{"id":31149,"date":"2014-09-21T00:44:34","date_gmt":"2014-09-20T22:44:34","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=31149"},"modified":"2014-09-21T00:44:34","modified_gmt":"2014-09-20T22:44:34","slug":"kastelau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=31149","title":{"rendered":"Kastelau"},"content":{"rendered":"<p>Kann man aus Wikipediaeintr\u00e4gen, Fu\u00dfnoten, literarischen Texten, transkripierten Interviews, Tagebucheintr\u00e4gen etc einen Roman schreiben?<br \/>\nDer 1946 in Z\u00fcrich geborene Dramaturg, Regiseeur und Redakteur Charles Lewinsky, der beispielsweise an Filmen, wie dem &#8220;Traumschiff&#8221; arbeitete, hat es getan und ist mit seinem Roman &#8220;Kastelau&#8221; auf die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/08\/28\/longlistenlesen\/\" title=\"Longlistenlesen\">Longlist des dBps<\/a> gekommen.<br \/>\nEin Buch, das sehr gelobt wurde und wie ich in den Rezensionen und Besprechungen lesen konnte, uns den Unterschied zwischen Lug und Trug, Wahrheit und F\u00e4lschung, manchmal bis an den Rand des Klamauks erkl\u00e4rt.<br \/>\nDer Filmprofi Charles Lewinsky tut das mit der an sich sehr banalen Geschichte von dem Filmteam, das sich Ende 1944, als in Berlin die Bomben fielen, in den fiktiven Ort Kastelau, in der N\u00e4he von Berchtesgaden absetzt, und um  nicht zerbombt zu werden oder an die Front zu m\u00fcssen, -einen angeblich kriegswichtigen Film zu drehen, aber leider reichen die Requistiten und die Darsteller nicht, so da\u00df dabei get\u00e4uscht und geschummelt werden mu\u00df und dann tut das der Autor auch noch selbst auf Seite elf und in den Fu\u00dfnoten, als er erkl\u00e4rt, seinen Roman aus den von &#8220;Samuel Anthony Saunders hinterlassenen Unterlagen&#8221; zusammengestellt zu haben und &#8220;Innerhalb der Texte habe ich &#8211; abgesehen von der \u00dcbersetzung ins Deutsche &#8211; keine \u00c4nderungen vorgenommen. Wo es mir angebracht schien, habe ich in Fu\u00dfnoten erk\u00e4rende Anmerkungen hinzugef\u00fcgt. C.L&#8221;<br \/>\nDann gibt es noch eine Adresse &#8220;302 East Melnitz&#8221;<br \/>\n&#8220;Erwischt!&#8221;, schreien die Literaturwissenschaftler, denn &#8220;Melnitz&#8221; ist der Titel von Lewinskys vorangegangenen Roman, aber diesen Ort scheint es wirklich zu geben, &#8220;http\/\/www. cinema.ucla.edu&#8221; wahrscheinlich nicht, die liebe Eva hat an dieser Stelle aber nachgegooglet, ob es einen Samuel Anthony Saunders gibt, denn manchmal scheinen in den Fu\u00dfnoten auch sehr bekannte Schauspier- und andere Namen, wie beispielsweise Luis Trenker, sowie Filmtitel, auf, die es gegeben zu haben scheint.<br \/>\nWirklichkeit und F\u00e4lschung liegen eben nah beinander und dem Profi scheint es Spa\u00df gemacht zu haben zu t\u00e4uschen, obwohl was wei\u00df man schon so genau, 1944 war man wahrscheinlich froh zu \u00fcberleben, hat das geprobt, ohne gro\u00df an das Wort T\u00e4uschung gedacht zu haben und im Nachhinein sieht vieles anders aus&#8230;<br \/>\nSo beginnt der Roman auch 2011 und nicht, wie im Klappentext beschrieben, 1944, denn da l\u00e4uft ein verkrachter Filmwissenschaftler und Besitzer einer heruntergekommenen Videothek mit einer Spitzhacke in Los Angeles auf den &#8220;Walk of Fame&#8221; und schl\u00e4gt damit auf den Stern des Schauspielers Arnie Waltons ein, die Polizei kommt dazu, schie\u00dft ein bi\u00dfchen und Samuel Anthony Saunders erliegt dann politisch korrekt einem Schlaganfall, den er daraufhin bekam und der Roman, beziehungsweise die Materialsammlung beginnt.