{"id":36050,"date":"2015-05-28T00:54:32","date_gmt":"2015-05-27T22:54:32","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=36050"},"modified":"2015-05-28T00:54:32","modified_gmt":"2015-05-27T22:54:32","slug":"marktplatz-der-sensationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=36050","title":{"rendered":"Marktplatz der Sensationen"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder ein Gustost\u00fcckerl aus dem B\u00fccherschrank, &#8220;Marktplatz der Sensationen&#8221; des radenden Reporter Egon Erwin Kisch,\u00a0 1895 &#8211; 1948,\u00a0 Reportagen aus dem Wiener Globus Verlag das 1947 herausgegeben wurde, geschrieben wurden die Erinnerungen an die Prager Kindheit und das Reporterleben bezeichneterweise im Exil im Mexiko, herausgegeben, 1942 in ein einem dortigen Exilverlag, von dort stammt auch sein letztes Buch &#8220;Entdeckungen in Mexiko&#8221;, das als n\u00e4chstes auf meiner Leseliste steht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/09\/12\/china-geheim\/\">&#8220;China Geheim&#8221;<\/a>, von 1932 oder 1933, habe ich schon gelesen.<\/p>\n<p>Reportagen steht in dem sch\u00f6nen alten Buch, eigentlich ist eine Autobiographie w\u00fcrde ich vermuten, die da kapitelweise von den Anf\u00e4ngen des j\u00fcdischen Tuchh\u00e4ndler Sohns in Prag erz\u00e4hlt und mit den &#8220;Balladen des blinden Methodius&#8221;, einem Messerschleiferlehrling beginnt, der\u00a0 singend seine Arbeit verrichtet, die Dienstm\u00e4dchen und die Hausfrauen, die eigentlich die Teppiche klopfen wollten, h\u00f6rten zu und\u00a0 riefen &#8220;Sch\u00f6n!&#8221;, wenn er sich seiner Zuh\u00f6rerschaft versicherte und man konnte auch sehr viel von der tschechischen Geschichte aus den Balladen lernen, die Kisch sowohl an Schiller, als auch die Ermordung der F\u00fcrstin Windischgr\u00e4tz, die angeblich durch die Kanaonenkugel eines Schulbuben erfolgte, erinnerte.<\/p>\n<p>Der kleine Egon, war wohl schon fr\u00fch im &#8220;Inneren von S. Kisch und Bruder&#8221;, stellte dort falsche M\u00fcnzen her, legte sie auf die Stra\u00dfe, erregte damit einen &#8220;Volksaufstand&#8221;, der in die Zeitung kam und eine solche stellte er auch, in einem Exemplar unter der Pudel hockend vor.<\/p>\n<p>Dann wurde er \u00e4lter, kam ins Gymnasium und in den Karzer, weil seine Gro\u00dfmutter einen Wutanfall bekam als er aus dem Schulbuch &#8220;Salzburg ist die Hauptstadt von Salzburg&#8221; lernte und wenn man drei Karzer hatte, flog man aus der Schule. Das war schlimm, denn es erschien bald das erste Gedicht in einer Zeitung und das war den Gymnasiuasten strengsten verboten, da rettete ihm, da\u00df statt Egon, wie er wirklich hie\u00df, Erwin als Vorname angegeben war, den der dann offenbar sp\u00e4ter als Doppelvornamen weiter verwendete.<\/p>\n<p>Grotesk die Geschichte wo er sein freiwilligen\u00a0 Jahr im Arrest verbringt, weil ihm jemand am R\u00fccken das Bild des Oberst eingravierte.<\/p>\n<p>Dann gibt er sein erstes Gedichtb\u00e4ndchen, interessant, bei einem Druckkostenverlag heraus, zahlt zweihundert Kronen, erz\u00e4hlt aber jeden, er h\u00e4tte dreihundert daf\u00fcr bekommen, w\u00e4hrend die Frau Mama jeden erz\u00e4hlt, sie h\u00e4tte dreihundert daf\u00fcr bezahlt.