{"id":23637,"date":"2013-08-28T10:56:11","date_gmt":"2013-08-28T08:56:11","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=23637"},"modified":"2013-08-28T10:56:11","modified_gmt":"2013-08-28T08:56:11","slug":"kummer-ade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=23637","title":{"rendered":"Kummer ade!"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem mir jetzt etwas Sorgen machte, was ich am Sonntag, wenn ich mit der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/25\/die-longlist-leseproben\/\" title=\"Die\u00a0Longlist-Leseproben\">&#8220;Longlist&#8221;<\/a> fertig bin, lesen soll und schon passend zum siebzigsten Geburtstag Wolf Wondratschek &#8220;Chuck&#8221;s Zimmer&#8221;, ein Fund aus der &#8220;B\u00fccherzelle&#8221; aus den Regalen holte, brachte mir der Alfred Samstagabend die vierte &#8220;Residenz-Neuerscheinung Alois Brandstetters &#8220;Kummer Ade&#8221;, was zum <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/23\/marktbesuch\/#comments\">samst\u00e4gigen Dombesuch<\/a>, wo mir Robert Egelhofer die Beichtst\u00fchle genau erkl\u00e4rte, hervorragend passt.<br \/>\nEs passt auch zu meinen Mittw\u00f6chigen &#8220;<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/21\/spaziergang-zum-no-pressehaus-und-anna-jellers-facebookseite\/\">Residenz-Portrait&#8221;<\/a>, denn der 1939 in Pichl, O\u00d6 geborene Alois Brandstetter, der lange an der Uni Klagenfurt Professor war, stellt wahrscheinlich noch mehr als <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/15\/blickrichtungen\/\" title=\"Blickrichtungen\">Julian Schutting<\/a> die  Verbindung vom alten zum neuen Residenzverlag her.<br \/>\nZumindest hat sich f\u00fcr mich unter den Namen Brandstetter &#8220;Zu Lasten des Brieftr\u00e4gers&#8221; eingepr\u00e4gt, das der Alfred, glaube ich, einmal seinem Vater, einem Brieftr\u00e4ger, schenkte und das jetzt auf dem Harlander Lesesto\u00df liegt, ist doch 2011 zur &#8220;Entlastung der Brieftr\u00e4ger&#8221; erschienen und da war ich p\u00fcnktlich zur Leipziger Messe, in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/06\/12\/wochen-zahlen\/http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/03\/18\/auf-nach-leipzig-und-gesellschaft-fur-literatur\/\" title=\"Wochen z\u00e4hlen und\u00a0Urlaubsvorbereitungen\">&#8220;Gesellschaft der Literatur&#8221;<\/a>.<br \/>\nIch glaube mich auch zu erinnern, da\u00df ich als 1977 der Bachmannpreis entstand, wo ich nat\u00fcrlich nicht zum Lesen eingeladen wurde, auf Anraten Gerhard Kettes, der sp\u00e4ter auch Professor in Klagenfurt war, die &#8220;Einladung zum Tee&#8221; zu irgendeiner Ausschreibung nach Klagenfurt schickte und mit einem von Alois Brandstetter unterzeichneten Brief wieder zur\u00fcckbekam.<br \/>\nAn eine Lesung in der Buchhandlung &#8220;Lekt\u00fcre&#8221; mit dem Wortgewaltigen auf der Mariahilfer Stra\u00dfe, die es auch nicht mehr gibt, kann ich mich ebenfalls erinnern und nun zu dem Roman &#8220;\u00fcber einen humoristischen Kriminalfall&#8221;, der nat\u00fcrlich wieder ein wortgewaltiger Rundumschlag eines feinen Sprachspielers ist.<br \/>\n&#8220;Da wurde im Sommer 2012 in Klagenfurt aus der &#8220;Don-Bosco-Kirche, der Kummerkasten, nicht der Opferstock, also ein Kasten, wo man seine Meinungen, Anregungen, und Beschwerden einwerfen konnte, gestohlen&#8221; und Alois Brandtstetter kommt schon ins Erz\u00e4hlen.<br \/>\nEin Roman ist es im strengeren Sinn der Literaturgeschichte wahrscheinlich nicht, was da herausgekommen ist, aber ein Rundgang in die Kirchengeschichte und ein weiterer Einblick in die Gedankenwelt des feinsinnigen Philologen, der wirklich eine sch\u00f6ne Sprache hat und das Wortspielen perfekt beharrscht.<br \/>\nDenn er zieht schon los und macht sich seine Gedanken, wer da den Kasten &#8220;beseitigt&#8221; haben k\u00f6nnte? Waren es vielleicht Analphabeten, die sich dann sicher ge\u00e4rgert haben, da\u00df die Kiste kein Geld, sondern nur ein paar Papierstreifen enthielt und fast gemein den Rat gibt, doch einen Alphabetisierungskurs zu besuchen, die Caritas bezahlt den sogar den Asylanten.