{"id":42207,"date":"2016-02-29T00:08:59","date_gmt":"2016-02-28T23:08:59","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=42207"},"modified":"2016-02-29T00:08:59","modified_gmt":"2016-02-28T23:08:59","slug":"poem-ohne-held","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=42207","title":{"rendered":"Poem ohne Held"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder was ganz Altes. Kein Fund aus dem offenen B\u00fccherschrank, sondern eines der B\u00fccher, die ich mir f\u00fcr G\u00fcnter Ms. &#8220;Thalia-Gutschein&#8221; kaufe, den er mir einmal zu meinen Geburtstagsfest mitgebracht hat.<\/p>\n<p>Da gab es auf der Mariahilferstra\u00dfe eine Kiste, wo ein ganzer Stapel von &#8220;Reclam-Leipzig-Ausgaben&#8221; lagen. Ein paar davon habe ich schon gelesen, die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/02\/10\/ein-date-mit-mr-darcy\/\">Jane Austen<\/a> kommt wahrscheinlich als n\u00e4chstes dran, wenn ich mit den Fr\u00fchlingsneuerscheinungen, die ich einschieben sollte, fertig bin und es war interessant, Anna Achmatowa kurz nach <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/02\/21\/eine-dame-von-welt\/\">Henry James<\/a> zu lesen.<\/p>\n<p>Stilistisch haben sie sich zwar nichts zu sagen und sind wahrscheinlich wie Hund und Katz miteinander zu vergleichen, aber Henry James Todestag j\u00e4hrte sich am Sontag, glaube ich, zum hundertsten Mal, und da h\u00e4ufen sich die Neuauflagen und Brigitte Schwens-Harrant, die Staatspreistr\u00e4gerin f\u00fcr Literaturkritik, erkl\u00e4rte diese Woche jeden Morgen, warum man Henry James lesen sollte, obwohl das auf dem ersten Blich ja nicht so eindeutig scheint. Denn ich w\u00fcrde meinen, da\u00df in Zeiten, wie diesen Anna Achmatowa viel aktueller ist, aber die ist eine Lyrikerin, also noch ein Grund, weil sich ja die &#8220;Lyrik im M\u00e4rz&#8221; bald naht, als solche aber wahtrscheinlich schwer verst\u00e4ndlich, dann noch eine Russin und eine Frau, etcetera, da w\u00e4ren wir schon wieder bei den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?s=Frauenpower+beim+bachmannpreis\">Vorurteilen<\/a>, dabei hat man den Namen Anna Achmatowoa h\u00f6chstwahrscheinlich schon womal geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Bei mir war es jedenfalls so, eine ber\u00fchmte russische Dichterin, deshalb habe ich auch nach dem B\u00e4ndchen gegriffen, das bei &#8220;Thalia&#8221; wahrscheinlich unverk\u00e4uflich war, so da\u00df es in der W\u00fchlkiste landete, aber viel mehr als den Namen, habe ich auch nicht gekannt, also zuerst einmal nachgegooglet, obwohl das Buch \u00fcber einen sehr langen und ausf\u00fchrlichen Anmerkungsteil verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Es ist aber nicht ganz einfach zu lesen und der Titel ist eigentlich auch ein wenig irref\u00fchrend, denn es ist ja nicht nur Anna Achmatowas wohl ber\u00fchmtestes Gedicht darin enthalten, sondern \u00fcberhaupt sp\u00e4te Gedichte, ab 1965 bis zu ihrem Tod in den Sechzigerjahren und ein paar Prosateste gibt es auch.<\/p>\n<p>Anna Achmatowa wurde 1889 in Odessa geboren, hat einige Male geheiratet, fr\u00fch zu schreiben begonnen, ist mit ihrem ersten Mann auch nach Paris gereist, wo sie den Maler Modgliani traf, ein paar Texte \u00fcber ihm gab es auch in diesem Buch.<\/p>\n<p>Sie war mit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/05\/26\/der-meister-und-margarita\/\">Michail Bulgakow<\/a> und <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?s=amerikatz\">Jossip Mandelstam<\/a> befreundet und mit ihnen in der K\u00fcnstlergruppe der Akmeisten, zwei Gedichtb\u00e4nde sind im ersten Weltkrieg entstanden.<\/p>\n<p>Nach der Oktoberrevolution war sie Bibliothekarin in einem landwirtschaftlichen Institut und hatte Schwierigkeiten mit der Zensur, weil sie zu erotisch und zu innerlich schrieb, dann auch Schreibverbot. Einer ihrer Ehem\u00e4nner wurde wegen konterrevulion\u00e4rer T\u00e4tigkeiten erschossen, der zweite und ihr Sohn wurden\u00a0 in den Drei\u00dfigerjahren mehrmals verhaftet und Anna Achmatova verbrachte diese Zeit oft in Wartschlagen vor den Gef\u00e4ngnissen. Einmal hat sie eine sehr zusammengeschlagene Frau dort angesprochen und sie &#8220;K\u00f6nnen Sie das beschreiben?