{"id":36931,"date":"2015-07-16T00:32:00","date_gmt":"2015-07-15T22:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=36931"},"modified":"2015-07-16T00:32:00","modified_gmt":"2015-07-15T22:32:00","slug":"die-scharsten-gerichte-der-tatarischen-kuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=36931","title":{"rendered":"Die sch\u00e4rfsten Gerichte der tatarischen K\u00fcche"},"content":{"rendered":"<p>In Zeiten zwischen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/05\/30\/frauenpower-beim-bachmannpreis\/\">Bachmannpreis<\/a> und Verlautbarung der<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=36895&amp;preview=true\"> dBp-Longlist<\/a> kommt jetzt wieder ein Buch aus dem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/09\/15\/vom-funften-in-den-vierten\/\">&#8220;Augustin-Flohmarkt&#8221;<\/a>, ein Leseexemplar &#8220;Bitte nicht vor dem 19. August 2010 besprechen&#8221;, Alina Bronskys &#8220;Die sch\u00e4rfsten Gerichten der tatarischen K\u00fcche&#8221;, die damit damals auf der<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/08\/18\/sommerfrischeschreibwerkstatt\/\"> Longlist <\/a>gestanden ist und 2007 mit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/02\/06\/im-scherbenpark\/\">&#8220;Scherbenpark&#8221;<\/a> beim Bachmannpreis gelesen hat.<\/p>\n<p>Dort ist sie, glaube ich, nicht sehr aufgefallen, das Buch hat mich aber sehr beeindruckt, so da\u00df ich es mir zu Weihnachten oder zum Geburtstag w\u00fcnschte, es dann 2009 besprach und die Besprechung mu\u00df irgendwo gelandet sein, denn sie wird immer noch sehr h\u00e4ufig aufgerufen.<\/p>\n<p>Inzwischen hat sich die 1978 in Jekaterinburg geborene Alina Bronsky, der Name ist, glaube ich, ein Pseudonym, dem Jugendbuch zugewandt und ihr\u00a0 &#8220;Spiegelkind&#8221; mit dem sie auch auf der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/11\/26\/buch-wien-geschichten\/\">&#8220;Buch-Wien&#8221;<\/a> war und vor Schulklassen auf der FM-4 B\u00fchne gelesen hat, habe ich vorige Woche beim &#8220;Morawa-Abverkauf&#8221;, um, glaube ich, zwei Euro bekommen.<\/p>\n<p>Jetzt also, die Geschichte von der lebenspraktischen energischen tatarischen Oma Rosalinda, um keine Irrt\u00fcmer zu erwecken, das ist eine P\u00e4dagogin um die Vierzig, die sich immer sehr sch\u00f6n schminkt, die Lippen rot und Make up auflegt und mit ihrem Mann Kalganov, der Tochter Sulfia und der Hebamme oder Spitalsputzfrau Klavida in einer Gemeinschaftswohnung in Moskau wohnt.<\/p>\n<p>Rosa ist Tatarin, das mu\u00dfte man in der SU aber offensichtlich verbergen, so wurde Sulfia nur Sonja gerufen und die sch\u00f6ne Rosa ist mit ihrer Tochter, die\u00a0 f\u00fcr dumm und faul empfindet, sowieso sehr unzufrieden.<\/p>\n<p>Die ist Siebzehn und eines Morgen schwanger, denn sie hat in der Nacht von einem Mann getr\u00e4umt, ja so bekam man in der SU offenbar die Kinder oder erz\u00e4hlte das den M\u00fcttern.<\/p>\n<p>Rosa zwingt sie deshalb in die Badewanne, engagiert dann Klavida, aber das B\u00e4uchlein rundet sich, worauf die Hebamme stolz behauptet, es waren eben Zwillinge und das f\u00fcr das sie bezahlt wurde, hat sie auch getroffen.<\/p>\n<p>So kam die kleine\u00a0 Aminat oder Anja oder Anna auf die Welt und der Kampf zwischen Mutter und Tochter beginnt.