{"id":34519,"date":"2015-03-12T12:27:21","date_gmt":"2015-03-12T11:27:21","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=34519"},"modified":"2015-03-12T12:27:21","modified_gmt":"2015-03-12T11:27:21","slug":"der-sichtbare-feind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=34519","title":{"rendered":"Der sichtbare Feind"},"content":{"rendered":"<p>Der &#8220;Residenz Verlag&#8221; hat eine besondere Reihe, in der politische Essays von bekannten Schriftstellern, Schriftstellerinnen unter dem Titel &#8220;Unruhe bewahren&#8221; erscheinen.<\/p>\n<p>Da habe ich schon <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/02\/10\/die-grenzen-der-sprache\/\">literaturwissenschaftliche Betrachtungen von Anna Migutsc<\/a>h, eine Analyse von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/04\/04\/kontaminierte-landschaften\/\">Martin Pollak <\/a>zum zweiten Weltkrieg und der Lage in der Ukraine, sowie<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/12\/01\/der-uberflussige-mensch\/\"> Ilija Trojanows Gedanken<\/a> \u00fcber die Angriffe auf die Freiheit gelesen.<\/p>\n<p>Aber nein, das ist ein anderes Buch und steht, genau, wie Dave Eggers &#8220;Der Circle&#8221; amerikanischer Bestseller vom letzten Jahr noch auf meiner Leseliste, denn ich bin zwar schnell, habe aber sehr viele alte B\u00fcchersch\u00e4tzchen in meinen Regalen, beziehungsweise werden, die von den E-book Nerds wahrscheinlich gerade in die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/08\/21\/bucherschrank-geschichten\/\">B\u00fccherschr\u00e4nke <\/a>ausgelagert.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich zur Leipziger Buchmesse bespreche ich aber Neuerscheinungen, ein wahrlich nur gelenkter Zufall und um die geht es auch in Anna Kims B\u00e4ndchen zum &#8220;Sichtbaren Feind&#8221;.<\/p>\n<p>Anna Kim, die 1977 in S\u00fcdkorea geborene, die 1977 nach Deutschland und sp\u00e4ter nach \u00d6sterreich gekommen ist, ist mir, glaube ich, bekannt, als ich Barbara Neuwirth vor Jahren einmal im Literaturhaus fragte, wer heuer ein Stipendium der Stadt Wien bekommen hat.<\/p>\n<p>&#8220;Anna Kim!&#8221; hat sie mir geantwortet und ich habe mich gewundert, da sie\u00a0 j\u00fcnger als ich ist und ich bis dahin immer zu h\u00f6ren bekam, da\u00df ich zu jung f\u00fcr ein Stipendium sei.<\/p>\n<p>Die Zeiten \u00e4ndern sich aber. Zu Internetzeiten noch viel schneller und als es die B\u00fcchert\u00fcrme bei der &#8220;Literatur im M\u00e4rz&#8221; noch gab, habe ich Anna Kims &#8220;Bilderspur&#8221; dort gefunden und so tr\u00e4gt einer meiner fr\u00fchen Blogartikel auch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/10\/07\/anna-kim\/\">Anna Kims<\/a> Namen, sie hat dann noch einige Romane geschrieben, die sie bei &#8220;Rund um die Burg&#8221; vorstellte, sich an dem &#8220;Mit Sprache unterwegs Projekt&#8221; beteiligt, wo dann in weiterer Folge ihr <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/04\/28\/alte-schmiede-und-mehr\/\">Gr\u00f6nland-Roman<\/a> entstand.<\/p>\n<p>Jetzt also zwei Essays \u00fcber &#8220;Die Gewalt des \u00d6ffentlichen und das Recht auf Privatheit&#8221;, was in Zeiten, wie diesen, wo wir ja alle googlen, twittern, facebooken, unsere Babyfotos ins Netz stellen, etc und uns dabei \u00fcber unsere \u00dcberwachtheit aufregen, sehr interessant und wichtig ist.<\/p>\n<p>&#8220;Die errechnete Gegenwart&#8221; hei\u00dft der erste Text und beginnt,\u00a0 das habe ich sehr originell gefunden mit der Frage, ob Max Frisch in Zeiten, wie diesen noch seinen &#8220;Homo Faber&#8221; schreiben h\u00e4tte k\u00f6nnen? Beziehungsweise stellt sie \u00dcberlegungen an, was heute passieren w\u00fcrde, tr\u00fcgen sich die Ereignisse, die Frisch schildert zu.