{"id":24794,"date":"2013-10-25T00:35:25","date_gmt":"2013-10-24T22:35:25","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=24794"},"modified":"2013-10-25T00:35:25","modified_gmt":"2013-10-24T22:35:25","slug":"stilfibel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=24794","title":{"rendered":"Stilfibel"},"content":{"rendered":"<p>Als Jaqueline Vellguth oder war es jemand anderer vor Jahren einmal nach dem besten Schreiblernbuch fragte, bin ich auf Ludwig Reiners &#8220;Stilfibel&#8221;, ein 1943 erschienens Buch, das noch dazu gr\u00f6\u00dftenteils von Eduard Engels, 1911 gleichnamigen Buch, \u00fcbernommen wurde, gesto\u00dfen.<br \/>\nWie kann das sein? Klingt ein wenig seltsam in unserer schnelllebigen amerikanisierten Zeit, wo Freys &#8220;Wie man einen verdammt guten Roman&#8221; schreibt, doch sicherlich an zweiter Stelle steht und B\u00fccher meistens schon nach kurzer Zeit veraltet sind.<br \/>\nIch habe  versucht, an das Buch bei Google Books heranzukommen und dann darauf vergessen, bis ich es k\u00fcrzlich im Schrank gefunden habe. Und weil ich ja die sch\u00f6ne Gewohnheit habe, wenn m\u00f6glich vor dem <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/10\/07\/oktoberplanung\/\" title=\"Oktoberplanung\">Schreiben von etwas Neuen<\/a>, einen Schreibratgeber zu lesen, habe ich es nach meinen <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/10\/16\/recherchetag-und-bernhard-fritsch-briefwechsel\/\" title=\"Recherchetag II und\u00a0Bernhard-Fritsch-Briefwechsel\">Recherchetagen<\/a> eingeplant und ich mu\u00df sagen die Lekt\u00fcre ist wirklich interessant und auch verbl\u00fcffend, wenn man noch dazu die politischen Umst\u00e4nde einbezieht.<br \/>\n&#8220;Die Stilfibel &#8211; Der sichere Weg zum guten Deutsch&#8221;, bei DTV 1999 in drei\u00dfigster Auflage erschienen, verfa\u00dft oder \u00fcbernommen, etc, von dem  1896 geborenen und 1957 gestorbenen Kaufmann und Schriftsteller  Ludwig Reiners verbl\u00fcfft erstmal durch das Selbstbewu\u00dftsein, wie das und das ist auch sehr interessant, in direkten Zwiegespr\u00e4ch verfa\u00dfte Buch geschrieben ist, verspricht es doch dem Leser, wenn er nur gen\u00fcgend aufmerksam liest und flei\u00dfig \u00fcbt, ein viel besseres Deutsch.<br \/>\nEs ist kein Schreiblernbuch, das hat es im vorigen Jahrhundert wohl noch nicht gegeben, verwendet aber einiges, was in diesen dann \u00fcbernommen wurde.<br \/>\nVergessen habe ich noch zu erw\u00e4hnen, da\u00df der Kaufmann und Schriftsteller Mitglied der NSDAP war, was f\u00fcr ein immer noch aufgelegtes, verkauftes und angepriesenes Buch nicht uninteressant ist.<br \/>\nBei Amazon wird es immer noch als eines der besten und nicht antiquierten Fibeln angepriesen und antiquiert ist es auch nicht oder vielleicht doch ein bi\u00dfchen.<br \/>\nJedenfalls verbl\u00fcfft die lebendige Sprache und das Selbstbewu\u00dftsein, dann ist es aber auch ordentlich autorit\u00e4r und spart nicht mit den Formulierungen &#8220;Sie m\u00fc\u00dfen&#8221;, Sie d\u00fcrfen nicht&#8221;, &#8220;Und wenn Sie nur gen\u00fcgend \u00fcben, werden Sie schon besser werden!&#8221;<br \/>\nDann werden zuerst die sprachlichen Fachausdr\u00fccke erkl\u00e4rt.<br \/>\n&#8220;Die m\u00fc\u00dfen sie auswendig lernen, aber keine Angst, sp\u00e4ter wird es nie mehr so trocken!&#8221;<br \/>\nDann kommen die zwanzig Verbote, das was man im guten Deutsch nicht verwenden darf, nicht &#8220;derselbe&#8221; sagen, beispielsweise. Reiners erkl\u00e4rt das auch und ich dachte, da\u00df &#8220;derselbe&#8221; eigentlich gar nicht so unlebendig klingt.<br \/>\nDann mu\u00df man aber schon sagen, Reiners bringt es auf den Punkt und meint genau das, was ich inzwischen in vielen anderen B\u00fcchern auch gefunden habe, nur sagt er, der ja keine Fremdw\u00f6rter mag &#8220;Verwenden Sie diese niemals nicht!&#8221;, nicht &#8220;Show not tell&#8221;, sondern &#8220;Schreiben Sie klar, lebendig und anschaulich!&#8221;<br \/>\nKein Kanzleideutsch, das war vieleicht 1950 noch das Problem in den deutschen Amtstuben, sondern &#8220;So wie Sie sprechen, nur mit mehr Sorgfalt!&#8221; und all das wird, glaube ich, bis heute \u00fcbernommen, mit Ausnahme der Fremdw\u00f6rterphobie vielleicht, aber Reiners verwendet auch lateinische und griechische Ausdr\u00fccke und ist da vielleicht ein bi\u00dfchen inkosequent. Sonst meint er, da\u00df die Fremdw\u00f6rter die Sprache &#8220;scheckig bunt und schwammig macht und unverst\u00e4ndlich&#8221;, so da\u00df die Ungebildeten die Gebildeten nicht mehr verstehen, wenn diese sagen &#8220;Die astehnische Konstitution des Patienten war eine prim\u00e4re Komponente f\u00fcr das letale Resultat&#8221; und meinen, da\u00df der schw\u00e4chliche K\u00f6rperbau den Tod verusacht hat.