{"id":40789,"date":"2015-12-27T00:27:05","date_gmt":"2015-12-26T23:27:05","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=40789"},"modified":"2015-12-27T00:27:05","modified_gmt":"2015-12-26T23:27:05","slug":"geh-hin-stelle-einen-waechter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=40789","title":{"rendered":"Geh hin, stelle einen W\u00e4chter"},"content":{"rendered":"<p>Zu Weihnachten ein M\u00e4rchen gef\u00e4llig?<\/p>\n<p>Da war einmal in den Neunzehnhundertf\u00fcnfzigerjahren eine junge Frau, die in New York bei einer Fluglinie oder so gearbeitet hat und in den S\u00fcdstaaten gemeinsam mit Truman Capote aufgewachsen ist.<\/p>\n<p>Eine Anwaltstochter und die hat einen Roman geschrieben, den die Verlage zur Zeiten der B\u00fcrgerrechtsbewegung und Aufhebung der Rassentrennung nicht haben wollten, denn zu radikal wahrscheinlich.<\/p>\n<p>F\u00e4hrt da ja eine sechsundzwanzigj\u00e4hrige von New York in ihr Heimatst\u00e4dtchen, um ihren vierzehnt\u00e4tigen Sommerurlaub anzutreten.<\/p>\n<p>Sie f\u00e4hrt mit dem Zug und fliegt nicht, um ihren zweiundsiebzigj\u00e4hrigen Vater, der immer noch als Anwalt t\u00e4tig ist nicht zuzumuten, ihretwegen um halb drei Uhr nachts aufzusgtehen, also nimmt sie ein Schlafabteil und hat dann ein Problem, als sie die Antweisungen mit dem Klappbett nicht beachtet, so da\u00df der Schaffner sie herausholen mu\u00df.<\/p>\n<p>&#8220;Keine Angst Mi\u00df!&#8221;, brummt der gutm\u00fctig,&#8221;Ich kann das ohne hinzusehen!&#8221; und sie zieht, als der Zug langsam\u00a0 in\u00a0 Maycomb ankommt, ihre Stadtklamotten aus und die Latzhosen, die sie fr\u00fcher dort getragen hat, an, denn sie war ein sehr wildes M\u00e4dchen, das ihre Krise hatte, als sie Regel bekam und erfuhr, da\u00df sie fortan bis f\u00fcnzig bluten w\u00fcrde m\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Sie wird nicht vom Vater, sondern seinem Compagnon Hank abgeholt, der aus einer nicht ganz so guten Familie stammt wie sie, also nicht ganz der richtige Ehemann w\u00e4re, obwohl er Jus studierte, wie ihr Tante Alexandra gleich einredet und dann noch sieht, wie sie angeblich in der Nacht mit Hank splitternackt im Flu\u00df badete.<\/p>\n<p>So weit so gut und kleinb\u00fcrgerlich, die Verh\u00e4ltnisse in dem St\u00e4dtchen, wo Jean Louise, auch Scout genannt, mit ihrem Bruder und dem schwarzen Kinderm\u00e4dchen aufwuchs, weil ihr Mutter gestorben ist, als sie zwei\u00a0 war.<\/p>\n<p>Dieses Kinderm\u00e4dchen oder Haush\u00e4lterin rettet sie auch vor dem Selbstmord, als sie sich mit elf vom Wassertum st\u00fcrzen will, denn sie wurde schon einmal gek\u00fc\u00dfsst und nun wird sie, wie ihr ihre Schulfreundinnen einreden, nach neun Monaten ein\u00a0 Kind bekommen, Schade \u00fcber die Familie bringen, in ein Heim gesperrt werden, etcetera und als sie mit Vierzehn auf den Schulball gehen soll, gibt es Schwierigkeiten mit dem falschen Busen, hier rettet sie Hank, beziehungsweise ihr Vater aus dem Skandal.<\/p>\n<p>So weit so gut und dann passiert das Ungl\u00fcck, denn Jean Louise entdeckt unter den Sachen ihres Vaters, der einmal einen Schwarzen, Neger steht in dem Buch und in der Anmerkung auf Seite dreihundertsiebzehn wird erkl\u00e4rt, da\u00df das zu Zeiten, als das Buch geschrieben wurde, so \u00fcblich war, &#8220;auch wenn der Begriff heute als abwertend gilt&#8221;,\u00a0 verteidigte, der dann auch freigesprochen wurde und jetzt liegt da eine Brosch\u00fcre einer B\u00fcrgerrechtsbewegung in der Sachen stehen, wie, da\u00df Schwarze zu wenig Hirnmasse und daher nicht die gleichen Rechte wie die anderen h\u00e4tten, etcetera.