{"id":29894,"date":"2014-07-15T00:08:19","date_gmt":"2014-07-14T22:08:19","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=29894"},"modified":"2014-07-15T00:08:19","modified_gmt":"2014-07-14T22:08:19","slug":"forellenschlachten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=29894","title":{"rendered":"Forellenschlachten"},"content":{"rendered":"<p>Bevor es nach <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/07\/13\/sommerlekture\/?preview=true\">Slowenien<\/a> geht, noch nach Ex-Jugoslawien, beziehungsweise zu dreiunddrei\u00dfig Briefe aus dem vergessenen Krieg der ORF Journalistin Veronika Seyr, die von 1988 bis 1997 Auslandskorrenspondentin in Moskau und Belgrad war und ihre diesbez\u00fcglichen Erfahrungen im &#8220;Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft&#8221; herausgegeben hat.<br \/>\nUnd da ist ja vor kurzem eine Rezensionsanforderung des Verlags an mich gekommen und nach einer Verz\u00f6gerung auch das Buch und ich mu\u00df sagen, da h\u00e4tte ich etwas vers\u00e4umt, wenn das an mir vorbeigegangen w\u00e4re, obwohl ich die Neuzehnneunzigerjahre ja sehr bewu\u00dft und aktiv erlebt habe.<br \/>\nIm April 1991, da war ich \u00fcber Ostern in Japan, ist meine Mutter gestorben, ich habe dann meinen Vater bis zu seinem Tod Ende 95 betreut, das hei\u00dft, ich bin zwei bis dreimal t\u00e4glich von meiner Wohnung bzw. Praxis in seine gefahren und eine Zeitlang hat sich meine Wohnung in Harland in St. P\u00f6lten befunden und die Praxis in der Gumpendorferstra\u00dfe, bis ich mir die in der Reinprechtsdorferstra\u00dfe mietete und wir in der Gumpendorferstra\u00dfe wohnten. Im Zug bin ich mit den bosnischen Fl\u00fcchtlingen in Ber\u00fchrung gekommen, mit der Tante Dora aus Belgrad habe ich eifrig korrespondiert und sie 1998 war das, glaube ich, auch besucht, ein paar B\u00fccher \u00fcber die politische Situation habe ich sicher auch gelesen.<br \/>\nTrotzdem oder deshalb ist vieles an mir vorbeigegangen, so da\u00df ich das Buch allen an der Politik Interessierten wirklich nur empfehlen kenn.<br \/>\nAu\u00dfer dem <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/06\/05\/es-ist-fruhling-und-ich-lebe-noch\/\" title=\"Es ist Fr\u00fchling und ich lebe noch\">World war one<\/a>, der sich heuer zum hundertsten Mal j\u00e4hrt, gab es vor zwanzig Jahren \u00fcber der \u00f6sterreichischen Grenze den Balkan Krieg. Wolfgang Petritsch, der, als wir in Belgrad waren, \u00f6sterreichischer Botschafter dort war, hat das Vorwort geschrieben und Veronika Seyr eine mutige und offene Frau genannt und so beginnen die Briefe aus dem vergessenen Brief an eine Katja, das Buch ist der Tochter Julia gewidmet, in Belgrad, Ende September 1991.<br \/>\nVeronika Seyr hat gerade in der sch\u00f6nsten Villengegend Belgrads in einer Stra\u00dfe, die auf Deutsch &#8220;Opfer von Dachau oder Mauthausen Stra\u00dfe&#8221; hei\u00dfen w\u00fcrde, ein ORF-B\u00fcro errichtet, sie wohnt dort auch mit ihrer Tochter und dem russischen Kinderm\u00e4dchen. Sie ist offenbar Alleinerzieherin und will als solche auch nicht bevorzugt werden, kann nicht schlafen, weil in der Nacht die Bomber \u00fcber ihrem Kopf dr\u00f6hnen, die &#8220;gazela&#8221; hei\u00dfen und am Nachmittag bringen sie die Verwundeten ins Milit\u00e4rkrankenaus.<br \/>\nDas sind meist junge Burschen, die von der Schule in den Krieg geschickt wurden.<br \/>\n&#8220;Mama, la\u00df mich nicht sterben, ich habe noch nicht gelebt&#8221;, hei\u00dft so auch die Kapitel\u00fcberschrift und als Veronika Seyr in der Belgrader Hauptstra\u00dfe in einem Cafhaus sitzt, sieht sie zwei junge Burschen mit Holzbeinen vorr\u00fcberhumpeln, die \u00fcber die Stra\u00dfe wollen, aber nicht durch die Unterf\u00fchrung k\u00f6nnen, so h\u00e4lt der Verkehrspolizist, den Verkehr f\u00fcr sie an.<br \/>\nMan sieht Veronika Seyr hat Talent zum schreiben und versteht packend zu erz\u00e4hlen, andererseits w\u00e4re es auch schwer und vielleicht auch langweilig, den Kriegsereignissen zu folgen.