{"id":29154,"date":"2014-06-07T00:09:05","date_gmt":"2014-06-06T22:09:05","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=29154"},"modified":"2014-06-07T00:09:05","modified_gmt":"2014-06-06T22:09:05","slug":"die-erben-der-tante-jolesch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=29154","title":{"rendered":"Die Erben der Tante Jolesch"},"content":{"rendered":"<p>Nun kommt die Fortsetzung des ber\u00fchmten Grundbuchs von Friedrich Torberg, das ich zusammen mit einem anderen, im B\u00fccherschrank fand.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/05\/26\/die-tante-jolesch\/\">&#8220;Die Tante&#8221;<\/a> habe ich vor fast genau zwei Jahren zu Pfingsten anl\u00e4\u00dflich eines <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/05\/28\/erlesenes-pfingsten\/\">Lesemarathons im Prater und in der Stra\u00dfenbahn rund um Wien<\/a>, wie ich mich erinnern kann gelesen und hatte auch so etwas, wie ein Vorurteil, vielleicht weil ich Anekdoten nicht so mag und mich auch vor dem \u00fcber das Lustig machen anderer scheue.<br \/>\nIch war aber in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/03\/29\/grundbuch-die-tante-jolesch\/\">&#8220;Grundbuchveranstaltung&#8221; in der &#8220;Alten Schmiede&#8221;<\/a>, halte den wortgewaltigen Kritiker und Meinungsmacher der Sechziger- und Siebzigerjahre&#8221; vielleicht f\u00fcr einen eher &#8220;durchschnittlichen&#8221; Dichter, was vielleicht das Los, der wortgewaltigen Kritiker ist, aber vielleicht ist auch das ein Vorurteil und eine wirkliche Torberg-Expertin bin ich auch nicht, war aber <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/09\/17\/die-gefahren-der-vielseitigkeit\/\">2008 in der gro\u00dfen Ausstellung im j\u00fcdischen Museum<\/a>, wo ich meinen Schirm verloren habe, weil sie mich damit nicht hineinlie\u00dfen und habe den Film in der Peter Vogel Verfilmung &#8220;Hier bin ich mein Vater&#8221; vor Jahren gesehen, einen Teil des Romans als Fortsetzungen in der sozialistischen Wochenzeitschrift &#8220;Die Frau&#8221;, die meine Mutter abonniert hatte, als es die noch gab, gelesen und war tief beeindruckt. Das Buch habe ich auch gefunden und mu\u00df es noch auf meine Leseliste stellen. Den &#8220;Sch\u00fcler Gerber&#8221; habe ich vor Jahren, wenn nicht Jahrzehnten gelesen.<br \/>\nNun zu der &#8220;Jolesch-Fortsetzung&#8221; und da mu\u00df man sagen, da\u00df da der gewichtige Kritiker ein wahres &#8220;Schlitzohr&#8221; ist und sicherlich sehr ausgefuchst, denn er nimmt seine m\u00f6glichen Kritiken gleich im Vorwort vorweg und hat ein paar Varianten an die Autoren, Verleger, etc.<br \/>\nDamit erkl\u00e4rt er auch warum die Fortsetzung, damit es nicht verloren geht, denn der Anekdotenschatz ist reich, die Betroffenen sterben aber langsam aus und das Ged\u00e4chtnis wird auch immer schlechter.<br \/>\nDann f\u00fchrt er ein paar Berichtigungen an und holt weiter aus mit den Erinnerungen an das deutsch j\u00fcdische \u00f6sterreichische Leben vor dem Krieg in Wien Budapest und anderswo, das es nachher so nicht mehr gegeben hat, so da\u00df man \u00fcber die Erinnerungen des inzwischen leider lang Verstorbenen, Torberg hat von 1908 bis 1979 gelebt, dankbar sein mu\u00df.<br \/>\nEr berichtet &#8220;Restliches von Molnar&#8221;, so die Geschichte beispielsweise von dem alten schon ein bi\u00dfchen verge\u00dflichen Kellner, der immer das Falsche serviert und niemand berichtet ihn au\u00dfer Ferenc Molnar, der eigentlich Kaffee mit wenig Schlagobers wollte und W\u00fcrstel mit zuviel Saft bekam.