vorher sein neues Buch “Esti”, das eigentlich eine Figur aus einem Roman von Deszö Kosztolany 1885-1936 ist, der in seinen “Bekenntnissen des Kornel Esti”, in Deutsch unter dem Titel “Ein Held seiner Zeit”, erschienen, nach dem Vorbild von Thomas Mann “Felix Krull”, siebzehn Schelmengeschichten schrieb und diesen Romanhelden hat der 1950 geborene Peter Esterhazy jetzt offenbar wiederbelebt und ihm auch verschiedene Rollen gegeben.
Cornelius Hell, der die Veranstaltung moderierte und auch ein Buch über Budapest geschrieben hat, in dem er öfter auf Peter Esterhazy hinwies, bzw. ihn schon mehrmals interviewte, begann seine Moderation damit, daß er sich über das Buch, weil er ja Cornelius heißt und als Kind Cornel gerufen wurde, auf das Buch freute und gab dann eine sehr umfangreiche Einleitung, die Peter Esterhazy etwas zu stören schien, “Sie erzählen ja schon alles was ich lesen werde!”
Mir ist der Unterschied zwischen den beiden Büchern aber nicht so recht klargeworden.
Eine Gelegenheit beide zu lesen, um es herauszufinden, ich weiß, trotzdem habe ich den Alfred vom Kaufen abgehalten, habe ich ja schon so viele Bücher und wieder einige beim Bücherschrank gefunden, an dem ich natürlich vorbeigekommen und dabei auch Ruth Aspöck getroffen.
“Esti c èst moi!”, steht irgendwo bei Peter Esterhazy und der erzählte auch im Gespräch mit Cornelius Hell, daß er als Schüler Kosztolany kennenlernte und begann mit der Lesung mit einem Kapitel “Kornel Esti und die deutsche Sprache”, wo es um das Deutschlernen eines Ungarn ging, am Nachmittag vertieft er sich in seine Bücher, versucht selbst eine Novelle zu schreiben, zitiert dann Jandl und geht in seine Kindheit zurück, wo er bei der Tante Deutsch lernte und das aus einem “Fix und Foxi”- Heft aus den Sechzigerjahren mit einer Sprechblase und einem Wort machte, dann kam noch die Baronin dazu, die der Vater den Kindern als Hauslehrerin holte und der Junge verliert ständig seinen Radiergummi, um unter den Tisch kriechen zu können und sich die Unterhose der Lehrerin anzusehen, die ihn in ihrer Mächtigkeit faszinierte.
Dann kam das Gespräch, wo Esterhazy einiges über sich erzählte und dann kamen noch die Kapitel, die Cornelius Hell schon in seiner Einleitung angedeutet hatte.

Peter Esterhazy

Peter Esterhazy

Peter Esterhazy

Peter Esterhazy

Eine italienische Putzfrau in der Toscana, die Esti so schnell auf Italienisch was erzählte, daß er immer nur “Si, si!”, antwortete und sie dabei offenbar so mißverstand, daß sie entsetzt davon flüchtete und dann eine Szene, wo Esti einem Dieb nachläuft und dann noch die, wo die Tochter zu Weihnachten eine Hundepfote den Eltern schenkt, weil sie einen Hund haben möchte und den ihnen auf Raten kauft, interessant, interessant, obwohl ich den Unterschied der beiden Bücher nicht so ganz verstanden habe, am Büchertisch lagen die Bücher von beiden Autoren auf und ich habe auch meine Peter Esterhazy Geschichte, von dem ich nicht sicher bin, ob ich ihn schon einmal einmal bei einer Lesung hörte, mir aber 1989 ein Buch von ihm besorgte, ich glaube, es waren die “Hilfsverben des Herzen”, weil ich da ja über die Veränderungen in Ungarn nach der Wende etwas schreiben wollte, am Recherchieren aber entsetzlich gescheitert bin, so daß nicht mehr als das erste halbe Kapitel entstanden ist.
Ich habe dann noch das 1996 erschienene “Eine Frau”, in meinen Katalog eingetragen und bei Buchlandung auf der Mariahilferstraße habe ich mir einmal um einen Euro einen Marginalienband zu dem Monsterwerk “Harmonia Celestis” gekauft, also Peter Esterhazy nicht wirklich viel gelesen, aber jetzt einen guten Eindruck von dem selbstbewußten, weißhaarigen Dichter mit der leisen freundlichen Stimme bekommen.
Und in “Diagonal” gab es zwei Stunden über Bücher, wo auch einiges über meine Lieblingsthemen, die Lesegewohnheiten, die veränderten Billyregale und die ausgeräumten Wohnzimmer, ich denke ja immer, das sind die Bücher, die ich in den Bücherschränke finden, obwohl in Österreich ja angeblich nur ein Prozent die E-Books nützen, die Verleger, die Lektoren, etc zu hören war, wahrscheinlich weil bald die Leipziger Buchmesse naht.

