{"id":38900,"date":"2015-10-04T00:22:00","date_gmt":"2015-10-03T22:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=38900"},"modified":"2015-10-04T00:22:00","modified_gmt":"2015-10-03T22:22:00","slug":"wir-zerschneiden-die-schwerkraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=38900","title":{"rendered":"Wir zerschneiden die Schwerkraft"},"content":{"rendered":"<p>Die 1984 in Salzburg geborene Irmgard Fuchs, die ich von den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/01\/29\/lesarten-der-sprachkust-studentenlesung\/\">&#8220;Studentenlesungen&#8221; <\/a>kenne, dann im <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/05\/07\/von-schonen-buchern-zu-versaumende-termine\/\">&#8220;MUSA&#8221;<\/a>, weil sie f\u00fcr ihren Erz\u00e4hlband ja Stadt-Wien Stipendiatin war und bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/06\/dicht-fest-auf-deutsch-und-slowenisch\/\">Christine Hubers &#8220;DichtFest&#8221;<\/a> h\u00f6rte, war f\u00fcr mich eine \u00dcberraschung.<\/p>\n<p>Denn die \u00fcber <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/07\/19\/unter-dreisig\/\">Drei\u00dfigj\u00e4hrige<\/a>, die auch einen sehr freundlichen sympathischen Eindruck macht, bringt es zusammen, einen ohne l\u00e0rt pour l`art <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/20\/winters-garten\/\">Sprachr\u00e4usche und Flucht in das vorige Jahrhundert<\/a> einen neuen frischen Ton in die Literatur zu bringen, erz\u00e4hlt von Einsamkeit, prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen und l\u00f6st mit einer neuen frischen Sprachen durchaus Beklemmung und R\u00e4sel aus.<\/p>\n<p>So soll Literatur sein, denke ich und so w\u00fcrde ich es auch gern k\u00f6nnen, ein bi\u00dfchen poetischer in meinem <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/\">Realismus<\/a> sein. Irmgard Fuchs macht es mir vor und ich habe ihren bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/21\/von-der-rebellion-zu-den-literaturdebuts\/\">&#8220;Kremayr und Scheriau&#8221;<\/a> erschinenen Debutband &#8220;Wir zerschneiden die Schwerkraft&#8221; gelesen<\/p>\n<p>Neun Erz\u00e4hlungen, f\u00fcr die sie, wie sie bei der Pr\u00e4sentation in der &#8220;Gesellschaft der Literatur&#8221; erz\u00e4hlte, eine Menge Titel hatte, dieser ist finde ich, ein durchaus passender, denn er dr\u00fcckt genau aus um was es da geht und was ich mir auch manchmal denke, das Elend des Menschen und wie es dem Durchschnittsmenschen geht, wenn er nicht zu den Celbrities geh\u00f6rt, aber durchaus einen bek\u00f6mmlichen Lebenstandard hat.<\/p>\n<p>Oder auch nicht, so ganz sicher ist das nicht und da gibt schon die erste Geschichte, die ich, glaube ich auch damals im &#8220;Musa&#8221; h\u00f6rte, einige Fragen auf. Denn da ist eine zulangsam f\u00fcr den Arbeitsmarkt. So schraubt sie Kugelschreiber zusammen und weil man ihren Freund an das andere Ende der Welt versetzte, ist sie sehr allein. Sie hat zwar eine Katze, aber sonst nicht viel Kontakt zur Umwelt, so z\u00e4hlt sie Ameisen und legt manchmal Kugelschreiber auf die Stra\u00dfe, um zu beobachten, wer sich darum b\u00fcckt und sie kommt auch auf die Idee einen Brief mit einer Rakete in die Luft zu schicken, um denen von oben von der Welt unten zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Damit geht es gleich weiter, mit dem Leben einer Kartenabrei\u00dferin, die sich w\u00e4hrend sich das Publikum im Kozertsaal berauscht, Katstrophen ausdenkt.<\/p>\n<p>&#8220;Was ist schlimmer Feuer oder Wasser?&#8221;<\/p>\n<p>Das fragt sie ihren Ex.Mann, der paradoxerweise zu ihrem Geburtstagsfest kommt, daf\u00fcr b\u00e4ckt sie einen Kuchen und kauft auch Schlagobers, das ihr aber bl\u00f6derweise vor der Kassa aus der Hand f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Dann geht es in den Zirkus, dahin nimmt ein paar zwei &#8220;Attrappenkinder&#8221; mit, denen sie daf\u00fcr soviel S\u00fc\u00dfigkeiten bis sie speiben versprechen, denn man geht ja nicht ohne Kind dorthin. Der Mann will aber keine Kinder, weil in Zeiten, wie diesen&#8230;.