{"id":33891,"date":"2015-01-30T00:22:03","date_gmt":"2015-01-29T23:22:03","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=33891"},"modified":"2015-01-30T00:22:03","modified_gmt":"2015-01-29T23:22:03","slug":"komplizen-des-glucks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=33891","title":{"rendered":"Komplizen des Gl\u00fccks"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder eine branntneue Neuerscheinung, O. P. Ziers &#8220;Komplizen des Gl\u00fccks&#8221; aus dem &#8220;Residenz-Verlag&#8221;, obwohl ich mich ja angesichts meiner \u00fcberlangen Leseliste bei Neuerscheinungen zur\u00fcckhalten sollte, in der Praxis sieht das, wie meine Leser merken werden, ein bi\u00dfchen anders aus und den 1954 in Salzburg aufgewachsenen O.P.Zier kenne ich schon seit den Achtzigerjahren von den Generalversammlungen der IG-Autoren.<\/p>\n<p>Ich bin dann auch zu Lesungen seiner B\u00fccher ins Literaturhaus gegangen, habe ihn, glaube ich, einmal bei &#8220;Thalia&#8221; auf der Landstra\u00dfe gestroffen, als dort T.C. Boje, einen seiner Erfolgsromane pr\u00e4sentierte, in Linz bei einem Gauklerfestival habe ich ihn auch einmal getroffen und dieses Jahr\u00a0 sogar vor dem offenen B\u00fccherschrank in der Zieglergasse.<\/p>\n<p>Als 2010 die <a href=\"&quot;Mordsonate&quot;%20\">&#8220;Mordsonate&#8221; <\/a>erschienen ist, habe ich Herwig Bitsche um das Buch angeschrieben und ihn <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/07\/30\/besuch-im-residenz-verlag-und-sophie-hungers-fur-den-offenen-bucherschrank\/\">dann auch besucht.<\/a><\/p>\n<p>Seither lese ich mich durch die Verlagsneuerscheinungen und auf den neuen O.P. Zier habe ich mich auch schon sehr gefreut, bzw. den Autor sicher schon im Fr\u00fchjahr darauf angesprochen. Da hat er mir von seinem neuen Buch noch nicht sehr viel verraten, das, wie man dem Klappentext entnimmt von einem &#8220;Alten Bauernhaus handelt, das wie das ber\u00fchmte gallische Dorf den Beton-Wohnbl\u00f6cken im Salzburgerland trotzt&#8221;, weil dort eine Aussteigerfamilie lebt, die, wie &#8220;O. P. Zier mit bei\u00dfender Kritik an einer korrupten und selbstherllichen Provingesellschaft schildert, so alles verk\u00f6rpert, was ihre Umgebung emp\u00f6rt: Protest und Lebenslust, Konsumverweigerung und Individualismus, Tagtr\u00e4umen, Unangepasstheit und nicht zu vergessen: den unsterblichen Geist des Rock\u01f9 Roll&#8230;&#8221;, das hat f\u00fcr mich dann fast ein bi\u00dfchen absto\u00dfend gewirkt, wie ich auch mit dem alten blaubemalten mit &#8220;Peace&#8221; und &#8220;Love&#8221; signierten VW-Bus am Cover nicht so viel anfangen konnte.<\/p>\n<p>Dann habe ich, als 1953 geborene, die die Welt der Aussteiger zumindest durch die Alternativschule, die meine Tochter Anna bis zum Eintritt in das auch ein bi\u00dfchen alternative Gymnasium in der Rahlgasse, besuchte,\u00a0 zwar in der Gro\u00dfstadt Wien, aber doch, ein bi\u00dfchen miterlebte, etwas sehr Vertrautes und auch sehr Spannendes gelesen.<\/p>\n<p>Es beginnt mit einem Kunstgriff, da kommt im Jahr 2005, ein sterbenskranker Mann mit einem Koffer zu dem Bauernhaus der Familie Wirring, in dem in diesen Moment nur der f\u00fcnundzwanzigj\u00e4hrige Sohn Rolf, der gerade an seiner Disseration \u00fcber &#8220;Aufkl\u00e4rung, Witz und Widerstand in der \u00f6sterreichischen Literatur&#8221; schreibt, zu Hause ist, die Mutter ist gerade bei einer Demonstration gegen Schwarz Blau in Wien, der Vater bei einem Begr\u00e4bnis eines ehemaligen Kollegen, der Gro\u00dfvater auf seiner Rock Tour mit seinem alten Bus und erz\u00e4hlt ihm, da\u00df er sein m\u00f6glicher Halbbruder ist.