{"id":42077,"date":"2016-02-13T23:36:05","date_gmt":"2016-02-13T22:36:05","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=42077"},"modified":"2016-02-13T23:36:05","modified_gmt":"2016-02-13T22:36:05","slug":"in-einer-person","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=42077","title":{"rendered":"In einer Person"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein Einschub auf meiner Leseliste, n\u00e4mlich John Irvings, 2012 erschienener Roman, &#8220;In einer Person&#8221;, als Recherchelekt\u00fcre zu <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/02\/06\/zurueckgeworfen\/\">&#8220;Paul und Paula&#8221;<\/a> und interessant, es ist nicht der erste Irving, den ich mir zum Vorbild nehmen wollte, denn als ich, lang lang ists her, die <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_glueck_in_der_nische.html\">&#8220;Globalisierungsnovelle&#8221;<\/a> geschrieben habe, wo es um den Verkauf einer Niere geht, ist gerade &#8220;Die vierte Hand&#8221; erschienen.<\/p>\n<p>Sehr viel hat mir die Sprachgewalt des 1942 geborenen John Irvings, den ich inzwischen f\u00fcr einen Mainstreamschriftsteller hielt und von den Amerikaner, die ewig \u00fcber ihren Sex schreiben, halte ich bekanntlicherma\u00dfen<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/02\/mein-mann-der-kommunist\/?preview_id=36888\"> auch<\/a> nicht so viel, glaube ich, nicht geholfen. Das lag aber wahrscheinlich auch an mir und meiner damaligen Gehemmtheit.<\/p>\n<p>inzwischen habe ich, auch durch das &#8220;Literaturgefl\u00fcster&#8221; meine schreiberischen Hemmungen ziemlich verloren und von John Irving habe ich inzwischen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/10\/18\/witwe-fur-ein-jahr\/\">&#8220;Witwe f\u00fcr ein Jahr&#8221;<\/a> und &#8220;La\u00dft die B\u00e4ren los&#8221;, gelesen, das war einmal Buch bei der &#8220;Eine Stadt-ein Buch-Aktion&#8221; und da bin ich \u00fcber die f\u00fcrchterliche \u00dcbersetzung gestolpert, die, glaube ich, so schlimm war, da\u00df ich als es, um Wien und den B\u00fcrgerkrieg oder die Okkupation der Nazis ging, nichts mehr verstanden habe.<\/p>\n<p>Bei dem Buch ist mir nichts negativ an der \u00dcbersetzung aufgefallen und ich habe mich jetzt ein paar Tage lang, nachdem es mir, als sehr sehr gut, empfohlen wurde, eingelesen und war die ersten hundert Seiten lang nicht so davon \u00fcberzeugt, beziehungsweise brauchten ich oder John Irving, die wahrscheinlich, um in das Buch hineinzukommen, denn da wird das Leben eines genau, wie der Autor, 1942 geborenen Mannes, in allen seinen Details erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Der, William Abbot, w\u00e4chst in einem First Sister genannten St\u00e4dtchens in Vermont auf und ist, glaube ich, dreizehn als das Buch beginnt und er sich in Miss Frost,\u00a0 die Bibliothekarin des Ortes, verliebt, die ist viel \u00e4lter, hat einen kleinen Busen und breite Schultern und, weil er sich in sie verliebt, will er auch Charles Dickens zweimal lesen und in dem \u00d6rtchen, beziehungsweise an seiner Schule, wird auch sehr viel Shakespeare gespielt.<\/p>\n<p>Er ist der Sohn, der Soffleuse, seinen Vater, Franny Dean kennt er nicht wirklich, denn der ist schon nach oder vor seiner Geburt verschwunden, die Mutter zog ihn allein auf, tut sich dann aber mit einem Lehrer, namens Richard Abbot zusammen, der auch den Sch\u00fclern Shakespeare beibringen soll.<\/p>\n<p>Das geschieht in etwa auf den ersten hundert Seiten, dazwischen geht es gelegentlich nach vor, zu der Europareise, die William oder Bob nach seinem Schluabschlu\u00df mit seinem Mitsch\u00fcler Tom Atkins\u00a0 macht, geht vielleicht noch ein bi\u00dfchen nach vor, zu der Zeit, wo er in Wien studierte, auch das hat sein Autor so getan und dort auch einige Romane geschrieben oder spielen lassen oder nach Hamburg, wo Bill schon als Schriftsteller mit der Transexuellen Donna in ein eher mieses Transvestitenlokal gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Interessant an diesen Theaterauff\u00fchrungen ist\u00a0 auch, da\u00df die meisten Frauenrollen von M\u00e4nnern gespielt werden. Nun gut, die Schuler waren in den F\u00fcnfziger und Sechzigerjahren noch getrennt, aber auch sein Gro\u00dfvater Harry, der in fast jeden St\u00fcck mitspielt, spielt weibliche Rollen und nach dem Tod der Gro\u00dfmutter tr\u00e4gt er\u00a0 nur noch ihre Kleider.