{"id":25904,"date":"2013-12-15T10:18:52","date_gmt":"2013-12-15T09:18:52","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=25904"},"modified":"2013-12-15T10:18:52","modified_gmt":"2013-12-15T09:18:52","slug":"die-abenteuer-des-joel-spazierer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=25904","title":{"rendered":"Die Abenteuer des Joel Spazierer"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt der Monsterroman von Michael K\u00f6hlmeier, das Spitzenbuch des <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/15\/ungelesen\/\">Deuticke-Zsolnay-Hanser Fr\u00fchjahrsprogramms<\/a>, an dem ich \u00fcber eine Woche gelesen habe und von dem ich anfangs so gar nicht sicher war, ob es mir gefallen w\u00fcrde, denn Geschichten \u00fcber M\u00f6rder und L\u00fcgner mag ich eigentlich nicht so besonders.<br \/>\nVorneweg gesagt, es hat, war besser als sein Ruf und schneidet  gro\u00dfe Themen an, die auch in anderen gro\u00dfen B\u00fcchern behandelt wurden, die ich im <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/12\/20\/der-hundertjahrige-der-aus-dem-fenster-stieg-und-verschwand\/\">letzten<\/a> und in <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/11\/19\/f\/\" title=\"F\">diesem<\/a> Jahr gelesen habe.<br \/>\nIch kann mich erinnern, da\u00df ich den Namen des  1949 in Hard am Bodensee geborenen Voralbergs Autor, in den Achtzigerjahren bei einer GAV-Vollversammlung von Thomas Rothschild h\u00f6rte, der in etwa sagte, da\u00df er jetzt gehen w\u00fcrde, um ein Buch des GAV-Kollegens zu lesen.<br \/>\nDamals ist er f\u00fcr mich jedenfalls bekannt geworden. Dann kamen seine Serien \u00fcber Sagen etc im Rundfunk, gelesen habe ich zwei <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/12\/22\/calling\/\">kleinere <\/a><a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/10\/02\/dein-zimmer-fur-mich-allein\/\">B\u00fccher<\/a> von ihm und dann noch die Kolumnensammlung &#8220;Als Max kam&#8221;, die gro\u00dfen Romane, wie &#8220;Mandalyn&#8221; oder &#8220;Abendland&#8221; nicht.<br \/>\n&#8220;Idylle mit ertrinkenden Hund&#8221;, das ich an dem Tag im Schrank gefunden habe, als ich eigentlich meine <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/28\/bucherbeschrankung\/\">B\u00fccherbeschr\u00e4nkungspl\u00e4ne<\/a> beginnen wollte und zum <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/29\/ostern-im-schnee\/\">Vortrag in den &#8220;Club der logischen Denker&#8221;<\/a> ging, wurde in einer <a href=\"http:\/\/dasgrauesofa.wordpress.com\/2013\/12\/01\/michael-kohlmeier-die-abenteuer-des-joel-spazierer\/\">Besprechung<\/a> sehr zu lesen und offenbar noch besser als der Roman empfohlen.<br \/>\nBei den Amazon-Besprechungen, kann man \u00f6fter die Behauptung h\u00f6ren, es w\u00e4re eigentlich kein &#8220;Schelmenroman&#8221;, ich denke es ist doch einer, aber so genau kenne ich mich in den literarischen Gattungen auchr nicht aus, habe ich ja Psychologie und nicht vergleichende Literaturwissenschaft studiert und die Frage, ob Joel oder Andras etc jetzt sympathisch oder unsympathisch ist, ist am Ende des Romanes auch wieder nicht so wichtig.<br \/>\nEr ist ein L\u00fcgner, Schelm und eine Kunstfigur Michael K\u00f6hlmeiers, der damit einen Teil der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erz\u00e4hlt, wie Jonas Jonassons &#8220;Hundertj\u00e4hriger&#8221; und mit dem w\u00fcrde ich den Joel auch vergleichen und nat\u00fcrlich mag ich M\u00f6rder bzw. das Morden nicht. Sie haben aber auch ihre Geschichten, obwohl ich eigentlich bezweifle, da\u00df die \u00e4hnlich, wie die des Joel Spazierers oder des Andras F\u00fcl\u00fcps sind, aber der ist ein L\u00fcgner oder M\u00fcnchhausen, bzw. schreibt Michael K\u00f6hlmeier einen Roman \u00fcber ihm, bzw tut das Joel Spazierer selbst unter Anleitung des Schriftstellers Sebastian Lukassers und der, habe ich dem Roman, beziehungsweise den Beschreibungen dar\u00fcber entnommen, ist der Held eines oder mehreren gro\u00dfen K\u00f6hlmeier Romane.