{"id":31676,"date":"2014-10-21T00:54:57","date_gmt":"2014-10-20T22:54:57","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=31676"},"modified":"2014-10-21T00:54:57","modified_gmt":"2014-10-20T22:54:57","slug":"kanada","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=31676","title":{"rendered":"Kanada"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Zuerst will ich von den Raub\u00fcberf\u00e4llen erz\u00e4hlen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich sp\u00e4ter ereigneten. Der Raub\u00fcberfall ist wichtier, denn er war eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben und in dem meiner Schwester. Wenn von ihm nicht als Erstes erz\u00e4hlt wird, ergibt der Rest keinen Sinn!&#8221;, beginnt Richard Fords vor zwei Jahren auf Deutsch erschienener Roman &#8220;Kanada&#8221; und die Kritik war voll hingerissen.<br \/>\nElke Heidenreich schw\u00e4rmte im Schweizer Literaturclub davon in h\u00f6chsten T\u00f6nen, fand den Erz\u00e4hlstil am Anfang nur ein wenig zu bed\u00e4chtig, bemerkte aber beim zweiten Lesen, jedes Wort ist wichtig und Dennis Scheck empfahl in seiner Sendung &#8220;Wenn Sie in diesen Herbst nur ein Buch kaufen, dann dieses!&#8221;<br \/>\nIch habe es vor fast einem Jahr im &#8220;Wortschatz&#8221; gefunden, mich auf das Lesen gefreut und bin jetzt ein wenig verwundert \u00fcber die \u00fcberschwengliche Experteneuphorie, denn ich fand das Ganze eigentlich ein wenig aufgesetzt und nicht ganz nachvollziehbar, die Jugenderlebnisse eines alten Mannes, Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Missisippi geboren, sein Held, Dell, 1945, der Lehrer ist, zum Zeitpunkt der Geschichte bald in Pension gehen wird und da auf seine Jugenderlebnisse zur\u00fcckblickt, die zwischen August und Oktober 1960 sein Leben sehr ver\u00e4ndert haben, das sonst wahrscheinlich sehr langweilig und b\u00fcrgerlich gewesen w\u00e4re. Eine Frau, ein Eigenheim, seine Sch\u00fcler, keine Kinder, wenn es da nicht die zwei Morde und den Bank\u00fcberfall g\u00e4be, das, was sich ich ein guter amerikanischer Junge eben von einem Abenteuerlichen Leben ertr\u00e4umt. Die Schriftsteller schreiben es auf und der deutsche Sprachraum ist begeistert, denn die Amerikaner schreiben die gro\u00dfe Literatur und sind unerreichbare Vorbilder.<br \/>\nPr\u00e4zis und sehr genau ist es geschrieben. Mir erschienen die Ereignisse um diesen Bankraub, den ich absolut nicht nachvollziehen konnte und der mir \u00e4u\u00dferst unsinnig erschien, sehr sehr langatmig. Die Jungen spielen aber halt R\u00e4uber und Gendarm und lesen Karl May und die Indianer spielen in Dells Jungendasein auch eine sehr wirkliche Rolle, da sie in seiner Umgebung angesiedelt sind.<br \/>\nGro\u00dfe S\u00e4tze und Lebensweisheiten gibt es auch immer wieder, wie &#8220;unser Leben ist jetzt ruiniert, obwohl wir ja noch eine Menge davon \u00fcbrig haben und irgenwie f\u00fcllen k\u00f6nnen!&#8221;, wie Berner ihren Bruder schreibt.<br \/>\nEine Danksagung gibt es Schlu\u00df auch und die Kritiker sprechen von &#8220;Schuld und S\u00fchne, vom Grenzen \u00fcberschreiten&#8221; oder \u00fcberhaupt vom gro\u00dfen Epos.<br \/>\nEs beginnt in einer sehr langweiligen amerikanischen Kleinstadt, nach Kanada geht es erst  viel sp\u00e4ter. Im zweiten Teil der Geschichte und so habe ich die Namensgebung auch nicht ganz verstanden. Im Sommer 1960, Dell ist f\u00fcnfzehn, tr\u00e4umt vom College, auf das er gehen m\u00f6chte, vom Schachspielen und vom Bienenz\u00fcchten und lebt mir seiner Zwillingsschwester Berner und seinen Eltern Bev, einem ausgeschiedenen Air Force Soldaten, der jetzt Grundst\u00fccke verkauft, beziehungsweise gestohlene K\u00fche und seiner Mutter, einer intellektuelleren J\u00fcdin, die unterrichtet, Gedichte schreibt und gar nicht zu diesem Kleinstadtvater passt in dem Nest namens Great Fall.<br \/>\nSie \u00fcberlegt auch dauernd die Trennung, tut es aber nicht, sondern beschlie\u00dft, als Bev Geld braucht, um die Indianer bei diesem Kuh-Deal zu bezahlen, mit ihm eine Bank zu \u00fcberfallen.<br \/>\nWie logisch das ist, mu\u00df mir einer mal erkl\u00e4ren, aber ich tr\u00e4ume auch \u00f6fter davon den Nobelpreis zu bekommen und dann sagt mir sicher jemand, das w\u00e4re unrealistisch!