{"id":26942,"date":"2014-02-08T00:24:44","date_gmt":"2014-02-07T23:24:44","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=26942"},"modified":"2014-02-08T00:24:44","modified_gmt":"2014-02-07T23:24:44","slug":"emma-schweigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=26942","title":{"rendered":"Emma schweigt"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eigentlich eine ganz einfache Geschichte, die die 1949 in Wien geborene und lange als Russland-Korrespondentin arbeitende Susanne Scholl hier erz\u00e4hlt.<br \/>\nSie tut es allerdings in einer etwas ungew\u00f6hnlichen Art, mit ungewohnten, vielleicht auch \u00fcberraschenden Perspektiven und einem positiven Ansatz, der dann doch wieder nicht so funktioniert.<br \/>\nDa ist Emma, eine alte Frau, Rentnerin steht im Klappentext, in \u00d6sterreich hei\u00dft das wohl eher Pensionistin, zwischen sechzig und siebzig w\u00fcrde ich sch\u00e4tzen, genauer erw\u00e4hnt wird es nirgends, noch recht agil und dann grantig, wie die meisten Wienerinnen, ich eingeschlossen, sein sollen, die sich oft \u00fcbergangen f\u00fchlt, dann wieder mit dem Herz am rechten Fleck, das recht automatisch und unbewu\u00dft, wie auch wahrscheinlich bei anderen Wienerinnen, zu reagieren scheint und dann wieder \u00fcber die vielen Ausl\u00e4nder, die es hier schon gibt, schimpft und die Welt um sie herum nicht so recht verstehen kann.<br \/>\nDa gibt es Georg, ihren Mann, der sie im Stadionbad einmal anquatschte und der sie, als sie ins Alter kam, als der Notar bei dem sie besch\u00e4ftigt war, sie freundlich, wie Susanne Scholl schreibt, in die Pension schickte, wegen ein oder zwei Herausforderungen verlie\u00df. Bei der Zweiten bekommt er einen Schlaganfall, die junge Dame schiebt ihn ins Heim und Emma, die Pensionistin besucht ihn dort zweimal in der Woche, aus Rache, wie es Susanne Scholl, so spitzb\u00fcbisch ausdr\u00fcckt.<br \/>\nEs gibt auch den Hansi, das ist der Sohn, oder Jo, wie ihn eine seiner zwei Frauen nannte, beide Ehen haben nicht geklappt, aus einer gibt es Luzie, die Enkeltochter, die inzwischen in Italien lebt, enge Hosen und kurze R\u00f6cke tr\u00e4gt und mit der Vespa herumbraust und dann kommt der Hansi, ein Arzt, der in einem Labor Blut abnimmt, pl\u00f6tzlich mit einer T\u00fcrkin daher und sagt, er bekommt ein Kind von ihr, aber heiraten will sie ihn nicht.<br \/>\nDas ist, denke ich, der ungew\u00f6hnliche Blick, obwohl es sicher Oberschichtt\u00fcrken gibt, die Architektur studieren, beruflich erfolgreich sind und auch so tolerante Familien haben, da\u00df ein &#8220;Schwabo-Schwiegersohn&#8221; willkommen ist.<br \/>\nAber geheiratet wird ohnehin nicht. Emine geht zwar nicht in die Moschee, i\u00dft aber trotzdem kein Schweinefleisch und das, wo doch der Hansi am liebsten Schweinsbraten mit Kn\u00f6del und nachher noch Schaumrollen mag.<br \/>\nAuch nicht sehr gesund f\u00fcr den Herrn Doktor, aber so sind die Wiener eben, vielleicht ist das auch ein Klischee und als Emma einkaufen geht, sieht sie im Supermarkt, eine junge Ausl\u00e4nderin mit heruntergerutschten Kopftuch und einem Buben, der sie, als sie ihm f\u00fcnf Euro zusteckt &#8220;Einen guten Menschen!&#8221;, nennt und Emma ist ger\u00fchrt.<br \/>\nDas sind Sarema und Schamil aus Tschetschenien, die dort F\u00fcrchterliches erlebt haben. In der ersten H\u00e4lfte des Buches wird sehr viel von der Zeit erz\u00e4hlt, bevor Sarema, die eigentlich Lehrerin werden wollte, nach \u00d6sterreich kam.<br \/>\nVon den Verfolgungen, den Erschie\u00dfungen, Ermordungen, der \u00e4ltere Sohn und der Mann kommen um, das namenlose ungeborene M\u00e4dchen, stirbt kurz nach der Geburt, die geliebte Schwester verschwindet und als sich Sarema von einer Verwandten, bei der sie wohnt, Geld ausborgt, um damit einen einflu\u00dfreichen Mann zu bestechen, wird sie von ihm vergewaltigt.<br \/>\nDas ist alles sehr anschaulich beschrieben, wie ich es auch bei meiner Asylwerber-Diagnostik so h\u00f6rte, die Namen Eva und Lisa, die die Verwandten haben, irritierten ein bi\u00dfchen und das w\u00fcrde ich Frau Scholl gerne fragen, wenn ich beispielsweise zu der Buchpr\u00e4sentation beim &#8220;Morawa&#8221; in die Wollzeile am 13. Februar 19.30 ginge.