{"id":30954,"date":"2014-09-09T00:51:11","date_gmt":"2014-09-08T22:51:11","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=30954"},"modified":"2014-09-09T00:51:11","modified_gmt":"2014-09-08T22:51:11","slug":"unbarmherziges-gluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=30954","title":{"rendered":"Unbarmherziges Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Wie sagte schon die Tante Rosa zu dem Helden von Max Blauelichs neuen Roman &#8220;Das Leben ist unbarmherzig. Das Gl\u00fcck auch. Das Ungl\u00fcck ist die einzige Barmherzigkeit! Merk dir das Bubchen&#8221;.<br \/>\nEs ist ein herrlich altmodischer Roman, der da dem 1952 in Salzburg Geborenen, der bei &#8220;Literatur und Kritik&#8221; Redakteur war oder ist und mir in dieser Eigenschaft einmal eines meiner Manuskripte zur\u00fcckschickte, wahrscheinlich, weil es ihm zu wenig hintergr\u00fcndig war, gelungen ist.<br \/>\nDas &#8220;Unbarmherzige Gl\u00fcck&#8221; ist das aber und hat es, k\u00f6nnte man so sagen, faustdick hinter den Ohren, so da\u00df einer das Gruseln und vielleicht, wenn man gen\u00fcgend hintergr\u00fcndigen Humor besitzt, auch das Lachen kommen k\u00f6nnte.<br \/>\nAn Canettis &#8220;Blendung&#8221;, hat es mich zeitweilig erinnert, einige Passagen an  <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/11\/14\/die-asche-meiner-mutter\/\">&#8220;Angela `s Ashes&#8221;<\/a>, n\u00e4mlich die, wo das Aufwachsen der Frau Berta in dem rum\u00e4nischen St\u00e4dtchen, das Rum holen m\u00fcssen f\u00fcr den Vater, w\u00e4hrend der die Mutter pr\u00fcgelt, geschildert werden.<br \/>\nThomas Bernhard Stimme ist, auch ein paar Mal zu vernehmen und um die &#8220;Scherzhauser-Siedlung, wo der ja wohnte oder arbeitete, geht es auch.<br \/>\nEs ist mein erstes Blaeulich-Buch, das mir, da ich ja gerade selber \u00fcber das <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/07\/31\/ideenuberschwung\/\" title=\"Ideen\u00fcberschwang\">Sterben und Sterbehilfe<\/a> schreiben will und mich das Leben in Altersheimen sehr interessiert, in die H\u00e4nde gefallen ist, aber bei ihm hei\u00dfen die Seniorenresidenzen ja Asyle, sehr hintergr\u00fcndig und das Bubchen, der Geschichtenerz\u00e4hler bzw. Archivar von Frau Bertas Lebenserinnerungen, beginnt diese mit den verkr\u00fcppelten H\u00e4nden, der alten, in Rum\u00e4nien geborenen Frau, die er kennenlernte, als er seine Tante Rosa in dem Asyl besuchte.<br \/>\n&#8220;Lainz schau her!&#8221;, k\u00f6nnte man da sagen, aber das ehemalige Versorgungsheim, das sp\u00e4ter &#8220;Geriatriezentrum Wienerwald&#8221; hie\u00df, gibt es, glaube ich, ja auch nicht mehr.<br \/>\nDie Geschichte spielt jedenfalls in Salzburg und da hatte die Tante Rosa eine Repassieranstalt, da wurden  die Nylons repariert, bis sich das Maschenauffangen nicht mehr lohnte und alles weggeworfen wurde.<br \/>\nDas Bubchen wuchs jedenfalls in ihrem Gesch\u00e4ft auf und wurde im Gegensatz zum Onkel Adi, dem Lebensgef\u00e4hrten der Tante, nicht weggeschickt, wenn die Damen ihre H\u00fcllen fallen lie\u00dfen&#8230;<br \/>\nDie Tante ist jedenfalls gestorben und Bubchen, der ein verkrachter Schriftsteller ist, \u00fcbernimmt die Aufgabe, Frau Bertas, die an Einsamkeit leidet, Lebensgeschichte aufzuzeichnen.<br \/>\nDazu quartiert er sich in der &#8220;Adlerischen Pension&#8221; ein, die mich auch sehr an Canetti erinnerte. Da gibt es die Frau Niederle und den einarmigen Gottlieb, vor allem aber, die schwedischen Hausm\u00e4dchen Olli und Puppi, die immer die Betten der Zimmerherren aufw\u00e4rmen, ja die M\u00e4nner haben eben Phantasien und schreiben auch davon, weil sie zu glauben scheinen, da\u00df die die Leserinnen, die ihre B\u00fccher bevorzugt kaufen oder sich schicken lassen, interessieren und in dem Asyl gibt es den Herrn Giacomuzzi als Pfleger und Karli den Gro\u00dfen, einen ehemaligen Boxer und Giacomuzzi hat hochfliegende W\u00fcnsche. Er will n\u00e4mlich eine Fliegerschule besuchen und so heuert er das Bubchen an, f\u00fcr ihn die Nachtdienste zu \u00fcbernehmen.