<\/p>\n<p>In vier Kapiteln wird das erz\u00e4hlt, wie die Kellnerin Moni 1965 den kiffenden Rockk\u00f6nig, der im Sommer mit seiner Band in dem Gasthaus in dem sie servierte, spielte, kennenlernte, mit ihm und noch einem anderen eine sexuelle Beziehung hatte und ihrem Sohn nun von den<a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_bruederschaft.html\"> zwei m\u00f6glichen V\u00e4tern<\/a> erz\u00e4hlte, weil sie zu beiden den Kontakt verloren hat.<\/p>\n<p>Pete Wire oder Peter Wirring, wie er b\u00fcrgerlich hei\u00dft, die ist postive Vaterfigur, der andere, der ihr eine falsche Adresse hinterlie\u00df, die negative, die immer hervorgeholt wurde, wenn sie sich \u00fcber ihren Peterl \u00e4rgerte, inzwischen ist sie an Krebs gestorben, Peter Schaller ist auch schon so weit, hat das Krankenhaus nur auf Revers verlassen, um seinen m\u00f6glichen Vater noch kennenzulernen und die Familie nimmt ihn auch auf, zuerst erscheint die Mutter oder Halbschwester, dann Rolfs Vater, der vor zwanzig Jahren aus seiner Werbeagentur ausgestiegen ist und jetzt als Privatgelehrter und Hypochonder die Provinzgesellschaft mit seinen Reformkleidern mit denen er heruml\u00e4uft, schockt, der Gro\u00dfvater, f\u00fcnfundsechzig mit\u00a0 langen grauen Haaren, st\u00e4ndig kiffend, taucht auch noch auf.<\/p>\n<p>Peter Schaller stirbt kurz darauf, Rolf nimmt das aber zum Anla\u00df einen Roman \u00fcber seine Familie, beziehungsweise \u00fcber sein Aufwachsen in einer Welt, in der so alles anders als bei den anderen ist, zu schreiben und das gelingt O. P. Zier vorz\u00fcglich, uns in diese Welt hineinzuf\u00fchren und die Angst zu schildern, die das Kind erlebte, als es mit vier vom Kindergarten von seinem lebensunt\u00fcchtigen Vater, bei dem sogar die Frankfurter W\u00fcrstchen immer aufplatzen, abgeholtwurde, um auf eine Demonstration gebracht zu werden, wo die Mutter an einem Baum gekettet war, um die Umwelt zu sch\u00fctzen und von der Polizei abges\u00e4gt wurde.<\/p>\n<p>Kein Wunder, da\u00df sich sojemand in die Welt der Kindergartenfreundin Rosi mit der streng katholischen Mutter und den sonnt\u00e4glichen Gottesdiensten w\u00fcnscht, obwohl die Freundin nichts lieber als Rolfs Eltern h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die lehnen gekauftes Spielzeug ab und basteln ihrem Sohn ein eigenes Radiostudio mit Opas alten Platten und E-Ger\u00e4ten, wo er mit zw\u00f6lf seine &#8220;WORLDWIDERADIOSHOW&#8221; mit Lautsprechern im ganzen Haus produziert, die Mutter als Studiogast erwartet, die\u00a0 im Bett liegt und einfach den Stecker abgezogen hat, was den Sohn sehr erbost, aber in Panik ger\u00e4t, als sich der Zw\u00f6lfj\u00e4hrige zusehr an den Gro\u00dfvater anschlie\u00dft, weil sie bef\u00fcrchtet, da\u00df er von ihm auch das Kiffen imitieren k\u00f6nnte und ihre Mutter ist ja sehr jung an den Medikamenten gestorben, die sie sich w\u00e4hrend ihrer\u00c4n\u00e4stehieausbildung aus den Spitalsgiftschr\u00e4nken holte.