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil des Buches spielt 1960, da ist\u00a0 Bill gerade achtzehn und liebt noch immer Miss Frost, die sowas, wie die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/01\/12\/bibliotherapie\/\">Romantherapeutin<\/a> f\u00fcr die \u00f6rtliche Schuljugend ist, das hei\u00dft, falsch, soviele Jungen aus der Schule, gehen nicht in die st\u00e4dtische Bibliothek, aber Bill, in Miss Frost verliebt, tut es.<\/p>\n<p>Sie empfiehlt ihm &#8220;Giovannis Zimmer&#8221; und nimmt ihn in den Keller und in ihr Stahlbett mit. Sie betreibt dort mit ihm &#8220;Schenkelsex&#8221; und er erkennt, da\u00df sie einmal ein Mann war. Aber wieder falsch, das findet er heraus, weil er noch ein anderes Hobby hat. Er durchforstet n\u00e4mlich die Jahrg\u00e4nge der Schulabg\u00e4nger und im Buch von 1935 findet er einen Albert Frost, einen Ringer. Die Familie findet inzwischen das skandal\u00f6se Buch und auch den BH, mit dem der bisexuelle Bill\u00a0 onaniert und schickt den Gro\u00dfvater in die Bibliothek.<\/p>\n<p>Die Bibliothekarin wird entlassen, die Mutter ist entsetzt und Bill geht mit seinem Freund Tom auf Europareise, der ist auch ein wenig seltsam, aber in Bill verliebt.<\/p>\n<p>Der liest ihm &#8220;Madame Bovary&#8221; vor, weil ihm das Miss Frost empfohlen hat und Tom ist eifers\u00fcchtig,\u00a0 weint und windet sich am Klo. Nun ja, sp\u00e4ter wird Bill in Wien mit der S\u00e4ngerin Esmeralda, die an der Staatsoper fast einmal auftreten durfte, sich das aber selbst vermasselte, weil an diesem Tag Kennedy ermordet wurde, Vaginalsex haben und er hat noch viele Begegnungen mit M\u00e4nnern und Frauen und noch von der Schule eine Freundin, Elaine, die von seinem Erzfeind Kittredge geschw\u00e4ngert wurde.<\/p>\n<p>Ein bisschen verwirrend und schwierig, das alles wiederzugeben und dann kommen wir in die Siebzigerjahre.<\/p>\n<p>Bill ist Schriftsteller geworden, lebt mit und ohne Elaine in New York und erlebt, wie alle seine Freunde nach und nach an Aids sterben.<\/p>\n<p>Er hat aber, als er noch Sch\u00fcler war und bei seinem Albumstudien zum Jahr 1940 kam, noch erfahren, da\u00df sein Vater Franny auch sehr weiblich war und den soll er Jahre sp\u00e4ter in Madrid in einer Transvestitenbar wieder finden, wo er mit seinem Freund Mister Bovary auftritt und eine &#8220;haarstr\u00e4ubende Geschichte&#8221;, wie man durch das Lesen des ber\u00fchmten Romanes zusammen kommt, erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Am Schlu\u00df kehrt Bill\u00a0 nach Vermont zur\u00fcck, er hat das Haus seines Gro\u00dfvaters geerbt und wird Lehrer an seiner Schule. Jetzt gibt es auch M\u00e4dchen dort und einen dicklichen Jungen, der eigentlich George hei\u00dft, sich aber, bis er zu einer Georgia werden kann, Gee nennt, der wird zuerst von den anderes Sch\u00fclern als &#8220;Tampon&#8221; oder &#8220;Weichei&#8221; beschimpft, mausert sich aber, als so sch\u00f6nes M\u00e4dchen, da\u00df Bill oder Mister A., wie er jetzt genannt wird, sie als Julia besetzen kann und viele viele andere hetero-homo-und transsexuelle Begegnungen, gibt es in dem Buch auch.<\/p>\n<p>Zuviel f\u00fcr ein einziges Leben, eine einzige Familie, einen einzigen Menschen und wahrscheinlich eine ma\u00dflose schriftstellerische \u00dcbertreibung.