{"id":25606,"date":"2013-12-01T00:06:13","date_gmt":"2013-11-30T23:06:13","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=25606"},"modified":"2013-12-01T00:06:13","modified_gmt":"2013-11-30T23:06:13","slug":"der-uberflussige-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=25606","title":{"rendered":"Der \u00fcberfl\u00fcssige Mensch"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Die meisten Menschen leben im Treibsand zwischen Erfolg und \u00dcberfl\u00fcssigkeit. Sie k\u00e4mpfen darum, n\u00fctzlich zu bleiben, wesentlich zu werden &#8211; nicht abzust\u00fcrzen in die sp\u00e4tkapitalistischen M\u00fcllhalden, aus denen es keine Rettung gibt. Es geht um alles.&#8221;, steht am Umschlag des bei &#8220;Residenz&#8221; erschienenen Essaybandes von Ilija Trojanow, der sein etwa neunzig Seiten Buch mit dem Kapitel &#8220;Auf Sie k\u00f6nnen wir verzichten&#8221;, beginnt und dann die Scheu\u00dflichkeiten unseres globalisierten Wirtschaftskapitalismus in allen seinen Facetten in weiteren zw\u00f6lf Kapiteln auszuf\u00fchren versteht.<br \/>\nLapidar und sachlich und im Anhang gut kommentiert tut er das und beginnt mit dem franz\u00f6sischen Kriegsschiff &#8220;La Meduse&#8221;, das keine Rettungsboote, nur eine seeuntaugliche F\u00e4hre hatte, beschreibt, wie sich die Reichen und die M\u00e4chtigen, um zu \u00fcberleben, von den Matrosen, Dienern, Waffenschmieden, Fassbindern, etc trennten, nimmt das als Beispiel, das sich auf unser heutiges, ach so sch\u00f6nes Wirtschaftsleben nahtlos generalisieren l\u00e4\u00dft und kommt so zu dem Konzept der &#8220;\u00dcberbev\u00f6lkerung.&#8221;<br \/>\nEs gibt &#8220;zu viel, zu viele&#8221; und so meinte auch Thomas Robert Malthus, britischer National\u00f6konom und Sozialphilosoph &#8220;Ein Mensch, der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ern\u00e4hren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht n\u00f6tig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen und er ist wirklich zu viel auf dieser Erde.&#8221;<br \/>\nDer Hungertod als Allheilmittel bei wirtschaftlichen Engp\u00e4ssen wird zwar wahrscheinlich als \u00fcbertrieben angesehen und im allgemeinen gl\u00fccklicherweise nicht durchgef\u00fchrt, dennoch sind diese Thesen in unsere Globalisierung vorgedrungen und Trojanow f\u00fchrt auch aus, da\u00df nach Sch\u00e4tzungen der FAO, achtzehn Millionen Menschen j\u00e4hrlich an Unterern\u00e4hrung sterben, obwohl eigentlich genug f\u00fcr alle da w\u00e4re, wenn die Ressourcen nur richtig verteilt w\u00fcrden. Was aber nicht geschieht, weil die Reichen immer reicher und die Armen immer \u00e4rmern werden, wie wir wissen, wenn nur regelm\u00e4\u00dfig die Nachrichten h\u00f6ren und die Zeitungen lesen.<br \/>\nZwei Drittel des Energieweltverbrauchs geht auf Konto der OECD-Staaten f\u00fchrt er weiter aus und kommt im Kapitel &#8220;Mensch und M\u00fcll&#8221; auf das &#8220;Dumping&#8221; zu sprechen, beziehungsweise auf die Ausbreitung der sogenannten &#8220;Tafel&#8221;, wo die Bed\u00fcrftigen f\u00fcr einen Euro und gegen Nachweis ihrer Bed\u00fcrftigkeit, das kaufen k\u00f6nnen, was die Superm\u00e4rkte als Abfallprodukte wegwerfen w\u00fcrden.<br \/>\nDann kommt das Kapitel &#8220;Prekariat&#8221;, ein Wort, das ich bis vor wenigen Jahren nicht kannte, dann aber pl\u00f6tzlich h\u00f6ren konnte, da\u00df die gut ausgebildeten Hochschulabsolventen, keine Jobs, sondern nur mehr Praktika, von denen sie nicht leben k\u00f6nnen, bekommen und, da\u00df der regul\u00e4re abgesicherte Arbeitsplatz zunehmend gegen freie Werkvertr\u00e4ge oder Leihfirmen ersetzt wird.