{"id":30651,"date":"2014-09-01T00:38:33","date_gmt":"2014-08-31T22:38:33","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=30651"},"modified":"2014-09-01T00:38:33","modified_gmt":"2014-08-31T22:38:33","slug":"watschenmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=30651","title":{"rendered":"Watschenmann"},"content":{"rendered":"<p>1954 war das Jahr, wo Franz Jonas B\u00fcrgermeister war, die Stadt Wien f\u00fcnfundzwanzig Groschen f\u00fcr das Kilo Kastanien f\u00fcr die Wildf\u00fctterung zahlte, Gemeindebauten im achten Bezirk und auch anderswo errichtet wurden, die Stadt Geld f\u00fcr die verschiedensten Gelegenheiten zur Verf\u00fcgung stellte und die Muttertage, sowie des B\u00fcrgermeisters Geburtstag gefeiert wurden.<br \/> Es war auch das Jahr, wo ich meinen ersten Geburtstag hatte und mich an die Besatzungszone, die Amis, die Engl\u00e4nder, die Franzosen und die Russen, sowie die schr\u00e4gen Typen, die es neben der Wohlstandsgeneration, die sich langsam nach dem Krieg wiederaufbaute, nicht mehr erinnern kann, setzt das ja erst ein paar Jahre sp\u00e4ter ein, aber die 1967 in Eferding O\u00d6 geborene Karin Peschka hat das alles sehr sorgf\u00e4ltig recherchiert und sich im Anhang ihres soeben im <a href=\"http:\/\/www.omvs.at\/de\/buecher\/watschenmann-1723\/\">Otto M\u00fcller Verlag<\/a> erschinenen Debutroman &#8220;Watschenmann&#8221;, der schon auf der Hotlist der unabh\u00e4ngigen Verlage, dem Gegenst\u00fcck zum dBP steht, bedankt und ich habe im J\u00e4nner in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/01\/27\/von-der-as-in-die-kolik-lounge\/\">&#8220;Kolik-Louge&#8221;<\/a> schon ein St\u00fcckchen daraus geh\u00f6rt, mit einem Kapitel davon hat sie 2013 auch den Wartholzer Literaturpreis gewonnen.<br \/> Karin Peschka ist vom Brotberuf Sozialarbeiterin, hat mit alkoholkranken Menschen und mit arbeitslosen Jugendlichen gearbeitet, wie ich dem Klappentext entnehme oder einmal in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/10\/13\/alltag-stimmung-spharen\/\">&#8220;Alten Schmiede&#8221;<\/a> h\u00f6rte und das merkt man dem Buch auch an, das mich an Robert Neumanns &#8220;Kinder von Wien&#8221; erinnert, das ich einmal, lang lang ists her, noch in der Otto Bauergasse gelesen habe.<br \/> Der Krieg ist vorbei, \u00fcberall wird aufgebaut, wie in der Zeitung steht, die Lydia in dem Schuppen neben der Schusterwerkstatt, in der sie mit Dragan und mit Heinricht lebt, lesen kann.<br \/> Und das sind einige der Gestrandeten, von denen schon die Rede war, die energische Lydia mit dem langen Zopf, den sie sich erst sp\u00e4ter abschneiden wird, die wenn es n\u00f6tig ist, auch &#8220;anschaffen&#8221; geht, sonst aber auf den Schuster wartet, ihrem Br\u00e4utigam, der vor zehn Jahren in den Krieg gezogen ist und noch nicht heim gekommen ist, f\u00fcr den sie aber schon die Werkstatt herrichtet und wenn er gekommen ist, mit ihm wieder in die Wohnung ziehen wird, in der jetzt andere leben, Dragan, der Serbe, der gerne boxt, zu Lydia &#8220;duso moja&#8221; &#8211; &#8220;meine Seele&#8221; sagt und von dem man sonst nicht sehr viel wei\u00df und vor allem Heinrich nat\u00fcrlich, der &#8220;Watschenmann&#8221;, ein Traumatisierter, w\u00fcrde man heute sagen, einer der vielleicht dem Spiegelgrund entkommen ist, ein Verr\u00fcckter, der die Wahnvorstellung hat, da\u00df der Krieg in uns allen drinnen ist und man ihn langsam herauspr\u00fcgeln lassen mu\u00df.