{"id":25363,"date":"2013-11-15T00:04:10","date_gmt":"2013-11-14T23:04:10","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=25363"},"modified":"2013-11-15T00:04:10","modified_gmt":"2013-11-14T23:04:10","slug":"die-liebe-am-nachmittag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=25363","title":{"rendered":"Die Liebe am Nachmittag"},"content":{"rendered":"<p>Mihahy ist sechsundvierzig, Schriftsteller, Kritiker, Dandy und Lebenmann, flaniert durch das Zwischenkriegs-Budapest und erz\u00e4hlt in dreiundvierzig Nachtst\u00fccken von der Liebe, dem Leben, dem \u00c4lterwerden und noch einiges mehr.<br \/>\nDie Liebe am Nachmittag war in Ungarn der Neunzehnhundertzwanziger- oder drei\u00dfigerjahre wohl die  des Lebemannes zu der verheiraten Frau, die nur zu diesen Tagesstunden Zeit f\u00fcr ihren Liebhaber hat und auch da nicht wirklich, denn da mu\u00df sie ja auch ihre Freundinnen treffen, Verwandte besuchen etc.<br \/>\nMihahy hat zwei solcher Lieben, die eine zu der &#8220;F\u00fcnfblumenfrau&#8221;, die ihn mit Zigarettenspitzen und Brief\u00f6ffnern beschenkt, die er eigentlich gar nicht haben will und zu Iboly, einer Schauspielelevin, die ist nicht verheiratet, kommt aus armen Verh\u00e4ltnissen, so da\u00df er ihr die Peng\u00f6s f\u00fcr die Strumpfrepassieren und das Telefonieren aufdr\u00e4ngen mu\u00df. Wir sind da in der Zeit, wo man noch die Str\u00fcmpfe stopfen und die M\u00e4nteln neu besetzen lie\u00df und die Liebhaber steckten daf\u00fcr offenbar den jungen M\u00e4dchen, die diesbez\u00fcglichen Geldst\u00fccke zu und diese Liebe, von der ein gro\u00dfer Teil des Buches erz\u00e4hlt ist \u00fcberhaupt recht merkw\u00fcrdig, denn wenn ich es recht verstanden habe, platonisch, Mihaly will Iboly st\u00e4ndig loswerden und unternimmt diesbez\u00fcglich einige Anstrengungen und Verrenkungen. So geht er etwa zu dem jungen Fleischer Gyula, der ihm sein hygienisch sch\u00f6nes Gesch\u00e4ft zeigt und bietet sie ihm regelrecht an, auf der anderen Seite \u00fcbt er  aber auch die Rolle mit ihr, die sie f\u00fcr die Schlu\u00dfauff\u00fchrung der Schauspielschule bekommen hat, geht mit ihr diesbez\u00fcglich auf den Friedhof und auch zu dem Professor der Theaterschule, damit der gen\u00fcgend mit ihr studiert und besticht auch die Kritiker, damit sie f\u00fcr ihn die gew\u00fcnschten Kritiken schreiben.<br \/>\nAuf der anderen Seite wird er von Kritikern besucht, die \u00fcber ihn schreiben sollen und da beschreibt Ern\u00f6 Szep der Autor, erstaunlich scharf und genau, wie damals die Lebensbedingungen der Eleven und Praktikanten waren, sie unterscheiden sich von den heutigen Verh\u00e4ltnissen, glaube ich nur, da\u00df man die Str\u00fcmpfe nicht mehr repassieren l\u00e4\u00dft und mit der Sexualit\u00e4t etwas offener ist, sonst gibt es Zeilenhonorar und kein Geld und Mihaly ist deshalb auch st\u00e4ndig verschuldet und verpf\u00e4ndet, obwohl er auf gro\u00dfen Fu\u00df zu leben scheint und f\u00fcr seine Frauen und seine M\u00e4derln auch h\u00fcbsch die Peng\u00f6 springen l\u00e4\u00dft. Dann hat er noch eine Mutter, die ihn &#8220;Papachen&#8221; nennt, weil er der Familienern\u00e4hrer ist und eine Schwester, er schreibt an Theaterst\u00fccken und anderen Auftragsarbeiten, so zum Beispiel f\u00fcr die Weihnachts- und Osterhausgaben der Reklamehefte verschiedener Gesch\u00e4fte Gedichte und Angst vor dem Alter scheint er auch zu haben, so berichtet er genau, wie das war, als er seine erste Brille brauchte, bzw. das erste graue Haar entdeckte. Das ist vielleicht auch der Grund Iboly, die ihn sehr zu lieben scheint und auch gerne immer mit aufs Zimmer kommt, loswerden will.<br \/>\nDas Buch ist ein Fund, denn ich habe von dem 1884 in Huszt, ehemals \u00d6sterreich Ungarn, heute Ukraine, geborenen  Ern\u00f6 Szep, der als Zeitgenosse Marais und Szerb beschrieben wird, noch nie etwas geh\u00f6rt.<br \/>\nKein Wunder wahrscheinlich, scheint er eben wiederentdeckt zu werden, bzw. wurde er das vor f\u00fcnf Jahren schon, denn das Buch, das ich am Samstag im &#8220;Wortschatz&#8221; fand, ist ein Leseexemplar mit Nachrichten an die lieben Buchh\u00e4ndler bzw. Rezensenten, nicht vor dem 15. 11 2008 beprechen, da es erst im Dezember 2008 erschienen zu sein scheint, es war zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht fertig lektoriert, wenn man also Fehler gefunden hat, h\u00e4tte man erst r\u00fcckfragen sollen.<br \/>\nEs gibt auch am Beginn einen ausf\u00fchrlichen Lebenslauf des Dichters mit einigen Fotos und den Hinweis, da\u00df der Roman in ein verlorengegangenes Budapest f\u00fchrt. Wie wahr.<br \/>\nErn\u00f6 Szep stammte als Sohn eines Lehrer aus \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen. Wurde in Budapest zu einem gefeierten Schriftsteller. Nach dem Sturz der R\u00e4terepublik 1919 emigrierte er nach Wien. 1944 kam er in ein Arbeitslager und wurde kurz vor der Deputation nach Auschwitz von Raoul Wallenberg gerettet, entkam nach Schweden, wo er 1953 starb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mihahy ist sechsundvierzig, Schriftsteller, Kritiker, Dandy und Lebenmann, flaniert durch das Zwischenkriegs-Budapest und erz\u00e4hlt in dreiundvierzig Nachtst\u00fccken von der Liebe, dem Leben, dem \u00c4lterwerden und noch einiges mehr. 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