<\/p>\n<p>Er ist auch sehr umweltbewu\u00dft, sammelt die Schnecken aus dem Schreberg\u00e4rtchen ein und tr\u00e4gt sie in den Wald. An diesem Abend nach der Zirkusvorstellung tut es die Frau und kommt wahrscheinlich nicht mehr zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Danach wacht eine auf, hat Zahnschmerzen, hat vom Rotk\u00e4ppchen und dem b\u00f6sen Wolf getr\u00e4umt, geht am Sonntag durch die Stadt spazieren, lernt einen entlassenen M\u00f6rder kennen und in der M\u00fclltone liegen die toten Goldfische.<\/p>\n<p>That ist live,\u00a0 im wirklichen Leben ist es wahrscheinlich noch trivialer, Irmgard Fuchs schm\u00fcckt es als Sprachkunststudentin nat\u00fcrlich entsprechend aus, sie tut es aber auf eine Art un Weise, wie ich es noch nicht gelesen habe.<\/p>\n<p>Surrealer wird es dann in den &#8220;Einhundersechzehn interstellaren Abbildungen&#8221; und man k\u00f6nnte sich fragen, wird hier eine Psychose oder der ganz normale Wahnsinn des allt\u00e4glichen Lebens beschrieben?<\/p>\n<p>Aber das trifft f\u00fcr alle Geschichten zu, Irmgard Fuchs hat nur den realen Ton in dem sie prek\u00e4res Leben schildert, das sie vielleicht selbst erlebte.<\/p>\n<p>Wenn das Ich dann hungrig durch die Fastfoodtempeln einer Kleinstadt geht, nach dem sie von\u00a0 Mc Donald S\u00e4cken der Sitznachbarn im Zug dorthin fuhr und dann noch verwechselt wird, ist vielleicht nur mehr die Irrealit\u00e4t zu sp\u00fcren und ich frage mich auch, ob der Richard, der dann aus dem Entspannungsprobetraining, wie einige andere Prototagnosten der Erz\u00e4hlungen auch, nicht mehr zur\u00fcckkehrt jetzt ein &#8220;Burn out&#8221;- oder ein &#8220;Bourn out\u00a0 Verhinderungstraining&#8221; machte?<\/p>\n<p>Die akkurate Psychologin fragt sich das. Irmgard Fuchs wird hier wohl wieder listig mit der Ironie gespielt haben. Dann soll ein alter Mann in ein Altersheim, weil seine Frau schon l\u00e4ngst tot am K\u00fcchentisch sitzt, so habe ich es mir jedenfalls gedeutet. Er putzt wie wild die Wohnung und verschwindet dann mit einem Koffer ins All.<\/p>\n<p>Ja, ja das ist Surreale, mit dem ich doch so wenig anfangen kann oder ist es nur ein Abwehrmechanismus oder eine poetischere Beschreibung f\u00fcr den Tod?<\/p>\n<p>Am Schlu\u00df kommen die &#8220;Bewerbungsschreiben&#8221;, die ich schon\u00a0 in der &#8220;Gesellschaft&#8221; h\u00f6rte. Auch hier verschwindet schlie\u00dflich die, die vorher in Zeiten wie diesen verzweifelt einen Job suchte, ins Nichts oder auf eine Insel und auf dem Klappentext steht &#8220;Die Figuren zweifeln an sich selbst, an der Wirklichkeit und an der Welt im Allgemeinen. Sie haben ihre Schwerkraft verloren, gewinnen dadurch allerdings eine Freiheit, die es ihnen erlaubt, anders zu sein.&#8221;<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde ich nun bezweifeln, beziehungsweise habe ich die Geschichten anders gelesen.<\/p>\n<p>&#8220;Poetische und schr\u00e4ge Geschichten vom Zweifel an der Welt und an der eigenen Daseinsberechtigung&#8221;, bleiben es allemal.<\/p>\n<p>Irmgard Fuchs, wie weiter im Klappentext steht &#8220;beeindruckt durch ihren genauen Blick und ihren eigenwilligen Ton, der poetisch, leicht, vertr\u00e4umt und ironisch zugleich ist.&#8221;<\/p>\n<p>Lesen w\u00fcrde ich raten, weil die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/10\/01\/von-der-longlistlesung-zur-release-party\/\">Releaseparty im &#8220;Siebenstern&#8221;<\/a> ja schon vor\u00fcber ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 1984 in Salzburg geborene Irmgard Fuchs, die ich von den &#8220;Studentenlesungen&#8221; kenne, dann im &#8220;MUSA&#8221;, weil sie f\u00fcr ihren Erz\u00e4hlband ja Stadt-Wien Stipendiatin war und bei Christine Hubers &#8220;DichtFest&#8221; h\u00f6rte, war f\u00fcr mich eine \u00dcberraschung. 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