<br \/>\nSo wird man \u00fcberfl\u00fc\u00dfig, obwohl die zumnehmend \u00dcberfl\u00fc\u00dfigen keineswegs &#8220;arbeitslos&#8221; sind, sondern ihren kranken Vater pflegen, als Alleinerziehende Kinder aufziehen oder Ehrenarbeit betreiben.<br \/>\nDie Mittelschicht schrumpft, schreibt Trojanow im Kapitel der &#8220;Ein-Euro-Reservisten&#8221; und kommt dann zu den &#8220;Abwrackpr\u00e4mien&#8221; beziehungsweise dazu, da\u00df es in den USA schon die Strafanstalten sind, die die gr\u00f6\u00dften Gewinne machen.<br \/>\n&#8220;Die Oligarchen sind unter uns&#8221;, schreibt er weiter, kommt zur Diskussion \u00fcber den sogenannten Spitzensteuersatz und darauf, da\u00df Eigentum meist Verhandlungssache ist, denn wer bestimmt, was wem geh\u00f6rt?<br \/>\nDer gr\u00f6\u00dfte Feind des Kapitalismus ist der, schreibt Trojanow weiter, der Konsumverzicht betreibt und kommt zur Werbung, die uns t\u00e4glich vermittelt, was wir alles brauchen, um sch\u00f6n, wertvoll gl\u00fccklich etc, zu sein. Da war vor kurzem erst in \u00d61 eine Sendung, wo es genau um diesen Konsum und die vielen Duschgels ging, die wir brauchen, um uns zu entspannen und um nicht \u00fcberfl\u00fc\u00dfig zu werden, m\u00fcssen wir uns auch st\u00e4ndig otimieren und &#8220;unseren K\u00f6rper und unseren Geist upgraden&#8221;.<br \/>\nDann kommt das Kapitel &#8220;Lohnarbeit ade&#8221;, wo Trojanow ausf\u00fchrt, da\u00df unsere Arbeitskraft immer mehr durch Roboter ersetzt wird, zwar noch die der Friseurin oder des Astrophysiker, aber wohl die der Supermarktkassierin und wenn dann auch die \u00c4rzte, wie die Piloten nur mehr vor dem Computer sitzen, unmvon Fall zu Fall korrigierend eingreifen, braucht es nat\u00fcrlich die entsprechenden Sicherheitssysteme, um die Wut der freigewordenen Arbeitskr\u00e4fte entsprechend zu \u00fcberwachen und unsere Freiheit ist dahin, aber das ist schon ein anderes Trojanow-Buch.<br \/>\nIn &#8220;Apokalypse soon&#8221; wird Jura Sojfer &#8220;Gemma halt ein bisserl unter&#8221;, zitiert und das war auch die Frage, die man beim \u00d61-Quiz auf der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/11\/24\/vom-der-sechsten-buch-wien\/\" title=\"Von der sechsten\u00a0Buch-Wien\">&#8220;Buch-Wien&#8221;<\/a> beantworten mu\u00dfte, wenn man den Buchgutschein oder das Casino-Dinner gewinnen wollte. Trojanow war dort ja Ehrengast und hat sich sehr zum Leidwesen Doris Glasers kritisch gegen die Casions, die ja den Quiz sponsern, ausgesprochen. Aber Ilija Trojanow ist eben ein kritischer G4eist, der viele Fragen anspricht, L\u00f6sungen hat er gegen unser Globalisierungselend wohl auch nicht, obwohl er die Menschen, wie ich erst gestern in einem Video h\u00f6ren konnte, aufrief, etwas gegen den Verlust der Freiheit zu tun, bevor es zu sp\u00e4t sein wird.