{"id":24666,"date":"2013-10-21T01:00:57","date_gmt":"2013-10-20T23:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=24666"},"modified":"2013-10-21T01:00:57","modified_gmt":"2013-10-20T23:00:57","slug":"krisen-schatten-und-zyklamen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=24666","title":{"rendered":"Krisen, Schatten und Zyklamen"},"content":{"rendered":"<p>Ein Erz\u00e4hlband von Elfriede Haslehner, die ich in den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/01\/01\/ins-neue-jahr-2\/\">sp\u00e4ten Siebzigerjahren im Arbeitskreis schreibender Frauen<\/a> kennenlernte, damals galt sie als aufstrebende Lyrikerin, publizierte bei &#8220;Frischfleisch und L\u00f6wenmaul&#8221; etc und gr\u00fcndete mit Hilde Langthaler und anderen Frauen, den Wiener Frauenverlag, der dann von Sylvia Treudl und Barbara Neuwirth &#8220;\u00fcbernommen&#8221; wurde, sp\u00e4ter &#8220;Milena&#8221; hie\u00df und jetzt <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/05\/09\/betrachtungen-zum-muttertag\/\">kein Frauenverlag mehr<\/a> ist, weil man einen solchen angeblich nicht mehr braucht und Elfriede Haslehner, mit der ich mich noch jahrelang nach Aufl\u00f6sung des Arbeitskreis mit anderen Frauen zum Beispiel bei der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/05\/17\/veza-canetti-lebt\/\">Valerie Szabo<\/a> traf, hat inzwischen angefangen zu ihrer kritischen Lyrik Prosa zu schreiben. So ist in der &#8220;Edition Roesner&#8221;, der Band &#8220;Krisen, Schatten und Zyklamen&#8221; &#8211; realistische, utopische und satirische Prosa erschienen, der im Februar in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/02\/20\/elfriede-haslehners-und-maria-gornikiewicz-neue-bucher\/\">&#8220;Gesellschaft f\u00fcr Literatur&#8221;<\/a> vorgestellt wurde und ich mu\u00df noch erw\u00e4hnen, da\u00df die 1933 geborene Elfriede Haslehner, die inzwischen nicht mehr<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/09\/18\/noch-farb-ich-meine-haare-rot\/\"> rote Haare ha<\/a>t, in der &#8220;Frauen lesen Frauen&#8221; Gruppe des ersten Wiener Lesetheaters t\u00e4tig ist.<br \/>\nUnd die realistische Prosa, der erste Teil des etwa zwanzig Geschichten f\u00fclllenden Erz\u00e4hlbands, von denen ich einige schon beim <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/09\/07\/linkes-wort-und-volksstimmefest-09\/\">&#8220;Volksstimmefest&#8221;<\/a>, wo Elfriede Haslehner neben der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/09\/29\/krativen-fruhstuck-und-poetnight-ohne-rolf-schwendter\/\">&#8220;Poet-Night&#8221;<\/a> auch immer liest, haben auch sehr biografische Elemente.<br \/>\nFast k\u00f6nnte man es eine Autobiografie in kurzen St\u00fccken, die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/10\/13\/aus-frankfurt\/\" title=\"Nachrichten aus\u00a0Frankfurt\">Short Stories<\/a> haben wir ja vor kurzen geh\u00f6rt, sind eine sehr wichtige Erz\u00e4hlform, nur schade, da\u00df es die Leute nicht so gern lesen, nennen und so erf\u00e4hrt man in knappen St\u00fccken sehr viel von Elfriede Haslehners Leben, manchmal in Ich-Form erz\u00e4hlt,  manchmal ist sie in andere Personen geschl\u00fcpft.<br \/>\nDie ersten beiden Geschichten erz\u00e4hlen vom Krieg und der Vertreibung aus M\u00e4hren, wo der Vater Direktor einer Fabrik war. Als die Russen kommen, mu\u00df die Familie eine Nacht im Bunker verbringen und f\u00fcr das zw\u00f6lfj\u00e4hrige M\u00e4dchen bricht eine Welt zusammen, weil das, was es in der  Schule und bei der Hitler-Jugend lernte, auf einmal nicht mehr gilt. Dann kommt die Vertreibung nach Wien, in die Heimatstadt der Mutter, in die Wohnung der Gro\u00dfmutter nach Meidling und schlie\u00dflich in die Steiermark, wo Elfriede Haslehner ihre Jugend verbrachte.<br \/>\nDie dritte &#8220;fast wahre&#8221; Geschichte &#8220;Lebkuchen&#8221; von den beiden Schwestern, die vor Weihnachten immer Lebkuchen backen und sie an ihre in der ganzen Welt verstreuten Familie schicken und von der soviel Ramsch bekommen, da\u00df sie zur Gegenwehr schreiten m\u00fc\u00dfen, hat Elfriede Haslehner, glaube ich, schon im J\u00e4nner zu den &#8220;Geisterfahrern&#8221; gelesen, die im utopischen Teil kommen.