<\/p>\n<p>Auch ein solches Kind kommt einmal in die Pubert\u00e4t, k\u00f6stlich wie O.P. Zier den Vierzehnj\u00e4hrigen schildert, der, von der Familie f\u00fcr eine Woche allein gelassen, mit seinen Ersparnissen, in die \u00f6rtliche Buchhandlung geht, sich um sechshunderSchilling einen gro\u00dfen Thomas Mann-Bildband kauft, Petra Hartlieb oder der Haptverband des Buchhandels sollte ihn daf\u00fcr einen Orden geben oder ihn zur n\u00e4chsten Er\u00f6ffnungsrede der n\u00e4chste Buch-Wien einladen und daraufhin sich zu einem Thomas Mann Imitat entwickelt.<\/p>\n<p>Er beginnt sogar die &#8220;Buddenbrooks&#8221; \u00fcber die Familie Wirring zu schreiben und findet mit F\u00fcnfzehn auch einen Verlag daf\u00fcr, bzw. f\u00fcr die Novelle, die er f\u00fcr seine inzwischen eingetretene erste Liebe schreibt, der Gro\u00dfvater f\u00e4hrt ihn in seinem alten Bus nach Salzburg, der Direktor des Gymnasium gibt ihm augenzwinkernd f\u00fcr diesen Termin frei, so schlittert der f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige im alten Nadelstreifanzug und Thomas Mann Frisur in eine seltsame Wohnung, wo zwei seltsame J\u00fcnglinge Verlagsleiter und Cehflektor abgeben, eine \u00e4ltliche Chefsekre\u00e4tin gibt es auch und ein Kleinkind, das mit voller Windel in den unverlangt eingesandten Manuskriptst\u00f6\u00dfen herumturnt und mit seiner Schei\u00dfe die Manuskriptseiten makiert, beziehungswweise solche herausrei\u00dft und zerkn\u00fcllt. Daraufhin verl\u00e4\u00dft der Vierzehnj\u00e4hrige entsetzt den Verlag, h\u00f6rt mit seiner Familiengeschichte auf und beginnt erst nach dem Tod des vermeintlichen Onkels wieder daran zu schreiben, hat er ja inzwischen sein Germanistikstudium beendet und ohnehin keine Stelle, nur ein paar unbezahlte Praktika bekommen, so da\u00df er wie seine Mutter, die durch Rezensionsschreiben den Unterhalt ihrer Familie verdient, ironisch meint &#8220;Gleich ein Buch schreiben kann. Es m\u00fcssen ja nicht unbedingt neue Buddenbrooks werden&#8221;, denn &#8220;die schreiben inzwischen ohnehin die Amerikaner&#8221;.<\/p>\n<p>So hat O. P. Zier in seinem Roman \u00fcber das &#8220;Widerstandsnest in den Salzburger Bergen&#8221; manchmal sehr bizarr und vielleicht auch nicht ganz realistisch, denn wie soll ein so weltfremder Mann, der sich\u00a0 von jeder Nichtigkeit aus der Bahn werfen l\u00e4\u00dft und dann sterbenskrank im Bett liegt, schon mit Mitte zwanzig in den Besitz einer gutgehenden Werbefirma gekommen sein, aus der er dann mit der zwanzigj\u00e4hrigen Studentin, die sich der Umwelt zuliebe, als Fotomodell verdingt, aussteigt, als die in seine Firma kommt.<\/p>\n<p>Ansonsten habe ich sehr viel Bekanntes in dem Buch gefunden und habe ja auch eine Tochter, von der mir meine Mutter einmal entsetzt erz\u00e4hlte, wie sehr sich sich \u00fcber das St\u00fcck Zucker freute, das sie bekommen hat, als sie mit ihr bei der Polio-Impfung war.<\/p>\n<p>F\u00fcr 1980- 1984 geborene mu\u00df das Buch, wie auch f\u00fcr die Generation\u00a0 1954 und darum herum\u00a0 also sehr interessant zu lesen sein und um dann entstehenden unterschiedlichen Auffassungen l\u00e4\u00dft es sich auch sicher herrlich streiten.<\/p>\n<p>Spannend nat\u00fcrlich auch, was jetzt davon autobiografisch ist und was nur nachempfunden und entsprechend \u00fcberh\u00f6ht?<\/p>\n<p>Aber das kann ich O.P. Zier bei der n\u00e4chsten GV-der IG Autoren fragen oder am 24. Februar in der &#8220;Gesellschaft f\u00fcr Literatur&#8221;, wo er aus seinem Buch lesen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder eine branntneue Neuerscheinung, O. P. 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