<\/p>\n<p>Nun mu\u00df ich gestehen, ich habe den &#8220;Homo Faber&#8221; nicht gelesen und es erscheint mir vielleicht auch ein wenig zu sehr in die Zukunft gegriffen, zumindest habe ich keine Ahnung was &#8220;Google Brillen&#8221; sind und kenne auch niemanden, der solche, beispielsweise in einem Flugzeug oder an anderen \u00f6ffentlichen Orten tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Anna Kim schreibt davon, da\u00df diese bald in normale Brillen und sogar in Kontaktlinsen eingebaut werden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Da\u00df aber jemand die Geburt seines Kindes twittert oder das Babyfoto ins Facebook stellt, erscheint mir normal, obwohl ich ja nur blogge und dabei manchmal das Gef\u00fchl habe, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/12\/25\/besucherfrequenz\/\">\u00f6ffentlich verloren zu gehen<\/a> und nicht twittere und facebooke, aber auch das ist sicher ein <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/01\/20\/westhang-schattig-herb-im-abgang\/#comments\">Irrtum<\/a>, denn das Netz vergi\u00dft und verliert nie, es ist alles nur eine Frage, der Priorit\u00e4t und das f\u00fchrt Anna Kim auch sehr genau aus und nennt Beispiele.<\/p>\n<p>Sie spricht von Zuf\u00e4llen, die es Dank Google nicht mehr gibt und meint, da\u00df unsere Zukunft durch Internet und \u00dcberwachung sehr genau berechnet wird. Nennt Beispiele von einer gef\u00e4lschten Wahl in S\u00fcdkorea zu Kennedys Zeiten, die damals h\u00f6chste Protestbewegungen erzeugte. Heute, meint sie, regt das niemanden mehr auf, weil die F\u00e4lschungen und Manipulationen subtiler passieren und spricht von den Flashmob-Bewegungen, die Facebook erzeugen kann, die sie beuruhigen.<\/p>\n<p>Da ist mir zum Beispiel, die bekannt, die in Berlin, eine vom Zusperren bedrohte Buchhandlung st\u00fcrmte und sie dadurch vielleicht rettete. Die Buchh\u00e4ndler habe ich aber auch auf den offiziellen Facebookseiten von &#8220;Ihr Buch hat ein Gesicht gelesen&#8221;, st\u00f6hnen, wenn solche Aktionen im Weihnachtsgesch\u00e4ft passieren.<\/p>\n<p>Revolutionen werden inzwischen auch durch Facebook und Twitter gesteuert und da kann man bestimmt von zwei Auswirkungen bzw. Seiten sprechen, die das haben kann.<\/p>\n<p>Da\u00df wir unsere Freiheit f\u00fcr eine scheinbare oder auch tats\u00e4chliche Sicherheit so leichtfertig aufgeben, nennt Anna Kim &#8220;B\u00fcrgeropfer&#8221;.<\/p>\n<p>Aber welche Wahl hat der Einzlene schon, sich vor der \u00dcberwachung seiner Daten zu wehren?<\/p>\n<p>Richtig, er mu\u00df nicht googlen, facebooken, twittern und dort das posten, was er zu Mittag gegessen hat, wann er aufs Klo geht oder wie seine Zuckerwerte ausschauen.<\/p>\n<p>Ich kenne, au\u00dfer dem lieben <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/04\/05\/lesung-mit-rudolf-lasselsberger\/\">Rudi<\/a>, der das manchmal, glaube ich, spasshalber tut, niemanden, der solches praktiziert, oute mein <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/07\/03\/sechs-jahre-literaturgefluster\/\">literarisches Leben<\/a> selbst sehr gern und sehr genau, stimme Anna Kim aber nat\u00fcrlich\u00a0 zu, wenn sie &#8220;mehr Mut zur Iniffizenz&#8221; fordert, man k\u00f6nnte das auch vorauseilenden Gehorsam nennen und, da\u00df in manchen L\u00e4ndern in den Schulen jetzt\u00a0 auf das Erlernen von Schreibschrift verzichtet wird und unsere Familienministerin, die Schulb\u00fccher abschaffen und stattdessen Kindern ab vier oder sechs <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/02\/21\/generalversammlung-der-ig-autoren-2\/\">I-Pads zur Verf\u00fcgung stellen will<\/a>, wird sicherlich auch Auswirkungen auf die sp\u00e4tere Lesekultur und Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung haben.