{"id":24312,"date":"2013-10-05T00:17:01","date_gmt":"2013-10-04T22:17:01","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=24312"},"modified":"2013-10-05T00:17:01","modified_gmt":"2013-10-04T22:17:01","slug":"jede-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=24312","title":{"rendered":"Jede Nacht"},"content":{"rendered":"<p>Nicole Makarewiczs, 2010 bei &#8220;Seifert&#8221; erschienene drei\u00dfig Erz\u00e4hlungen haben es in sich und machen es der Leserin nicht leicht.<br \/>\n&#8220;Unbequeme Geschichten \u00fcber Wende- und Endpunkte, die sich in jedem Leben ereignen k\u00f6nnen&#8221;, steht ganz harmlos auf der Buchr\u00fcckseite und ist ganz schamlos untertrieben, denn eigentlich ist nichts &#8220;allt\u00e4glich&#8221; in den drei\u00dfig Kurzgeschichten, sondern alles bis zur Extremspannung gesteigert und dann noch mit einem Schu\u00df Phantasie zu einer unerwarteten Wende aufgeladen.<br \/>\nMan lernt das wahrscheinlich in den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/09\/21\/kunst-und-handwerk-des-freien-schreibens\/\">Schreibseminaren<\/a> und die 1976 in Wien geborene Journalistin und Redakteurin, hat auch, glaube ich, Thomas Wollingers &#8220;Texthobel&#8221; besucht, zumindest habe ich sie bei einer dortigen <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?s=Texthobel\">Lesung<\/a> kennengelernt und so f\u00e4ngt es mit &#8220;Hei\u00dfhunger&#8221;, der Geschichte, mit der Nicole Makarewicz, den ersten Preis bei der &#8220;M\u00fcnchner Menulesung 2009&#8221; gewonnen hat, auch mit einer &#8220;ganz harmlosen E\u00dfst\u00f6rung&#8221; an.<br \/>\nSo denkt sich das zumindestens die Psychologin und hat solche Geschichten auch schon <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?s=f%C3%BCtter+mich\">gelesen<\/a>, die von einer Frau handeln, die sich ihr Gewicht hinunterhungert und ihr Leben vom &#8220;Essen bestimmen&#8221; l\u00e4\u00dft und die &#8220;Kochshows mit Ersetzen erf\u00fcllt&#8221;.<br \/>\nDas hat mich ein wenig erstaunt, dachte ich doch, da\u00df die Magers\u00fcchtigen gerne f\u00fcr die anderen kochen und sich diese auch gern ansehen. Die Erz\u00e4hlerin spricht jedenfalls von &#8220;Ananas auf Kochschinken, harten Eiern und Avodados&#8221; und f\u00e4hrt dann mit der U-Bahn und trifft dort auf eine &#8220;Esserin&#8221;, die mit Wonne ihren Apfel, ihr Schokocroissant und ihre K\u00e4sesemmel&#8221; vernascht und so verliebt sie sich in sie so sehr, da\u00df sie sie zum Essen eindl\u00e4dt.<br \/>\nSo weit noch alles nachvollziehbar, dann bet\u00e4ubt sie die Freundin aber mit dem &#8220;Cocktail, hievt sie in die Badewanne und bindet sich die neue Sch\u00fcrze um, um die neuen Pfanne und die gro\u00dfen Kocht\u00f6pfe einzuweihen&#8221;.<br \/>\nGekonnt makaber und beklemmend und hoffentlich nicht wirklich allt\u00e4glich und so geht es weiter von Geschichte zu Geschichte, in dem uns Nicole Macarewicz, die Scheu\u00dflichkeiten des Lebens zeigt und das immer auch noch auf die makabere Spitze zu treiben wei\u00df.<br \/>\nIn &#8220;Unter Strom&#8221; ist ein Mann eifers\u00fcchtig auf seine Frau und glaubt, da\u00df sie ihn mit dem &#8220;fetten rotgesichtigen Nachbarn&#8221; betr\u00fcgt. So setzt er das Auto unter Strom, es kommt aber die Polizei und er darauf, da\u00df er den Frauen hereingefallen ist, denn die Gattin hat ihn nicht mit dem Nachbarn, sondern mit der Nachbarin betrogen und nun sitzt er in der Gef\u00e4gniszelle und hofft auf das &#8220;Mi\u00dfverst\u00e4ndis.&#8221;<br \/>\nIn &#8220;Allein&#8221; geht es \u00e4hnlich scheu\u00dflich weiter, obwohl hier eigentlich nur das &#8220;pure&#8221; Leben geschildert wird, wie es in den Familien tats\u00e4chlich vorkommen kann.