{"id":39044,"date":"2015-10-10T00:04:33","date_gmt":"2015-10-09T22:04:33","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=39044"},"modified":"2015-10-10T00:04:33","modified_gmt":"2015-10-09T22:04:33","slug":"die-stunde-zwischen-frau-und-gitarre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=39044","title":{"rendered":"Die Stunde zwischen Frau und Gitarre"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Es beginnt mit einer Verfolgungsjagd eines Hei\u00dfluftballons!&#8221;, hat Angelika Reitzer <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/10\/01\/von-der-longlistlesung-zur-release-party\/\">vorige Woche<\/a> bei der Pr\u00e4sentation von Clemens J. Setz tausendseitigen, leider nur <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/19\/der-longlistenstart\/\">Longlist-Buchs<\/a> gesagt und das ist nicht ganz richtig, denn der Taxifahrer, von dem Natalie will, da\u00df er\u00a0 das tun soll, weigert sich, diesen unm\u00f6glichen Auftrag anzunehmen.<\/p>\n<p>&#8220;Ich bringe Sie gerne an das Ende der Stadt oder wohin Sie wollen, aber das kann ich nicht!&#8221;<\/p>\n<p>Das ist wahrscheinlich auch eine Charakterisierung des tausend Seiten W\u00e4lzers, in der sehr wohl Unm\u00f6gliches und noch viel mehr geschieht und wenn ich mich nicht irre, habe ich auch irgendwo gelesen, da\u00df das einer der beeindruckensten Buchanf\u00e4nge ist.<\/p>\n<p>&#8220;Folgen Sie diesem Hei\u00dfluftballon!&#8221;<\/p>\n<p>Egal, Natalie Reinegger ist jedenfalls einundzwanzig, ehemalige Epileptikerin, die immer noch die &#8220;aurigen Gef\u00fchle&#8221; verfolgt, die einen Grand Mal ank\u00fcndigen. Sie lebt in Graz, der Heimatstadt des 1982 geborenen\u00a0 Shootingstars und literarischen Wunderkinds Setz und sie hat ihre einj\u00e4hrige Ausbildung zur Behindertenbetreuerin erfolgreich abgeschlo\u00dfen.<\/p>\n<p>Deshalb gibt &#8220;Red Bull&#8221; oder sonst wer eine Hei\u00dfluftballonparty f\u00fcr die Absolventen. Natalie hat bl\u00f6derweise in der Nacht davor zuviel Beruhigungspillen genommen und verschlafen, so vers\u00e4umt sie diesen Beginn.<\/p>\n<p>Sie hat aber schon eine Stelle in einem privaten betreuten Wohnheim, dort hat sie eine zweiw\u00f6chige Probezeit absolviert, ja wir leben in Zeiten, wo wir sparen und alles schnell gehen mu\u00df und so teilt sie sich alsbald mit drei Betreuerinnen zwei Stellen.<\/p>\n<p>Sie bekommt auch zwei Bezugsklienten, einer hei\u00dft Mike und\u00a0 hat ein Sch\u00e4delhirntrauma, seither ist er von seiner Frau getrennt und malt schreckliche Sachen in sein Zimmer, die die Betreuer dann wegwischen m\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Der zweite hei\u00dft Alexander Dorm und sitzt im Rollstuhl, warum habe ich nicht herausgekommen. Es scheint aber auch nicht wichtig zu sein. Er ist jedenfalls homosexuell, ha\u00dft die Frauen und ist ein Stalker und hat die Frau seines Opfers Dr. Hollberg in den Selbstmord getrieben.<\/p>\n<p>So weit realistisch und gut nachzuvollziehen. Dorm wird aber jede Woche von Hollberg besucht und Natalie, die Bezugsklientin oder Bezugerin, wie sie Dorm beschimpft, der mit ihrer knabenhaften Figur nicht viel anfangen kann, mu\u00df mitgehen und seine sadomasochistischen Versuche Dorm aus seiner Hand tote M\u00e4use fressen zu lassen, mitverfolgen.<\/p>\n<p>Es passiert noch viel viel mehr Surrealistisches und Reales, denn Hollberg tritt ihr mit Billigung oder auch ausdr\u00fccklicher Duldung der Heimleitung, bezahlt vielleicht er den Betreuungsplatz, zu nahe, zeigt ihr Fotos, steht in ihrem Garten, verlangt von ihr Gespr\u00e4che etcetera, die bei Natalie zu Ha\u00dfgef\u00fchlen, Panikattacken und auch dazu f\u00fchren, da\u00df sie selber ihn verfolgt und man wei\u00df nicht recht, wird sie jetzt wahnsinnig oder ist man in einem trivialen Krimi, beziehungsweise Science Fiction Roman, denn, das habe ich jetzt, wie noch tausend anderes vergessen, Natalie ist ein Stephen King Fan.<\/p>\n<p>Sie folgt ihm jedenfalls auf den Friedhof, Hollberg geht nach jedem seiner Besuche dorthin und heuert auch einen seltsamen Obdachlosen, den sie im &#8220;Openspace&#8221;, einem Lokal, in dem sie ihre Freizeit verbringt, an, ihn zu verfolgen.