{"id":28778,"date":"2014-05-11T00:19:51","date_gmt":"2014-05-10T22:19:51","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=28778"},"modified":"2014-05-11T00:19:51","modified_gmt":"2014-05-10T22:19:51","slug":"senta-bremst-ein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=28778","title":{"rendered":"Senta bremst ein"},"content":{"rendered":"<p>Dank Nora Edelsbachers freundliche Sendungen, kann ich mich jetzt ein bi\u00dfchen auf die Neuerscheinungen der &#8220;Edition Keiper&#8221; konzentrieren und dabei steirische Literaturtalente <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/04\/21\/giesebrecht-kater-und-die-kraft-der-reime\/\" title=\"Giesebrecht Kater und die Kraft der Reime\">entdecken<\/a> oder <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/04\/25\/die-undankbarkeit-der-kinder\/\" title=\"Die Undankbarkeit der Kinder\">besser kennenlernen<\/a>.<br \/>\nDie 1968 geborene Kunsthistorikerin Bettina Messner beispielsweise, die am Kulturamt der Stadt Graz und an der Franzens-Universit\u00e4t t\u00e4tig war und jetzt ihren ersten <a href=\"http:\/\/www.editionkeiper.at\/EDITION\/leser_details.php?werke_ID=147\">Erz\u00e4hlband<\/a> herausgegeben hat. An die drei\u00dfig Kurzgeschichten, \u00fcber die Andrea Wolfmayr, mit der ich ja vor kurzem in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/10\/30\/rot-weis-gin\/\" title=\"Rot-Wei\u00df-Gin\">&#8220;Alten Schmiede&#8221;<\/a> gelesen habe, schreibt, da\u00df &#8220;So die Wirklichkeit noch nie erz\u00e4hlt wurde!&#8221;<br \/>\nUnd wenn ich mich auch vor \u00dcbertreibungen h\u00fcten m\u00f6chte, denke ich dennoch, da\u00df Ton und Themen sehr eindrucksvoll sind und Bettina Messner wahrscheinlich viel \u00fcber das Leben rus\u00fcmiert, einen scharfen, gnadenlosen, aber auch teilweise resignierten Blick darauf hat und dann dar\u00fcber und die kleinen und auch gr\u00f6\u00dferen Dinge, die einem im Laufe desselben so passieren, dichtet, \u00fcber die prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse, die einen nur in befristete Dienstverh\u00e4ltnisse zwingt, beispielsweise, aber das kommt erst sp\u00e4ter, in der &#8220;Deadline&#8221; sozusagen. Zuerst geht es in den &#8220;Strandkorb&#8221; und da sitzt eine mit dem Buch einer befreundeten Autorin in der Hand und denkt \u00fcber sich und die vers\u00e4umten Gelegenheiten, die ja in dem ganzen Buch ihre Rolle spielen, nach.<br \/>\nDann hat das Ich und da w\u00e4ren wir wieder bei der Frage nach der Autobiografie und wie versteckt oder offen die auftreten kann, darf und sollte, irgendein Stipendium in Ost oder Norddeutschland und geht nachts mit dem zynischen Studenten Alexei, der seinen Humor, &#8220;bei der Armee, als er am Boden lag&#8221;, erlernte, Walnusseis essen.<br \/>\nDanach wird eine &#8220;Vernissage&#8221;, wie wir sie wohl alle mehr oder weniger kennen, mit dem scharfen Blick gezeichnet. Die Mutter der jungen K\u00fcnstlerin steht am Eingang und stellt sich allen strahlend vor, dann beginnt sie sich zu betrinken, w\u00e4hrend der Lehrer und Entdecker, die Laudatio h\u00e4lt, die Schnorrer nach Beg\u00fcnstigungen fragen und nach dem Buffet wir auch geschielt. Am Ende wurde kein einziges Bild verkauft, der Professor macht sich an die junge K\u00fcnstlerin heran, die bringt die schwankende Mama nach Hause und beschlie\u00dft nie mehr auszustellen.<br \/>\nDie vers\u00e4umten Gelegenheiten und die prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnisse kommen auch im &#8220;Schreienden Tarzan&#8221; vor, denn da trifft eine im Zug, eine vergangene Liebe, als sie vor\u00fcbergehend zu ihrem befristeten Arbeitsplatz an den Ort, wo sie aufgewachsen ist, zur\u00fcckgekommen ist und die schon erw\u00e4hnte &#8220;Deadline&#8221; ist auch so eine Geschichte, die im Ged\u00e4chtnis bleibt.<br \/>\nDie Frau Professor ruft an, das ganze wird im Dialog erz\u00e4hlt, spricht von der Deadline und von Ver\u00e4nderungen des wunderbaren Artikels \u00fcber die besagten prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnisse im Liberalismus, aber eine Stelle passt noch nicht und mu\u00df ge\u00e4ndert werden. Die Erz\u00e4hlerin kann nicht zur Sitzung kommen, ist aber nat\u00fcrlich, wie erwartet st\u00e4ndig mailbereit und ruft ein Monat sp\u00e4ter wieder an, um zu erfahren, da\u00df der Artikel ver\u00e4ndert gebracht wurde, weil sie statt bei der Sitzung in der Intensivstation bei ihrem sterbenden Vater war und zehn Jahre sp\u00e4ter steht sie am Grab der Professorin, die ihre Pensionierung, wo sie endlich leiser treten wollte, doch nicht so genie\u00dfen konnte.