<br \/> So stellt er Regeln auf, &#8220;f\u00fcr Geld nur f\u00fcr die Wiener, f\u00fcr die Besatzer ist es frei&#8221; und stellt sich als Opfer zur Verf\u00fcgung und langsam langsam bekommt man st\u00fcckweise ein St\u00fcck der Vergangenheit heraus. Da ist der Vater, ein Arzt, Primar vielleicht, man ahnt schon B\u00f6ses, der dem Sohn die Weichheit austreiben will und ihn deshalb so viel trinken l\u00e4\u00dft, bis er sich \u00fcbergibt, die hilflose Mutter steht daneben, die Gro\u00dfmutter war dagegen eine starke Frau und Botanikerin, sie lehrte dem Enkel die lateinischen Namen aller Pflanzen und dann gibt es noch Peter und Paul, die Zwillinge und ihre Schwester Helene, die drei Grazien genannt, die die drei in dem Schuppen regelm\u00e4\u00dfig besuchen und die beide ihr Augenlicht im Krieg verloren haben, Peter noch etwas mehr, die m\u00fcrrische Schwester mu\u00df sie pflegen und eine &#8220;Pritschlerin&#8221;, die fr\u00fcher ein Blumengesch\u00e4ft hatte, ihre Kinder durch die &#8220;F\u00fcrsorge&#8221; verloren hat und dar\u00fcber den Verstand verlor gibt es auch, dann noch den &#8220;Kummerl&#8221; ein in den KZs Gepeiniger, der jetzt nur noch an Stalin glaubt und den &#8220;Lichterl-Sigi&#8221;, der selber einmal ein Nazi war, den GI Elmer, der sich mit Helene anfreundet und zu Heinrich h\u00e4lt, die Tante Maridi, die weil sie es in Lainz nicht aush\u00e4lt ihre N\u00e4chte in den Beserlparks verbringt und dort von den reschen Wienern angest\u00e4nkert wird, die sich aber als hervorragende Krankenpflegerin erweist und ihre Buben, Paul und Heini, der kr\u00e4nkere Peter stirbt, zu verw\u00f6hnen versucht und und und&#8230;<br \/> In acht Monaten, J\u00e4nner bis Oktober, wird diese Geschichte in einer sehr sch\u00f6nen Sprache, die die traumatisierten Gewalt der Nachkriegsjahre sehr radikal anzudeuten wei\u00df, erz\u00e4hlt, gibt es da doch den Raben und auch die anderen Tiere, in die sich Heinrich hineindenkt, um keinen Schmerz beim gepr\u00fcgelt werden zu versp\u00fcren oder die Metapher von den &#8220;Negerlein&#8221;, die Paul das Augenlicht gestohlen haben. Jetzt tr\u00e4gt er Kindern auf der Stra\u00dfe auf, den Schwarzen, die blauen Augen auszustechen, um ihm diese, sch\u00f6n nach oben aufgerichtet, damit die Farbe nicht ausrinnt, zu bringen, um wieder gesund zu werden.<br \/> B\u00f6se b\u00f6se, die Geschichte, die uns Karin Peschka da in sehr poetischen, aber auch harten Worten erz\u00e4hlt. Wie geschrieben, ich kann mich erst an ein paar Jahre sp\u00e4ter, als die Soldaten alle abgezogen und der Wohlstand nicht mehr aufzuhalten war, erinnern. Da\u00df es aber von unten fault und im Keller die Leichen liegen, die dann stinken, ist eine andere Geschichte und die von dem Nachkriegs Wien 1954 hat die erst viel sp\u00e4ter geborene ober\u00f6sterreichische Sozialarbeiterin sehr eindrucksvoll erz\u00e4hlt, der ich alles Gute f\u00fcr die Hotlist w\u00fcnsche und ihren Debutroman allen an realistischer Literatur interessierten, wirklich nur empfehlen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1954 war das Jahr, wo Franz Jonas B\u00fcrgermeister war, die Stadt Wien f\u00fcnfundzwanzig Groschen f\u00fcr das Kilo Kastanien f\u00fcr die Wildf\u00fctterung zahlte, Gemeindebauten im achten Bezirk und auch anderswo errichtet wurden, die Stadt Geld f\u00fcr die verschiedensten Gelegenheiten zur Verf\u00fcgung &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=30651\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-30651","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30651","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30651"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30651\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30651"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30651"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30651"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}