<br \/>\nWie wahr, Reiners ist auch gegen zuviel Hauptworte, gegen Schachtels\u00e4tze und meint, was ich eigentlich sehr spannend fand, da\u00df man sich immer um Lebendigkeit und Vielseitigkeit des Ausdrucks bem\u00fchen soll, also statt Vogel, Bachstelze oder Stieglitz schreiben und damit man  das kann, Bildlexika verwenden.<br \/>\nMan soll auch nur \u00fcber das Schreiben, was man kennt, also sich vorher bilden oder recherchieren, auch sehr wahr. Dann gibt es, was ich auch sehr anschaulich finde, immer nach den Kapiteln, &#8220;Der Sch\u00fcler fragt-Einsch\u00fcbe&#8221;, wo der Sch\u00fcler den Lehrer ein bi\u00dfchen in Zweifel zieht und das Ganze wiederholt wird.<br \/>\nDa\u00df Reiners meint, da\u00df das, was der Dichter darf, dem &#8220;Esel&#8221; noch lange nicht zusteht, mi\u00dff\u00e4llt mir ein bi\u00dfchen, aber ich bin ohnehin nicht sehr autorit\u00e4r und mehr f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Freiheit. Er l\u00e4\u00dft sich aber auch auf Widerspr\u00fcche ein, denn wie soll man knapp und klar sein, wenn man wieder f\u00fcr den  abwechslungsreichen Ausdruck ist?<br \/>\n\u00dcbungsbeispiele gibt es immer auch und Reiners hat den Sch\u00fclern schon in seinem Vorwort ausgerechnet, wieviele Stunden sie brauchen werden, um ein garantiert besseres Deutsch zu schreiben.<br \/>\nDazu mu\u00df man auch viel lesen, Reiners unterscheidet zwischen Belletristik und Sachbuchprosa, die zweite mu\u00df man anstreichen, bei der ersten tut das nur der Pedant und man darf nur gutes Lesen, keine Schundhefterln, also.<br \/>\nBeispiele gibt es auch, Thoma wird \u00f6fter zitiert und Goethe.<br \/>\nReiners scheint aber auch Humor gehabt zu haben, so ersetzt er ein Sch\u00fcler Lehrer Gespr\u00e4ch einmal mit einer Stelle aus einem Roman Paul Kellers, wo das Peterle einen Aufsatz \u00fcber die &#8220;Freuden und Leiden des Winters&#8221; schreibt, &#8221; so wie das alle Buben im deutschen Reich im Winter schrieben&#8221; und ihn dem Hausknecht Gottlieb vorliest, um damit den &#8220;papiereren von einem lebendigen Stil&#8221; zu unterscheiden&#8221;.<br \/>\nDann gibt es noch Ratschl\u00e4ge zum Schreiben von Schulaufs\u00e4tzen, Liebesbriefen, etc, wo Reiners   Gliederungen empfiehlt und sehr genaue Anweisungen gibt, die mir manchesmal zu pedantisch waren.<br \/>\nIch hab die \u00dcbungen auch nicht gemacht, mir nur die Beispiele durchgelesen, die mich manchesmal  verbl\u00fcfften, weil ich sie gar nicht so knapp und klar fand.<br \/>\n&#8220;F\u00fchren sie zum Beispiel folgende S\u00e4tze in anschaulicher Form zu Ende &#8220;Es war so hei\u00df, da\u00df&#8230; ich schwitzte&#8221;, h\u00e4tte ich geschrieben. Der klare, knappe Reiners empfiehlt &#8220;&#8230; da\u00df die Fu\u00dfg\u00e4nger auf der Stra\u00dfe lieber einen kleinen Umweg machten, als den Schatten der H\u00e4user zu verlassen.&#8221;<br \/>\nEin Schreiblernbuch habe ich nicht gelesen, sondern im autorit\u00e4ren Gewand viel Wahres gefunden.<br \/>\n&#8220;Sei einfach, sei knapp und klar!&#8221;, was wirklich noch heute so empfohlen empfohlen werden kann. Man soll nicht so viele Adjektive verwenden, das habe ich auch schon wo anders gelesen. Allerdings empfiehlt Reiners statt &#8220;sagte er, sagte sie&#8221;, schrie, pl\u00e4tscherte, wisperte, fl\u00fcsterte, br\u00fcllte, etc zu verwenden und das wird, glaube ich, nicht mehr so empfohlen.<br \/>\nOb mein Sprachstil jetzt besser geworden ist, wei\u00df ich nicht. Ich wei\u00df aber vielleicht genauer, was ich nach Reiners falsch mache und verbl\u00fcfft bin ich nat\u00fcrlich auch, da\u00df so ein altes Buch eigentlich wirklich sehr lebendig ist. Der autorit\u00e4te Lehrer war also eigentlich sehr modern.<br \/>\nUnd das mit dem Nationalsozialismus ist ein anderes Kapitel, das man vielleicht auch diskutierten und dar\u00fcber nachdenken k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Jaqueline Vellguth oder war es jemand anderer vor Jahren einmal nach dem besten Schreiblernbuch fragte, bin ich auf Ludwig Reiners &#8220;Stilfibel&#8221;, ein 1943 erschienens Buch, das noch dazu gr\u00f6\u00dftenteils von Eduard Engels, 1911 gleichnamigen Buch, \u00fcbernommen wurde, gesto\u00dfen. 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