<br \/>\nUm was geht es also?<br \/>\nEs beginnt In Ungarn im Jahr 1953, da wird ein ber\u00fchmter Arzt verhaftet, gefoltert und verliert dar\u00fcber hinaus seinen Verstand, weil sich Stalin an den Intellektuellen r\u00e4chen will, seine Frau wird auch verhaftet und in der gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Budapester Wohnung, bleibt der vierj\u00e4hrige Enkel allein zur\u00fcck, ern\u00e4hrt sich mit Brotkrumen und Wasser und begibt sich in seine Fantasien mit Tieren aus einer Bettdecke, die ihm helfen zu \u00fcberleben und die Traumatisierung zu \u00fcberstehen.<br \/>\nNach einigen Tagen kommt seine Mutter, eine Studentin, die in einem Studentenheim lebt, zu Besuch und findet ihn, die Gro\u00dfeltern werden auch wieder entlassen, der Kleine wird vom Geheimdienst verh\u00f6rt, sagt &#8220;Ja&#8221;, &#8220;Nein&#8221;, &#8220;Ich wei\u00df nicht&#8221; und noch vor dem Aufstand von 1956 flieht die Familie nach Wien, die Gro\u00dfmutter ist eine ber\u00fchmte \u00c4gyptologin, hat ihr Buch aber genauso gef\u00e4lscht, wie es die Figuren in Daniel Kehlmanns &#8220;F&#8221;, tun.<br \/>\nWeil die Flucht nach Wien etwas zu fr\u00fch war, fliehen die Eltern mit dem Kleinen Andras noch einmal nach Ungarn zur\u00fcck und kommen dann mit dem Fl\u00fcchtlingsstrom zur\u00fcck, da werden sie besser empfangen und sie haben auch ihre Papiere gef\u00e4lscht und sich zu Akademikern gemacht, obwohl sie mit ihren Studium nicht fertig waren.<br \/>\nDer Achtj\u00e4hrige ist dann im Nachkriegswien viel sich selber \u00fcberlassen und wird, weil er mit seinen langen blonden Haaren und seinen Sommersprossen so herzig ist, ein ber\u00fchmter Stricher, als er schon zur Schule geht, sieht er eines Tages den Geheimdienstoffizier, der seinen Gro\u00dfvater gefoltert hat und der nimmt ihn nach Ostende mit, von dort trampt er dann mit einem schwarzen amerikanischen Soldaten zur\u00fcck, die Familie geht dann nach Feldkirch, weil die Mutter dort eine Stelle als An\u00e4stesistin findet.<br \/>\nAndras besucht das Gymnasium, besucht manchmal ein katholisches Internat als Tagessch\u00fcler, wird von allen wegen seiner Sch\u00f6nheit und Gescheitheit geliebt und freundet sich mit einem reichen Jungen aus Liechtenstein an.<br \/>\nSp\u00e4ter t\u00f6tet er dessen Mutter, als die Familie auf Schiuurlaub ist und er in der Villa den Tresor knacken will und verbringt als M\u00f6rder einige Jahre in einem Gef\u00e4ngnis, dort t\u00f6tet er dann auch noch den Zellenvater, bevor er begnadet oder entlassen wird. Kommt er in den Siebzigerjahren nach Wien zur\u00fcck, wird dort Hausmeister in einem theologischen Studentenheim. Da nennt er sich, glaube ich, schon Joel Spazierer.<br \/>\nDer Inhalt ist nicht leicht zu erz\u00e4hlen, da das Buc,h Sebastian Lukasser gibt ihm dazu auch einige narrative Tips, eine weitere Spitzfindigkeit des Erz\u00e4hlers und K\u00f6hlmeier spr\u00fcht nur so  an Einf\u00e4llen, so da\u00df sein Joel das Leben von mindestens zwanzig Helden hat, nicht chronologisch erz\u00e4hlt wird.<br \/>\nEr lernt auch Frauen kennen, dealt und spielt falsch, bevor er sich einen Pa\u00df mit dem Namen Dr. Ernst Th\u00e4lmann Koch besorgt und als ein Enkel des ber\u00fchmten Revolution\u00e4rs in der DDR um Asyl ansucht.