\u00a0 Aber sehr spannend zu lesen und wahrscheinlich auch sehr informativ, manchmal str\u00e4uben sich vielleicht die Haare, bei all den schriftstellerischen Zuspitzungen, so haben Bill und sein Freund Tom zum Beispiel Sprachfehler, sie k\u00f6nnen\u00a0 die Worte &#8220;Vagina&#8221; oder &#8220;Penis&#8221; nicht aussprechen und m\u00fc\u00dfen deshalb bei Elaines Mutter, die, an der Schule Lehrerin ist, Sprachunterricht nehmen.<\/p>\n<p>Aber ich wei\u00df schon, die Amerikaner sind Meister des spannenden Schreibens und\u00a0 Bill und seine Freunde, die auch alle\u00a0 Schriftsteller geworden sind, geben auch Unterricht im kreativen Schreiben.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich, die sich ein bi\u00dfchen in die Transgenderliteratur einlesen und\u00a0 herausfinden wollte, wie man jetzt \u00fcber Paul und Paula korrekt schreibt und keinen Klischees erliegt, war es sehr lehr-und hilfreich, denn wenn John Irving in seinem Roman soviel geschehen l\u00e4\u00dft, kann mein &#8220;Fr\u00e4ulein Paula&#8221;, vielleicht auch mit Highheels und einem roten Kleid zu einem Faschingsfest gehen, hat aber inzwischen ohnehin eine rote Bluse an und aus den Heels sind blonde Locken geworden.<\/p>\n<p>Ich denke mir auch, da\u00df das Buch, in dem pr\u00fcden Amerika, wo Kinder zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts von der Polizei abgeschleppt wurden, weil sie ihre Schwestern auf den Topf setzten, sehr gewagt ist, denn einiges, was da passiert, der Schenkelsex, der transsexuellen ehemaligen Ringerin mit einem gerade Achtzehnj\u00e4hrigen, beispielsweise, ist vielleicht politisch doch nicht so korrekt. Aber John Irving gibt auch Unterricht in die sprachlichen Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>So verwendet der 1942 geborene Bill, das Wort transsexuell, doch 2007, als er als Lehrer an die Schule kommt und dem oder der jungen Geee\u00a0 gegen\u00fcbersteht, sagt die ganz selbstverst\u00e4ndlich &#8220;Das hei\u00dft jetzt transgender!&#8221; und, da\u00df an Aids mehr junge M\u00e4nner gestorben sind, als im Vietnamkrieg, gibt vielleicht auch zu denken.<\/p>\n<p>Die Jungen hatten 1960 in\u00a0 ihrer Knabenschule einen Schularzt, der Homosexualit\u00e4t, als &#8220;heilbar&#8221; erkl\u00e4rte und der junge Bill, geht 1970 zu einen &#8220;Schwulenarzt&#8221;, der schon ein Pr\u00e4servativ empfiehlt, aber leider h\u00f6ren die jungen M\u00e4nner, die sp\u00e4ter qualvoll sterben werden, nicht darauf.<\/p>\n<p>Bill hat aber Gl\u00fcck, er ist bi-, nicht transsexuell, von Aids bleibt er auch verschont und, als der Sohn seines Widersachers und erster Liebe Kittredge auftaucht und ihn als &#8220;Doppelstecker&#8221; beschimpft, erinnert er sich an Miss Frosts Worte, die schon l\u00e4ngst gestorben ist und sagt ihm &#8220;Mein lieber Junge, bitte steck mich nicht in eine Schublade!&#8221;, dann dreht er sich um und geht\u00a0 ins Theater, denn dort beginnt die Vorstellung und Gee wird die Julia spielen&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein Einschub auf meiner Leseliste, n\u00e4mlich John Irvings, 2012 erschienener Roman, &#8220;In einer Person&#8221;, als Recherchelekt\u00fcre zu &#8220;Paul und Paula&#8221; und interessant, es ist nicht der erste Irving, den ich mir zum Vorbild nehmen wollte, denn als ich, &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=42077\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[2570,5386,5387,2439,2407],"class_list":["post-42077","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-amerikanische-literatur","tag-bisexualitaet","tag-john-irving","tag-paul-und-paula","tag-transgender"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42077","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=42077"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42077\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=42077"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=42077"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=42077"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}