{"id":40618,"date":"2015-12-21T00:34:42","date_gmt":"2015-12-20T23:34:42","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=40618"},"modified":"2015-12-21T00:34:42","modified_gmt":"2015-12-20T23:34:42","slug":"die-vielen-tode-unseres-opas-jurek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=40618","title":{"rendered":"Die vielen Tode unseres Opas Jurek"},"content":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit dem Buchpreisbloggen k\u00f6nnte man so sagen oder nachdem ich jetzt\u00a0 alle <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/19\/der-longlistenstart\/\">zwanzig Romane <\/a>gelesen haben, kommen Dank Mara Giese und ihrem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/10\/18\/frankfurt-und-viele-buecher\/\">Gewinnspiel<\/a> noch vier deutsche Romane an die Reihe, die in diesem Jahr erschienen sind und es nicht auf die Longlist schafften.<\/p>\n<p>Einer davon\u00a0 von dem 1979, in Opole, Polen geborenen und als Kind nach Deutschland gekommenen Matthias Nawrat, der<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/08\/den-bachmannpreis-gewinnen\/\"> 2012 mit einem Auszug aus seinem zweiten Roman &#8220;Unternehmer&#8221;<\/a> beim Bachmannpreis gewonnen hat, da habe ich ihm kennengelert und der Roman ist 2014\u00a0 auf der Longlist gestanden.<\/p>\n<p>Und mit diesem, einem wahrscheinlich Schelmen- oder Episodenroman, der die Geschichte Polens vom zweiten Weltkrieg bis zu Wende auf eine etwas andere Art und Weise neu erz\u00e4hlt, habe ich mir am Anfang etwas schwer getan, obwohl mich die deutsch ponische\u00a0 Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg ja sehr interessiert.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist es die &#8220;umgekehrte Humoristik&#8221;, wie Nawrat, die Ironie, die er dabei verwendet, selbst betitelt, die mich etwas st\u00f6rte.<\/p>\n<p>Denn Hitler und Stalin waren wahrscheinlich nicht lustig, auch wenn Humor, das wei\u00df ich schon, ein Abwehrmechanismus ist, aber wenn der Enkel \u00fcber die Geschichte des Gro\u00dfvaters lacht, in dem er sie sehr verdreht erz\u00e4hlt, wei\u00df man am Ende nicht wirklich, wie sie der Gro\u00dfvater empfunden hat.<\/p>\n<p>Da ist also der Ich-Erz\u00e4hler, ein Jugendlicher habe ich verstanden, der mit seinem Bruder und seiner Mutter ein paar Jahre nach der Wende zum Begr\u00e4bnis seines Opas Jurek nach Polen f\u00e4hrt und danach in einem sehr kindlichen Stil, die Familiengeschichte erz\u00e4hlt, kindlich oder mit umgekehrter Humoristik, das letztere wohl und so w\u00e4chst der Opa in Polen auf, verliebt sich in die Cousine Janka mit der Augenklappe, geht in die Realschule, beginnt zu arbeiten und dann kommt der weltber\u00fchmte Politiker mit dem Chaplin B\u00e4rtchen daher und der Opa wird von freundlichen Herren zur Befragung zusammen mit der Belegschaft seiner Firma abgeholt und in ein sch\u00f6nes \u00d6rtchen namens Oswiciem gebracht.<\/p>\n<p>Da erleidet er dann seine ersten Tode, n\u00e4mlich Hungersn\u00f6te, die zur Folge haben, da\u00df er sich in seinem sp\u00e4teren Leben bei den mehrg\u00e4ngignen Mittagessen immer vier- f\u00fcnf Nachschl\u00e4ge geben l\u00e4\u00dft, bis seine Organe nicht mehr mitspielen.<\/p>\n<p>Aber zuerst erleidet er Hunger und hat aus diesem Grund vielleicht sogar einen Mith\u00e4ftling umgebracht, ja die Menschen sind nicht alle gut und edel, auch die in Auschwitz und im stalinistischen Polen nicht.<\/p>\n<p>Denn der deutsche Chef der ehemals polnischen Firma holt den Opa aus dem Lager heraus und der wird\u00a0 nach 1945 Direktor eines Warenhauses, wo es keine Waren gibt.So l\u00e4\u00dft er in dem von einem Deutschen gestohlenen schwarzen Direktorsanzug, die Verk\u00e4uferin das Regal hin und herstellen und diskutiert mit seinen Parteigenossen \u00fcber die Gleichheit, die ja das Ziel der neuen Gesellschaft ist und als statt Wei\u00dfkraut ein paar Felljacken ankommen, teilen sich die die Direktoren untereinander auf und sagen sie opfern sich f\u00fcr die Allgemeinheit, so weit so gut und auch weiter.<\/p>\n<p>Der Opa findet dann die Oma Zofia, die ihm die mehrg\u00e4ngigen Mittagessen kocht und eigentlich nach Paris m\u00f6chte, weil er Opa aber so viel i\u00dft, reicht das Geld dazu nicht aus und das Ausreisen war zu Zeiten des weltber\u00fchmten Politikers mit der wei\u00dfen Kellnerjacke, des gro\u00dfen Nachbarlandes wahrscheinlich auch nicht so einfach.