{"id":25576,"date":"2013-11-28T10:37:25","date_gmt":"2013-11-28T09:37:25","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=25576"},"modified":"2013-11-28T10:37:25","modified_gmt":"2013-11-28T09:37:25","slug":"der-kalte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=25576","title":{"rendered":"Der Kalte"},"content":{"rendered":"<p>Nun kommt der zweite, gro\u00dfe Schl\u00fc\u00dfelroman von Robert Schindel zum Geschehen in \u00d6sterreich nach und vor 1945, zwanzig oder mehr Jahre nach <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/27\/geburtig\/\">&#8220;Geb\u00fcrtig&#8221; <\/a>von dem ich schon beim <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/06\/30\/sprachkunstabschluss-und-fest-fur-robert-schindel\/\">Sprachkunstabschlu\u00dffest 2012 und &#8220;Fest f\u00fcr Robert Schindel&#8221;<\/a> ein St\u00fcck daraus h\u00f6rte und der mir wegen seiner Realistik sehr gefallen hat. &#8220;Geb\u00fcrtig&#8221; war ja vielleicht ein bi\u00dfchen sehr abgehoben, experimentell und lyrisch, der Lyriker Robert Schindel ist aber wahrscheinlich auch hier zu erkennen, beziehungsweise hat er sich in dem Schriftsteller Paul Hirschfeld, der im Cafe Zartl sitzt und aus dem Fenster sieht, selbst ein Denkmal gesetzt. Die Verleger und auch alle anderen kommen auf ihn zu und dr\u00e4ngen ihn doch endlich den gro\u00dfen Roman zu schreiben.<br \/>\nRobert Schindel hat zwanzig oder mehr Jahre dazu gebraucht, beziehungsweise hat er ein Kapitel davon schon kurz nach &#8220;Geb\u00fcrtig&#8221; in den &#8220;Manuskripten&#8221; erscheinen lassen, der Roman ist aber erst im M\u00e4rz erschienen, jetzt lese ich bei &#8220;buecher.at&#8221;, hat er daf\u00fcr den &#8220;Johann Beer-Preis&#8221; bekommen und ich habe sehr lang an dem \u00fcber sechshundert Seiten Roman gelesen, der in der Kritik, bei einem realistischen und Schl\u00fc\u00dfelroman, kann es ja nicht anders sein, schlecht weggekommen ist und habe mir beim Lesen auch nicht sehr leicht getan, obwohl ich die Geschehnisse in \u00d6sterreich und Wien zwischen 1985 und 1989 ja kenne und hautnah miterlebt habe.<br \/>\nHauptfigur ist der Auschwitz-\u00dcberlebene Edmund Fraul, der &#8220;Kalte&#8221;, der keine Gef\u00fchle zeigen kann, sich deshalb seiner Frau Rosa, die auch in Auschwitz war, einige Herzinfarkte erleidet, ihren Edmund aber  um Jahre \u00fcberleben soll, entfremdet und mit seinen Sohn Karl oder Karel, warum das, schrieb Daniela Strigl in einer der Rezensionen, der sich jetzt am Burgtheater erprobt, gab es auch Probleme, denn Edmund hat von seinem Sohn immer M\u00e4nnlichkeit und Bewehren verlangt, so da\u00df Karl zu trinken anfing und  seine Freundin Margit, eine Turnus\u00e4rztin in der Rudolfstiftung mit der Schauspielerin Astrid von Gehlen, mit der in &#8220;Macbeth&#8221; spielt, betrog.<br \/>\nErinnern wir uns, ab 1986 war Claus Peymann Burgtheaterdirektor, der angeblich &#8220;Chance&#8221; nicht Wienerisch aussprechen konnte, im Buch hei\u00dft er Sch\u00f6nn und wer das Vorbild f\u00fcr Edmund Fraul ist, habe ich nicht so genau herausbefunden, Simon Wiesenthal wird es nicht sein oder doch, vielleicht gibt es auch keines. Thomas Bernhard hei\u00dft Raimund Muthesius und wird von Direktor Sch\u00f6nn zu dem St\u00fcck &#8220;Vom Balkon&#8221; beauftragt, das am 1. Oktober 1989, im sogenannten Bedenkjahr uraufgef\u00fchrt und zu einem Skandal wurde, denn da regiert ja in der Hofburg Johann Wais und der tritt im Buch, nicht in Wirklichkeit am 23. Dezember 1989 zur\u00fcck. Kurt Waldheim hat seine Amtszeit ausgestanden und ist danach nicht mehr zur Pr\u00e4sidentenwahl angetreten, ob er am 14. M\u00e4rz 2003 gestorben ist, kann ich auf Anhieb jetzt nicht sagen, Robert Schindel l\u00e4\u00dft das Johann Wais so tun und ich habe die Zeit um die Waldheim-Kanditatur 1986, wo auch der Reaktorunfall von Tschernobyl war, wird in dem Buch nur kurz gestreift, sehr intensiv erlebt. 1987 bin ich ja von der HNO-Klinik weg und in die Freiberuflichkeit gegangen und habe sehr viel, auch Politisches geschrieben &#8220;Zwischen H\u00fctteldorf und Heiligenstadt&#8221; beispielsweise, das sich auch mit Pr\u00e4sidentschaftskanditatur besch\u00e4ftigt, 1986 bin ich bei der GAV nicht aufgenommen worden, 1987 habe ich es dann geschafft und da gab es eine &#8220;Anti-Waldheimlesung&#8221; im NIG im H\u00f6rsaal 1, wo noch Jutta oder war es schon Julian Schutting, den greisen Hans Weigel auf das Podium f\u00fchrte und ich ein St\u00fcck aus der Erz\u00e4hlung las, das dann Milo Dor in einer Anthologie ver\u00f6ffentlichte.