{"id":23945,"date":"2013-09-11T08:21:22","date_gmt":"2013-09-11T06:21:22","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=23945"},"modified":"2013-09-11T08:21:22","modified_gmt":"2013-09-11T06:21:22","slug":"die-welt-ist-meine-innerei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=23945","title":{"rendered":"Die Welt ist meine Innerei"},"content":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/27\/alpha-shortlist\/\" title=\"Alpha-Shortlist\">&#8220;Alpha-Shortlist&#8221;<\/a> und den B\u00fcchern aus dem &#8220;Septime-Verlag&#8221; und<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/09\/08\/der-afghanische-koch\/\" title=\"Der afghanische\u00a0Koch\"> wieder<\/a> wird es sehr poetisch mit den &#8220;Reisebriefen und den Bildern&#8221;, der 1989 in Graz geborenen Valerie Fritsch, die an der Akademie f\u00fcr angewandten Fotografie studierte.<br \/>\nIch kenne sie schon lange und relativ gut, seit den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/02\/05\/die-welt-hat-ihre-erinnerung-verloren\/\">legend\u00e4ren Textvorstellungen mit Angelika Reitzer<\/a>, wo ich die junge Frau, nicht viel \u00fcber zwanzig Jahre alt mit gl\u00e4nzenden Augen von ihren Erfahrungen in Bordellen, in denen sie Studien machte, erz\u00e4hlen h\u00f6rte.<br \/>\nEine h\u00f6chst poetische Schreiberin, die dann auch bald den FM4-Preis gewonnen hat, in die GAV aufgenommen wurde und wie ich auf ihrer Website ersah, schon viele Publikationen hat.<br \/>\n&#8220;Verk\u00f6rperungEN&#8221;, habe ich im Fr\u00fchling im Schrank gefunden, steht auf meiner Leseliste und mu\u00df nun noch ein wenig warten, weil ich gleich mit dem neuen Buch beginne, das vorigen September erschienen ist und die Vorjurie aus der Hauptb\u00fccherei, die unter anderen aus Claudia Bittner, Christian Jahl mit dem ich mich bei der gestrigen Er\u00f6ffnung der Fotoausstellung &#8220;Alt, umsorgt, versorgt&#8221; \u00fcber die Shortlist unterhalten habe und Rudolf Kraus besteht, f\u00fcr den Literaturpreis ausgew\u00e4hlt hat.<br \/>\nMit Recht, denn es ist ein wundersch\u00f6ner Fotoband mit Briefen an den Liebsten aus Berlin, \u00c4thiopien, Amsterdam, Peru, Moskau, Asien, Bangladesch, Madagaskar und Havanna, die Valerie Fritsch von 2008 bis 2011 aufgesucht haben d\u00fcrfte.<br \/>\nEinen Prolog gibt es dazu auch, der von den &#8220;Orten erz\u00e4hlt&#8221;, die zu  Valerie Fritschs &#8220;Schicksal wurden und ein Schlu\u00dfkapitel \u00fcber das &#8220;Meer&#8221;.<br \/>\n&#8220;Ich falt sie Dir zu Briefen&#8221; schreibt die Autorin und  &#8220;schick Dir meine kleine Welt.&#8221;<br \/>\nBeginnen tut es mit Berlin, diese hippe, schicke Stadt, die sich in den letzten Jahren ja wieder einmal sehr gewandelt hat und Valerie Fritsch ist ja zu jung, um das grau d\u00fcstere Ostberlin live erlebt zu haben. So schreibt sie ihrem Liebsten im Februar 2008 und erz\u00e4hlt ihm von den &#8220;Damentoiletten, wo ein Klavier vor den Klosch\u00fcsseln steht, als wolle es gespielt werden, w\u00e4hrend man sich erleichtert oder die Seele aus dem Leib kotzt.&#8221;<br \/>\n&#8220;Ich reise nie ohne Sehnsucht. Ich denke: ohne Sehnsucht kann man unm\u00f6glich Zug fahren.