<br \/>\nKann man aus Recherchest\u00fccken einen spannenden Roman schreiben, wiederhole ich und f\u00fcge hinzu, was ich schon in den Rezensionen gelesen habe, Charles Lewinsky ist es sehr routiniert gelungen, Spannung aufzubauen, obwohl er die Karten auf den Tisch legt und man gleich am Anfang das Ende wei\u00df.<br \/>\nTrotzdem kommt man in die Geschichte und sieht das Kriegsende ganz plastisch vor sich, obwohl es sich in dem ganzen Buch um Nebenschaupl\u00e4tze handelt. Die Juden sind schon alle fort, der Krieg fast verloren, nur ein Filmteam setzt sich ab.<br \/>\nWas dabei passiert, wurde von manchen als Klamauk empfunden, mir f\u00e4llt das Lachen \u00fcber Dinge, die gar nicht lustig sind, bekanntlich schwer, so habe ich das Buch auch nicht lustig empfunden und mir im dritten Drittel des Buches, die 2010 entstandene Verfimung des &#8220;Jud S\u00fc\u00df&#8221; mit Tobias Moretti in der Rolle des Ferdinand Marian angesehen, da der Originalfilm ja verboten ist.<br \/>\nSamuel Anthony Sauners schreibt jedenfalls seine Dissertation \u00fcber den ber\u00fchmten Schauspieler mit deutschen Wurzeln, einem Widerstandsk\u00e4mpfer, wie seiner Biografie zu entnehmen ist, reist dazu nach Deutschland und kommt in die Kneipe einer alten Frau mit Narbe, die ihr Lokal mit alten Filmauschniten dekoriert hat und die erz\u00e4hlt ihm die Geschichte, wie sie als junges M\u00e4dchen bei der UFA war, in den Filmen gerade mal &#8220;Ja, Gn\u00e4dige Frau, nein, gn\u00e4dige Frau!&#8221;, sagen durfte, aber einmal mit dem Star Walter Arnold, wohl zu verh\u00fcllen, da\u00df der eigentlich ein Homo war, gemeinsam auf einem Titelblatt zu sehen war.<br \/>\nEs gab einen Drehbuchschreiber namens Werner Wagenknecht, mit einem Wikipediaeintrag, dem man entnehmen kann, da\u00df  sein Roman &#8220;Stahlseide&#8221; 1933 auf dem Scheiterhaufen brannte. 1944 hat er Berufsverbot, bzw. schreibt er unter falschen Namen Drehb\u00fccher f\u00fcr die UFA, eines hei\u00dft &#8220;Lied der Freiheit&#8221; und soll ein Napoleonschinken werden, aber da fallen schon die Bombe \u00fcber Berlinn und man setzt sich, wenn es geht, ab.<br \/>\nEiner von Wagenknechts Texten, der zuerst zu Saunder und dann zu Lewinsky bekommen ist, hei\u00dft auch &#8220;Servatius beim Onkel Doktor&#8221; das ist der Regisseur der Truppe und erz\u00e4hlt, da\u00df er von einem Arzt, ein falsches Attest haben will, was der ihm aber verweigert.