<\/p>\n<p>Bis zur Lesung vor einer Woche, war ich bei Seite hundert. Bis dahin habe ich das Buch total realistisch gelesen, denn ich bin ja Psychologin und Psychotherapeutin vom Brotberuf und habe mich auch schon literarisch \u00f6fter mit <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_radiosonate.html\">\u00fcberforderten<\/a> <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_trotzdem.html\">Jugendlichen<\/a>, Borderliners, etcetera, besch\u00e4ftigt und Natalie ist eine Borderlinerin, na klar, obwohl nicht sie sich schneidet, sondern die andere Betreuerin B.<\/p>\n<p>Ich bin auch sicher, da\u00df man viele solcher Betreuerinnen in betreuten Wohnheimen finden kann und\u00a0 bin auch die Mutter einer Behindertenbetreuerin, die mir wahrscheinlich bis zu achtzig Prozent \u00e4hnliche Geschichten erz\u00e4hlen k\u00f6nnte, die Sci Fi Bez\u00fcge ausgenommen nat\u00fcrlich, wie ich hoffen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dann gibt es aber auch die Vergleiche zu James Joyce und seinem &#8220;Ullysses&#8221; und die Tatsache, das Natalie auch Syn\u00e4thesistin ist, sie sieht Farben zu den Worten, das ist Clemens J. Setz, wie ich h\u00f6rte und las, auch und beide sind wahrscheinlich hochintelligent.<\/p>\n<p>Natalie wird das von den Kritikern bescheinigt und Clemens J. Setz wurde in einem <a href=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/43587\">Interview <\/a>gefragt, ob er ein Au\u00dfenseiter ist, was er erfolgreich abwehrte.<\/p>\n<p>&#8220;Wie kommen Sie darauf, nur weil ich mit mir selber spreche, das tun doch viele!&#8221;<\/p>\n<p>Ja, die zweite Ebene sind die \u00fcbersprudelnden Phanatasien von denen Clemens J. Setz bei der Lesung einige Beispiel gab.<\/p>\n<p>Da setzt Nataie zum Beispiel Phantasiem\u00e4use auf ihre Schultern, um sich dadurch zu entspannen. Setz tut das auch, ich w\u00fcrde meinen, da\u00df ich mich mehr anspanne, wenn ich\u00a0 den ganzen Tag aufpassen mu\u00df, da\u00df die Maus nicht herunterf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Sie f\u00fchrt mit ihrem Ex-Freund Markus auch &#8220;Non sequitur&#8221; Gespr\u00e4che und ihr Bruder Karl der in D\u00e4nemark lebt, f\u00fchrte gerne &#8220;karleske Redewendungen&#8221; mit denen macht Natalie dann in der Freizeit, in denen sie &#8220;streunen&#8221; geht, die M\u00e4nner fertig von denen sie sich vorher oral befriedigen l\u00e4\u00df.<\/p>\n<p>Es gibt auch endlos absurd scheinende Einf\u00e4lle in dem Buch, manche sind ziemlich beklemmend, zum Beispiel, wenn sie sich vorstellt, was mit Mikes Hirnmasse geschah, die bei seinem Unfall austrat oder auch die, wo sie ein Spielzeugauto, das Hollberg Dorm zum Geburtstag schenkte, klaut, mit nach Hause nimmt und in der Wohnung einen Stock unter ihr, wo Kinder wohnen, aussetzt. Die Fernbedienung nimmt sie mit und macht sie an. Das Auto rast dann in der Wohnung unten herum und in einer anderen Nachbarwohnung l\u00e4utet \u00f6fter ein altes Telefon und irgendwann spaziert dann der Nachbar mit dem Telefon die Stufen herunter.<\/p>\n<p>Wir leben ja auch in einer hochexplosiven Zeit, so mu\u00df in Natalies Wonung immer der Fernseher laufen und sie stellt sich vor, wie das ist, wenn alle Radios auf einmal an sind?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/12\/12\/schone-neue-welt\/\">Sch\u00f6ne neue \u00fcberforderte Welt<\/a>, in der wir und wahrscheinlich noch mehr Leute, die drei\u00dfig Jahre j\u00fcnger sind als ich, schon drin sind. Natalie macht st\u00e4ndig Aufnahmen mit ihrem Handy, nimmt Gespr\u00e4che, aber auch ihre Schmatzger\u00e4usche auf und stellt sie wahrschein ins Internet, etc.<\/p>\n<p>Im Epilog sind wir \u00fcberhaupt schon in der Zukunft, wo man von seinen Peers st\u00e4ndig \u00fcberwacht wird und es kein Echtgeld mehr gibt und das Buch endet, um nicht zuviel zu verraten, es ist ja ein <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/clemens-setz\/die-stunde-zwischen-frau-und-gitarre_1323.html\">Rezensionsexemplar, wof\u00fcr ich &#8220;Suhrkamp&#8221; herzlich danke <\/a>mir mein <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/07\/sommerfrischenhalbzeit\/\">LL-Lesen<\/a> zu erm\u00f6glichen<a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/clemens-setz\/die-stunde-zwischen-frau-und-gitarre_1323.html\">,<\/a> irgendwie so \u00e4hnlich, wie <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/05\/03\/der-professor\/\">John Katzenbach &#8220;Der Professor&#8221;<\/a>.