<br \/>\n&#8220;Das K\u00fcchenfenster&#8221; handelt von einer alten verwirrten Frau, die am Fenster sitzt \u00fcber ihr Leben nachdenkt, die Katze der Nachbarin \u00fcber den Briefschlitz f\u00fcttert und dann von der Heimhilfe und offenbar einer Sozialarbeiterin ins Heim gebracht wird und wenn ich mich recht erinnere, hat Elfriede Haslehner zu Arbeitskreiszeiten als Sozialarbeiterin gearbeitet und solche Erfahrungen gemacht.<br \/>\n&#8220;Schattenarbeit oder das Gl\u00fcck der Woche&#8221; l\u00e4\u00dft auch einige autobiographische Z\u00fcge erkennen und beginnt mit dem wahrhaft satirisch originellen Satz, den ich von meinen Klienten nicht so oft h\u00f6re &#8220;Zum Gl\u00fcck bin ich arbeitslos&#8221;, denkt Nora und erz\u00e4hlt dann, da\u00df sie w\u00e4hrend ihr Freund seiner Arbeit nachgeht, richtig die Geschichte vom Kennenlernen des Franz oder Hans, als sich die \u00e4ltere Beate in einem roten Mini Kleid doch noch einmal entschlie\u00dft, einen Maskenball zu besuchen, h\u00e4tte ich jetzt fast vergessen, an das Mithelfen beim Bau der \u00d6kosiedlung in G\u00e4nserndorf macht, weil es dann billiger wird, dazwischen besucht sie Sohn und Schwiegertochter, h\u00e4lt das offenbar gerade geborene Enkelkind im Arm und besucht die achtzigj\u00e4hrige Mutter.<br \/>\nIn der &#8220;Prophezeiung&#8221; geht es ebenfalls um die \u00d6kosiedlung und um eine ausgestiegene esoterische Wunderheilerin, die mit Pendeln und Konzentration Krankheiten erkennt und homo\u00f6pathisch behandelt, eine Katastrophe voraussagt und als die nicht eintrifft, behauptet, sie und ihre Kraft h\u00e4tte die Welt gerettet.<br \/>\nIn &#8220;Olga auf dem Land&#8221; bearbeitet Elfriede Haslehner ihre Traumen, die sie hat, weil Sohn und Schwiegertochter, das Enkelkind nicht von der Oma verw\u00f6hnen lassen wollen und sie m\u00f6chte doch eine sehr liebe Gro\u00dfmutter sein, so kauft sie Puzzles und Bilderb\u00fccher, mit denen sie sich dann selbst besch\u00e4ftigt und als die Kinder doch einmal \u00fcbernachten d\u00fcrfen und Melanie stolz auf dem Fahrrad f\u00e4hrt, sind die Eltern entsetzt und bringen die Kinder nie wieder.<br \/>\nIn der Titelgeschichte &#8220;Zyklamen auf dem Land&#8221; geht es dann auf Spurensuche nach S\u00fcdtirol und in den ersten Weltkrieg, wohin der Vater einmal als Soldat geschickt wurde und der Tochter einen Stapel alter Kriegsbilder hinterlie\u00df.<br \/>\nWeiter geht es dann mit Text &#8220;Hin\u00fcbergehen&#8221; zum Sterben von Elfriede Haslehner Mutter, den ich schon gelesen habe, zu der Geschichte &#8220;Im Schnee&#8221;, wo das Auto umkippt und freundliche Migranten helfen, den ich auch schon kannte.<br \/>\nDann geht es zu der &#8220;Utopischen Prosa&#8221;, Geschichten mit Katastrophen-Phantasien.<br \/>\nIn der &#8220;Krise&#8221;, wacht Lisa eines Morgens auf, es gibt keinen Strom und Wasser, die Menschen erschlagen sich selbst und Lisa und ihr Freund Harald ziehen sich aufs Land zur\u00fcck, um sich selbst zu versorgen.<br \/>\nBei den &#8220;Geisterfahrern&#8221; wird die Insel zuerst mit Autos so \u00fcberf\u00fcllt, da\u00df es keine Parkpl\u00e4tze mehr gibt und die Menschen immer im Kreis fahren m\u00fcssen, bei den &#8220;Zwei Schwestern&#8221; geht um Atomkatastrophen. Zwei Schwestern haben sich in ein Haus mit Fischen und Aquarien zur\u00fcckgezogen und beschlie\u00dfen sich wenn die Katastrophen zu sehr zunehmen sich umzubringen, eine tut das, die andere \u00fcberlebt und schlie\u00dft sich den Atomgegnern an.