<\/p>\n<p>Der Vater ist Mitglied dieser B\u00fcrgerrechtsbeweung und Hank ebenfalls, wie Jean Louise erf\u00e4hrt und am n\u00e4chsten Tag arrangiert ihre Tante auch noch das \u00fcbliche Kr\u00e4nzchen, wo sie sich die Dummheiten der \u00e4lteren Frauen und M\u00e4dchen anh\u00f6ren mu\u00df, mit denen sie einmal zur Schule gegangen ist.<\/p>\n<p>Als sie Hank zur Rede stellt, antwortet er, da\u00df man manchmal Sachen tuen mu\u00df, die man nicht wirklich will, wenn man als Antwalt in einem kleinen St\u00e4dtchen Karriere machen will und ihr Vater sagt ihr dann ungef\u00e4hr dasselben und fragt sie, ob sie wirkliche einen schwarzen heiraten will und, da\u00df sie Zeit eben noch nicht so weit ist, da\u00df man Schwarze regieren lassen kann, weil die die Bildung nicht mitbringen, um das richtig zu tun, etcetera.<\/p>\n<p>Jean Louise will abreisen, beschimpft ihr Tantchen und kommt erst zur Raison, beziehungsweise zur Vers\u00f6hnung, als ein anderes Mitglied der Famielie, ihr etwas schrulliger Onkel Dr. Finch, ihr eine knallt.<\/p>\n<p>Ein Buch, das in den F\u00fcnzigerjahren so nicht erscheinen konnte.<\/p>\n<p>Harper Lee, die eigentlich\u00a0 Nelle hie\u00df, schien das zu verstehen und schrieb den Roman um, so wurde aus der sechsundzwanzigj\u00e4hrigen, ein kleines M\u00e4dchen und der Vater verteidigt den Schwarzen offenbar mit Bravour, verliert aber den Proze\u00df, das Buch, das 1960 unter dem Titel &#8220;Wer die Nachtgiall st\u00f6rt&#8221; den Pulizterpreis bekam, wurde mit Gregory Peck verfilmt und damit offenbar zum Nationalheiligtum der Amerikaner und Stoff in den Schulen.<\/p>\n<p>Harper Lee, die inzwischen nach einem Schlaganfall zur\u00fcckgezogen, wie das hei\u00dft, in einem Altersheim lebt, hat seither nicht mehr viel geschrieben, gab es doch Ger\u00fcchte, das Buch stammt gar nicht von ihr, sondern von Truman Capote.<\/p>\n<p>Dann kam ihre Anw\u00e4ltin daher,\u00a0 fand das verschollen geglaubte Fr\u00fchmanuskript und ver\u00f6ffentlichte es, ob oder mit Zustammung der alten Dame, eine Kommission erschien offenbar\u00a0 in dem Alterheim, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist und berichtete, die alte Dame h\u00e4tte sich \u00fcber die Ver\u00f6ffentlichung gefreut.<\/p>\n<p>Amerika druckte es in Millionen, DVA f\u00fcr den deutschen Raum in hunderttausend Exemplaren, es gab auch einige Specials dazu und dann war das Buch auch noch in dem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/10\/18\/frankfurt-und-viele-buecher\/\">Buchpaket<\/a>, das ich von &#8220;Buzzaldrin&#8221; gewonnen habe und habe in Zeiten, wo alle Blogger aus ihren hundert oder so gelesen B\u00fcchern ihre f\u00fcnf Lieblinge ausuchen, es auch dazu gemacht, zusammen mit dem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/10\/10\/die-stunde-zwischen-frau-und-gitarre\/\">Setz<\/a>, dem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/03\/22\/unterwerfung\/\">Houellebeqc<\/a>,\u00a0 den beiden <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/05\/28\/marktplatz-der-sensationen\/\">Kisch-B\u00e4nden<\/a> und <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/15\/die-erloesung\/\">John Knittels<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/14\/das-schicksal\/\">&#8220;Via<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/07\/das-verhangnis\/?preview_id=36776\">Mala&#8221;<\/a> um eine Auswahl aus den wahrscheinlich <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/12\/20-aus-167000\/\">163 aus 167000<\/a> zu treffen, denn mir hat es gefallen.