{"id":36348,"date":"2015-06-05T00:04:03","date_gmt":"2015-06-04T22:04:03","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=36348"},"modified":"2015-06-05T00:04:03","modified_gmt":"2015-06-04T22:04:03","slug":"der-seelenvogel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=36348","title":{"rendered":"Der Seelenvogel"},"content":{"rendered":"<p>Nach <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/05\/31\/joseph-roth-und-der-film\/\">Joseph Roth<\/a> und vor und nach<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/05\/28\/marktplatz-der-sensationen\/\"> Egon Erwin Kisch<\/a>, geht es weiter mit Elisabeth Freundlichs Roman &#8220;Der Seelenvogel&#8221;, \u00fcber ihren Gro\u00dfvater Heinrich Lanzer, der ihren Eltern gewidmet ist und den man heute wahrscheinlich <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/09\/20\/schreiben-im-open-house\/\">&#8220;Memoir&#8221;<\/a> nennen w\u00fcrde und sie selbst als &#8220;Chronik&#8221; bezeichnet.<\/p>\n<p>1986 ist er erschienen und beginnt mit einem Prolog, beziehungsweise der Erkl\u00e4rung des Namens, ist der &#8220;Seelenvogel&#8221; doch einer, der sich am Totenbett befindet und dessen Schnabel in die Richtung wei\u00dft, in welche Richtung die Seele heimkehren soll und es ist auch Verpflichtung der Juden ihre Vorfahren zu begraben. Elisabeth Freundlich konnte das nicht und so hat sie es mit diesem Buch versucht, das auch vom B\u00fccherschrank stammt.<\/p>\n<p>Ich bin nicht ganz sicher, ob ich nicht bei einer Lesung, der 1906 in Wien Geborenen, die 1938 emigrieren mu\u00dfte und 1950 mit ihrem Mann G\u00fcnter Anders nach Wien zur\u00fcckkam, in der &#8220;Gesellschaft f\u00fcr Literatur&#8221; war.<\/p>\n<p>2001 ist sie gestorben, da war ich, glaube ich, bei einer Lesung, die, die<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/10\/07\/theodor-kramer-verlagsfest\/\"> &#8220;Kramer-Gesellschaft&#8221;<\/a> im Republikanischen Club&#8221; organisierte und <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/06\/11\/elisabeth-freundlich-auffuhrung\/\">Ruth Asp\u00f6ck<\/a>, hat, glaube ich, vor zwei Jahren, eine &#8220;Lesetheater-Auff\u00fchrung&#8221; eines ihrer St\u00fccke gemacht.<\/p>\n<p>Im ersten Teil schildert sie auf eine, wie ich finde sehr humorvolle, ironische Art, die Erinnerungen des kleinen M\u00e4dchens an die Tante Romanca und den Onkel Ricardo, bei einem Sommeraufenthalt in Triest, schildert die kleine blonde Cousine Gemma, die nach &#8220;Gelati&#8221; ruft und auch die Naivit\u00e4t des B\u00fcrgerm\u00e4dchens, die der Cousine erkl\u00e4rt, da\u00df man nicht mit den H\u00e4nden sprechen soll, weil man das nur die Juden tun.<\/p>\n<p>Zwanzig Jahre sp\u00e4ter, 1934, besucht sie Tante Lotti, die Schwester ihres Gro\u00dfvaters, die fast hundert ist, immer noch von ihrem l\u00e4ngst verstorbenen Gatten Anton spricht, die in ihrer Jugend Geigerin in einer Damenkapelle war und in dem Ort, wo sie ihr Ausgedinge hatte, alle verbl\u00fcffte, als sie zu Allerseelen mit einem Sarg, einem Knecht und einem Handwagen am Friedhof auftauchte, um die Gebeine ihres Seeligen in den neuen Friedhof, wie vereinbart, zu verlegen.<\/p>\n<p>Dann geht es in das vorvorige Jahrhundert, wo Heinricht Lanzer, der, weil mittellos, zw\u00f6lf Jahre beim Milit\u00e4r dienen mu\u00dfte, nach Wien zur\u00fcckkehrt und seine Schwester sucht.Er ist Schlo\u00dfer, will auch als solcher wieder arbeiten, die reichen Verwandten, vermitteln ihn aber eine Stelle beim Gesch\u00e4ftsmann Joseph Segal, wo er zuerst Gehilfe wird, dann dessen Sch\u00fctzling Rosalie heiratet, mit ihr ein kleines Fleischergesch\u00e4ft in Simmering f\u00fchrt und es schlie\u00dflich bis zum Prokuristen schafft.<\/p>\n<p>So wird zuerst ein Dienstm\u00e4dchen, sp\u00e4ter eine b\u00f6hmische K\u00f6chin und als die Kinderschar, vier M\u00e4dchen und zwei Buben, neben einigen Fehlgeburten, zu gro\u00df wurde, auch eine Gouvernante angeschafft, denn die M\u00e4dchen sollten ja Franhz\u00f6sisch sprechen und Klavier spielen k\u00f6nnen, um sich gut zu verheiraten, wenn schon keine gro\u00dfe Mitgift vorhanden w\u00e4re, Heinrich f\u00fcgt sich widerstrebend, auch da\u00df Rosalie den j\u00fcdischen Glauben einzuf\u00fchren versucht, nimmt er brummend hin, flieht auf Gesch\u00e4ftsreisen nach Pressburg, um dort mit der Choristin Piruska in Konditoreien zu gehen und vom gro\u00dfen Gl\u00fcck zu tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Als dann in Ringtheater brennt, kehrt er von Schuldgef\u00fchlen geplagt nach Wien zur\u00fcck, denn dort hat er mit Rasalie ja den zehnten Hochzeitstag feiern wollen, dann aus &#8220;gesch\u00e4ftlichen Gr\u00fcnden&#8221; abgesagt, sie wird\u00a0 doch nicht verbrannt sein.