<br \/>\nEr verschwindet dann nach und nach und das Bubchen schlupft mehr oder weniger nahtlos in seine Rolle, \u00e4rgert sich zwar ein wenig, da\u00df er sein Zimmer in der Pension, wenn er vom Nachtdient zur\u00fcckkommt, aufgew\u00e4rmt vorfindet. Beginnt aber genauso gut mit den Tabletten, wie der Pfleger zu hantieren und sie den Asylanten, wenn sie zu unruhig werden in den Mund zu stopfen. Er beginnt sie auch mit Alkohol ruhigzustellen und \u00fcbt vor dem Spiegel Drohgrimassen und in der Direktion weit oben, werden<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/08\/27\/der-plan\/\" title=\"Der Plan\"> Wetten<\/a> abgeschlossen, wer von Asylanten als n\u00e4chstens voranggehen wird.<br \/>\nDazu stellt  die Sekret\u00e4rin Christin das Belladonnafl\u00e4schen vorsorglich bereit und ein hundert Jahre Fest des Asyls wird auch gefeiert. Das wird nat\u00fcrlich, man ahnt es schon, eine Farce und ein Glanzst\u00fcck des Galgenhumors und Frau Berta, die immer vergesslicher und dementer wird und am Schlu\u00df auch noch einen k\u00fcnstlichen Ausgang bekommt, den sie nicht haben will, so da\u00df sie alles mit Kot verschmiert, erz\u00e4hlt dem Bubchen, nach und nach aus ihrem Leben, in dem wirklich nicht sehr viel barmherzig war.<br \/>\nIn Rum\u00e4nien wurde sie geboren, die Mutter wurde bald von dem Vater in den Tod gepr\u00fcgelt, der war ein Trinker und die zweij\u00e4hrige Schwester Mela, weigerte sich von der Muttermilch zu trinken, daf\u00fcr sagte sie aber zur Stiefmutter &#8220;Mama&#8221;, was Frau Berta verweigerte, wof\u00fcr sie auch verpr\u00fcgelt wurde.<br \/>\nVergewaltigt wurde sie auch recht bald und nach 1945 siedelte sich der Vater mit seinen Kindern in Salzburg an.<br \/>\nMela kam zu einer Tante in die Schneiderlehre, die sie zur Prostitution verwendete, Frau Berta wurde Putzfrau, aber vorher noch als Pflegekind und deutsches M\u00e4del ausgen\u00fctzt und \u00f6fter vergewaltigt. Das tat dann auch ihr Mann, der eine entsprechende Kriegsvergangenheit hatte und die Schwester, die nach Amerika auswanderte, fand auch dort nicht ihren Frieden, nur ihr Sohn, der von ihrem Ehemann verpr\u00fcgelt wurde, fl\u00fcchtete sich in den Vietnamkrieg und sandte \u00fcber dort Berichte in das Asyl, das das Bubchen von einem alten Shakespeare-Forscher, der im Krieg Dolmetscher war, \u00fcbersetzen l\u00e4\u00dft.<br \/>\nIn dem Asyl gibt es noch andere merkw\u00fcrdige Bewohner, so zum Beispiel, die die sich \u00fcber Esparanto oder den wahren Kommunismus streiten. Einen Kegelklub gibt es auch und am Schlu\u00df sitzen die ruhiggestellten Veteranen im Aufenthaltsraum und trauern ihren Kriegserlebnissen nach.<br \/>\nWie schon erw\u00e4hnt, ein herrlich altmodischer Roman, denn bald werden die, die in den heutigen Seniorenresidenzen ruhiggestellt werden, den Krieg nicht mehr erlebt haben und daher von etwas anderes schw\u00e4rmen und das Bubchen, das sollte ich noch erw\u00e4hnen, hat von der Direktion, als der alte Direktor l\u00e4ngst schon in einem der Pflegezimmer verschwunden ist, die Zusicherung bekommen, da\u00df er nach dem Ableben der Frau Berta, ihr St\u00fcbchen \u00fcbernehmen kann, denn das Leben und das Sterben geht ja weiter und Barmherzigkeit, das denke ich mir manchmal auch, gibt es nicht sehr viel&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sagte schon die Tante Rosa zu dem Helden von Max Blauelichs neuen Roman &#8220;Das Leben ist unbarmherzig. Das Gl\u00fcck auch. Das Ungl\u00fcck ist die einzige Barmherzigkeit! Merk dir das Bubchen&#8221;. Es ist ein herrlich altmodischer Roman, der da dem &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=30954\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-30954","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30954","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30954"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30954\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30954"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30954"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30954"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}