<br \/>\n\u00dcber &#8220;Alfred Polgar, Egon Friedell und Karl Krauss&#8221; gibt es nat\u00fcrlich auch nie genug zu erz\u00e4hlen, so zum Beispiel, da\u00df das Bonmot &#8220;Es werfelt und brodelt und kafkat und kischt&#8221;, nicht von Karl Kraus stammt, denn &#8220;So billig hat er`s nicht gegeben.&#8221;<br \/>\nDann kommt ein Kapitel, es kann bei Torberg nicht anders sein, \u00fcber Kommunisten und die Anekdote, da\u00df sich ein Postbote geweigert hat, ein Telegramm an Stalin zuzustellen, weil es nicht, wie gefordert, an den &#8220;Vater des Proletariats und Steuermann der Weltrevolution!&#8221; gerichtet war.<br \/>\nIn Berlin wurde Torberg einmal Joachim Ringelnatz vorgestellt, der davon aber nicht sehr viel wissen wollte und nur &#8220;So! Und nun geht mal beide wieder weg!&#8221;, sagte.<br \/>\nDann kommen sowohl die literarischen als auch die psychoanalytischen Anekdoten. Wien war ja vor dem Krieg ein Eldorado der ber\u00fchmten Psychoanalytiker, beherbergte sowohl Freud als auch Schnitzer und der Nobelpreistr\u00e4ger Wagner-Jauregg war ein Gegner der Psychoanalyse und w\u00fcnschte seinen psychoanalytischen Sch\u00fclern anl\u00e4\u00dflich einer Preisrede, auch einen NP, aber nat\u00fcrlich nur den f\u00fcr Literatur. Dden hat in dem Jahr als Wagner Jauregg Nobelpreistr\u00e4ger wurde, die Italienerin Grazia Deledda bekommen und Wagner- Jauregg f\u00fchlte sich bem\u00fc\u00dfigt in ein Dutzend Buchhandlungen zu stapfen, um ein Buch von ihr zu finden, was nicht gelang.<br \/>\n&#8220;Man sollt`s net glauben&#8221;, brummte er kopfsch\u00fcttelnd.<br \/>\n&#8220;Und in Rom rennt jetzt die Frau Deledda umeinand, weil`s? ein B\u00fcchel von mir lesen will &#8211; und kriegt auch nix.&#8221;<br \/>\n&#8220;Wahrscheinlich ein Irrtum oder eine Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung!&#8221;, f\u00fcge ich vermutend hinzu.<br \/>\nWeiter geht es Kaffeehausanekdoten, die zwar auch schon im vorigen Band vorkamen, aber Kaffeehausgeschichten gibt es ja nie nicht genug und daher auch solche, die au\u00dferhalb des Kaffeehauses, wie zum Beispiel in der Kriegsgefangenschaft entstanden sind und da manche Kaffeeh\u00e4user richtige Redaktionsstuben waren, folgen auch ein paar Geschichten von Druckfehlern, die irgendwie passierten, so hat Torberg zum Beispiel in einem &#8220;Nachrufbuch&#8221; seinen Text &#8220;Essen war seine Lieblingsspeise nennen&#8221; wollen, der Redakteur, Setzer oder wer auch immer hat ein &#8220;Essen war seine Lieblingsbesch\u00e4ftigung daraus gemacht&#8221;.<br \/>\nSachen, die mir auch schon mal passierten und mich an eine Lesung in meinen Anfangszeiten erinnerte, wo ich mit dem frischen und selbtgekauften Buch in der Hand, die &#8220;G\u00fcler&#8221; las, der Veranstalter hat aus &#8220;G\u00fcler will kein Kopftuch mehr&#8221;, &#8220;G\u00fcler und der Pascha aus Ottakring gemacht&#8221;, was mich damals sehr emp\u00f6rte. Torberg schreibt nur lapidar bez\u00fcglich seiner \u00dcberschrift: &#8220;Ich will ja nicht behaupten, da\u00df sie sich durch besondere Qualit\u00e4t auszeichnete, aber sie scheint mir doch um eine Kleinigkeit witziger als die korrigierte Fassung.&#8221;<br \/>\nDann kommt das &#8220;Theater und Umgebung&#8221;, wo ich mir ein bi\u00dfchen schwertat, weil ich viele Namen gar nicht kenne, aber zur Kenntnis nehme, da\u00df der ber\u00fchmte aus Armenien stammende Roul Aslan sehr eitel und sehr neidisch war und keinen anderen gelobt haben wollte: &#8220;Ich sage Ihnen: wenn die komische Alte in Ilglau einen Lacher hat, nimmt sie ihn mir weg!