<br \/>\nEine Dreizehnj\u00e4hrige gebiert auf der Schultoilette, das vom Vater gezeugte Kind und l\u00e4\u00dft es dort zur\u00fcck. Sie bringt sich sp\u00e4ter um, der Bub wird adoptiert und tr\u00e4umt von Kinderf\u00fc\u00dfen. Seiner Tochter wird er aber nichts antun, so lange er es aush\u00e4lt, da wird er sich lieber auf der Toilette, wo sein Leben angefangen hat, erschie\u00dfen.<br \/>\n&#8220;Vergissmeinicht&#8221; auch eine preisgekr\u00f6nte Geschichte, macht es wieder auf Kriminalroman. Da pflanzt eine Frau im Dorf diese Blumen an und trauert, um den Mann der sie verlassen und zum Gesp\u00f6tt der Dorfgemeinschaft gemacht hat. Nur leider stolpert man oder sie, \u00e4hnlich, wie bei Doris D\u00f6rrie oder Christine Gr\u00e4n, bei denen ich solches auch schon gelesen habe, \u00fcber Rattengift.<br \/>\nDa ist &#8220;Stillstand&#8221; wieder harmloser oder vielleicht auch nicht? Ein Student, der sich zu Weihnachten mit seinen Eltern verkracht hat, beschlie\u00dft das Fest allein im Studentenheim zu verbringen, die anderen sind, weg, der Hausmeister ist auf Urlaub, da bleibt der Lift stecken, der Aku ist leer, er ger\u00e4t in Panik und als er endlich doch seine Mutter erreichen kann, h\u00e4ngt die aus Wut auf, weil er nicht fr\u00fcher gemeldet hat.<br \/>\nB\u00f6se b\u00f6se und sehr makaber, gibt es nichts Sch\u00f6neres und Normaleres auf dieser Welt?<br \/>\nBei Nicole Macarewiczs Erz\u00e4hlband offenbar nicht, obwohl ich &#8220;Morgen&#8221; schon in meiner Praxis erlebt haben k\u00f6nnte, denn da geht einer, um sich auf das morgendliche Gro\u00dfereignis, das endlich stattfinden kann, vorzubereiten, in einem Kosmetiksalon, l\u00e4\u00dft sich die Finger und die Zehenn\u00e4gel bemalen, die Beine entwachsen, geht auch zum Friseur, denn morgen hat er es geschafft, da wird er endlich in eine Frau umoperiert, worauf er schon sehr lange wartet.<br \/>\n&#8220;Br\u00fcderlein fein&#8221; geht dann wieder in die psychische Extremsituation, die man auch &#8220;Wahnsinn&#8221; nennen kann und in manchen Schauergeschichten beschrieben findet, denn da erz\u00e4hlt eine von ihrem Bruder, der mit ihr Sommer um Sommer Tiere zerlegt, zerschneidet und zerhackt. Fr\u00f6sche, Hunde, Katzen, gar nichts l\u00e4\u00dft er aus, am Ende geht es an die Mutter, die er, wie in den vorigen Geschichten, fein zerteilt und zerlegt und wir sind nicht sicher, ob es den Bruder \u00fcberhaupt gegeben hat. Der Frau wird aber jedenfalls versichert, da\u00df sie nicht zurechungsf\u00e4hig ist.<br \/>\nJa, es gibt solche Geschichten, wir lesen sie manchmal in &#8220;T\u00e4glich heute&#8221;.<br \/>\nNicole Macarewicz hat ein ganzes Buch daraus gemacht und hastet sozusagen von Perversit\u00e4t zu Perversit\u00e4t, die immer wieder auch mal nur eine &#8220;ganz normale E\u00dfst\u00f6rung&#8221; ist, oder eine Frau beschreibt, die sich f\u00fcr ein Kind aufopfert, das sie aus einem Kinderwagen gestohlen hat.<br \/>\nAuch das gibt es, ich habe im <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_schokolade.html\">&#8220;Wiener Stadtroman&#8221; <\/a> dar\u00fcber geschrieben.<br \/>\nDann f\u00e4hrt eine seit ihrem vierten Lebensjahr, j\u00e4hrlich aufs Land zur Sommerfrische und erlebt dort das b\u00e4uerliche Schlachten bis zur Schlachtplatte mit den Bluntzn und dem Liptauer beim Heurigen mit, bevor sie selbst, aus Notwehr an das Gewehr greift und der Amokl\u00e4ufer, der in &#8220;siebenundvierzig Minuten, einundzwanzig Sch\u00fcler, neun Lehrer und sich selber schafft&#8221;, war einmal ein unauff\u00e4lliger, gemoobter pickeliger Durchschnittssch\u00fcler, ja das gibt es, wir lesen es in der Zeitung und h\u00f6ren es im Radio und sollten vielleicht weniger mobben oder mehr die Waffen verbieten.