<br \/>\nIn den &#8220;Zwei Br\u00fcdern&#8221; geht es um eine Waffenfabrik, der eine k\u00e4mpft mit seiner Freundin dagegen, der andere resigniert und f\u00e4ngt zu trinken an, in &#8220;Urlaubsquartier&#8221; m\u00fcssen die Menschen im Krieg in ein sch\u00f6nes Bergdorf fl\u00fcchten und die &#8220;Maschine&#8221;, die all die sch\u00f6nen Dinge produziert, die wir zum Leben brauchen, macht die Menschheit schlie\u00dflich kaputt. Soweit die k\u00e4mpferischen Texte, der Umweltsch\u00fctzerin und Friedesnaktivistin, aber auch die Abteilung III, die satirische Prosa, zeigt solche Z\u00fcge &#8220;1999, wenn ich wieder nach Rom fahren werde&#8221;, da w\u00e4re Elfreiede Haslehner sechundsechzig und seit 1982 nicht mehr dortgewesen, das dritte vatikanische Konzil hat stattgefunden und die Frauen bzw. die gro\u00dfen M\u00fctter haben den Petersplatz in eine gr\u00fcne Oase verwandelt, es gibt wie 1982 keine Raub\u00fcberf\u00e4lle mehr, sondern alle Frauen gr\u00fc\u00dfen freundlich und laden einander ein, tanzen, feiern, singen und die Welt hat sich in einen sch\u00f6nen Feminismus verwandelt. Zwei Nachs\u00e4tze gibt es auch, erstens, da\u00df Elfriede Haslehner wei\u00df, da\u00df der 1983 geschriebene Text utopisch ist und zweites f\u00fcgt sie 2010, als sie ihn in den PC tippt an, ist sie seit 1982 nicht mehr dort gewesen.<br \/>\n&#8220;Vater werden&#8221; beschreibt eine Utopie, die ich nicht haben will, eine Sportlehrerin wird schwanger, der Mann, ein Lehrer ist arbeitslos und sie will, da\u00df er das Kind austr\u00e4gt. Die Fortschritte der Medizin machts m\u00f6glich, er erkl\u00e4rt sich auch dazu bereit, h\u00e4lt die Schwangerschaft aber psychisch nicht aus, so da\u00df schlie\u00dflich doch sie das Kind zur Welt bringt.<br \/>\nIn der &#8220;Ehre oder die Dummheit?&#8221; erz\u00e4hlt Elfriede Haslehner von den vielen ehrenamtlichen Projekten, die sie bereitwillig im Laufe ihres Lebens \u00fcbernommen hat und dann nicht schaffte, weil sie auch f\u00fcr den Brotberuf arbeiten mu\u00dfte und dann sah, da\u00df die anderen j\u00fcngeren Frauen um sie meist teilzeitangestellt waren oder von einem Akademikertraining lebten und am Schlu\u00df besch\u00e4ftigt sie sich noch mit der Frage, wie es sein wird, wenn sie das Schreiben aufgegeben hat?<br \/>\nMan hat, wenn man das Buch gelesen hat, sehr viel vom Leben der achtzigj\u00e4hrigen Frau, die zwanzig Jahre Hausfrau und Mutter war, dann Sozialarbeiterin war und Philosophie studierte, den Wiener Frauenverlag mitgr\u00fcndete, in G\u00e4nserndorf eine \u00d6kosiedlung aufbaute, in der AUF, in der Friedensbewegung und noch bei sehr viel anderem t\u00e4tig war, viel erfahren.<br \/>\nEin spannendes Buch, das ein sehr interessantes, alternatives Leben einer schreibenden Frau schildert, das ich wirklich nur empfehlen kann.<br \/>\nMein eigenes Verh\u00e4ltnis zu Elfriede Haslehner, die mir am <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/10\/16\/buch-wien-info-ohrenschmausjurysitzung-und-hermynia-zur-muhlen-lesung\/\" title=\"Buch-Wien Info, Ohrenschmausjurysitzung, Romanrecherche und Hermynia zur\u00a0M\u00fchlen-Lesung\">Dienstag<\/a> ein Foto schenkte, das sie und die anderen Aktivisten des Wiener Frauenverlags zeigt, ist \u00fcbrigens ein bi\u00dfchen kritisch, so hat sie mir den Text, den ich ihr f\u00fcr das erste Frauenbuch schickte, mit der Bemerkung zur\u00fcckgegeben, ich solle lieber stattdessen in Therapie gehen, da machte ich schon meine GT-Ausbildung und hat mir auch sonst immer wieder geraten, nicht so viel zu schreiben, aber das Schreiben aufgeben ist etwas, das ich mir nicht vorstellen kann und auch nicht w\u00fc\u00dfte, wozu das gut sein soll?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Erz\u00e4hlband von Elfriede Haslehner, die ich in den sp\u00e4ten Siebzigerjahren im Arbeitskreis schreibender Frauen kennenlernte, damals galt sie als aufstrebende Lyrikerin, publizierte bei &#8220;Frischfleisch und L\u00f6wenmaul&#8221; etc und gr\u00fcndete mit Hilde Langthaler und anderen Frauen, den Wiener Frauenverlag, der &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=24666\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-24666","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24666","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24666"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24666\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24666"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}