{"id":42011,"date":"2016-02-07T00:12:04","date_gmt":"2016-02-06T23:12:04","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=42011"},"modified":"2016-02-07T00:12:04","modified_gmt":"2016-02-06T23:12:04","slug":"die-praesidentin-auf-dem-opernball","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=42011","title":{"rendered":"Als Pr\u00e4sidentin auf den Opernball"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Heute ist Opernball!&#8221;, dachte El Awadalla und betrat ihr Badezimmer.<\/p>\n<p>Ihr erster als Bundespr\u00e4sidentin, w\u00e4hrend sie vor der Oper auf den diesbez\u00fcglichen Demonstrationen und am Heldenplatz auf denen, gegen den der Akademiker, regelm\u00e4\u00dfig teilgenommen hatte, aber seit sie vor einem Jahr als unabh\u00e4ngige Kanditatin\u00a0 angetreten war und\u00a0 mit den Stimmen aller Feministen, Linken und sonstiger kritischer Menschen \u00fcberraschenderweise gewonnen hatte, vielleicht hatten sich auch einige durch ihren ersten Platz am Stimmzettel irritieren lassen oder die betrunkenen Ausz\u00e4hler hatten sich schlicht verz\u00e4hlt, w\u00fcrde es hineingehen und sie freute sich auch schon, obwohl sie gar nicht so sicher beim Links- oder Rechtswalzer war.<\/p>\n<p>Beim Linken war sie nat\u00fcrlich besser und alles l\u00e4\u00dft sich lernen und au\u00dferdem war das Tanzen angesichts, der nach, wie vor existierenden <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/03\/schreibgruppe-mit-fluechtlingsproblematik\/\">Fl\u00fcchtlingsproblematik<\/a> und der h\u00f6chsten Arbeitslosigkeit im Land, gar nicht so wichtig und sie w\u00fcrde, auch hier, eine\u00a0 unkonventionelle Pr\u00e4sidentin sein, wie sie es im Wahlkampf versprochen hatte.<\/p>\n<p>Hinein in das Ballvergn\u00fcgen, das lila Abendkleid, das aus einem Secondhandshop stammte, w\u00fcrde sie doch auch sehr sparsam sein, hatte sie schon angezogen, dazu trug sie bequeme Schuhe, sie sollte vom vielen Stehen keine H\u00fchneraugen bekommen und die runde wei\u00dfe Brille, die sie sich extra f\u00fcr den Wahlkampf besorgt hatte, hatte sie auch aufgesetzt.<\/p>\n<p>Jetzt mu\u00dfte sie nur noch, die rotwei\u00dfrote Staatssch\u00e4rpe \u00fcberst\u00fclpen, um einen w\u00fcrdigen Eindruck zu machen und dann ging es los und weil sie im Wahlkampf und\u00a0 bei ihrer Antrittsrede versichert hatte, da\u00df sie eine\u00a0 umweltbewu\u00dfte Pr\u00e4sidentin werden wolle, w\u00fcrde sie mit dem Fahrrad zur Oper radeln.<\/p>\n<p>Mit dem langen Kleid w\u00fcrde das zwar vielleicht ein bi\u00dfchen m\u00fchsam werden, aber sie hatte schon andere H\u00fcrden genommen, dachte sie voll Zuversicht, fuhr sich mit dem Kamm \u00fcber ihre kurgeschnittenen Haare und l\u00e4chelte sich selber an.<\/p>\n<p>&#8220;El Awadalla for president!&#8221;, hatte es vor einem Jahr gehei\u00dfen.<\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte das gedacht, da\u00df \u00d6sterreich 2016\u00a0 so kritisch war und statt der\u00a0 konservativen alten Herrn und einer Dame, die au\u00dfer ihr angetreten waren, eine kritische linke Frau zur Pr\u00e4sidentin wollten?<\/p>\n<p>Niemand wahrscheinlich, in einem Land, wo sich lebenslustige Baumeister und pensionierte Richterinnen neben ihr beworben hatten und einige der Kanditaten sehr freiheitlich dachten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich niemand und es war doch geschehen. So radelte sie mit dem hochgeschnallten Abendkleid auf die Oper zu. Sprang vom Rad, um es einem salutierenden Polizisten zu \u00fcbergeben, den sie noch von ihrer Zeit als Demonstrantin kannte und solche waren auch schon angetreten, weil es noch viel zu erk\u00e4mpfen gab.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge kamen weiter, das Grundeinkommen war noch nicht erreicht und Arbeitslose gab es ebenfalls in rauhen Massen, nur, da\u00df sie nichts gegen die Demonstranten hatte, sondern ihnen zuwinkte, war der Unterschied und das mu\u00dfte sie auch bei den Luxuslimonsinen tut, die auf den Eingang zurollten.