<br \/>\nAm eindruckvollsten ist wohl die Geschichte von der Frau, die einfach einmal &#8220;hier raus&#8221; mu\u00dfte, so l\u00e4\u00dft sie ihre vier Kinder, den hilfsbereiten Gro\u00dfen, die trotzende Dreij\u00e4hrige, die wundersch\u00f6nen Zwillinge, erstickt zur\u00fcck, nimmt ihren nie ben\u00fctzen Pa\u00df und geht spazieren, i\u00dft zu Mittag eine Gulaschsuppe, mu\u00df sich \u00fcbergeben und r\u00e4sumiert dabei ihr Leben, in dem sie nie Kinder wollte und dennoch ohne Unterst\u00fctzung viermal Mutter wurde, bis die Polizei hinter ihr steht und sie antippt.<br \/>\nAlptr\u00e4ume kommen vor und Schlaflabore und Wunschkinder, die andere Seite der Geschichte und wieder ist Micole Mackarewicz wunderbar oder grauslich makaber, da hat sich so ein Paar durch eine als &#8220;Fruchtbarkeitsklinik getarnte Geldvernichtungsmaschine&#8221;, gequ\u00e4lt.<br \/>\n&#8220;Sie m\u00fc\u00dfen pressen!&#8221;, mahnt die Hebamme, sie wartet auf den ersten Schrei und h\u00f6rt ihn nicht, nur die Hebamme betroffen &#8220;Es tut mir leid. Damit, da\u00df soetwas geschieht, rechnet niemand. Aber es passiert&#8221; und sie ist es, die, das &#8220;Licht sucht und nur mehr die Leere findet.&#8221;<br \/>\nIn &#8220;Jede Nacht&#8221;, der Titelgeschichte, schleicht sich auch ganz allt\u00e4glich, der Sohn ans Bett der Mutter nur steckt er dann sein Glied in sie hinein, bevor sie ihn zur\u00fcck und morgen wieder in die Schule schickt.<br \/>\nUnd die die ihr lebenlang immer nur die zweite war, hat das Gl\u00fcck als erste in der Familie an Gehirntumor zu erkranken und gegen Schlu\u00df wird es noch einmal packend allt\u00e4glich und das kennen wir nun aus den Prospekten mit den Zahlscheinen, die die Sterbehospitze manchmal an uns schicken, denn da wird im Sommer f\u00fcr eine Achtzehnj\u00e4hrige noch einmal Weihnachten gefeiert, mit Christbaum, Kerzen, Kugeln, Gansl, Rotkraut, von denen sie nur mehr ein paar Bissen essen kann, bevor sie es erbricht und richtigen Schnee gibt es f\u00fcr eine Sekunde offenbar auch oder waren es die Tr\u00e4nen aus Hilflosigkeit vor der Ungerechtigkeit der Welt?<br \/>\nKein Zweifel, Nicole Makarewicz ist eine sehr eindrucksvolle Schreiberin, die uns die reale und erdachte Grausamkeit wirkungsvoll servieren kann und so l\u00e4\u00dft mich das Buch, das auch ein wenig makaber ihren &#8220;M\u00e4dchen, zur Inspiration und Ablenkung. Und das jeden einzelnen Tag&#8221; gewidmet ist,  etwas ratlos zu\u00fcck und daran denken, da\u00df das ganz normale Leben zum Gl\u00fcck meistens doch ein wenig harmloser ist und kann der Autorin nur w\u00fcnschen, da\u00df sie vielleicht auch einmal etwas anderes erz\u00e4hlt.<br \/>\nAber es gibt noch einen, ebenfalls bei &#8220;Seifert&#8221; erschienenen Roman, eine <a href=\"http:\/\/www.nicolemakarewicz.com\/\">Homepage<\/a>, auf der genau die vorhandenen Ver\u00f6ffentlichungen, Preise und literarischen Erlebnisse aufgelistet sind. So hat Edith Ulla Gasse &#8220;Jede Nacht&#8221; einmal f\u00fcr die ORF-Bestenliste vorgeschlagen und eine Literaturhausrezension gibt es auch, die meint, da\u00df das Buch wirkt, als h\u00e4tte die Autorin &#8220;T\u00e4glich Alles&#8221; etc auf die grauslichsten Geschichten abgesucht und daraus Literatur gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicole Makarewiczs, 2010 bei &#8220;Seifert&#8221; erschienene drei\u00dfig Erz\u00e4hlungen haben es in sich und machen es der Leserin nicht leicht. &#8220;Unbequeme Geschichten \u00fcber Wende- und Endpunkte, die sich in jedem Leben ereignen k\u00f6nnen&#8221;, steht ganz harmlos auf der Buchr\u00fcckseite und ist &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=24312\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-24312","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24312","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24312"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24312\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24312"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24312"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24312"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}