<br \/>\nDie Gr\u00fcndung des &#8220;Republikanischen Clubs&#8221; zu dieser Zeit und das &#8220;Andere \u00d6sterreich&#8221;, die Demonstrationen am Stephansplatz, wo ich bei einigen war, mit dem h\u00f6lzernen Pferd von Alfred Hrdlika bzw. Herbert Krieglach kommen auch in dem Buch vor.<br \/>\nHerbert Krieglach ist ein sehr chauvinistischer K\u00fcnstler, der an seinem Mahnmal an der Albertina arbeitet und der Kulturstadtr\u00e4tin bzw. B\u00fcrgermeister Purr seine seine Entw\u00fcrfe nicht zeigen will. Er geht sehr schlecht mit seinen Frauen um, die erste hei\u00dft Emmy, als die im Estherhazypark einen Schlaganfall erleidet, findet er sehr bald n Ersatz f\u00fcr sie, die in ihre Rolle schl\u00fcpft und die er genauso schlecht, wie sie behandelt.<br \/>\nIch mag ja Schl\u00fc\u00dfelromane und probiere mich selber immer wieder an ihnen aus und es ist auch sehr spannend, die Zeit, die man erlebte, als Roman zu lesen. Wie das einem Norddeutschen oder jemand in hundert Jahren damit geht, wei\u00df ich nicht. F\u00fcr die gibts aber ein dickes Glossar im Anhang, wo alle Wienerischen Worte erkl\u00e4rt werden. Alle davon habe ich auch nicht verstanden und denke, da\u00df man man sie im realen Wien von 2013 nicht zu h\u00f6ren bekommt, das Glossarlesen habe ich ausgelassen.<br \/>\nEdmund Fraul geht jedenfalls viel in Wien spazieren und erlebt in seinen Alptr\u00e4umen, die schreckliche Zeit in Auschwitz immer wieder nach. Am Donaukanal trifft er dann einen schon verurteilten KZ-Mann, spielt mit ihm Schach, l\u00e4\u00dft sich das Essen von ihm bezahlen und sich &#8220;echten Auschwitz-Geschichten&#8221; erz\u00e4hlen. Als der vor seiner Haust\u00fcr einen Autounfall hat, wartet Fraul, den Begr\u00e4bniszug ab, um dort nicht den F-lern, J\u00f6rg Heider wird im Buch Jupp Toplitzer genannt und ehemaligen SS-lern zu begegnen, geht allein ans Grab und f\u00e4ngt dort zu weinen.<br \/>\nOb die Psychologie so richtig ist, wei\u00df ich nicht, finde es aber spannend, da\u00df es Robert Schindel auch von dieser Seite beleuchtet, denn nat\u00fcrlich gibt es Verdr\u00e4ngung und Gef\u00fchlsabspaltung, wenn man so etwas erlebt hat und nat\u00fcrlich war das Wien 1985-1989 noch mehr von ehemaligen und j\u00fcngeren Nazis als heute, wo die schon alle gestorben sind oder wahrscheinlich nicht mehr so leichtf\u00fc\u00dfig den Donaukanal hinuntermarschieren k\u00f6nnen, bev\u00f6lkert und man hat manches auch nicht so, wie heute gewu\u00dft.<br \/>\nEin spannender Roman \u00fcber die Waldheim-Zeit, von dem ich inzwischen auch glaube, da\u00df ihm wahrscheinlich ein bi\u00dfchen unrecht getan wurde, obwohl ich mit gegen ihm demonstrierte, Thomas Bernhards &#8220;Heldenplatz&#8221;, das Peymann-Burgtheater etc.<br \/>\nRobert Schindel setzt es in einer Handlung an, so gibt es einen jungen Keyntz, das ist der Sohn eines ber\u00fchmten Kammers\u00e4ngers, der gerade maturiert und dessen Freundin Dolly, als Waldheim die Wahl gewinnt, mit ihren Eltern nach Israel emigriert, seine Schwester ist jene Margit, die sich umbringt, als Karl Fraul sie betr\u00fcgt.<br \/>\nOb das realistische oder erfundene Handlungen sind, wei\u00df ich nicht, das Buch ist aber spannend, wenn auch ein wenig langatmig zu lesen und ich denke, da\u00df Paul Hirschfeld alias Robert Schindel, ein gro\u00dfartiger, wenn auch ein etwas derberer, als ich es beispielsweise tun w\u00fcrde, Roman \u00fcber die zweite Republik und das Wien der Achtzigerjahren gelungen ist, den ich sehr gern und auch sehr lang gelesen habe, was meine Leseliste leider <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/11\/23\/lesen-2\/\" title=\"Leseprobleme\">durcheinanderbringen<\/a> wird. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun kommt der zweite, gro\u00dfe Schl\u00fc\u00dfelroman von Robert Schindel zum Geschehen in \u00d6sterreich nach und vor 1945, zwanzig oder mehr Jahre nach &#8220;Geb\u00fcrtig&#8221; von dem ich schon beim Sprachkunstabschlu\u00dffest 2012 und &#8220;Fest f\u00fcr Robert Schindel&#8221; ein St\u00fcck daraus h\u00f6rte und &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=25576\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-25576","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25576","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25576"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25576\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25576"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25576"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25576"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}