<br \/>\nEmma ist \u00fcber die t\u00fcrkische Schwiegertochter zu deren Nicht-Hochzeitsfest, wo sie ihre Verwandten kennenlernen wird, gehen soll, entsetzt und als sie sich darauf vorbereitet, rutscht sie vorm Supermarkt aus und bricht sich ein Bein.<br \/>\nSarema und Schamil rufen Hilfe und fahren mit dem Krankenwagen ins Spital mit und der phlegmatische Hans engagiert die beiden, Emma solange im Haushalt zu helfen, bis sie wieder gehen kann. Emma kann dem Knaben ja bei den Hausaufgaben helfen. Die akzeptiert das erstaulich gelassen, es ist eher Emine, die streng schaut und r\u00e4t aufzupassen und keine fremden Ausl\u00e4nder in die Wohnung zu lassen.<br \/>\nDer kleine Georg Tarek wird geboren, Emine l\u00e4\u00dft die Oma nicht so recht an den Kleinen ran und als sie  mit Luzie im Sommer in die T\u00fcrkei zur Restfamilie fahren, r\u00e4cht sich Emma, da\u00df sie mit Schamil, der gute Noten hat und schon vom Studium in Wien tr\u00e4umt, in den Prater und nach Sch\u00f6nbrunn geht.<br \/>\nSarema beginnt auch langsam Deutsch zu lernen, obwohl sie nicht &#8220;Guglhupf&#8221; sagen kann und Salat mit Salz verwechselt und sich dar\u00fcber wundert, warum diese reichen \u00d6sterreicher immer so unzufrieden sind.<br \/>\nDie haben doch keine Sorgen, w\u00e4hrend sie sich vor ihrem Vergewaltiger f\u00fcrchtet, der ihr gedroht hat, sie \u00fcberall zu finden und dann kommt noch der negative Asylbescheid.<br \/>\nIn dem Heim, wo sie wohnt, r\u00e4t man ihr, unterzutauchen. So nimmt sie ihren Mut zusammen und fragt Emma, ob sie in dem Kinderzimmer vom Herrn Hans schlafen darf?<br \/>\nDie versteht nicht recht und reagiert abwehrend. Nachher tuts ihr leid und Hans schimpft auch mit ihr, aber als sie in das Fl\u00fcchtlingsheim geht, um nachzufragen, sind die Beiden schon abgeschoben und die Frau Emma, die im Klappentext oder in der Rezension, die ich schon im Netz gefunden habe,  als die Nachfahrin des Herrn Karls bezeichnet wird, ist an allem schuld.<br \/>\nDa tut man, glaube ich, einer typischen \u00d6sterreicherin unrecht, obwohl es ja so einfach w\u00e4re und wir alle helfen k\u00f6nnten, wenn wir wollten. Ein leeres Zimmer gibt es ja wahrscheinlich \u00fcberall. Ich habe zwar geh\u00f6rt, da\u00df man sich strafbar machen w\u00fcrde, wenn man das t\u00e4te. Aber ganz \u00d6sterreich kann man nicht so einfach verhaften und ein gutes Wort und ein bi\u00dfchen Interesse oder vielleicht weniger offener Fremdenhass k\u00f6nnen nicht schaden.<br \/>\nSo ist das Buch der ORF-Korrespondetin, die in ihrer Pension zu <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/11\/01\/russland-mit-und-ohne-seele\/\">schreiben<\/a> begann, sicherlich ein Fingerzeig, wie es gehen k\u00f6nnte, wenn wir uns alle ein wenig an der Nase n\u00e4hmen. Die Fremdengesetze k\u00f6nnen wir zwar nicht ver\u00e4ndern, das Nachbarschaftshilfe Abschiebungen verhindern konnten, haben wir aber schon erlebt und ein bi\u00dfchen \u00fcber das Leben in Tschetschenien zu erfahren, schadet auch nicht.<br \/>\nSusanne Scholl tut es in einer sehr wenig abgehobenen realistischen Art, mit den schon angedeuteten \u00dcberraschungen, wie dem aufgeschlossenen Phlegmatiker oder der fremdenfeidlichen Emine, die sich aber auch bald mit Sarema arrangiert.<br \/>\nIch, die ich das ja auch <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/\">versuche<\/a>, habe ja immer ein bi\u00dfchen Angst, da\u00df man das kitschig oder unrealistisch nennen k\u00f6nnte, ob das Susanne Scholl auch passiert, bin ich gespannt und das Buch ist jedem zu empfehlen und auch, es der Emma und dem Hans ein wenig nachzumachen und den Journalisten w\u00fcrde ich raten, vielleicht nicht gleich an den Herrn Karl zu denken, denn so abgehoben und so exemplarisch ist die Emma wahrscheinlich nicht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eigentlich eine ganz einfache Geschichte, die die 1949 in Wien geborene und lange als Russland-Korrespondentin arbeitende Susanne Scholl hier erz\u00e4hlt. 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