<\/p>\n<p>Danach beginnt er \u00fcber den Umweg beim Prager Tagblatt Lokalreporter, der &#8220;Bohemia&#8221;zu werden.<\/p>\n<p>Im Kapitel &#8220;Deutsche und Tschechen&#8221; geht es um das deutsche Prag und die strikte Trennung der beiden Nationalit\u00e4ten. Es gab deutsche und tschechische Theater, Banken, Gesch\u00e4fte, Zeitungen, etc und die Redakteure der einen berichteten nicht \u00fcber die Auff\u00fchrungen und Gastspiele der anderen. Kisch torpedierte das, in dem er in der deutschen &#8220;Bohemia&#8221; tschechisch telefonierte, was die alten Herren in der Redaktion dem jungen Redakteur gn\u00e4dig nachsahen und im n\u00e4chsten Kapitel wird dann \u00fcber die Veralterung der Redakteurenschaft berichtet, so wei\u00df 1923 ein schon l\u00e4ngst in Pension gegangener Redakteur, der das aber nicht wei\u00df und immer noch sein B\u00fcro ben\u00fctzt, nicht, da\u00df der Kaiser l\u00e4ngst gestorben ist und es keine Monarchie mehr gibt.<\/p>\n<p>Zu den Aufgaben eines Lokalreporters, dessen Ansehen nicht sehr hoch war, geh\u00f6rte es \u00fcber die Morde und die Selbstmorde zu berichten, so war die Aufregung hoch \u00fcber einen Knochenfund, der von einem Mann und von einer Frau stammten, die Zeitungen fielen gegeneinander her und verh\u00f6hnte die anderen als &#8220;Adipocire&#8221;, das ist die Seifenbildung bei Leichen, die aus den Knochen austritt, bis man auf ein G\u00e4rtnerpaar mit Stieftochter kam, das vor Jahren das in ihrer Villa urlaubende Liebespaar ermordet hat und weil das Verk\u00fcnden eines Selbstmordes schon damals in den Prager Zeitungen verboten war, mu\u00dften die Reporter von einem Herztod des Kronprinzen Rudolf und der Baronesse Vetsera berichten, trotzdem lockte das Selbstmordthema, so \u00fcberredete ein frommer Redakteur einen Selbstm\u00f6rder sich nicht nur zu erschie\u00dfen, sondern sich auch noch zu vergiften und aus dem Fenster zu springen, der Betroffene \u00fcberlebte, denn der geizige Redakteur hatte ihm statt Gift Brausepulver besorgt.<\/p>\n<p>Der Erfinder des Schwejks, Jaroslav Hasek war auch unter der Reporterschar und langweilte beim Bier die anderen mit seinen phanstastischen Ausschm\u00fcckungen und als der junge Kisch zu einem M\u00fchlenbrand gerufen wurde, hatte er keine Ahnung was passiert war und wor\u00fcber er schreiben sollte. Die Kollegen gaben keine Auskunft. Sein Vorgesetzter verlangfte hundertf\u00fcnfzig Zeilen und der Reporter setzte sich hin und knabberte am Bleistift, dann begann er die lodernden Flammen zu schildern, erfand ein paar Obdachlose, die sich den Brand ansahen, w\u00e4hrend die anderen nur die langweiligen Fakten berichteten, auf ihn am n\u00e4chsten Tag b\u00f6s waren, mit Ausschlu\u00df aus der &#8220;B\u00f6rsenschaft&#8221; drohten, denn ein Romanautor kann selbstverst\u00e4ndlich alles erfinden, ein Reporter mu\u00df aber<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/03\/25\/jadran-heist-die-adria\/#comments\"> wahr <\/a>sein und Kisch schwur sich &#8220;f\u00fcrderhin der Wahrheit nachzusp\u00fcren&#8221;.