<\/p>\n<p>So sprang sie\u00a0 zur Seite, rief &#8220;Gria\u00df euch, ich bins, die Pr\u00e4sidentin und w\u00fcnsche einen sch\u00f6nen Abend!&#8221;, denn sie war und blieb Dialektautorin. Hatte die Stiege erkommen und schritt auf die Staatsloge zu.<\/p>\n<p>Links und rechts von dieser hatten einige ihrer ehemaligen Mitbewerber Platz genommen. So l\u00e4chelte sie staatstragend, den Herren Khol und Hundstorfer zu, die in ihrem schwarzen Smokings versuchten, sich nicht \u00fcber sie zu \u00e4rgern und sie sicher nicht leiden konnten, wie das auch Baumeister Lugner tat, der mit seinen weiblichen Begleiterinnen, gerade die Stiege erklomm und sie schief anl\u00e4chelte.<\/p>\n<p>&#8220;Gr\u00fc\u00df Sie, Frau Pr\u00e4sidentin, sind Sie auch gekommen?&#8221;, fragte er s\u00e4uerlich. Sie nickte und\u00a0 gab ihm die Hand.<\/p>\n<p>Begr\u00fc\u00dfte auch die Staatsoberh\u00e4upter, die etwas pikiert auf ihr lila Abendkleid, den roten und den blauen Schuh, ihrem Markenzeichen, in denen sie zu Zeiten von schwarz-blau am Ballhausplatz gewesen war, um mit roter Farbe gegen blau anzutreten, blickten.<\/p>\n<p>&#8220;Alles Walzer!&#8221;, rief unten gerade der Zeremonienmeister und das Jungdamen- und Jungherrenkommitee war mit der Er\u00f6ffnungspolonaise eingezogen. Die Kellner servierten Sacherw\u00fcrstel mit Senf und Kren und die Sektkorken knallten, wie ehedem.<\/p>\n<p>Alles war wie immer, trotz ihres roten und des blauen Schuhs, dem lila Abendkleid aus dem Secondhandladen und der runden wei\u00dfen Brille, ihrem zweiten Markenzeichen, als selbstbewu\u00dfte linke Frau.<\/p>\n<p>Sie trat an die Empore, hob die Hand und dachte an das bedingungslose Grundeinkommen, das sie \u00d6sterreich versprochen hatte. Dachte an die immer noch sehr hohe Zahl der Arbeitslosen, die auch ihr Mitbewerber, Rudolf Hundstorfer, der einmal Sozialminister gewesen war, nicht verhindern hatte k\u00f6nnen, wie sie das beim Opernball nicht zusammenbrachte und mit dem lila Abendkleid, dem roten und blauen Schuh,\u00a0 die Festg\u00e4ste begr\u00fc\u00dfen und vielleicht auch mit Herrn Khol, Herrn Hundstorfer, Pr\u00e4sidentengatten Clinton und anderen Staatsoberh\u00e4uptern tanzen w\u00fcrde m\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Mit Herrn M\u00f6rtel-Lugner wahrscheinlich nicht, denn der w\u00fcrde sie nicht auffordern, war sie ihm mit ihren fast einundsechzig Jahren sicherlich zu alt, w\u00e4hrend die Stars und Bunnies an seiner Seite, st\u00e4ndig j\u00fcnger wurden und die Abendkleider, die sie trugen, immer teurer.<\/p>\n<p>&#8220;Da w\u00e4re ich mit Sicherheit ein besserer Pr\u00e4sident geworden!&#8221;, sagte er sicher gerade bedauernd zu seinem Hasi, Spatzi oder Mausi, nahm den Zylinder von seinem Kopf und lie\u00df sich ein Glas Champagner servieren.<\/p>\n<p>&#8220;Die Gesch\u00e4fte gehen aber weiter, Schatzi, auch wenn wir jetzt eine linke Pr\u00e4sidentin haben und auch unser Opernball!&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Hip, hop, Opernball!&#8221;,\u00a0 hie\u00df es\u00a0 in einem ihrer Dialektgedichte. Richard Heuberger hatte in seiner gleichnamigen Operette ins &#8220;Chambre Separee!&#8221;, gebeten und Josef Haslinger\u00a0 einen\u00a0 Roman dar\u00fcber geschrieben, da\u00df sich Terroristen des Balls der B\u00e4lle bem\u00e4chtigt hatten.<\/p>\n<p>Das war Fiktion gewesen, aber sie war heute hier mit ihrer wei\u00dfen Brille,\u00a0 dem roten und dem blauen Schuh, sowie dem lila Abendkleid aus dem Secondhandgesch\u00e4ft \u00fcber das die rotwei\u00dfe Staatssch\u00e4rpe genauso, wie \u00fcber einen Frack, passte.<\/p>\n<p>Und das war gut, war wunderbar und sehr viel besser, als wenn statt ihrer vielleicht der blaue Kanditat gewonnen h\u00e4tte oder die Wahl wegen Fehler beziehungsweise Pickprobleme gar nicht stattfinden h\u00e4tte k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Heute ist Opernball!&#8221;, dachte El Awadalla und betrat ihr Badezimmer. 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