{"id":38878,"date":"2015-10-03T00:00:51","date_gmt":"2015-10-02T22:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=38878"},"modified":"2015-10-03T00:00:51","modified_gmt":"2015-10-02T22:00:51","slug":"das-tortenprotokoll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=38878","title":{"rendered":"Das Tortenprotokoll"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Ein Roman \u00fcber das \u00f6sterreichische Rezept, sich die Vergangenheit und deren Schmerz mit Torten und Tascherln vom Leib&#8221; zu halten&#8221;, steht am Buchr\u00fccken von Marianne Jungmaiers bei <a href=\"http:\/\/www.kremayr-scheriau.at\/bucher-e-books\/das-tortenprotokoll-771\">&#8220;Kremayr und Scheriau&#8221;<\/a> erschienenen Debutroman &#8220;Das Tortenprotokoll&#8221;, in dem die Ich-Erz\u00e4hlerin Friederike von ihren Eltern aus Berlin in das heimatliche Dorf geholt wird, weil die Gro\u00dfmutter gestorben ist.<\/p>\n<p>Und die 1985 in Linz geborene Marianne Jungmaier, eine sich in einem Polstersessel r\u00e4kelnde junge Frau mit rot geschminken Lippen, schwarzen Pulli, schwarzen Stiefelchen und Leggings im Leopardenmuster, die digitales Fernsehen, Filmwissenschaften und Journalismus studierte, seit 2011 freischaffende Autorin ist, lebt auch in Berlin und anderswo, wie am Klappentext zu ersehen ist.<\/p>\n<p>Ich habe sie einmal bei einer Lesung in der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/10\/13\/alltag-stimmung-spharen\/\">&#8220;Alten Schmiede&#8221;<\/a> geh\u00f6rt, werde sie wahrscheinlich auch bei ihrer GAV-Antrittslesung am 23. Oktober h\u00f6ren und war vor einigen Tagen bei der Vorstellung des jungen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/21\/von-der-rebellion-zu-den-literaturdebuts\/\">Literaturprogramms, das es jetzt bei &#8220;Kremayr und Scheriau&#8221;<\/a> gibt.<\/p>\n<p>Sie sei auf Marianne Jungmayr bei einer Lesung im Salzburger Literaturhaus aufmerksam geworden, erkl\u00e4rte dort, glaube ich, die Lektorin Ursula Eibel und das Buch ist, wie wahrscheinlich viele Debutromane in einer sch\u00f6nen, vielleicht ein wenig widerspr\u00fcchigen Sprache geschrieben &#8220;Ich habe noch nie jemanden verloren, jedenfalls nicht absichtslos&#8221; oder &#8220;Tobi, mit dem ich aufgewachsen war, der mir mehr Bruder war als meine Schwester&#8221;, wahrscheinlich hat sie auch an der &#8220;Leondinger Akademie&#8221; studiert, auf jedenfalls wird <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/04\/22\/gustav-ernst-und-der-dialog\/\">Gustav Ernst<\/a> am Schlu\u00df gedankt und beschrieben wird, wie wahrscheinlich auch in vielen Debutroman, die Kindheit und das Aufwachsen in der Provinz.<\/p>\n<p>Trotzdem ist das Dorf, in dem Friederike, sie hei\u00dft so, wie ihre Gro\u00dfmutter, eigentlich keines aus den Achtziger und Neunzigerjahren, zumindest erinnert es mich stark an die, die ich aus den F\u00fcnfziger-und Sechzigerjahren kenne.<\/p>\n<p>Da stehen die Marmeladegl\u00e4ster in den Kellern auf den Regalen und die Gro\u00dfmutter, die wieder einerseits als strenge Frau geschildert wird, die Fliegen t\u00f6tete, andererseits aber der Sehnsuchtsort der kleinen Friederike war, denn bei ihren Eltern ist es noch gef\u00fchlloser zugegangen, denn die haben ihr in Friederikes Empfinden immer signalisiert, nicht erw\u00fcnscht zu sein, stand den ganzen Tage in der K\u00fcche, buk Torten, kochte ein, versorgte die Hendln und das Gem\u00fcse und sie versorgte auch noch einen anderen Haushalt. Wohnte sie doch in einem Ausziehh\u00e4uschen, zwischen dem Haus von Friederikes Eltern und denen von Tobi und der war Friederikes Jugendfreund und Spielkamerad und\u00a0 dessen Gro\u00dfvater Emil, seine Mutter war depressiv, der Vater sonst irgenwie unbrauchbar, die Gro\u00dfmutter versorgte. Der ist dann gestorben, als die Kinder sechs und sieben\u00a0 waren und jetzt kommt Friederike heim, um am Begr\u00e4bnis der Gro\u00dfmutter