{"id":23903,"date":"2013-09-07T00:05:47","date_gmt":"2013-09-06T22:05:47","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=23903"},"modified":"2013-09-07T00:05:47","modified_gmt":"2013-09-06T22:05:47","slug":"das-casting","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=23903","title":{"rendered":"Das Casting"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine seltsam grausame Geschichte, die der 1952 geborene Ryu Murakami, da filmisch genau in einem seltsamen altmodischen Stil, von <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/02\/ubwersetzt-von\/\">Leopold Federmair<\/a> und Motoko  Yalin \u00fcbersetzt, da erz\u00e4hlt.<br \/>\n&#8220;Casting&#8221; ist in die Finalrunde der Hot List gekommen und mir mit seinem genauso seltsam eindringlichen Titelbild, eine junge Japanerin im Matrosenkleid, schon auf verschiedenen Blog aufgefallen, so da\u00df ich neugierig wurde und dank Frau Gmeiner vom &#8220;Septime-Verlag&#8221; jetzt ein &#8220;Eins aus zehn-Leseexperiment&#8221; starten kann.<br \/>\nOb mir das Buch gefallen hat? Schwer zu sagen. Der Anfang ja, die sehr genaue Erz\u00e4hlung, die subtile Grausamkeit des japanischen und wahrscheinlich weltweiten Lebens. Die Unterdr\u00fcckung der Frau, die unterschiedlichen Machtverh\u00e4ltnisse werden da auf sehr unterschwellige Art und Weise geschildert. Dazu kommt noch der f\u00fcr uns fremde, japanische Ton, die H\u00f6flichkeit und eine Art des Erz\u00e4hlens, die an vorige Jahrhunderte denken l\u00e4\u00dft, obwohl das Buch im Jetztzeit-Japan spielt.<br \/>\nNicht umsonst werden auch Edgar Allan Poe und Dostojewski am Buchr\u00fccken erw\u00e4hnt.<br \/>\nDer Schlu\u00df, der in dem ganzen Buch schon auf eine sehr direkte Art angedeutet wird, nat\u00fcrlich nicht, obwohl ich bei <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/06\/01\/verblendung\/\" title=\"Verblendung\">Stieg Larsson<\/a> vor kurzem ja etwas ganz \u00c4hnliches gelesen habe. Aber da fehlte wohl die japanische Fremdheit, der exotische Ton, die f\u00fcr uns ungew\u00f6hnliche Distanz, die fast altmodisch wirkt.<br \/>\nDa ist Herr Aojama, zweiundvierzig, Filmproduzent, seit einigen Jahren Witwer, da ihm seine Frau Ryoko &#8220;vor sieben Jahren nach einem virual bedingten Krebsleiden verlassen&#8221; hat. Auch so eine seltsam altmodische Formulierung, w\u00fcrde ich ja &#8220;gestorben&#8221; schreiben. Vater eines f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Jungen, der dagegen erstaunlich modern mit seiner Computersucht und seiner klaren Ausdrucksweise wirkt &#8220;Bitte, ich mu\u00df doch zur Schule, da hab ich schon genug am Hals. Ich kann dich nicht Tag und Nacht pflegen, wenn du jetzt wie Leonoard Lowe oder der Rain Man wirst.&#8221;<br \/>\nDas ist vielleicht die japanische Grausamkeit, die alle, die nicht funktionieren, zum Arzt schicken oder in best betreute Pflegeheime abschieben, wie das sp\u00e4ter Aojamas Freund mit seiner Mutter tun wird.<br \/>\nZuerst aber r\u00e4t Sohn Shigehiko seinem Vater wieder zu heiraten und Freund Yoshikama r\u00e4t zu einem Casting, so da\u00df sich Aojama, die k\u00fcnftige Frau in aller Ruhe aussuchen kann.<br \/>\nSo wird dieses ausgerufen, viertausend junge Frauen melden sich, von denen dreitausendneunhundert Bewerbungen, die Frauen mu\u00dften einen Aufsatz schreiben, ein Bild und einen Lebenslauf schicken, gleich einmal weggeworfen werden.<br \/>\nHundert werden dann zum Vorstellungsges\u00fcpr\u00e4ch bestellt, erscheinen teilweise im Badeanzug, tanzen, singen, ziehen sich freiwillig aus, beziehungsweise m\u00fcssen sie sehr intime Fragen zu ihrem Vorleben beantworten.<br \/>\nDiese Schilderung der Menschenverachtung, die nicht nur in Japan \u00fcblich ist, hat mich sehr beeindruckt. Herr Aojama hat sich dagegen schon sehr bald f\u00fcr die wundersch\u00f6ne Asami Yamasaki, vierundzwanzig Jahre alt, arbeitslos, seit sie wegen einer Verletzung nicht mehr Ballett tanzen kann, entschieden.<br \/>\nEr ruft sie an, l\u00e4dt sie zum Essen in teuren Restaurants ein, sehr h\u00f6flich und umst\u00e4ndlich passiert das. Aoyama ist von der Sch\u00f6nheit und auch von dem Satz in ihrer Bewerbung &#8220;Es klingt vielleicht seltsam aber in gewisser Weise, ist es so, wie wenn man sich pl\u00f6tzlich mit dem Tod konfrontiert sieht&#8221; fasziniert. W\u00e4hrend die anderen ihm vor ihr zu warnen anfangen. Der Sohn tut das und der Freund, denn es gibt keine Spuren zum Privatleben der jungen Frau und einer, den sie als ihren F\u00f6rderer angibt, hat sich unter seltsamen Umst\u00e4nden umgebracht.<br \/>\nEs taucht auch eine Frau mit einem jungen Mann im Rollstuhl in dem Restaurant, wo Aojama mit der Sch\u00f6nen sitzt auf, der bei ihrem Anblick verf\u00e4llt und Asami antwortet ihm auf der Frage nach ihren Eltern, da\u00df sie als Kind vom Stiefvater mi\u00dfhandelt wurde und das nur durch das Ballett kompensieren konnte.