{"id":38557,"date":"2015-09-15T00:47:00","date_gmt":"2015-09-14T22:47:00","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=38557"},"modified":"2015-09-15T00:47:00","modified_gmt":"2015-09-14T22:47:00","slug":"gehen-ging-gegangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=38557","title":{"rendered":"Gehen, ging, gegangen"},"content":{"rendered":"<p>Jenny Erpenbecks, im August erschienener Roman, ist wahrscheinlich der aktuellste auf <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/19\/der-longlistenstart\/\">Longlist<\/a> und er verbindet fast, wie ich es immer <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/\">tue<\/a>, zwei Handlungsstr\u00e4nge miteinander.<\/p>\n<p>Da ist Richard, wahrscheinlich siebzig und emeritierter Altphilologe, der am Rande von Ostberlin allein in einem Haus an einem See wohnt. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben, die Geliebte hat ihn verlassen, Kinder gibt es nicht, so schleppt er seine B\u00fccher von der Humboldt- Uni nach Hause und \u00fcberlegt, ob er fortan Strickjacken statt Jackets tragen und sich nicht mehr rasieren soll?<\/p>\n<p>Er wird auch lernen m\u00fc\u00dfen mit seiner Zeit umzugehen, das Denken will er nicht aufgeben und so umkreist dieses am Beginn, den Toten in See, den Unfall, den es vor einiger Zeit gegeben hat, der ihn in diesem Sommer am Schwimmen gehindert hat.<\/p>\n<p>Dann f\u00e4hrt er in die Stadt und sieht am Alex, beim roten Rathaus, einen Hungerstreik von afrikanischen Fl\u00fcchtlingen, &#8220;We become visible!&#8221; steht auf ihren Transparenten und er beginnt sich mit ihnen zu besch\u00e4ftigen, liest \u00fcber die Situation in Afrika nach, lernt die Hauptst\u00e4dte auswendig und stellt auch einen Fragenkatalog zusammen. Denn nach dem der Streik beendet wurde, werden sie in ein lehres Altersheim in seiner N\u00e4he einquartiert, so geht er hin, l\u00e4\u00dft sich ihre Geschichten erz\u00e4hlen und ver\u00e4ndert sich.<\/p>\n<p>Dazwischen gibt es immer wieder Einsch\u00fcbe aus der &#8220;Odyssee&#8221; und anderen altphilologischen Texten,\u00a0 aus seiner Vergangenheit, er hat noch die letzten Kriegstage erlebt, ist im Osten aufgewachsen, der Westen ist ihm noch immer\u00a0 fremd. Er trifft seine Freunde, auch alles \u00e4ltere Paare, geht einkaufen und schreibt dazu penible Einkaufslisten, bringt aber nach und nach den einen oder anderen der jungen M\u00e4nner nach Hause, einen damit er Klavier spielen kann, ein anderer soll ihm im Garten helfen. Er gibt ihnen gemeinsam mit einer sch\u00f6nen \u00c4thiopierin, in die er sich auch ein bi\u00dfchen zu verlieben scheint, Deutschunterricht.<\/p>\n<p>Und als die Gesichter alle Geschichten haben, sollen sie verlegt werden, zuerst kann das die Heimleitung durch tats\u00e4chliche oder erfundene Windpocken verhindern, dann kommt es zu Unruhen und Polizeieins\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Richard organisiert zum ersten Mal in seinem Leben eine Demonstration, weil man dazu einen deutschen Pa\u00df\u00a0 ben\u00f6tigt und am Ende schlafen eine Menge junger M\u00e4nner in seinem Haus, ein paar andere bei seinen Freunden, die fast ungew\u00f6hnlich solidarisch sind.