<\/p>\n<p>Natalie ist jedenfalls nicht mehr im Wohnheim, sondern studiert Medizin und nein, sie bringt niemanden um, weder aus Mitleid noch sonstwie.<\/p>\n<p>Sechs bis acht Wochen hat mir der &#8220;Suhrkamp-Verlag&#8221; Lesezeit gegeben. Ich habe es in einer konzentrierten Woche, immer hundert Seiten in der Badewanne geschafft und es war lange nicht so schwer zu lesen, wie der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/26\/siebentuermeviertel\/\">Zaimoglu<\/a> und ich bin auch eine ge\u00fcbte <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/leseliste\/\">Leserin<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn man aber auf die &#8220;Amazon-Seite&#8221; geht, kann man merken, da\u00df sich die Leser schwer tun mit dem Monsterwerk, von dem sie beispielsweise behaupten, da\u00df man es nicht nacherz\u00e4hlen k\u00f6nne und, da\u00df es keine Handlung hat.<\/p>\n<p>Es ist Setz linearstes Buch, habe ich dagegen irgendwoanders gelesen.<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-Stunde-zwischen-Frau-Gitarre\/dp\/3518424955\">&#8220;Amazon Leser&#8221;<\/a> waren aber meistens bei Seite hundert, dreihundert etc und mit den tausend Seiten wahrscheinlich \u00fcberfordert, allerdings gab es bei den Kommentaren immer einen, der das dann r\u00fcgte und wenn man zu den Experten des <a href=\"http:\/\/www.srf.ch\/sendungen\/literaturclub\/fantasy-und-familie-der-literaturclub-im-september\">Schweizer Literaturclubs<\/a> geht, merkt man, da\u00df die in den Klischees steckenbleiben.<\/p>\n<p>&#8220;Wir sind in der Klapsm\u00fchle, Natalie ist die irrste Protagonistin, der ich je begegnet bin, das Buch setzt uns den Spiegel vor und man fragt sich wer sind die Verr\u00fcckten?&#8221;<\/p>\n<p>Nicht wir, sondern die Gesellschaft, w\u00fcrde ich hier antworten und <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article146465938\/So-schafft-sich-der-Deutsche-Buchpreis-ab.html\">Richard K\u00e4mmerling <\/a>hat, als der Roman nicht auf die Shortlist kam, zu einem Jurorenrundumschlag ausgeholt.<\/p>\n<p>Die soll zur\u00fccktreten, hat er gefordert, wenn sie nicht die Qualit\u00e4t des Buchs begreift und nach mehr Kritikern statt Buchh\u00e4ndlern und Musikern verlangt.<\/p>\n<p>Dem w\u00fcrde ich ich mich nicht anschlie\u00dfen, obwohl das Buch auch auf meine <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/16\/shortlist-reflexionen\/\">Shortlist<\/a> kommt und ich die Anna fragen werde, ob sie es zu Weihnachten haben will? Weil ja interessant ist, wie das\u00a0 eine drei\u00dfigj\u00e4hrige Behindertenbetreuerin, die sicher auch \u00f6fter von ihrem Beruf \u00fcberfordert ist, empfindet.<\/p>\n<p>Da\u00df es nicht auf die Shortlist und daher auch nicht zum dBp kommt, w\u00fcrde ich mir durch die oben beschriebene \u00dcberforderung der Leserschaft oder der Angst davor erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Denn wer liest in Zeiten wie diesen, wo das <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/31\/leichte-sprache-leichter-lesen\/\">Lesen ja schon bald zu einem Luxusgut wird<\/a>, wirklich noch tausend Seiten, obwohl es, wie ich wiederholen m\u00f6chte, leicht und auch spannend zu lesen ist.<\/p>\n<p>Einiges davon ist wahrscheinlich wirklich so Einzigartig und Ungew\u00f6hnlich, wie es &#8220;Ullysses&#8221; zu seinen Entstehunszeiten war, f\u00fcr die Leute wahrscheinlich, f\u00fcr die eine Psychiatrie oder ein betreutes Wohnheim noch immer eine &#8220;Klapsm\u00fchle&#8221; ist und eine F60 Person, wie die Natalie, die \u00e4rgste Irre aller Zeiten.<\/p>\n<p>Es gibt auch zur Unterst\u00fctzung und als Lesehilfe das &#8220;Betreute Lesen&#8221;, wenn das wahrscheinlich auch mehr als ein Projekt des Social Readings oder des E-Books Lesen zu verstehen ist.<\/p>\n<p>Ich hab da schon mehrmals<a href=\"http:\/\/frau-und-gitarre.de\/2015\/10\/04\/streunen\/#comments\"> kommentiert<\/a> und auch Antworten bekommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Es beginnt mit einer Verfolgungsjagd eines Hei\u00dfluftballons!&#8221;, hat Angelika Reitzer vorige Woche bei der Pr\u00e4sentation von Clemens J. 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