<br \/>\nSo entsteht der Plan mit zwei Filmautos, die anderen galten ja als kriegswichtig, nach Kastelau zu fahren und am dortigen Schlo\u00df den Film zu drehen. Nur leider wird der gr\u00f6\u00dfere Bus auf der Autobahn von Bomben getroffen und es kommt nur ein kleines Filmteam mit einem tauben Tonmeister, dem Schauspieler Walter Arnold, der jungen Tiziana Adam, die Saunders das alles erz\u00e4hlt, dem UFA Star Maria Maar, die mit der zweiten Frau von Hermann G\u00f6ring befreundet ist, Werner Wagenbach, dem man f\u00fcr das Umschreiben des Drehbuchs braucht und einigen anderen in dem verschlafenen Bergd\u00f6rfchen an, quartiert sich im &#8220;Watzmann&#8221; ein und mu\u00df vor dem Ortsgruppenleiter Heckenbichler so tun, als drehe man einen Film, obwohl man gar kein Material mehr dazu hat und der Ort auch kein Schlo\u00df, wo man die Napoleonischen Truppen aufmarschienen lassen k\u00f6nnte.<br \/>\nSo mu\u00df Werner Wagenknecht umschreiben und Titi bekommt so gar eine gro\u00dfe Rolle und es passiert auch noch einiges andere in dem kleinen D\u00f6rchen, bevor im Mai die Amerikaner kommen.<br \/>\nZuerst wird zu Weihnachten ein Weihefestspiel in der Kirche aufgef\u00fchrt, denn wird im Keller des Gasthauses ein Deserteur entdeckt und der Schauspieler Walter Arnold der, der als Arnie Walton im &#8220;Walk of Fame&#8221; eingraviert ist, wird verhaftet, weil er mit dem Sohn des B\u00e4ckers eine homosexuelle Beziehung hatte.<br \/>\nDas alles steht aber nicht in seiner Biografie und so bekommt Saunders, als er von Deutschland zur\u00fcck ist und aus Wagenknechts Material und den Interviews mit Titi eine wunderabare Dissertation geschrieben hat und schon von seiner Uni Karriere tr\u00e4umt, Schwierigkeiten.<br \/>\nDer Professor lehnt die Dissertation ab und als er sie in Buchform ver\u00f6ffentlichen will, kommen die Rechtsanw\u00e4lte mit Drohbriefen und beweisen, kann er seine Entdeckung auch nicht wirklich, denn es gab ja  zu wenig Filmmateria, und die zusammengeschnittene Fassung, in letzter Minuten, als schon die wei\u00dfen T\u00fc\u00fccher \u00fcber die Hakenkreuzfahnen gest\u00fclpt wurden, hat Walter Arnold noch das Drehbuch umgeschrieben und einen Widerstandsfilm daraus gemacht, -taucht erst sehr viel sp\u00e4ter auf, als Arnie Walton schon gestorben ist und Saunders das Buch jetzt schreiben k\u00f6nnte, aber jetzt will es keiner mehr haben und in eine Videothek geht auch keiner mehr, da man sich ja alles viel einfacher im Internet hochladen kann.<br \/>\nSo deponiert der Entt\u00e4uschte die Kopie in einem Schlie\u00dffach nimmt die Hacke, marschiert los und Charles Lewinsky hat einen sehr spannenden Roman geschrieben, der es zwar nicht auf Shortliste schaffte, aber durch <a href=\"http:\/\/dasgrauesofa.wordpress.com\/2014\/09\/01\/lll-2014-kurzportrats-6-charles-lewinsky-kastelau\/\">Claudia vom grauen Sofa und das Longlistlesen<\/a> zu mir gekommen ist, wof\u00fcr ich der Losfee sehr danke, weil sonst Buch und Autor an mir vorbeigegangen w\u00e4ren und jetzt kann ich es mir noch ein bi\u00dfchen besser vorstellen, wie es 1944 und 45 vielleicht gewesen ist.    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann man aus Wikipediaeintr\u00e4gen, Fu\u00dfnoten, literarischen Texten, transkripierten Interviews, Tagebucheintr\u00e4gen etc einen Roman schreiben? 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