<\/p>\n<p>Nein, denn die sparsame Hausfrau, man durfte sich am Tisch nie b\u00f6hmisch-j\u00fcdischen Speisen nachzuckern, hat die Karten zur\u00fcckgegeben und so geht das Ehepaar in ein Restaurant essen, Mademoiselle speist mit den Kindern allein am Tisch und die d\u00fcrfen dann mal auch nachzuckern und neun Montate sp\u00e4ter, wird das sechste Kind, Elisabeth Freundlichs Mutter geboren und die Famlie zieht in eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung.<\/p>\n<p>Im dritten Teil &#8220;Die Kinder&#8221; wachsen diese heran, mit Klavierspiel im &#8220;Eissalon&#8221;, denn man ist ja sehr sparsam und wei\u00df auch nicht genau, wieviel Obst die Kinder essen soll. Aber der kleine Edi soll aufs Gymnasium, aufgeregt f\u00fchrt ihn der Vater dorthin, hat auch schon die Visitenkarten Stud.gym., obwohl es in der der sparsamen Familie ja keine Geschenke gibt, vorbereitet, aber der musische Edi freut sich auch gar nicht dar\u00fcber, da&#8217;er aufgenommen wurde, er will lieber Klavier spielen und bringt Jahr f\u00fcr Jahr seinem entt\u00e4uschten Vater ein sehr schlechtes Zeugnis nach Haus, so da\u00df die Familie mit den gr\u00f6\u00dferen Kindern, zu einer Landpartie nach G\u00e4nserndorf aufbricht, denn dort hat eine Verwandte die Bahngastwirtschaft und auch drei Buben, die alle Mustersch\u00fcler sind, der Jakob, der verdeutscht nur &#8220;Tschagl&#8221; genannt wird, ist sogar Primus, aber er hat radikale Ansichten. legt dem Vater und den Cousin ein utopiosches Buch vor, das vom vier Stunden Arbeitstag schw\u00e4rmt, der Anton ist noch f\u00fcr den Kampf um den elf Stundentag eingesperrt und sp\u00e4ter anemstiert worden. Inzwischen hat manh den zehnten, soll sp\u00e4ter f\u00fcr den\u00a0 acht Stunden Tag k\u00e4mpfen, die Familie geht nach Guttenbrunn auf Sommerfrisch, weil die kleine Camilla kr\u00e4nkelt und der j\u00fcdische Hausarzt, der fast der Schwager und der Freund des Heinrich ist, das empfiehlt.<\/p>\n<p>Die T\u00f6chter m\u00fc\u00dfen, der Edi hat seine Matura geschafft, studiert Jus und wird sp\u00e4ter im Feld des ersten Weltkriegs fallen, verheiratet werden, die Lina, die n\u00e4chtelang Liebesroman liest, die Roncza, Heinrichs Lieblingstochter, die ihn an seine Schwester erinnert und die ihm in der fr\u00fcheren Wohnung aus dem Gasthaus immer das Bier und das Viertel holen mu\u00dfte, bis Mademoiselle das unschicklich nennt, heute ist das, glaube ich, verboten und das Buch geht in das Finale, als Valerie, Elisabeth Freundlichs Mutter, die demr Widmung zu entnehmen offenbar in Wahrheit Olga hie\u00df, dieS\u00e4ngerin werden wollte, hetzt versp\u00e4tet in die Schule, hat ihr doch das Fr\u00e4ulein noch den Kakao aufgezwungen, hoffentlich vers\u00e4umt sie nicht das Morgenlied?<\/p>\n<p>Keine Sorge, denn &#8220;Guten Morgen, liebe Kinder, heute beten wir das Vater unser&#8221;, begr\u00fc\u00dft das Fr\u00e4ulein Lehrerin die drei\u00dfig stramm stehenden M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>&#8220;Es m\u00fcssen nur die christlichen Kinder mitbeten!&#8221; und daf\u00fcr werden sie auch von den mosaischen getrennt.\u00a0 Lueger hat die Wahl gewonnen und auf den letzten Seiten will Heinrich zu seinen Stammtisch ins Kaffeehaus gehen, resumiert dabei sein Leben und als er beim Maronibrater um einen Gulden solche verlangt, bricht er tot zusammen und hat sowohl den ersten als auch den zweiten Weltkrieg und einen Tod in Auschwitz verpasst.<\/p>\n<p>Mit sehr eindringlichen dichten Worten erz\u00e4hlt elisabeth Freundlich ihre Familiengeschichte und es steht einem dabei das Wien der letzten Jahrzehnte des Neunzehntenjahrhunderts sehr deutlich vor den Augen. Die Lavendlfrauen und die Scherenschleifer tauchen auf und noch vieles andere und so kann ich das Buch, jeden der es bekommen kann, ich wei\u00df nicht ob es vergriffen ist, wirklich nur empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Joseph Roth und vor und nach Egon Erwin Kisch, geht es weiter mit Elisabeth Freundlichs Roman &#8220;Der Seelenvogel&#8221;, \u00fcber ihren Gro\u00dfvater Heinrich Lanzer, der ihren Eltern gewidmet ist und den man heute wahrscheinlich &#8220;Memoir&#8221; nennen w\u00fcrde und sie selbst &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=36348\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[2871,144],"class_list":["post-36348","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-elisabeth-freundlich","tag-familienroman"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36348","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36348"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36348\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36348"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36348"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36348"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}