<\/p>\n<p>Eine kleine Verstimmung gibt es auch, weil nicht sicher ist, ob es nicht einer der jungen traumatisierten M\u00e4nner war, der bei ihm eingebrochen hat, w\u00e4hrend er in Frankfurt einen Vortrag \u00fcber Seneca hielt und das Buch schlie\u00dft auch ziemlich abrupt\u00a0 bei der Geburtstastagsfeier, die er mit ihnen und seinen Freunden veranstaltet, er sitzt da und denkt nach warum er mit seiner Frau Christl keine Kinder hatte, weil das f\u00fcr Afrikaner offenbar etwas sehr ungew\u00f6hnlich ist.<\/p>\n<p>Ungew\u00f6hnlich ist vielleicht auch der Stil und das ist, wie ich in einigen Rezensionen lesen konnte, vielleicht auch das Problem des Buches.<\/p>\n<p>Denn die 1962 in Berlin geborene Jenny Erpenbeck, die mit &#8220;Heimsuchung&#8221;, ein Buch, das ich ich mir als TB vor kurzem um einen Euro kaufte und &#8220;Aller Tage Abend&#8221; ber\u00fchmt geworden ist, machte sich an ein sehr aktuelles Thema.<\/p>\n<p>Auf den letzten Seiten gibt es auch einen Spendenaufruf, auch ein bi\u00dfchen ungew\u00f6hnlich, denn wenn das Buch in zehn zwanzig Jahren im B\u00fccherschrank oder einem Antiquariat liegt, wird es das Konto nicht mehr geben und inzwischen habe ich ja auch gelernt, da\u00df es als nicht sehr literarisch gilt, sich an solche <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/01\/vorschau-auf-die-pensionsschockdepression-oder-selmas-kopftuch\/\">tagespolitische<\/a> Themen zu wagen.<\/p>\n<p>Jenny Erpenbeck juckte es wahrscheinlich unter den Fingern und um entsprechenden Vorw\u00fcrfen zun Entgehen, packte sie auch noch einige andere Handlungselemente hinein. So gibt es viele Anspielungen, viele Gedankeng\u00e4nge, das\u00a0 &#8220;gehen ging gegangen&#8221;, kommt immer wieder, auch andere Wortwiederholungen und im Klappentext steht etwas vom &#8220;Vergehen der Zeit&#8221;, um das es ja eigentlich gar nicht geht oder doch nat\u00fcrlich, wenn du jahrlelang auf deinen Asylbescheid wartetst und von einem Lager ins andere geschickt wirst, ist das bestimmt sehr wichtig.<\/p>\n<p>Aber Journalistisch solllte es\u00a0 nicht werden, dann w\u00e4re das Buch nicht auf der Longlist gekommen, also gibt es immer\u00a0 fast surreale Szenen in dem Buch, das am Anfang auch sehr distanziert beginnt &#8220;Richard kocht sich einen Kaffee&#8221; beispielsweise, das mir, wen wundert es, sehr gut gefallen hat, etwa die, wo einer seine Geschichte erz\u00e4hlt und dabei den Boden kehrt, Richard ist aber, als er daran denkt, schon in seinem Haus oder die, wo sich alle herausputzen, um gemeinsam zum Deutschkurs in die VHS aufzubrechen oder die von dem Anwalt mit Zylinder und Bratenrock, also h\u00f6chst literarisch, obwohl es ja um so etwas &#8220;banales&#8221; wie Fl\u00fcchtlingsschicksale in Oranienburg geht.<\/p>\n<p>In den Blogs wurde das sehr diskutiert und die Blogger, die ja ihre Aktion <a href=\"https:\/\/www.betterplace.org\/de\/fundraising-events\/bloggerfuerfluechtlingei\">&#8220;Blogger f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge&#8221;<\/a> haben, sind hin und hergerissen ob das <a href=\"http:\/\/literatourismus.net\/2015\/09\/jenny-erpenbeck-gehen-ging-gegangen\/\">jetzt<\/a><a href=\"http:\/\/lustauflesen.de\/erpenbeck-gehen-ging-gegangen\/\"> gelungen<\/a> ist oder nicht und ich denke, da\u00df uns die Realit\u00e4t, seit Erscheinen des Buches, mit den Fl\u00fcchtlingscamps am Westbahnhof beispielsweise und den Toten auf der A1 schon wieder \u00fcberholt hat und es ist wahrscheinlich auch spannend, das, was man sonst im Fernsehen sieht oder in der Kronenzeitung liest, literarisch aufbereitet bekommen.