teilzunehmen, das ihre Eltern und ihre Schwester schon eifrig vorbereiten. Sich darum k\u00fcmmern, wer eingeladen wird, was es zum Essen gibt. Sonst wird \u00fcber Gef\u00fchle nicht geredet. So geht Friederike in das Haus der Gro\u00dfmutter und sucht nach dem &#8220;Tortenprotokoll&#8221;, das ist die Rezeptsammlung der Gro\u00dfmutter, in der sie alle Zutaten f\u00fcr die Apfel-und die Eierlik\u00f6rtorten aufnotierte und in dem findet sie\u00a0 einen Liebesbrief, in dem ein Mann in sch\u00f6nen Worten von seinen Gef\u00fchlen zu der Gro\u00dfmutter schreibt, von Gef\u00fchlen f\u00fcr die in der Familie nie Zeit war oder die immer \u00fcber\u00a0 das Essen von Torten, Mehlspeisen, Keksen ausgetragen wurden.<\/p>\n<p>Vom \u00dcbergewicht ist in dem Buch eigentlich nie die Rede, immer nur von der Gef\u00fchls-und Lieblosigkeit und so beliben auch die Gef\u00fchle Friederikes zu Tobi, dem Jungenfreund irgendwie vage.<\/p>\n<p>Nach dem Bebgr\u00e4bnis verl\u00e4\u00dft sie jedenfalls den Ort mit Gegenst\u00e4nden aus ihrem Jungendzimmer, das sie in der Nacht ausr\u00e4umte und dem Tortenprotokoll, das inzwischen von anderen Verwandten gesucht und nicht gefunden wurde, um nach Berlin zur\u00fcck zu kehren, wo sie zwar keine Familie, aber offenbar eher eine Heimat hat und man wei\u00df nicht recht, ob sie ihm b\u00f6se ist, weil er von dem Geheimnis der Gro\u00dfmutter zu seinem Gro\u00dfvater wu\u00dfte, es aber niemanden in der Familie verraten wollte und auch den Vater kann sie nicht verstehen, der nicht reagiert, als sie ihm einen der Liebesbriefe vorliest.<\/p>\n<p>Denn das kann es doch nicht geben, eine Liebe zwischen einer alten Frau und einem alten Mann, die Gro\u00dfmutter sollte nach dem Krebstod des Gro\u00dfvaters gef\u00e4lligst mit den drei Kindern allein zur\u00fcckbleiben und deshalb hat sie sich in dieser Sprach- und Gef\u00fchllosigkeit wahrscheinlich auch f\u00fcr die Heimlichkeit entschieden und darauf verzichtet, mit Emil Reisen auf Reisen zu gehen und ist stattdessen jeden Tag in sein Haus hin\u00fcbergegangen, um ihm und wahrscheinlich auch Tobi und seinen Eltern, die sch\u00f6nsten Torten, Strudeln, Kuchen zu backen.<\/p>\n<p>Ja Liebe geht durch den Magen und Linz\u00a0 ist nicht so weit von dem Ort entfernt, wo<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/02\/12\/12-februar\/\"> Thomas Bernhard<\/a> seine\u00a0 Schimpftiraden auf dieses b\u00f6se \u00d6sterreich und dessen Gef\u00fchlsk\u00e4lte schrieb.<\/p>\n<p>Ein Roman in dessen Tradition wahrscheinlich, der mir in seiner \u00f6sterreichischen Art gefallen hat, obwohl es\u00a0 nicht wirklich etwas Neues ist, was diese junge Frau erlebte. Man kann es wahrscheinlich in vielen Debutromanen lesen und, ob man die zwei Tortenrezepte, die in dem Buch enthalten sind, nachbacken kann, m\u00fc\u00dfte\u00a0 ich erst ausprobieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Ein Roman \u00fcber das \u00f6sterreichische Rezept, sich die Vergangenheit und deren Schmerz mit Torten und Tascherln vom Leib&#8221; zu halten&#8221;, steht am Buchr\u00fccken von Marianne Jungmaiers bei &#8220;Kremayr und Scheriau&#8221; erschienenen Debutroman &#8220;Das Tortenprotokoll&#8221;, in dem die Ich-Erz\u00e4hlerin Friederike von &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=38878\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[2755,3196,2457,2561],"class_list":["post-38878","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-debutroman","tag-kremayr-und-scheriau","tag-marianne-jungmaier","tag-oesterreichische-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=38878"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38878\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=38878"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=38878"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=38878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}