&#8221;<br \/>\nDie Schauspielerm\u00fctter sind noch eitler und lassen niemanden anderen als ihren Sohn gelten, wie die Gattin eines Schauspielers merken konnte, als sie in der Loge mit Fritz Kortners Mutter sa\u00df.<br \/>\nTorberg hat auch f\u00fcrs Theater geschrieben und daf\u00fcr Kritik bekommen und ein Drehbuch f\u00fcr Anzengrubers &#8220;Pfarrer vom  Kirchfeld&#8221;, unter Pseudonym mit Hilfe zweier Br\u00fcder, das dann sehr ber\u00fchmt verfilmt wurde.<br \/>\nDas n\u00e4chste Kapitel &#8220;Lieben Sie Sport?&#8221;, k\u00f6nnte beweisen, da\u00df ich Torberg untersch\u00e4tze, denn er gibt Eingangs gleich den Rat &#8220;Andernfalls w\u00fcrde es sich n\u00e4mlich empfehlen, dieses Kapitel zu \u00fcberschlagen.&#8221;<br \/>\nIch habe zwar weitergelesen, aber nicht sehr viel verstanden, au\u00dfer, da\u00df Torberg einmal selber Spitzensporter, n\u00e4mlich Wasserballer war und auch einen Roman &#8220;Die Mannschaft&#8221; geschrieben hat.<br \/>\nDann gehts zur &#8220;Zeitenwende&#8221;, n\u00e4mlich &#8220;Vorher&#8221;&#8221;Mittendrin&#8221; &#8220;Zwischendurch&#8221; und &#8220;Hernach&#8221;.<br \/>\nGemeint ist der Anschlu\u00df, Torberg emigrierte \u00fcber Portugal nach Amerika, war dort in Hollywood Drehbuchschreiber und wurde von den &#8220;Warner Brothers&#8221; mit einem Vertrag und hundert Dollar pro Woche empfangen, was nicht so toll war, wie es klingt.<br \/>\nUnd ich erinnere mich in meinen eigenen Anekdotenschatz an eine Buch-Pr\u00e4sentation in der &#8220;Wien-Bibliothek&#8221;, wo ein &#8220;Torberg-Dietrich-Briefwechsel&#8221; vorgestellt wurde.<br \/>\nEinen Anhang gibt es auch, n\u00e4mlich unter einigen Nachrufen, zum Beispiel auf Arnim Berg, Karl Farkas und Hans Moser, die ber\u00fchrende Geschichte des Schauspieler Leo Reuss, der nach dem Anschlu\u00df als der Tiroler Kaspar Brandhofer an die Josefstadt zur\u00fcckgekommen ist. Torberg w\u00e4hnt die Geschichte inzwischen vergessen. Felix Mitterer hat aber in den sp\u00e4ten Neunzigerjahren das Theaterst\u00fcck &#8220;In der L\u00f6wengrube&#8221; daraus gemacht, das ich im Volkstheater gesehen habe und vor allem von der &#8220;Nazi-Loge&#8221; beeindruckt war, als auf der B\u00fchne noch der &#8220;Kaufmann von Venedig&#8221; gegeben wurde.<br \/>\nGanz am Anfang des Buches wird die Frage diskutiert, ob man die &#8220;Erben&#8221; lesen kann, wenn man die &#8220;Tante Jolesch&#8221; nicht kennt.<br \/>\nIch habe darauf auch keine Antwort, denn ich kenne ja, mu\u00df aber im Nachheinsagen, da\u00df ich den Folgeband spannender und interessanter fand, da\u00df ich aber ein &#8220;Tante Jolesch-Vorurteil&#8221; hatte, habe ich schon bekannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun kommt die Fortsetzung des ber\u00fchmten Grundbuchs von Friedrich Torberg, das ich zusammen mit einem anderen, im B\u00fccherschrank fand. &#8220;Die Tante&#8221; habe ich vor fast genau zwei Jahren zu Pfingsten anl\u00e4\u00dflich eines Lesemarathons im Prater und in der Stra\u00dfenbahn rund &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=29154\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-29154","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29154","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=29154"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29154\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=29154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=29154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=29154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}