<br \/>\nAuch das wird vom Freund angezweifelt und Aoyama gewarnt, der sich nicht warnen l\u00e4\u00dft, sondern noch eine ganze Weile sich keusch und sittsam mit Asami in verschiedenen Restaurants trifft, wo sie ihm gerade mal nur andeutungsweise, die Hand auf den Arm legt.<br \/>\nDann gesteht er ihr, da\u00df nichts aus dem Casting wurde und, da\u00df er sie heiraten will, worauf sie lacht, aufsteht und davonl\u00e4uft.<br \/>\nAuf Aufforderung der Restaurantbesitzerin, einer ehemaligen Geisha, rennt er ihr nach, da k\u00fc\u00dft sie ihm und ruft am n\u00e4chsten Tag im B\u00fcro an, um ihm ihre Liebe zu gestehen, was den \u00c4lteren ratlos macht. Soll er vor oder erst nach der Ehe mit ihr ins Bett? Wie wollen das die jungen Frauen heute? Er l\u00e4dt daraufhin eine Kollegin zum Essen ein, um das herauszufinden, was f\u00fcr mich auch sehr ungew\u00f6hnlich ist und bestellt Asami dann in ein Hotel.<br \/>\nDort schl\u00e4gt er ihr einen Museumsbesuch vor, als sie sich schon auszuziehen beginnt und ihn auch entkleidet. Immer noch ist sie sehr unterw\u00fcrfig h\u00f6flich, aber etwas in ihrem Tonfall \u00e4ndert sich. Es kommt zum Sex. Dann erwacht Herr Aojama allein und benommen im Zimmer, die &#8220;Gattin&#8221; ist verschwunden und er bekommt heraus, sie hat ihn mit Schlaftmitteln bet\u00e4ubt und ihm auch einen Zettel hinterlassen &#8220;L\u00fcgen werden nicht vergeben. Eine Frau die ihren Namen verloren hat.&#8221;<br \/>\nVorher hat sie ihm noch ihre Narben, die vom Stiefvater kamen und die verkr\u00fcppelten Zehen, die das Tanzen angerichtet haben, gezeigt. Herr Aojama denkt an ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis, das er kl\u00e4ren will, kann sie aber telefonisch nicht mehr erreichen und eine Adresse hat er nicht. Der Freund r\u00e4t, von ihr abzulassen. Herr Aoyama magert ab und bespricht das auch alles mit den Kollegen und als der Sohn eines Tages einen Schiausflug macht und die Haush\u00e4lterin frei hat, erscheint pl\u00f6tzlich Asami in seiner Wohnung. Das hei\u00dft, sie war schon vorher da, hat ihm ein Bet\u00e4ubungsmittel in das Joghurt gemischt und verk\u00fcndet, da\u00df sie ihm die F\u00fc\u00dfe abschneiden wird, damit sie von den Erinnerungen an den Stiefvater loskommt.<br \/>\nSie t\u00f6tet zuerst den Hund, es kommt zum Kampf, Shigehiko, der gerade rechtzeitig zur\u00fcckkommt, kann sie mit einem Kampfmesser unsch\u00e4dlich machen, w\u00e4hrend sie mit einem KO-Spray herumspritzt und der gl\u00fccklose Liebhaber bleibt geschw\u00e4cht mit einem Fu\u00df zur\u00fcck.<br \/>\nIch wei\u00df wirklich nicht, ob mir das gefallen hat und ob ich so etwas lesen will? Es ist jedenfalls eine sehr m\u00e4nnlich gef\u00e4rbte Geschichte und der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/10\/die-welt-der-lisbeth-salander\/\">Lisbeth Salander<\/a> verzeiht man ihre Racheakte wohl leichter. Denn Herr Aojama hat der Sch\u00f6nen ja nichts getan, sondern sie nur in verschiedene teure Restaurants eingeladen. Aber vielleicht zeigt das schon die Unterdr\u00fcckung der Frau und er hat sich in seiner  Verliebheit auch oft vorgestellt, wie sie ihm statt der Haush\u00e4lterin in einer Sch\u00fcrze bekochen wird und liebevoll neben ihm sitzt und H\u00e4ndchen h\u00e4lt, w\u00e4hrend ihm das Essen schmeckt.<br \/>\nEin sehr brutales Buch, dem ich trotzdem beim Independent-Preis alles Gute w\u00fcnsche, denn die japanische Literatur ist vielleicht anders und mir bisher ziemlich unbekannt, obwohl ich einmal zehn Tage in Japan war und \u00fcber die Grausamkeit der Gesellschaft und die Unterdr\u00fcckung der Frauen kann man auch trefflich nachdenken, obwohl der westlich europ\u00e4isch Stil, siehe auch Stieg Larsson viel direkter und daher auch aushaltbarer ist. Spannend war das Buch auf jeden Fall, denn ich habe es trotz wachsenden Widerwillen, in einem Zug durchgelesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine seltsam grausame Geschichte, die der 1952 geborene Ryu Murakami, da filmisch genau in einem seltsamen altmodischen Stil, von Leopold Federmair und Motoko Yalin \u00fcbersetzt, da erz\u00e4hlt. &#8220;Casting&#8221; ist in die Finalrunde der Hot List gekommen und mir &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=23903\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-23903","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23903","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23903"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23903\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23903"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23903"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23903"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}