&#8221;, schlie\u00dft sie diesen Brief. Dann geht es nach Afrika, nach \u00c4thiopien, wo sie im August 2009 aus Hawassa den Geliebten schreibt und zugibt, da\u00df sie &#8220;zehn kleine Negerlein&#8221; auf den Lippen hatte, als sie aus dem Flugzeug stieg und die &#8220;sechs schwarzen Putzfrauen&#8221; beobachtete, die &#8220;synchron die wei\u00dfen B\u00f6den schruppen&#8221;.<br \/>\n&#8220;\u00c4thiopien ist ein wundes Land&#8221;, schreibt sie weiter und von den &#8220;Pferdegerippen, die bleich am Ufer liegen.&#8221;<br \/>\nDann arbeitet sie in einem Kinderkrankenhaus und ringt mit der Sprache. &#8220;Ich bin Schriftsteller und Analphabet gleicherma\u00dfen und schreibe mit der Hand, wenn ich verzweifelt versuche, zu denken und die fremden Bilder der Tage zu entziffern.&#8221;<br \/>\nDann geht es in die \u00e4thiopischen Bordelle, wo die Nutten hochgewachsen wie Berge und schwarz wie Katzen in der Nacht sind, wenn die Freier sie in die Zimmer dr\u00e4ngen.&#8221;<br \/>\nH\u00f6chstpoetisch dieser Reisebericht aus einem sehr armen und wahrscheinlich sehr schwierigen Land, dem Valerie Fritsch, so sch\u00f6ne Wortbilder abringen kann.<br \/>\nDann kommt ein Bildteil der Fotografin, man sieht die Kinder mit den gro\u00dfen Augenh\u00f6hlen und verschleierte Frauen von hinten, bevor es wieder nach Europa und nach Amsterdam geht, wo Valerie Fritsch nat\u00fcrlich auch das &#8220;Rotlichtviertel&#8221; beschreibt, &#8220;durch das die M\u00fctter am Nachmittag seelenruhig ihre Kinderw\u00e4gen schieben, w\u00e4hrend Amsterdam in der Nacht zur Piratenstadt im Kleinformat wird.&#8221;<br \/>\nAber eigentlich hat Valerie am 3. 4. 2010 Geburtstag, beziehungsweise feiert sie ihn mit Schokoladetorte und Minztee, wie &#8220;Dschungel im Glas&#8221;, wie sie dem Liebsten schreibt.<br \/>\n&#8220;Ich werde alt.&#8221;<br \/>\nGanze einundzwanzig Jahre wenn ich richtig rechne und mit der Sprache den &#8220;Pffertjes und den Pannekoeken&#8221; hat sie auch ihre Probleme.<br \/>\nDann gehts nach Peru, &#8220;wo die Luft d\u00fcnn ist und die Affen in der K\u00fcche mit dem Geschirr klimpern&#8221;, w\u00e4hrend sie an den Liebsten schreibt.<br \/>\n&#8220;Die Stra\u00dfe in der ich lebe&#8221;, schreibt sie weiter  &#8220;ist voll von Pollerias und hier gibt es blo\u00df Huhn und Internet.&#8221;<br \/>\n&#8220;Die Stadt w\u00fcrde dir gefallen, Liebster. Gegen Halsschmerzen nimmt man hier keine Medikamente, aber Maracuja und dunkle Schokolade.&#8221;<br \/>\nIn Moskau wird die U-Bahn beschrieben, &#8220;die geheime, die den unterirdischen Bunker des Kremls und der Geheimdienste verbinden soll und manche halten sie blo\u00df f\u00fcr eine Privat U-Bahn Putins.&#8221;<br \/>\nUnd Valerie Fritsch meint, da\u00df sie keinen Grund h\u00e4tte nach Moskau gekommen zu sein, &#8220;aber einen Urgro\u00dfvater, der einst Kriegsgefangener gewesen war in Novosibirsk.&#8221;<br \/>\nGewohnt wird in &#8220;einem dunklen Schlafsaal, in dem man monatelang wohnen kann, ohne jemals mehr als ein paar Rubeln zu zahlen&#8221; und zuletzt &#8220;mit Exilkubanern im f\u00fcnfzehnten Stockwerk eines russischen Studentenheims&#8221;, bevor es nach Asien, das hei\u00dft nach Vietnam, Thailand und Malaysia weitergeht.