<\/p>\n<p>Der Vater des Erz\u00e4hlers will aus aus diesem Polen und m\u00f6chte \u00fcber die hohe Tatra und den Rizy nach Canada kommen, daf\u00fcr l\u00e4\u00dft er sich in ein Pfadfinderlager stecken, denn nur so kam er nach Zakopane, der Plan scheitert an der mangelnden Kondition des Gruppenleiters, so er\u00f6ffnet er mit tschechischen Utensilien, ein Sportgesch\u00e4ft in Opole in dem die Jugendlichen, die Seile, Karabiner, Bergschuhe und Rucks\u00e4cke auch gerne kaufen und auch der ber\u00fchmteste Bergsteiger des Landes besucht einmal seinen Laden.<\/p>\n<p>Da gibt es dann\u00a0 eine groteske Szene, wo dieser Sportler von der Geheimpolizei bewacht an einer Gala in Warschau teilnehmen und dann den Himalaya besteigen\u00a0 oder nicht besteigen soll.<\/p>\n<p>Der Vater reist ihm mit seiner besten Grundausr\u00fcstung nach, logiert sich in dem Hotel ein, wo auch der Staatspr\u00e4sident wohnt und klettert an der Fassade in seine Suite. Der ist begeistert, schleift ihn auf die Gala und l\u00e4\u00dft sich mit ihm fotografieren.<\/p>\n<p>Nur nachher brechen die freundlichen netten Geheimpolizisten seine Beine, so da\u00df es aus mit dem Traum nach Canada zu kommen.<\/p>\n<p>So reist der Vater mit der Mutter und den zwei S\u00f6hnen nach Deutschland aus. Das wird auch sehr grotesk geschildert, denn der Opa weigert sich die Familie zu verabschieden, so fangen sie solange zu streiten und auszupacken an, bis er widerwillig zwar, aber doch erscheint und er scheitert als Direktor eines Warenhauspardieses, der er dann geworden ist, an einer Verk\u00e4uferin, die gleichzeitig die Frau eines\u00a0 Polizisten ist.<\/p>\n<p>So wird der Opa wieder in den Keller der Geheimpolizei gebeten, kommt dort lange nicht heraus, verliert seinen Job, wird Hausmeister eines Ferienlagerns und f\u00e4ngt zu schieben an.<\/p>\n<p>Auch eine k\u00f6stliche Szene, wie er eine Flasche Schnaps, gegen Jeansstoff tauscht, damit nach Budapest auf der Suche nach Kalbfleisch f\u00e4hrt und dieses nicht bekommt, w\u00e4hrend ihn die Oma von der Plizei suchen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Dazwischen \u00e4ndern sich die Zeiten und die Gener\u00e4le, es wird eine Partei namens Solidarnosc gegr\u00fcndet und am Schlu\u00df verliert der Opa seine Organe, sie geben ihre Funktion auf und er verstirbt mit achtunddrei\u00dfig Kilo und der Enkel kommt mit dem Bruder und der Mutter nach Opole, l\u00e4pt sich von der Oma bekochen und vom Onkel die Stadt zeigen, w\u00e4hrend er Episode um Episode aus dem Leben seines Opas neu erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>&#8220;Mit poetischer Verdichtung und Verfremdung erschafft Mathias Nawrat eine Welt im Schwebeustand zwischen Wirklichkeit und Phatasie schreibt die Ndeue Z\u00fcrcher Zeitung.<\/p>\n<p>Wie schon erw\u00e4hnt, habe ich mir damit ein bi\u00dfchen schwer getan, kann aber nicht verhehlen, jetzt\u00a0 mehr \u00fcber die ponische Geschichte nach 1945 und das Leben in Polen in dieser Zeit zu wissen.<\/p>\n<p>Sabrina Janesch hat in<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/01\/katzenberge\/?preview_id=37638\"> &#8220;Katzenberge&#8221;<\/a> das ich diesen Sommer gelesen habe und das sie auch in Klagenfurt vorstellt, \u00fcber die ponischen Vorfahren ganz anders geschrieben.<\/p>\n<p>Mit der umgekehrten Humoristik l\u00e4\u00dft sich das Leben vielleicht ein bi\u00dfchen besser ertragen, ich mag sie, glaube ich nicht so sehr.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch Auschwitz-Romane,\u00a0 die auf diese Art und Weise beschrieben wurden und nat\u00fcrlich ist es gut, wenn man \u00fcber die Geschichte lachen kann, auch wenn sie nicht immer lustig ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit dem Buchpreisbloggen k\u00f6nnte man so sagen oder nachdem ich jetzt\u00a0 alle zwanzig Romane gelesen haben, kommen Dank Mara Giese und ihrem Gewinnspiel noch vier deutsche Romane an die Reihe, die in diesem Jahr erschienen sind und &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=40618\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[5286,4421,625],"class_list":["post-40618","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-deutsch-polnische-nachkriegsgeschichte","tag-matthias-nawrat","tag-schelmenroman"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40618","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40618"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40618\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40618"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40618"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40618"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}