<br \/>\nGemein, sehr gemein sogar und hinterfotzig, denn es k\u00f6nnten ja auch die Maturanten gewesen sein, die angeheitert nach den Maturafeiern sp\u00e4tnachts an die W\u00e4nde des Gymnasiums schiffen oder weil es gerade keine Matura gab, die alten Herren vom CV.<br \/>\nDie vom Jugendclub der Kirche, wo der inzwischen verstorbene Pfarrer den Autor mal herumf\u00fchrte und dann ein P\u00e4rchen beim V\u00f6geln statt beim Beten traf, k\u00f6nnten es genauso gewesen sein, aber Brandtstetter hat schon l\u00e4ngst die Spur verlassen und macht sich allgemein seine Gedanken zu den Kirchenrauben.<br \/>\nDa werden Beichtst\u00fchle gestohlen und sie an Neurreiche verkauft, die dann ihre Garderobe hineinh\u00e4ngen und er kommt auch zur Kirche von Maria Saal und zu einem Gedicht von Peter Turrini, der dort einmal einem M\u00e4dchen die Nase streichelte und sich fragte, wann die Strafe Gottes kommt? Sie kam nicht und Brandstetter empfiehlt dem Dichterfreund, doch stattdessen Geld f\u00fcr die Revonierung zu spenden und kommt zu Stephane Hessel, der mit seinem kleinen B\u00fcchlein &#8220;Emp\u00f6rt euch!&#8221;, viel bewegte, aber Alois Brandstetter hat etwas gegen zu viel Emp\u00f6rung und r\u00e4t den Wutb\u00fcrgern zur Entspannung.<br \/>\nDanach geht es weiter mit den Rundumschl\u00e4gen, bzw. den Gedankenblitzen und dem Braimstormin, von den Frauen kommt der Wortgewaltige zu den Kindern und erz\u00e4hlt eine Geschichte, wie er als Schulbub gemeimsam mit dem Sohn des Gendarmen, dem Busfahrer, dem einzigen &#8220;Kummerl&#8221; im Ort, Fahrscheinbl\u00f6cke stibitzte. Es geht dann weiter zum literarischen Quartett und MRR und einem Autor, der einmal sprach, der Literaturpapst kritisiert mich, also bin ich wer als Autor, w\u00e4hrend der Autor des Kummerbriefkastendiebstahlsbuch diese Ehe nicht zu teil wurde, weiter geht es zu den Selbstm\u00f6rdern und damit zu Brigitte Schwaiger, hier zitiert Brandstetter einen Brief, den die Autorin von dem &#8220;Salz im Meer&#8221; kurz vor ihrem Suizid an ihm schrieb. Ja, richtig, das Salzamt ist auch vorgekommen, F\u00fcrbitten und viele viele Kirchentexte, dessen Kenntnis eine der Spezialit\u00e4t des Meisters zu sein scheint.<br \/>\nDann geht es weiter mit der Frage ob der Kummerkastendieb nicht vielleicht ein Einwerfer war, der seinen Brief wieder zur\u00fcckhaben wollte, was Brandstetter zu der Bekenntnis f\u00fchrt, auch einmal einen Brief in einem Postkasten eingeworfen und vom Brieftr\u00e4ger wieder zur\u00fcckgefordert zu haben und dem, da\u00df er mit Sechzehn mit nackten Oberk\u00f6rper und ohne F\u00fchrerschein Traktor gefahren ist.<br \/>\nDann geht es zu den Bekenntnissen mit welchen Straft\u00e4tern er bekannt war, der ber\u00fchmteste war wohl Jack Unterweger, mit dem er einmal in St. Veit an der Glan gelesen hat.<br \/>\nDann geht es zu der \u00dcberlegung, ob der Kummerkastendieb nicht derselbe sein k\u00f6nnte, der in Deutschland B\u00fcchsen, die Spenden gegen den &#8220;Hunger der Welt&#8221;, klaute, was Brandtstetter erz\u00e4hlen, l\u00e4\u00dft wie er einmal einem falschen Pater hineingefallen ist und Geld f\u00fcr Waisen\u00e4user spendete, die dann gar nicht den Waisen zu Gute kamen.<br \/>\nJa, es gibt auch unseri\u00f6se Spendensammler und Brandtsstetter meint, da\u00df sie auch bei Tierschutzorganisationen zu finden w\u00e4ren, ob er da auf den Tiersch\u00fctzerproze\u00df anspielt?