<br \/>\nDort wird er Professor f\u00fcr wissenschaftlichen Atheismus und weil er  nie studiert hat und seine Weisheiten aus einem B\u00fcchlein des Meisters Eckehardts hat, setzt er sich in seinen Vorlesungen hin, schweigt ein Weile, dann sagt er einen Satz, den er irgendwo gefunden hat und l\u00e4\u00dft die Studenten, ein Semester lang dar\u00fcber diskutieren. So macht er auch die h\u00f6chsten DDR Funktion\u00e4re mundtot, schmeichelt sich bei Erich Honegger etc, ein, hat eine Frau und zwei Freudninnen und zwei Kinder, mit denen er spazieren geht, Schiffchen baut, etc.<br \/>\nEr f\u00e4hrt mit seinen Schwiegervater auch nach Frankreich und l\u00e4\u00dft es sich dort gut gehen bzw., seinen Pa\u00df als Joel Spazierer verl\u00e4ngern, um zwischendurch auch mal in die USA zu reisen.<br \/>\nAbenteuer um Abenteuer. In Russland wird er in einen K\u00e4fig gesperrt und verliert einen Teil seines kleines Fingers.<br \/>\nIrgendwann kommt er wieder nach Wien, wohnt bei Freunden in deren feudalen Wohnungen und wenn er kein Geld hat, geht er zu irgendwelchen Ministern in ein Ministerium, erpresst sie mit seinem Vorwissen aus dem Studentenheim oder so und die geben ihm dann ein paar Hunderter, bzw geht er ins Hotel Imperial oder war es das Sacher, bestellt das gro\u00dfe Fr\u00fchst\u00fcck und haut dann, um zu rauchen ab, denn das darf man jetzt  nicht mehr in den Lokalen.<br \/>\nEin gew\u00f6hnlicher Sandler, der vielleicht einen Mord hinter sich hat, geht ins <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/02\/14\/schreibinteressen\/\">&#8220;H\u00e4ferl&#8221;<\/a> oder in die &#8220;Gruft&#8221;, aber in einem Roman mu\u00df ja alles \u00fcberh\u00f6ht sein,  Joel Spazierer ist ein Edelhochstapler und Michael K\u00f6hlmeiers Einf\u00e4lle, Ironie und Ideen, rei\u00dfen auch mit.<br \/>\nJonas Jonassnon hat in seinem &#8220;Hundertj\u00e4hrigen&#8221; etwas \u00c4hnliches beschrieben und Daniel Kehlmann in seinem &#8220;F&#8221; bewiesen, da\u00df das Leben aus L\u00fcge und F\u00e4lschung besteht.<br \/>\nMichael K\u00f6hlmeier tut das amusanter und spritziger, w\u00fcrde ich mal behaupten und \u00fcber das letzte Jahrhundert erf\u00e4hrt man wieder sehr viel oder war es vielleicht doch ein wenig anders, wie in dem Buch beschrieben?<br \/>\nNat\u00fcrlich, aber aus Andras F\u00fcl\u00f6ps Schelmereien l\u00e4\u00dft sich trotzdem sehr viel lernen und sympathisch braucht einem der Ich-Erz\u00e4hler auch nicht sein. Denn es ist nicht sch\u00f6n, was er erz\u00e4hlt. Aber das war das vorige Jahrhundert ebenfalls nicht und einige Ereignisse, wie die stalinistischen S\u00e4uberungen, der Ungarn-Aufstand, die RAF-Entf\u00fchrungen, der Aufstieg und der Fall der DDR etc, haben wirklich stattgefunden und Falschspieler, Stricher, Betr\u00fcger, Fixer, etc, hat es sicher auch gegeben.<br \/>\nSchade nur, da\u00df das Buch ein halbes Jahr nach seinem Erscheinen fast vergessen ist und auch wahrscheinlich, da\u00df es nicht auf der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/14\/long-list-thoughts\/\" title=\"Long-\u00a0List-Thoughts\">Longlist des dBps<\/a> stand. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt der Monsterroman von Michael K\u00f6hlmeier, das Spitzenbuch des Deuticke-Zsolnay-Hanser Fr\u00fchjahrsprogramms, an dem ich \u00fcber eine Woche gelesen habe und von dem ich anfangs so gar nicht sicher war, ob es mir gefallen w\u00fcrde, denn Geschichten \u00fcber M\u00f6rder und &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=25904\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-25904","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25904","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25904"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25904\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25904"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25904"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25904"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}