<br \/>\n&#8220;Hier brennt der scharfe Ingwertee in den Gebeinen&#8221;, sie steht &#8220;vor Bombenkratern, in dem nach dem Krieg einst hungrige Elefanten gefallen sind und es wird &#8220;tagaus tagein aus hellen Kokusn\u00dfen getrunken.&#8221;<br \/>\nFotografien gibt es wieder auch, so einen Hund der hinter einem Grabstein hervorlukt und viele Lampions, die sowohl das Stra\u00dfenbild Malasya als das von Vietnam beherrschen.<br \/>\nDann gehts auf der Reise &#8220;dem Verschwinden hinterher&#8221;, nach Bangladesh, wo man im Hotel ankreuzen mu\u00df, &#8220;welche Hautfarbe man tr\u00e4gt und w\u00e4hlt zwischen Dark, White und Medium&#8221;, einen &#8220;Stoppover Tag in Buabai&#8221;, wo sie einen &#8220;arabischen Immobilienh\u00e4ndler&#8221; besucht, &#8220;den ich irgendwo in den dunklen N\u00e4chten Moskaus traf.&#8221;<br \/>\nUnd dann nach Madagaskar &#8220;ans Ende der Welt&#8221;, wo die &#8220;artigen schwarzen Kinder mit bl\u00fctenwei\u00dfen Z\u00e4hnen &#8220;Bonjour Madame&#8221; gr\u00fc\u00dfen und man &#8220;unweigerlich an Damen mit Spitzensonnenschirmen aus l\u00e4ngst vergangenen Zeiten und das schwerf\u00e4llige Lachen der Kolonialherren unter der Hitze&#8221; denkt. Und das &#8220;Franz\u00f6sisch ist unter aller Sau und reicht blo\u00df, um zu fragen, ob jemand mit mir schlafen m\u00f6chte, und anzumerken, da\u00df ich ein Brieftr\u00e4ger bin.&#8221;<br \/>\nZuletzt schreibt sie im Dezember 2011 dem Liebsten aus Havanna &#8220;dem Herzen der Revolution&#8221;, wo die &#8220;Propagandaplakate zwar den Kommunismus predigen als einzigen Ausweg aus der Wirtschaftskrise, aber die Ikonen Guevaras und des Commandante keine Miene verziehen.&#8221;<br \/>\nEin wirklich sehr poetisch eindrucksvolles Buch einer sehr jungen Frau, die durch die ganze Welt reist, wenn man die poetischen Reiseimpressionen und <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/15\/blickrichtungen\/\">Blickrichtungen<\/a> eines \u00e4lteren Sprachk\u00fcnstlers haben will, ist man mit Julian Schutting gut beraten und es ist auch sicher interessant, die sprachlichen Erg\u00fc\u00dfe beider zu vergleichen und manche Orte, wie beispielsweise Moskau haben auch beide bereist und beschrieben.<br \/>\nIch bin nicht ganz sicher, ob es Valerie Fritschs Bildband in die Finalrunde schaffen wird, die wahrscheinlich eher doch den Romanen vorbehalten sein wird, wenn man aber ein \u00e4stehtisch sch\u00f6nes Geschenk unter den Christbaum legen will, das Reisesehnsucht wecken kann, ist man mit &#8220;Die Welt ist meine Innerei&#8221; sicher gut beraten.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiter geht es mit der &#8220;Alpha-Shortlist&#8221; und den B\u00fcchern aus dem &#8220;Septime-Verlag&#8221; und wieder wird es sehr poetisch mit den &#8220;Reisebriefen und den Bildern&#8221;, der 1989 in Graz geborenen Valerie Fritsch, die an der Akademie f\u00fcr angewandten Fotografie studierte. 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