<br \/>\nWie wahr und leider wahrscheinlich sehr allt\u00e4glich, aber so erz\u00e4hlt, da\u00df es im Ged\u00e4chtnis h\u00e4ngen bleibt. Genauso geht es in &#8220;Wei\u00dft du noch? oder der Lampenschirm&#8221;, weiter.<br \/>\n&#8220;Wei\u00dft du noch, wie ich auf den Lampenschirm geschaut habe?&#8221;, damals zu Weihnachten, als sie nicht bei den Eltern feierte, sondern zu dem offenbar russischen Professor fuhr, der stellt ihren Koffer bei sich ab und geht mit ihr Tee trinken und dann taucht eine Studentin auf, fachsimpelt mit dem Mann und sie sitzt daneben und starrt die Lampe an&#8230;<br \/>\n&#8220;Nackt G\u00e4nsebl\u00fcmchen pfl\u00fccken&#8221;, ist eine Abrechnung der um 1968 geborenen, f\u00fcr die gro\u00dfe Revolution zu jung, f\u00fcr den Neoliberalismus zu alt, also einklemmt zwischen der Generation der \u00c4lteren, die ihre Kriegstraumatisierungen an die Kinder weitergeben und die von ihren Kindern auch nicht wirklich verstanden werden und das &#8220;nackt G\u00e4nsebl\u00fcmchen pfl\u00fccken&#8221;, bleibt ein Traum, der nur im stillen Zimmer in den N\u00e4chten ausgelebt wird.<br \/>\nDer Vater war wohl so ein traumatisierte Angeh\u00f6riger der Kriegsgeneration, einer, der mit seiner Familie in den F\u00fcnziger- und den Sechzigerjahren, als schon alles besser wurde, nach Italien fuhr und darauf hoffte, sich auch einmal &#8220;den Teller mit den komischen Nudeln in einem Ristorante leisten zu k\u00f6nnen&#8221;.<br \/>\nDa hat er gemalt, sp\u00e4ter hat er es aufgegeben und die zur Pensionierung geschenkt bekommenen Farben nie mehr anger\u00fchrt.<br \/>\nUnd &#8220;Mezzo&#8221; handelt vielleicht von den Schulerfahrungen. Da begegnen wir auch auf Seite einundsiebzig zum ersten Mal einer Senta, einem Schulm\u00e4del, das von der ehrgeizigen Musiklehrerin f\u00fcr den Wettbewerb in der Gro\u00dfstadt ausgew\u00e4hlt wird, dadurch die H\u00e4me ihrer Mitsch\u00fcler zu sp\u00fcren bekommt, nicht gewinnt und als ihre Stimme ein bi\u00dfchen tiefer wird, in die zweite Reihe, zu den &#8220;Mezzos&#8221; gestellt wird.<br \/>\nSex und Crime oder das sich lustig machen dar\u00fcber, gibt es in der Geschickte mit dem nackt b\u00fcgelnden Minister auch und Auseinandersetzungen mit der Mutter in ihrem Fertigteilhaus, die als eine erste in der Gegend Fertigmen\u00fcs kochte und die Tochter beim Schwimmen hindern will, dann kommt der Tod und kennt die &#8220;Lebende&#8221; noch nicht, die Eltern, die Freunde, hat er schon geholt, aber sie kann noch eine Weile sch\u00f6ne Muscheln in ihre Tasche packen und die Geschichte, wo die Sechzehnj\u00e4hrige das erste Mal mit Freunden und dem in den sie verliebt ist, auf eine H\u00fctte geht um Silvester dort zu feiern und prompt eingeschneit wird, gibt es.<br \/>\nZuletzt treffen wir die Senta wieder und es wird, was sich durch das ganze Buch ein bi\u00dfchen durchzieht,  schreibtechnisch, denn die Geister scheiden sich an der Frage, ob es jetzt &#8220;Senta bremst ein&#8221; oder &#8220;Senta gibt Gas&#8221; hei\u00dfen soll, was ja &#8220;auch nicht schlecht klingt!&#8221;<br \/>\n&#8220;Wenn du wirklich meinst&#8230;Soll ich mir das f\u00fcr das n\u00e4chste Buch notieren?&#8221;, fragt scheinbar z\u00f6gernd die Autorin.<br \/>\nDer Frauenpower und um des feministischen Selbstbewu\u00dftseins wegen w\u00fcrde ich unbedingt dazu raten!<br \/>\nUnd wenn man das Buch mit Wolfgang Pollanz &#8220;undankbaren Kindern&#8221;, das ja auch von dem Aufwachsen in den Sechziger-und Siebzigerjahren erz\u00e4hlt, kann man sehr sch\u00f6n den Unterschied zwischen dem weiblichen und dem m\u00e4nnlichen Schreiben bemerken, auch wenn da oft behauptet wird, da\u00df es den nicht gibt, was ich nicht glaube!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dank Nora Edelsbachers freundliche Sendungen, kann ich mich jetzt ein bi\u00dfchen auf die Neuerscheinungen der &#8220;Edition Keiper&#8221; konzentrieren und dabei steirische Literaturtalente entdecken oder besser kennenlernen. 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