<br \/>\nIm zweiten Brief gehts zuerst nach Vukovar und dann nach Albanien. In Vukovar sind die Serben eingefallen und haben alle H\u00e4user mit &#8220;Hier ist Serbien, das ist ein serbisches Haus&#8221;, bemalt und die Fahrt in das Armenhaus Albanien ist gespenstig. Es wurde ihnen schon geraten Verpflegung und Benzin mitzunehmen, einen Dolmetscher, der all das \u00fcbersetzt, haben sie auch und im einzigen offen Hotel reserviert. Die Kinder \u00fcberfallen sie dann am Stra\u00dfenrand, betteln um S\u00fc\u00dfigkeiten und werfen mit Steinen, wenn sie keine bekommen und ein Vater pr\u00fcgelt wegen der kummunistischen Proaganda seinen Sohn, als der die erhaltenen S\u00fc\u00dfigkeiten in den Mund stecken will, der b\u00f6sen Ausl\u00e4nder wollten ihn m\u00f6glicherweise vergiften.<br \/>\nIm Hotel ist dann kein Platz, die Reservierung ist nicht angekommen, sie m\u00fc\u00dfen im kalten Auto schlafen und das noch dazu vom Rezeptionisten bewachen lassen.<br \/>\nIm dritten Brief ist Weihnachten, Julia und das Kinderm\u00e4dchen sind in Wien, Veronika mu\u00df Dienst schieben, \u00e4rgert sich dar\u00fcber und h\u00f6rt sich ein Konzert von einem Potests\u00e4nder &#8220;Wenn du schon ein ganzes Volk hassen mu\u00dft, dann versuch jeden einzelnen zu hassen. Es wird dir nicht gelingen&#8221;, an, das seltsamerweise von der Zensur nicht verboten wurde.<br \/>\nDann gehts ins sch\u00f6ne Dubrovnik und ins Holiday Inn, wo auch Radovan Karadic mit seiner Leichw\u00e4chterschar residiert, die sie dann beim Fr\u00fchst\u00fcck trifft. Radovan Karadic ist f\u00fcr eine ethnische Kantonisierung und Veronika Seyr besucht einen Freund, der nicht praktizierender Moslem ist, mit seiner Frau, einer bosnischen Kroatin und einer Tochter lebt. Er zeigt ihr die anderen gemischten Familien in dem Haus, sp\u00e4ter gehen Frau und Tochter nach Deutschland, w\u00e4hrend er mit seinem Vater zur\u00fcckbleibt.<br \/>\nAls der Kampf in Sarajewo losgeht, mu\u00df Veronika Seyr nach Belgrad fl\u00fcchten, um ihren serbischen Mitarbeiter aus der Gefahrenzone zu bringen. Dort erlebt sie den Ha\u00df der M\u00fctter auf die Ausl\u00e4nder, sie wird beschimpft, ihrer Tochter Julia wird der sch\u00f6ne Teddypyjama nicht verkauft.<br \/>\nDas Leben der Familie Milosevic wird beschrieben, Slobodan hat sich als Bankangestellter in der Partei hochgearbeitet, seine Frau Mirjana Markovic ist eine Partisanentochter, Sozilogieprofessorin, die schwarze Haare hat und immer Bl\u00fcmchen und Seidenkost\u00fcme mit gro\u00dfen Punkten tr\u00e4gt, die sie noch dicker machen, ihre Tochter ist Rundfunkdirektorin mit Waffe, der Sohn Autonarr und Mafiosi, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung hungert, der Kaffee kostet schon eintausendf\u00fcnfhundert Dinar und die ehemalige feinen Damen stierln in den Abfallk\u00fcbeln der reichen Gegenden und freuen sich, wenn sie einen halben Rahmbecher finden.<br \/>\nIm zehnten Brief sind wir im April 1993 und da besuchte Veronika Seyr ein ehemaliges Folterlager in der N\u00e4he von Banja Luka, wo zu Ostern die serbischen Rekruten, alles ganz junge Buben, angelobt und mit Ostereiern beschenkt wurde, der vierundzwanzigj\u00e4hrige Mechaniker Dragan hat seinen Bruder begleitet und gibt ein Interview mit seinen Kriegserfahrungen, er hat einen kleinen muslimischen Buben erstochen, damit der nicht schreien und ihn nicht verraten konnte und bekommt seine Augen nun nicht mehr los und im Sommer 1993 will sie mit ihrem Auto mit Belgrader Kennzeichnen, das schon in Wien die Polizei auf den Plan rief, mit ihrer Tochter und deren Freundin nach Istrien auf Urlaub fahren und erlebt dabei ihre Wunder mit den Grenzern &#8220;Wir haben Krieg mit Ihrem Land, Madame, verstehen Sie das nicht!&#8221;, einen Hund der ehemaligen serbischen Armee kauft sie auch einer Fl\u00fcchtlingsfamlie ab und bringt ihn nach Begrad zur\u00fcck, wo er prompt gestohlen wird.<br \/>\nDann geht es weiter mit dem Leben in Belgrad mit der wachsenden Inflation, die Not des Belgrader Zoos, den ich 1998 auch mit dem Alfred und der Anna besuchte, wird erw\u00e4hnt und ein Spendenaufruf im ORF, ein Unfall Julias, die nach Wien ins Krankenhaus ausgeflogen werden mu\u00dfte und die Reisen in die zunehmenden Krisen- und Kampfgebiete.<br \/>\nIm zwanzigsten Brief geht es um den Kosovo, Veronika Seyr berichtet von einem Wehrdienstverweigerer, der nach Klagenfurt gefl\u00fcchtet ist und dort Schwierigkeiten mit seinem Asylantrag hat, denn Wehrdienstverweigern ist kein Fl\u00fcchtlingsgrund.