<\/p>\n<p>So kl\u00e4rt er zu Weihnachten an Hand einer Polizeinotiz einen Raub\u00fcberfall auf, l\u00e4\u00dft sich von einem sch\u00f6nen Postfr\u00e4ulein mit einem rosa Unterh\u00f6schen und wei\u00dfer Spitze von einem Telegramm des Kaisers Wilhelms erz\u00e4hlen, das genau vierundneunzig Worte hatte und von &#8220;unabsehbaren Konsequenzen&#8221; handelte und f\u00fcr die heutige Zeit wahrscheinlich nicht mehr ganz korrekt, deckt er auch die Schwangerschaft und die Geburt eines siamesischen Zwillings auf.<\/p>\n<p>Sehr beeindruckend auch die Geschichte von der Mutter des Raubm\u00f6rders, einer alten W\u00e4scherin, die um ihren Sohn zu sch\u00fctzen, dem Reporter ihre &#8220;Morde&#8221; gesteht, weil der ihr etwas von &#8220;mildernden Umst\u00e4nden bez\u00fcglich Vererbung&#8221; erz\u00e4hlt. So offenbart sie ihm, da\u00df sie als junges Dienstm\u00e4dchen vom Bruder der Herrschaft vergewaltigt worden war und dann als sie von einem Polizeibeamten schwanger war, das Kind, das er nicht haben wollte, einem anderen unterschieben mu\u00dfte, am Ende kommt der Sohn daher, offenbart ihr, da\u00df er unschuldig ist und etwas essen m\u00f6chte, das Leben geht weiter und der Reporter schleicht sich ohne eine einzige Zeile geschrieben zu haben, vielleicht etwas begossen davon.<\/p>\n<p>Dann wird er zur &#8220;Wasserkatastrophe von Konopitscht&#8221; gerufen, das ist dort, wo es das Schlo\u00df gibt, in dem der Thronfolger Franz Ferdinand auf seine Thronbesteigung wartete und ein Polizist, will von dem &#8220;studierten&#8221; Kisch wissen, wieso sich der Erzherzog die toten Fische ins Schlo\u00df liefern l\u00e4\u00dft. Die ben\u00fctzt er zum D\u00fcngen der Blumen und schwarze Rosen, die angeblich Ungl\u00fcck bedeuten, l\u00e4\u00dft er auch zu\u00fcchten, den Reportetr schmei\u00dft er hinaus, der kommt aber wieder, weil es der Herr Moriz\u00a0 Bendedikt so will, der allein bestimmt, was in der &#8220;Neuen Freien Presse&#8221; erscheinen darf.<\/p>\n<p>Dann kommen zwei Mordgeschichten, in der zweiten t\u00f6tet ein gewisser Litera, was sowohl auf Tschechisch als auch auf Lateinisch Buchstabe bedeutet, den Wirten des K\u00f6nig Ottokars in dem Mozartst\u00e4dtchen Smichow, Kisch weist gleich auf den T\u00e4ter hin, weil er von einer seiner Freundinnen diesbez\u00fcgliche Informationen hatte, darf aber nicht sein, die b\u00fcrgerliche Presse, will den &#8220;Roten&#8221; die Schuld in die Schuhe schieben. Kisch setzt sich aber durch und dann geht es noch\u00a0 &#8220;Um die Himmelfahrt der Galgentoni&#8221;, die ist ein f\u00fcnfzigj\u00e4hriges Strichm\u00e4dchen, die in den \u00fcbelsten Prager Nachtlokalen um den Gem\u00fcsemarkt verkehrt und die, als sie jung und h\u00fcbsch war, zu einem dreifachen M\u00e4dchenm\u00f6rder in die Zelle gerufen wurde, weil das sein letzter Wunsch vor der Hinrichtung war. Seither wird sie von den Kolleginnen geh\u00e4nselt, kann nur noch auf der Stra\u00dfe arbeiten und kommt am Ende, was Kisch sehr stilistisch schildert, doch in den Himmel.