<br \/>\nEr kommt aber noch einmal auf Brigitte Schwaiger zur\u00fcck, die eine gro\u00dfe Tiersch\u00fctzerin war und ihm auch manchmal selbstgemachte Schweinchen-Bilder schickte und dann zu einem gro\u00dfen K\u00e4rtner, n\u00e4mlich <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/01\/11\/die-entsetzungen-des-josef-winkler\/\" title=\"Die Entsetzungen des Josef\u00a0Winkler\">Josef Winkler<\/a>, der offenbar bei Brandtstetter studierte, erz\u00e4hlt von einem Brief an ihm, den er irrt\u00fcmlich zur\u00fcckgeschickt bekommen hat, erz\u00e4hlt dann einiges von Pfarrer Reintaler, bei dem Winkler als Knabe ministrierte und dessen naive Malerei, die Brandtstetter wieder zur Frage f\u00fchrt, ob Kunst vom Wollen oder K\u00f6nnen kommt?<br \/>\nVom K\u00f6nnen nat\u00fcrlich schlie\u00dft er, denn sonst w\u00fcrde man sie ja als Wulst bezeichnen. Da bin ich nicht ganz dieser Ansicht und denke, da\u00df der Weg vielleicht doch nicht ganz so zu verachten ist.<br \/>\nBrandtstetter zieht aber schon weiter, beziehungsweise kommt er noch einmal zu Brigitte Schwaiger und auch zu Thomas Bernhard zur\u00fcck, der ja ein Meisterschimpfer war und viele Leserbriefe geschrieben haben soll.<br \/>\nZu den Asylwerbern, die im Winter die Wiener Votivkirche besetzten, um auf sich aufmerksam zu machen, geht es auch und dazu, da\u00df es Plagiatsprogramme gibt, die sofort, die abgeschriebenen Stellen bei Dissertationen und wahrscheinlich auch Manuskripten erkennen, so da\u00df es nicht mehr vorkommen kann, da\u00df jemand Robert Musil einsendet und keiner merkts und, da\u00df die Foren schon Programme haben, die Kommentare mit den Worten &#8220;Neger, Juden, Pfaffen&#8221; automatisch aussondern.<br \/>\n&#8220;Canceln&#8221; hei\u00dft das, r\u00fcckg\u00e4ngig machen&#8221; und im &#8220;Finale&#8221; gibt es dann den Hinweis, da\u00df der Kummerkastendieb ein Mongole sein k\u00f6nnte, der in einer rum\u00e4nisch-orthodoxen Kirche in Salzburg, vom Popen bei einem Diebstahl erwischt und festgehalten wurde.<br \/>\nEs gilt die Unschuldsvermutung, schreibt Alois Brandtstetter und endet seinen &#8220;Roman&#8221;, der meiner Meinung nach, keiner ist, mit den S\u00e4tzen &#8220;Die Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit des Diebes, die sich darin zeigen, da\u00df er sich bei einem so plumpen Fischzug mit so geringen Ertrag von einem alten Popen erwischen und festhalten, mit der linken Hand fest halten hat lassen, bis die von diesem per Mobiltelfon mit der rechten Hand verst\u00e4ndigte Polizei eintraf und der &#8220;Unstete&#8221; in Gewahrsam genommen und zu einem &#8220;steten Aufenthalt&#8221; in einer Justizvollzugsanstalt zugef\u00fchrt werden konnte, sind so r\u00fchrend, ja herzergreifend, da\u00df ihm wohl jeder Christenmensch w\u00fcnschen wird, die Obrigkeit m\u00f6ge in seinem Fall Grande vor Recht ergehen lassen. Er ist gestraft genug.&#8221;<br \/>\nAlois Brandstetter hat der obskure Kummerkastendiebstehl jedenfalls zu einem fulminanten Rundumschlag verholfen, der sehr amusant und lesenswert ist, so da\u00df ich mich jetzt schon auf den Tag freue, wenn bei mir &#8220;Zu Lasten der Brieftr\u00e4ger&#8221; an die Reihe kommt. Ein anderes Brandstetter-Buch steht aber, glaube ich, auch noch auf meiner <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/leseliste\/\">Leseliste<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem mir jetzt etwas Sorgen machte, was ich am Sonntag, wenn ich mit der &#8220;Longlist&#8221; fertig bin, lesen soll und schon passend zum siebzigsten Geburtstag Wolf Wondratschek &#8220;Chuck&#8221;s Zimmer&#8221;, ein Fund aus der &#8220;B\u00fccherzelle&#8221; aus den Regalen holte, brachte mir &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=23637\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-23637","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23637","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23637"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23637\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23637"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23637"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23637"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}