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft zuerst ging Sulfia wieder in die Krankenschwesternschule zur\u00fcck und die Gro\u00dfmutter ri\u00df alles an sich und brachte die Kleine in die Kindergrippe. Sp\u00e4ter zog Sulfia mit dem Kind ins Schwesternheim, die Gro\u00dfmutter raste, als sie das Kind in der Gehschule allein mit Windpocken vorfand, holte sie\u00a0 zur\u00fcck und erz\u00e4hlte allen im Kindergarten, die Mutter w\u00e4re geisteskrank.<\/p>\n<p>Dann kam die TBC und Aminat in ein Heim, als sie aber dort Scharlach bekam, durfte die Gro\u00dfmutter sie wieder abholen und eines Tages als sie in den Kindergarten kam, hatte die Mami die Kleine schon geholt, den Sulfia inzwischen Krankenschwester, hatte einen Physiker namens Sergej geheiratet.<\/p>\n<p>Die Gro\u00dfmutter n\u00e4hert sich der Familie wieder an in dem sie ihnen tatarisches Essen kocht, obwohl sie das eigentlich\u00a0 nicht kann, weil sie in einem sowetischen Waisenhaus aufgewachsen ist und die M\u00e4nner, zuerst Kalganow, dann Sergej verlassen ihre Frauen wegen anderen.<\/p>\n<p>Sulfia beginnt zu trinken und legt sich ins Bett, die kleine Aminat, die schon in die Schule geht, verwahrlost und die Gro\u00dfmutter mu\u00df wieder einspringen, mit einer Bonboniere zur Lehrerin in die Schule gehen und Aminat die Haare abschneiden, damit sie wieder ein ordentliches M\u00e4dchen wird.<\/p>\n<p>Dann beginnt sich Rosa zuerst wieder f\u00fcr M\u00e4nner zu interessieren, sp\u00e4ter bekommt sie heraus, da\u00df doch die Enkeltochter das Wichtigste f\u00fcr sie und Sulfia hat am Krankenbett einen Juden kennengelernt, einen Michail Rosenbaum, der sie schw\u00e4ngert, so besucht Rosa seine Eltern und bringt die Rosenbaums dazu, Sulfia zu heiraten.<\/p>\n<p>Die kleine Lena, wird der Liebling von Aminat, die von Rosa mit einer Katze dazu erpresst wurde, ihrer Mutter im Haushalt zuhelfen.<\/p>\n<p>Dann passiert eine Explosion am Hauptbahnhof und die Rosenbaums m\u00fcssen zu Rosa und der jungen Familie ziehen. Zum Gl\u00fcck entsteht der Plan nach Israel auszuwandern, Rosa h\u00e4tte nichts dageben, nur Aminat soll mit und beginnt schon Hebr\u00e4isch zu lernen.<\/p>\n<p>Rosa besorgt sich bei ihrer Nachbarin Schlaftabletten und macht sich sch\u00f6n f\u00fcr den Tod, erwacht aber und sieht Sulfia an ihrem Bett sitzen und den Puls messen, sie und Aminat sind zur\u00fcckgeblieben, die kleine Lena mit den Rosenbaums davongeflogen und die Ehe wird geschieden.<\/p>\n<p>Jetzt kommt bald die Wende, beziehungsweise eine Hungersnot und Rosa hat gro\u00dfe Sorgen f\u00fcr ihr Enkelkind genug Milch oder Vitamine zu besorgen. Da kommt wieder ein Mann an Sulfias Station.<\/p>\n<p>Ein zusammengeschlagener Ausl\u00e4nder, ein Deutscher namens Dieter Rossmann, ein Journalist, der sich f\u00fcr die tatarische K\u00fcche interessiert. So beginnt Rosalinda wieder zu zaubern und den Deutschen einzuladen, der sich allerdings weniger f\u00fcr Sulfia, als f\u00fcr Aminat interessiert.<\/p>\n<p>Rosalinda mu\u00df wieder ein bi\u00dfchen arrangieren, bis die gew\u00fcnschte Einladung f\u00fcr drei Personen nach Deutschland und der Flug \u00fcber Moskau nach Frankfurt kommt.<\/p>\n<p>Tochter und Enkelin sind noch nie geflogen und in Moskau wird gerade die erste Mc Donald filiale er\u00f6ffnet, wo alle Schlange stehen, um die in Streifen geschnitten Kartoffeln und die Hamburger in Pappkartons, das tolle Essen aus dem goldenen Westen zu ergattern.