<br \/>\nIm Dezember 1994 ist es kalt in Belgrad, der Strom wurde abgedreht und die Bev\u00f6lkerung erinnert sich an ihren kommunistischen B\u00fcrgermeister Bobgan Boganovic, dem Architekt und Baumeister, inzwischen nach Wien gefl\u00fcchtet, der das 1985\/86 auch mal tat und im Fernsehen im dicken Schal sparratschl\u00e4ge gab.<br \/>\nAn das Massakaker von Srevenica vom Juli 1995 dem  achttausend muslimische M\u00e4nner und Burschen zum Opfer fielen, wird im vierundzwanzigsten Brief gedacht, Veronika Seyr berichtet von der serbischen Berichterstattung und gibt in ihrem &#8220;Alltagssplitter&#8221; auch das damals gr\u00f6\u00dfte Medienereignis, die Traumhochzeit von Arkan mit der Turbo-Folkpop Dova Ceca, im ma\u00dfgeschneideter himmelblauer Phantasieuniform, dem ersten Weltkrieg nachempfunden, mit S\u00e4bel und Rundk\u00e4ppi kund.<br \/>\nMit &#8220;Serbien ist ein verr\u00fccktes Land, ein Gulag unter der Leitung von Monty Python&#8221;, einem Zitat ihres Lieblingsjournalisten und Landespsychiaters Jovan Cerovic, endet dieser Brief, der mit &#8220;Sei herzlich gegr\u00fc\u00dft aus dem Irrenhaus&#8221;, unterschrieben ist.<br \/>\nBei einer Demonstration wird sie als Hurentochter beschimpft und von Frauen als &#8220;daitsches Schwain&#8221; angegriffen und traumatisiert, so da\u00df sie sich im Krankenhaus Lain behandeln lassen mu\u00df, wobei sie von der bosnischen Putzfrau, die sie f\u00fcr eine reiche Serbin h\u00e4lt, bestohlen wird. Sie wird auch von einer Fl\u00fcchtlingsfamilie, die sich als eine Mafiabande entpuppt ausgen\u00fctzt und lernt <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/07\/10\/jugend-eines-schriftstellers\/\" title=\"Jugend eines Schriftstellers\">Peter Handke<\/a> beziehungsweise sein Buch &#8220;Gerechtigkeit f\u00fcr Serbien&#8221; kennen, der in der Nationalbibliothek sehr hofiert wird, sich beim Interview als zickig anstellt und Fehler in seinem Serbenbild kann sie auch erkennte.<br \/>\nIhr Lieblingsschriftsteller ist aber ohnehin Ivo Andric, dessen &#8220;Br\u00fccke \u00fcber die Drina&#8221; und &#8220;Wesire und Konsuln&#8221; auch auf meiner Leseliste stehen.<br \/>\nDer dreiunddrei\u00dfigste Brief vom September 1997 kommt schon aus Wien, Veronika Seyr hat den Kosovo-Krieg nicht mehr abgewartet, sondern befindet sich schon auf den Weg zu ihrer n\u00e4chsten Station nach Russland.<br \/>\nJetzt hat sie das Buch mit ihren Balkan Erinnerungen herausgegeben, erkl\u00e4rt in ihrem Nachwort den Grund und erz\u00e4hlt von einer Lesung in der &#8220;Alten Schmiede&#8221; und im Cafe Korb, die schon vor dem Erscheinen hatte und sehr freundlich aufgenommen werden.<br \/>\nEs gibt noch Anmerkungen zu den Briefen, eine Zeittafel, ein Personenverzeichnis und eine Literaturliste, die einem das Eintauchen in die Geschichte vor zwanzig Jahren erleichtern k\u00f6nnen. Mir hat der Ausflug in den &#8220;vergessenen Krieg&#8221; interessante Erkenntnisse und Erweiterung meines Bewu\u00dftseins gebracht und kann auch auf mein <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/11\/06\/jugoslavija-revisited\/\">eigenes<\/a> <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/11\/07\/jugoslawija-revisited-ii\/\">Archiv<\/a> <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/11\/08\/jugoslavija-revisited-iii\/\">verweisen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor es nach Slowenien geht, noch nach Ex-Jugoslawien, beziehungsweise zu dreiunddrei\u00dfig Briefe aus dem vergessenen Krieg der ORF Journalistin Veronika Seyr, die von 1988 bis 1997 Auslandskorrenspondentin in Moskau und Belgrad war und ihre diesbez\u00fcglichen Erfahrungen im &#8220;Verlag der Theodor &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=29894\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-29894","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29894","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=29894"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29894\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=29894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=29894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=29894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}