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er seine Recherchen in einem Obdachlosenasyl macht, wird sein Onkel ermordet und er wird fast der Tat verd\u00e4chtigt und auf das Schicksal der armen Frauen und M\u00e4dchen damals kommt er auch zur\u00fcck, als ihm die Frau seines Verlegers von der Romanze ihrer K\u00f6chin erz\u00e4hlte, denn die k\u00fcndigte vor Jahren, um mit Geld und Sparbuch nach Wien zu fahren, wo der Verlobte sie erwarten sollte, doch der war nicht da, so fuhr sie zur\u00fcck und wartete noch immer, Reporter Kisch deckte auf, da\u00df der Verlobte ein ber\u00fcchtigter Dienstm\u00e4dchenm\u00f6rder war, der zu ihrem Gl\u00fcck rechtzeitig von der Polizei erfa\u00dft wurde. Eine Reportage in einem Heim f\u00fcr gefallene M\u00e4dchen machte er auch einmal, das war sehr kompliziert, die Stiftdamen dort lie\u00dfen ihn warten, der Pfarrer dr\u00fcckte ihm ein Manuskript in die Hand und als er endlich zu den Gefallenen durfte, waren die Damen sehr best\u00fcrrzt, da\u00df die M\u00e4dchen von ihren Sitzen aufsprangen und ihm mit &#8220;Hallo Egon!&#8221;, begr\u00fc\u00dften, die Geschichte hat noch ein Nachspiel, denn als die Nazi an die Macht kamen, schrieben sie einen deutschen Satirepreis aus und den gewann ein Hamburger, mit der von Kisch gestohlenen Geschichte und auch sonst wurde er h\u00e4ufig Opfer von Plagatiteuren, die Geschichte der Galgen- toni wurde zur Operette, die Geschichte vom Oberst Redl wurde ihm geklaut und als der erste Weltkrieg kam, wurde der Reporter zum Soldat und schrieb Tagbebuch, besser als jeder Kriegsberichterstatter.<\/p>\n<p>&#8220;Schreib das auf Kisch!&#8221;, riefen die Kameraden, trotzdem fiel das Tagebuch der gr\u00f6\u00dften aller Zensuren, n\u00e4mlich dem Wasser zum Opfer und das Buch, in dem immer wieder der blinde Moritatens\u00e4nger seine Rolle spielt, endet mit einer Farce, als der Kadettenanw\u00e4rter im Zug f\u00e4hrt, eigentlich \u00fcber die Ver\u00e4nderung der Welt zum Besseren lesen will, sich aber nach der Vorschrift allen H\u00f6hergestellten vorstellen mu\u00df &#8220;Herr Oberst Kadett Offizier Stellvertreter Kisch stellt sich vor!&#8221;, sagt er zu allen Ungarn, die ihm nicht glauben, da\u00df er kein Ungar ist, denn Kisch bedeutet Klein und ist nach Nagy, was gro\u00df bedeutet, der zweith\u00e4ufigste Name im Ungarischen.<\/p>\n<p>Dem ersten Weltkrieg ist dann bald der zweite gefolgt, der Egon Erwin Kisch ins Exil nach Mexiko brachte und ich, wie schon geschrieben, seine &#8220;Entdeckungen&#8221; dort, dank dem offenen B\u00fccherschrank, bald lesen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder ein Gustost\u00fcckerl aus dem B\u00fccherschrank, &#8220;Marktplatz der Sensationen&#8221; des radenden Reporter Egon Erwin Kisch,\u00a0 1895 &#8211; 1948,\u00a0 Reportagen aus dem Wiener Globus Verlag das 1947 herausgegeben wurde, geschrieben wurden die Erinnerungen an die Prager Kindheit und das &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=36050\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[3549,5019,532],"class_list":["post-36050","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-egon-erwin-kisch","tag-erinnerungen-an-prag","tag-reportagen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36050","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36050"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36050\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36050"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}