Die Königin der Olga Flor

Die 1968 in Wien geborene und in Graz lebende Olga Flor kenne ich seit ihrer GAV-Aufnahme, 2001 war das wahrscheinlich. 2002 habe ich sie, glaube ich, auf dem Rathausplatz gehört, als es da im Zug der steirischen Tage im Kaffeehauszelt eine von Martin Wanko moderierte steirische Lesung gegeben hat, wahrscheinlich hat sie da aus ihrem ersten Roman “Erlkönig” gelesen und ist bald bekannt geworden und in den Literaturbetrieb eingestiegen. 2003 hat sie den Priessnitz-Preis bekommen, da war ich dort, bzw. bin ich gerade von einer Gerstl-Lesung aus der Hauptbücherei gekommen, wo ich die zweite Szene von “Taubenfüttern” geschrieben habe, die, wo der Johannes Schwarzinger wirr in Wien herumrennt und habe mich mit Antia C. Schaub unterhalten, die gerade an unseren Frauenbuch geschrieben hat und ihr gesagt, daß sie Olga Flor auch in ihre Portraits aufnehmen hätte können.
2004 ist dann der Stoessl-Preis gekommen, für den ich mich auch ein paar Mal erfolglos beworben habe und 2005 der zweite Roman “Talschuss”, der, wie ich dem Programm der Hauptbücherei entnehme, monatelang auf der ORF-Bestenliste stand.
Dann kam der Roman “Kollateralschaden”, der ähnlich, wie mein “Wiener Stadtroman” an einem Tag spielt, 2008 war der für den dBP Preis nominiert und da war auch die erste Buch-Wien, wo Olga Flor, glaube ich, bei der Eröffnung der Lesefestwoche im Museumsquartier daraus gelesen hat und jetzt gibt es den vierten Roman, im Herbst erschienen und irgendwie an mir vorbeigegangen, “Die Königin ist tot”, der am Freitag in der Hauptbücherei präsentiert wurde.
Ich habe noch keinen Flor-Roman gelesen, war aber auf den oben erwähnten Lesungen und habe sie, glaube ich, auch in der Alten Schmiede gehört, als dort das Grundbuch-“Wand” präsentiert wurde, bzw. bei den Jelinek-Dialogen.
Das die kleine Physikerin mit den kurzen Haaren und der riesigen viereckigen Brille, die von der Radio Moderatorin Judith Brandner vorgestellt wurde, sehr qurelig ist, habe ich auch erst jetzt so richtig mitbekommen.
Ein modernes Macbeth Drama hat sie in ihrem vierten Roman geschrieben, bzw. die Handlung nach Chicago in die nahe Zukunft verlegt und eine Europäerin mit großen Mundwerk und großen Wortschatz nicht linear von ihrem Leben erzählen lassen, eine Europäerin, die offenbar um jeden Preis, den großen Aufstieg will, sich deshalb von einem mächtigen Medientycoon ehelichen läßt, er läßt ihr durch seine Anwälte den Ehevertrag schicken und fährt mit ihr im Lift in den siebenundsechzigsten Stockwerk seines Towers auf und ab. Der Lift spielt überhaupt eine große Rolle und die Ich-Erzählerin, die sich Lilly nennt, war offenbar einmal sein Liftmädchen, einen Türsteher gibt es auch und soziale Unruhen, die man vom Fenster aus beobachten kann, es gibt Sicherheitskontrollen und der Tycoon inszeniert sie oder sie ihn mit ihrer spitzen Zunge, dann tauscht er sie für eine Jügere aus, bzw. übergibt er sie seinen Stellenvertreter. Sie läßt sich aber offenbar auch gerne übergeben und am Ende schmiedet sie ein Rachekomplott, bzw. einen Mord und Olga Flor erzählte auch genauso schnellzüngig, was mich ein wenig an Wendelin Schmidt-Dengler erinnerte von ihrer Romanarbeit. Macbeth hat sie immer schon fasziniert, die Ich-Erzählerin hat ein antifeministischen Konzept und das am Frauentag, den Judith Brandner in ihrer Einleitung extra erwähnte.
Was soll sie aber machen, fressen oder gefressen werden ist die Devise in einer Welt wie dieser und die Protagonistin will die Macht und das angenehme Leben.
Sie ist eine unsympathische Figur, denn nur mit einer solchen wollte sich Olga Flor beschäftigen, sonst wäre das Schreiben langweilig, dann ist sie ihr aber doch sympathisch geworden.
Die Publikumsfragen beschäftigten sich mit den Gefühlen und mit den Kindern, die in solchen Familieninszenierungen natürlich auch vorkommen und ihre Rolle spielen, der Tycoon braucht ja seine Erben.
Sabine Gruber war im Publikum und wurde von Olga Flor herzlich begrüßt und am Ende wies Judith Brandner, die mit Olga Flor seit zehn Jahren befreundet ist, auf den Büchertisch hin und ich bin natürlich gespannt, ob ich einmal eines der Olga Flor-Bücher finde, obwohl mir die Ich-Erzählerin und ihr Lebenskonzept glaube ich, nicht sehr sympathisch ist.