<\/p>\n<p>Ich habe vieles gelernt, das ich vorher noch nicht wu\u00dfte, obwohl ich mich <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/03\/schreibgruppe-mit-fluechtlingsproblematik\/\">schon<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/31\/demo-fuer-menschlichkeit-und-buechersegen\/\">l\u00e4nger<\/a> mit der Problematik besch\u00e4ftigte und in diesem Sommer auch dar\u00fcber <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/29\/ein-sommernanowrimo\/\">geschrieben<\/a> habe. Beispielsweise war mir fremd, da\u00df viele der jungen M\u00e4nner Italienisch sprechen, was aber, wenn sie sich vorher in Lampedusa oder in den italienischen St\u00e4dten aufgehalten haben, bevor sie nach Deutschland kamen, eigentlich kein Kunstst\u00fcck ist.<\/p>\n<p>Irgendwo wird Richard auch als schrullig beschrieben, was ich eigentlich nicht so empfinde und mich auch wehren w\u00fcrde, jeden alteren Herrn gleich so zu bezeichnen und der hier beschriebene ist auch noch sehr gelehrt und gebildet.<\/p>\n<p>Aber zwei Eigenheiten oder Ungereimtheiten fielen mir schon auf, so zum Beispiel, da\u00df er sich haupts\u00e4chlich aus Bohnen- und Erbenseint\u00f6pfen zu ern\u00e4hren scheint und die gleich aus der Dose l\u00f6ffelt, ein Universit\u00e4tsprofessor w\u00fcrde, w\u00fcrde ich einmal vermuten, auch wenn er in Ostberlin wohnt, eher in Gasth\u00e4user essen gehen, wenn er nicht kochen kann und dann hat er den Adventkranz f\u00fcnf Jahre auf dem Wohnzimmertisch stehen, weil er ihn nach dem Tod seiner Frau nicht mehr entfernte, ein bi\u00dfchen unrealistisch f\u00fcr einen Mann vieleicht, der seine Frau mit der Geliebten betrogen hat oder vielleicht einer der literarischen Kunstgriffe Jenny Erpenbecks und dann kommt wieder eine Weihnachtsszene, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/27\/der-susan-effekt\/\">die<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/28\/applaus-fuer-bronikowski\/\">dritte<\/a>, die ich lese, seit ich &#8220;Buchpreisblogge&#8221;, diesmal eine sehr ausf\u00fchrliche sogar.<\/p>\n<p>Richard nimmt einen der jungen M\u00e4nner nach Hause und f\u00fchrt ihn, obwohl er Atheist ist, durch sein &#8220;Weihnachtsmuseum&#8221;. Da frage ich mich wieder, ob das die Verlage von ihren Autoren so verlangen, damit die Leute, wenn sie zu Weihnachten ihr B\u00fcchlein auspacken, zufrieden sind. Aber das w\u00fcrde wieder nicht zu dem brandaktuellen Thema und dem engagierten Anliegen passen.<\/p>\n<p>Spannend also die Wirklichkeit so schnell literarisch aufbereitet zu bekommen, ich danke f\u00fcr das <a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Gehen-ging-gegangen-Roman\/Jenny-Erpenbeck\/e336327.rhd\">Rezensionsexemplar<\/a> und bin jetzt sehr gespannt, ob es morgen auf die Shortlist kommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenny Erpenbecks, im August erschienener Roman, ist wahrscheinlich der aktuellste auf Longlist und er verbindet fast, wie ich es immer tue, zwei Handlungsstr\u00e4nge miteinander. 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