<br \/>\nDie Beiden lassen also ihre Kinder, die ja eigentlich Jugendliche sind, Berner tr\u00e4umt schon vom Heiraten und Durchgehen mit ihrem Freund, in dem Haus zur\u00fcck und fahren in eine andere Kleinstadt, um dort wie Bonnie und Clyde ihren Bankraub zu begehen. Sie stellen sich dabei sehr idiotisch an, fahren dann nach Hause zu den Kindern, verstecken das erbeutete Geld im Auto. Die Polizei beobachtet sie ein paar Tage lang, bevor sie sie verhaftet, das kann ich auch nicht ganz nachvollziehen, bringt sie dann weg und sagt noch &#8220;Um die Kinder k\u00fcmmern wir uns, Mam, die geh\u00f6ren jetzt uns!&#8221;<br \/>\nDie rechtschaffene Mutter will aber nicht, da\u00df sie in Jugendgef\u00e4ngnis kommen, so soll sie eine Freundin \u00fcber die Grenze schmuggeln, als die aber kommt, ist Berner mit ihrem Freund schon weg, nur Dell kommt, statt aufs College, nach Kanada, in eine noch \u00f6dere Gegend, zu einem Arthur Remlinger, der ein Hotel mit Buffbetrieb besitzt und G\u00e4nsejagden f\u00fcr Sportsfreunde organisiert.<br \/>\nDell mu\u00df dort die Zimmer aufr\u00e4umen und bei den Jagden helfen, tr\u00e4umt immer noch von der Schule, sagt Arthur Remlinger, der sich um ihn k\u00fcmmern soll, aber nichts davon, erf\u00e4hrt nur, da\u00df es in der N\u00e4he eine f\u00fcr gefallene M\u00e4dchen gibt und f\u00e4hrt dort mal hin, was in einem grotesken Fiasko endet. Die Nonnen kreischen auf, die M\u00e4dchen grapschen nach ihm, nun gut, die Seele ist ein weites Land und mit F\u00fcnfzehn ist man in der Pubert\u00e4t, Dell aber in der Wildnis und bekommt von einem sehr seltsamen Wildh\u00fctererz\u00e4hlt, da\u00df Remlinger vor f\u00fcnfzehn Jahre aufs College wollte, aber eine Bombe legte, wo dann ein Mensch ums Leben kam. Er fl\u00fcchtete nach Kanada, wurde Hotelbesitzer und jetzt f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter, sollen zwei M\u00e4nner auftauchen, die ihm nach dem Leben trachten, bzw. ihn den Gerichten zu f\u00fchren wollen.<br \/>\nDie kommen auch, werden in die Wildnis verfrachtet und Remlinger nimmt Dell mit, als er sie erschie\u00dft. Der Junge mu\u00df dann auch noch die Leichen wegr\u00e4umen helfen, bevor es ein paar Tage sp\u00e4ter nach Winnipeg in die Schule geht.<br \/>\nIm letzten, viel k\u00fcrzeren Teil, steht Dell kurz vor seiner Pensionierung und f\u00fcr die diesbez\u00fcgliche Party haben seine Sch\u00fcler ergooglet, da\u00df ihn irgendwo ein Bvv sucht, weil er sich um seine schwerkranke Schwester k\u00fcmmern soll.<br \/>\nDas f\u00fchrt zu einem Schock, denn Dell will nichts mehr von seinem Vater wissen, die Mutter hat sich im Gef\u00e4ngnis umgebracht, aber vorher eine Chronik geschrieben und die den Kindern zukommen lassen. Berner, die dreimal verheiratet war und jetzt Krebs hat, beruhigt ihn aber, sie h\u00e4tte nur ihren Namen ge\u00e4ndert und so sehen sich die Geschwister noch einmal wieder und der Jugendtraum hat sich wahrscheinlich erf\u00fcllt oder wie die letzten S\u00e4tze lauten &#8220;Wir versuchen es. Wir alle. Wir versuchen es.&#8221;<br \/>\nEin Roman, der mich, wie schon den Zeilen zu entnehmen, ein wenig unbefriedigt zur\u00fcck l\u00e4\u00dft, aber wahrscheinlich liegt das daran, da\u00df ich kein Junge bin, von Wildwestromanen nicht so viel halte und auch nicht so ganz sicher bin, da\u00df uns die gro\u00dfen Amerikaner wirklich so viel in ihrem Schreiben voraus sind oder uns nur sehr bestimmt ihre Themen aufdr\u00fccken, von denen wir dann so begeistert sind.<br \/>\nEinen Inzestversuch, das h\u00e4tte ich jetzt fast vergessen, gab es in der letzten Nacht, bevor es nach Kanada geht auch noch. Richard Ford, der Autor von &#8220;Independenttag&#8221; und &#8220;Pulitzerpreis-Tr\u00e4ger&#8221;, wei\u00df eben, wie man es machen mu\u00df und welche Themen man in seine Geschichten zu verpacken hat, damit alle &#8220;Ah!&#8221; und &#8220;Oh!&#8221; schreien. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Zuerst will ich von den Raub\u00fcberf\u00e4llen erz\u00e4hlen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich sp\u00e4ter ereigneten. Der Raub\u00fcberfall ist wichtier, denn er war eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben und in dem meiner Schwester. 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