<\/p>\n<p>&#8220;Wem die Nachtigall&#8221; st\u00f6rt, habe ich nicht gelesen und auch nicht auf meiner B\u00fccherliste, leider habe ich es noch nicht gefunden und mein Vater hatte es nicht in seinem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/09\/20\/erinnerungen\/\">B\u00fccherkasten<\/a>, obwohl mir sowohl der Titel, als auch das Cover, das man bei Google sehen kann, bekannt erscheint.<\/p>\n<p>Eine spannende Geschichte und ein Weihnachtsm\u00e4chen f\u00fcr mich, weil das Buch zuf\u00e4lligerweise gerade da, auf meiner Liste gestanden ist, sch\u00f6n wenn es wirklich so gewesen ist oder eigentlich auch bedenklich und Grund \u00fcber vieles, in Zeiten, wo alte Menschen vielleicht entm\u00fcdigt werden und in Amerika noch immer die Stra\u00dfen brennen, weil Schwarze und keine Nigger oder Negros von Polizisten viel rascher als Wei\u00dfe wegen Nichtigkeiten erscho\u00dfen werden, etcetera, nachzudenken.<\/p>\n<p>Aber vielleicht war es auch ganz anders, weil die Verlage und die Lektoren, wie wir sp\u00e4testen jetzt wissen, ja genau ausw\u00e4hlen, umschreiben, \u00fcberlegen, was sie auf den Markt bringen und &#8220;Geh hin, stelle einen W\u00e4chter&#8221;, \u00fcbrigens ein Bibelzitat, ist im Fr\u00fchjahr oder Sommer erschienen, da\u00a0 galt es als Sensation, in M\u00fcnchen hat es einen Harper Lee Abend im Literaturhaus gegeben,<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/10\/29\/cornelia-travicek\/\"> Cornelia Travnicek<\/a> hat auf ihren Seiten geschrieben, da\u00df sie im selben Verlag ver\u00f6ffentlich und eine Zeitlang in aller Munde, bis die Exemplare eben verkauft oder sonstwie vergeben wurden.<\/p>\n<p>Jetzt ist es, glaube ich, wieder eher still darum, hat der Buchmarkt ja inzwischen\u00a0 seine neuen Sensationen, das neue Buch von\u00a0 Karl\u00a0 Ove Knausgard zum Beispiel oder das mit den handgeschriebenen Zettelchen und Ansichtskarten, das ich eher f\u00fcr eine Spielerei halte. Der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/11\/13\/die-erfindung-der-roten-armee-fraktion-durch-einen-manisch-depressiven-teenanger-im-sommer-1969\/\">Witzel<\/a>\u00a0 und der Setz, die ich im Zuge meines <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/19\/der-longlistenstart\/\">Longlistslesen<\/a> gelesen habe,\u00a0 sind auch schon Schnee von gestern und jetzt gibt es schon die Fr\u00fchjahrsvorschauen, mit denen ich mich so gut, wie \u00fcberhaupt noch nicht besch\u00e4ftigt habe, denn ich habe ja noch einige B\u00fccher auf meiner 2016-Leseliste.<\/p>\n<p>Und noch ein P.S:<\/p>\n<p>Ich bin ja von den gro\u00dfen ber\u00fchmten Amerikanern wie <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/08\/25\/exit-ghost\/\">Philip Roth<\/a>, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/12\/31\/lichtjahre\/\">James Salter<\/a>, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/10\/21\/kanada\/\">Richard Ford,<\/a> etc nicht immer so begeistert, bei den weiblichen Literaturtalente der Neunzehnhundertf\u00fcnfzigerjahre scheint das aber anders und so habe ich sowohl die B\u00fccher von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/06\/22\/ruckkehr-nach-peyton-place\/\">Grace<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/06\/29\/die-leute-von-peyton-plaece\/\">Metalious<\/a> als auch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/10\/26\/die-glasglocke\/\">Silvia Plaths &#8220;Glasglocke&#8221;<\/a> mit Begeisterung gelesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Weihnachten ein M\u00e4rchen gef\u00e4llig? 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