<\/p>\n<p>Im zweiten Text &#8220;Der sichtbare Feind&#8221; wird es dann subtiler und es geht vordergr\u00fcndig von der erwarteten \u00dcberwachungsdimension weg, bzw. im ersten Teil in die Zeit der Spione und inoffiziellen Mitarbeiter, die ihre Verh\u00f6rsprotokolle noch auf Schreibmaschinen tippten, n\u00e4mlich zu der Fotografin Edith Tudor-Hart, die in der Wien-Bibliothek einmal eine Ausstellung hatte und die als J\u00fcdin unter dem Namen Edith Suchschitzky in Favoriten aufwuchs, wo es auch eine Buchhandlung der Familie gab.<\/p>\n<p>Sie ging dann nach England wurde Kommunistin, betrieb ein Fotogesch\u00e4ft und spionierte f\u00fcr die Russen.<\/p>\n<p>In den Abh\u00f6rprotokollen die Anna Kim genau studierte, fanden sich auch ihre Liebesbriefe. Sp\u00e4ter h\u00f6rte sie zu fotografieren auf, verbrannte ihr Archiv und wurde Antiquarin.<\/p>\n<p>Auch hier k\u00f6nnte man spekulieren, wie die \u00dcberwachung in Zeiten, wie diesen aussehen w\u00fcrde. Anna Kim tut es nicht, sondern konzentriert sich in ihrem zweiten Essay auf ihre eigene Geschichte und spricht da von &#8220;Schattensprache&#8221;,\u00a0 der &#8220;Tyrannei der Sichtbarkeit&#8221; und erinnert sich daran, wie sie als kleines Kind durch die Stra\u00dfen Deutschlands ging und ihr die Leute in die Haare griffen, das so &#8220;fest wie Ro\u00dfhaar war&#8221;.<\/p>\n<p>Auch mit der Sprache war es nicht so einfach, denn sie mu\u00dfte f\u00fcr die Eltern dolmetschen, obwohl die Mutter Deutsch, glaube ich, schon in Korea sprach. Kam dadurch in einen Rollentausch und das Koreanisch wurde zu zweiten, zur &#8220;Schattensprache&#8221; und wenn sie es in Seoul verwendet, reden die Koreaner auf Englisch zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Und um den Bogen wieder zur\u00fcck und in die Verallgmeinerung zu spannen, der auch im ersten Text sichtbar war, kommt Anna Kim zu dem Schlu\u00df, da\u00df der Fremde das Recht auf seine Privatheit verliert und zum allgemeinen \u00dcberwachungsgut wird.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber lohnt es sich sicher nachzudenken und mir fallen dazu die vielleicht allzuzwanghaften Bem\u00fchiungen ein, unter Integration in erster Linie Deutsch lernen, zu erlangen und auch einen Kindergartenzwang f\u00fcr alle zu fordern, beziehungsweise soll es ja schon Diskussionen gegeben haben, den ausl\u00e4ndischen Kindern in der Schule, die Muttersprache, die Anna Kim\u00a0 Schattensprache nennt, zu verbieten und auch die Bem\u00fchungen ein t\u00fcrkischsprachiges Gymnasium in Wien zu verhindern, eh klar, da man, wenn man nicht versteht, die Kontrolle \u00fcber die anderen verliert, die sich ja auch \u00fcber einen lustig machen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Ein interessantes Buch, dessen zweiter Teil mich etwas erstaunte, vielleicht weil ich in dem Vorurteil befangen war, weiter \u00fcber &#8220;Abh\u00f6rskandale und Rasterfahndungen&#8221; etwas zu h\u00f6ren, aber &#8221; Aus der Logik der \u00dcberwachung entsteht die Figur des &#8220;sichtbaren Feindes&#8221; kl\u00e4rt\u00a0 schon der Buchr\u00fccken auf und darum scheint es Anna Kim in ihren Essays, die, wie im beiliegenden Prospekt steht &#8220;Stellung zu wesentlichen Fragen zur Zeit&#8221; nehmen, zu gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der &#8220;Residenz Verlag&#8221; hat eine besondere Reihe, in der politische Essays von bekannten Schriftstellern, Schriftstellerinnen unter dem Titel &#8220;Unruhe bewahren&#8221; erscheinen. 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