&#8221;, gefragt.<\/p>\n<p>&#8220;Und ich sagte: &#8220;Ja&#8221; Da glitt so etwas wie ein L\u00e4cheln \u00fcber das, was eimal ihr Gesicht gewesen war.&#8221;<\/p>\n<p>So entstand das &#8220;Requiem, von 1935- 1940 geschrieben. Auch das gibt es in dem Buch\u00a0 und noch viele andere Gedichte und Ausz\u00fcge aus Zyklen, bis man zu dem Opus Magnum, dem &#8220;Poem ohne Held&#8221; kommt, dem auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Poem_ohne_Held\">&#8220;Wikipedia<\/a>&#8221; eine ganze Seite gewidmet hat.<\/p>\n<p>Zwischen 1944 bis 1962 hat Anna Achmatowa an dem Triptichon geschrieben, das eine Einleitung und einige Widmungen hat und das, wie man in den Text von Kornej Tschukowski \u00fcber die Dichterin nachlesen kann und auch mir aufgefallen ist, die Lyrik sehr mit der Prosa, Tschukowski schreibt, glaube ich, Novellen verbindet, so gibt es eine Handlung, die auch genau beschrieben wird und das Ganze w\u00fcrde ich jetzt interpretieren, ist der Zerst\u00f6rung der Stadt Leningrad oder St. Petersburg gewidmet, die Anna Achmatowa sehr geliebt hat..<\/p>\n<p>So beginnt der erste Teil mit dem &#8220;Jahr Neunzehnhundertunddreizehn-Petersburger Erz\u00e4hlung&#8221; und wir tauchen ein, in den Karneval, in die Balln\u00e4chte des &#8220;weissen Saals&#8221;, begegnen Sancho Pansa und Don Quichotte, kommen in das Schlafzimmer der Heldin, etcetera, um dann im zweiten Teil schon im Janur 1941 angekommen zu sein, wo &#8220;ihr Redakeur nicht zufrieden mit der Autorin ist und sie vielleicht eines Plagiates&#8221; verd\u00e4chtigen wird.<\/p>\n<p>Im dritten Teil wir sind in der &#8220;wei\u00dfen Nacht des 24. Juni 1942&#8221; angekommen, gibt es dann einen Epilog, bevor es in das Wesentliche geht :<\/p>\n<p>Und jemand sagte &#8220;Quo vadis?&#8221;<\/p>\n<p>Doch er konnte die Lippen nicht regen,<\/p>\n<p>Als mit seinen tunneln und Br\u00fccken<\/p>\n<p>Zu donnern begann der verr\u00fcckte Ural.<\/p>\n<p>Und es \u00f6ffnete sich mir der Weg,<\/p>\n<p>Auf dem man vor mir gegangen<\/p>\n<p>Und der meinen Sohn transportiert.<\/p>\n<p>Lang war der Begr\u00e4bnisweg, endlos,<\/p>\n<p>ein feierliches, kristallenes Schweigen<\/p>\n<p>Fesselte ring das SIBIRISCHE LAND<\/p>\n<p>Fort von dem, was zu Staub war,<\/p>\n<p>Marschierte, gepackt von t\u00f6dlicher Furcht,<\/p>\n<p>Wissend um die Frist der Vergeltung,<\/p>\n<p>Die tr\u00e4nenlosen Augen gesenkt &#8211;<\/p>\n<p>Vor mir her nach Osten, das<\/p>\n<p>Die H\u00e4nde ringende Ru\u00dfland&#8221;<\/p>\n<p>Beendet in Taschkent, wohin die Autorin, glaube ich, evakiert wurde, am 18. August 1942, steht darunter.<\/p>\n<p>Anna Achitmatowa, die, wie Kornej Tschukowski schreibt, eine sehr liebensw\u00fcrdige, bescheidene Frau war, die in den \u00e4rgsten Hungerszeiten, die Nestle-Dosen und Zuckerst\u00fccke, die man ihr schenkte, an andere weitergab, wurde\u00a0 in den f\u00fcnfziger Jahren rehabilitiert und ist am 5. M\u00e4rz 1966, Stalins Todestag, in einem Erholungsheim gestorben. Herausgekommen ist die Versnovelle, 1967 erstmals als Ganzes in New York.<\/p>\n<p>In dem\u00a0 1993 in letzter Auflage, zweisprachig erschienenen Reclam-Buch ,das von Fritz Mierau herausgegeben wurde, gibt es \u00dcbersetzungen von Elke Erb, Sarah und Rainer Kirsch, sowie anderen.<\/p>\n<p>Eine neuere \u00dcbersetzung des Poems ist auch von <a href=\"http:\/\/www.grupello.de\/dateien\/b38.pdf\">Alexander Nizberg<\/a> erschienen, die man im Netz finden kann und ich w\u00fcrde mir\u00a0 eine von ihm vorgetragene &#8220;Stunde der literarischen Erleuchtung&#8221; mit dem Poem in der &#8220;Alten Schmiede&#8221; w\u00fcnschen, aber vielleicht hat es das schon gegeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder was ganz Altes. Kein Fund aus dem offenen B\u00fccherschrank, sondern eines der B\u00fccher, die ich mir f\u00fcr G\u00fcnter Ms. &#8220;Thalia-Gutschein&#8221; kaufe, den er mir einmal zu meinen Geburtstagsfest mitgebracht hat. 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