<\/p>\n<p>Alina Brosky ist wirklich eine begnadete Schriftstellerin, die das Leben der Russen vor und nach der Wende in satirischer boshafter Sch\u00e4rfe darzustellen versteht und sich \u00fcber das, was sie m\u00f6glicherweise selbst erlebte, lustig macht.<\/p>\n<p>Aber in einem Roman, der auf der Longlist steht mu\u00df man nat\u00fcrlich geh\u00f6rig \u00fcbertreiben und, wie am Buchr\u00fccken steht &#8220;von der durchtriebensten Gro\u00dfmutter aller Zeiten&#8221; schreiben.<\/p>\n<p>So wird es auf den etwa dreihundertzwanzkig Seiten vollends verwirrend und die Ereignisse \u00fcberschlagen sich.<\/p>\n<p>Der, was mir nicht so gef\u00e4llt, Verdacht auf Kindesmi\u00dfbrauch taucht auf, wird aber nur angerissen, beziehungsweise von den weiteren Ereignisse \u00fcberschwappt, Sulvia reist zur\u00fcck, um die Hochzeitspapiere zu holen, kommt aber nie wieder, weil es den kranken Vater zu pflegen gilt.<\/p>\n<p>Die Lehrerin Rosa wird Putzfrau und nat\u00fcrlich, wie kann es anders sein, die beste Putzfrau aller Zeiten, deren Kundinnen sie auf ihre Skiurlaube mitnehmen. Es gibt auch einen Oberarzt, der die Medikamente f\u00fcr die kranke Sulvia besorgt und Rosalinde, die jetzt auch Medizin studieren will, einen Posten als Putzfrau an der Gyn\u00e4kologie besorgt, dort wei\u00df sie auch alles besser als die \u00c4rzte, wird entlassen und Sulvia stirbt.<\/p>\n<p>Das wirft Rosa, die ja so scheinbar nichts von ihrer Tochter hielt, vollends aus der Bahn. Sie holt die Urne nach Deutschland, beginnt mit der toten Tochter zu reden, h\u00f6rt zu putzen auf und sich um Aminat zu k\u00fcmmern, die abhaut und verschwindet.<\/p>\n<p>Ein alte Engl\u00e4nder, den Rosa aus der Depression in die er nach dem Tot seiner Frau gefallen ist, holte, k\u00fcmmert sich nun um sie und im Fernsehen tauchen Bilder einer Aminat auf, die einen Sogcontest nach dem anderen gewinnt. Allerdings ist nicht ganz klar, wie real oder eingebildet diese Erlebnisse sind. Aber diese Aminat berichtet in den Medien von Kindesmi\u00dfbrauch, Magersucht und einer Gro\u00dfmutter, die sie an einen Deutschen verkaufte, nur um eine Aufenhaltsgenehmigung zu bekommen.<\/p>\n<p>Dieter stirbt und hinterl\u00e4\u00dft au\u00dfer Fots von Aminat viele unvollendete Rezepte der tatarischen K\u00fcche und am Schlu\u00df steht Rosalinde wieder in einer K\u00fcche und f\u00e4ngt zu kochen an, denn was soll sie denn sonst tun, wenn &#8220;Gott sie schon verl\u00e4\u00dft&#8221;.<\/p>\n<p>Ein sehr verwirrendes Buch mit sehr viel wahren Inhalt nat\u00fcrlich, das eine und das andere wird den russischen Emigranten schon in der Phantasie oder n Wirklichkeit passiert sein.<\/p>\n<p>Ob es wirklich eines der besten in Deutschland erschienenen B\u00fccher des Jahres 2010 ist, bin ich mir nicht sicher. Ich h\u00e4tte es wahrscheinlich nicht auf die Longlist gesetzt, weil ich nicht so gerne \u00fcber das Elend oder die Schrullen der anderen lache.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten zwischen Bachmannpreis und Verlautbarung der dBp-Longlist kommt jetzt wieder ein Buch aus dem &#8220;Augustin-Flohmarkt&#8221;, ein Leseexemplar &#8220;Bitte nicht vor dem 19. 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