<br \/>\nAber ob das Lesen des Essaybandes hilft wichtiger zu werden? Da w\u00e4re ich skeptisch, obwohl am vorigen Sonntag, das Literaturcafe so \u00fcberf\u00fcllt war, als er dort sein Buch vorstellte, da\u00df ich keinen Platz bekommen habe und wenn ich auch keine L\u00f6sung wei\u00df, so kann das nachdenken und kritisch sein, nicht schaden, denn es ist ja wirklich ein  bi\u00dfcherl pervers in einer Gesellschaft zu leben, wo die Menschen ab drei\u00dfig oder vierzig keinen Arbeitsplatz mehr finden und hochbezahlte Unbernehmensberater daf\u00fcr angestellt werden Jobs wegzurationalisieren, pragmatisierte Postbeamte in einen Pool ausgegliedert oder die die Pension geschickt werden, die wir uns nicht mehr leisten k\u00f6nnen, der Staat verschuldet ist, die Banken gerettet werden m\u00fc\u00dfen und die Reichen immer reicher w\u00e4hrend, w\u00e4hrend unsere Schulen zunehmend mehr Analphabeten verlassen, die keine Chance mehr auf einen Arbeitsplatz haben und deshalb von der Gesellschaft \u00fcberwacht werden m\u00fc\u00dfen.<br \/>\nWenn sich die kritischen Geister in Gruppen zusammenfinden, dagegen protesieren und Widerstand leisten, kann das vielleicht helfen oder weil wir ja auch schon bei Jura Sojfer sind, Widerstandsgruppen k\u00f6nnen auch scheitern und das hat uns sowohl die alte als auch die neuere Geschichte gelehrt.<br \/>\nUnd die M\u00e4chtigen an der Spitze, die, wenn sie ein wenig weniger egoistischer w\u00e4ren, vielleicht wirklich etwas \u00e4ndern k\u00f6nnten, kommen wahrscheinlich nicht auf diese Idee oder haben keine Ahnung von Trojanows Buch, obwohl der daraufhin ja Einreiseverbot in die USA bekommen hat, das jetzt wieder aufgehoben wurde.<br \/>\nUnd so schlie\u00dft Trojanow sein Buch mit wahren S\u00e4tzen &#8220;Darin liegt die Perversit\u00e4t unserer Situation. Wir verbrauchen so viel wie keine Gesellschaft vor uns und empfinden doch \u00fcberwiegend Krise. Unter dem Zwang, unentwegt zu funktionieren und zu konsumieren, f\u00e4llt es uns zunehmend schwer, Empathie  zu sp\u00fcren, Gl\u00fcck zu empfinden.&#8221;<br \/>\nDen hungernden Menschen in Afrika hilft es aber wahrscheinlich auch nicht wirklich, wenn wir aussteigen uns mehr entpannen und weniger mitzumachen versuchen. Ich probiere es ja, in dem ich sparsam lebe und beispielsweise keine teure B\u00fccher kaufe, ob das den Buchhandel aber freut und es der Stein des Weisens ist, w\u00fcrde ich sehr skeptisch sein. Ein Tip w\u00e4re ja sich einfach an die zehn Gebote zu halten und schon w\u00e4re die Welt ein bi\u00dfchen besser, was aber offensichtlich auch nicht zu funktionieren scheint<br \/>\nIlija Trojanow wurde  1965 in Sofia geboren,in Kenia aufgewachsen und lebt heute in Wien. Ich habe den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/12\/27\/der-weltensammler\/\">&#8220;Weltensammler&#8221;<\/a> von ihm gelesen,  war vor kurzem in einer Veranstaltung in der &#8220;Alten Schmiede&#8221;, wo er sein <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/10\/22\/uber-bulgarien\/\">&#8220;Bulgarien-Buch&#8221;<\/a> vorstellte und habe auch sonst schon \u00f6fter \u00fcber ihn geschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die meisten Menschen leben im Treibsand zwischen Erfolg und \u00dcberfl\u00fcssigkeit. Sie k\u00e4mpfen darum, n\u00fctzlich zu bleiben, wesentlich zu werden &#8211; nicht abzust\u00fcrzen in die sp\u00e4tkapitalistischen M\u00fcllhalden, aus denen es keine Rettung gibt. Es geht um alles.&#8221;, steht am Umschlag des &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=25606\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-25606","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25606","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25606"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25606\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}