{"id":23592,"date":"2013-08-24T00:40:13","date_gmt":"2013-08-23T22:40:13","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=23592"},"modified":"2013-08-24T00:40:13","modified_gmt":"2013-08-23T22:40:13","slug":"berlin-liegt-im-osten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=23592","title":{"rendered":"Berlin liegt im Osten"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt eine \u00dcberraschung, ein Buch auf das ich erst durch die <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/14\/long-list-thoughts\/\">Longlist des dBPs<\/a> aufmerksam wurde, Nellja Veremejs &#8220;Berlin liegt im Osten&#8221;, im Fr\u00fchjahr bei &#8220;Jung und Jung&#8221; erschienen und durch den Titel angeregt wurde, es zu lesen.<br \/>\nDer Fernsehturm des Alexanderplatzes ist am Cover, das Buch spielt in diesem Gr\u00e4tzel und die 1963 in Kema, SU, geborene Autorin, die seit 1994 in Berlin lebt, lie\u00df sich zu ihrem Debutroman auch durch D\u00f6blins &#8220;Alexanderplatz&#8221; inspirieren und die \u00dcberraschung ist, da\u00df ich \u00fcber <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/02\/08\/preisgeschehen-2\/\" title=\"Wartholz und\u00a0Rauris\">Nellja Veremej<\/a> in diesem Blog schon schrieb, obwohl ich, als ich Namen und Titel in der Longlist las, keine Ahnung davon hatte, hat sie doch 2010 in Wartholz gewonnen und das Buch ist auch sehr interessant, n\u00e4mlich ein hartes Thema und eine sehr poetische Sprache k\u00f6nnte man so sagen, Nellja Veremej schreibt \u00fcber das, was mich auch sehr interessiert und immer wieder zu beschreiben versuche.<br \/>\nDa ist Lena, Mitte Vierzig, das Alter Ego der Autorin k\u00f6nnte man meinen, an der russisch-japanischen Grenze und in einer Stadt im Kaukasus aufgewachsen, die in Leningrad, als es noch nicht St. Peterburg hie\u00df, Philologie studierte und dann mit Mann und Kind nach Berlin emigrierte.<br \/>\nJetzt lebt sie hier im Viertel um den Alexanderplatz, dem ehemaligen Ost-Berlin, jobt als Altenpflegerin, obwohl sie ihrer Mutter, wenn sie aus dem Kaukasus auf Besucht kommt, vort\u00e4uscht, sie w\u00e4re Russischleherein, lebt mit Marina, der siebzehnj\u00e4hrigen Tochter, die Ehe mit Schura, der einst sehr idealistisch war und von Camus schw\u00e4rmte, jetzt von Gesch\u00e4ften redet, die alle schief gehen und st\u00e4ndig daf\u00fcr Geld haben will, wurde getrennt. Marina geht ins Gymnasium, schw\u00e4rmt f\u00fcr ihren Vater, den sie nur sieht, wenn er Geld will oder zum Frauentag Blumen bringt und soll ein Jahr nach Amerika gehen, mit der Mutter gibt es Troubles, i\u00dft die doch gerne Wurst und Fleisch, w\u00e4hrend Marina den Grundsatz hat, nichts zu essen was Augen hat.<br \/>\nDas Buch beginnt zu Weihnachten, wir begleiten Lena in ihre Altersheime, erleben sie dort auch sehr hart und verst\u00e4ndnislos, wenn ihre inkontinenten Klienten keine Windeln wollen. Gleich am Anfang stirbt ein alter Herr, als Lena ihm Tannenzweige bringt. Dann lernen wir Ulf Seitz, einen anderen ihrer Klienten, einen achtzigj\u00e4hrigen ehemaligen Ostberliner Journalisten kennen, zu dem Lena zu Beginn so etwas wie eine Beziehung beginnt, obwohl die Altenppfegerinnen, die mit ihren Kunden eigentlich nicht haben sollen. Bei Ulf Seitz ist es anders, ihm zuliebe, sagt Lena ihre Geburtstagsfeier ab und feiert mit ihm Weihnachten bzw. Silvester, wie das die Russen tun. Sie gehen miteinander einkaufen und bereiten &#8220;Besoffenen Karpen&#8221; zu, dann bricht die Beziehung etwas auseinander. Lena lernt einen Arzt kennen, erf\u00e4hrt aber, da\u00df er verheiratet ist.<br \/>\nImmer wieder geht Lena in ihre Kindheit zur\u00fcck, wir erfahren von der Gro\u00dfmutter, die das Geld ihres Gattens mit vollen H\u00e4nden ausgab, erfahren von der Kindheit im Kaukasus und kommen dann in Herrn Seitz Kindheit hinein, der 1939 seinen Vater an die Gestapo verriet und ihn dann nie wieder sah.<br \/>\nSehr genau werden seine Kriegserlebnisse geschildert und dabei mitten im Kapitel, Lena ist eine Ich-Erz\u00e4hlerin, die Perspektiven gewechselt und auch immer wieder aus dem &#8220;Alexanderplatz&#8221; zitiert&#8221;, in dem Konrad Seitz, Ulfs Vater, eine Rolle gespielt haben soll.<br \/>\n1960 hat Ulf Seitz, Dora eine Lehrerin geheiratet, einen Sohn bekommen, das Ehepaar lebte sich auseinander, als Dora, wie soviele andere, in den Westen wollte, Ulf Seitz aber ein sehr angepasstes Parteimitglied war, der einen Artikel &#8220;Go West&#8221; verfasste, als alle fl\u00fcchteten.<br \/>\nDa\u00df Dora Seitz Ulf mit einem Kieferchirurgen betrog, dann verungl\u00fcckte und querschnittgel\u00e4hmt von ihm gepflegt wird, mutet fast ein wenig kitschig an. Auch sonst ist das Buch ein wenig geheimnisvoll, kommt es in dem Jahr doch zu einem Bruch zwischen Lena und Herrn Seitz, der immer wieder anruft und Kontakt mit seiner Pflegerin haben will, er wird inzwischen auch von einer Heidi betreut.<br \/>\nLenas Mutter stirbt und am Ende reist Schura mit der Idee in St. Peterburg Grillw\u00fcrste zu verkaufen zu seiner Mutter zur\u00fcck, w\u00e4hrend Lena Herrn Seitz in der Chariete genauso mit Mandarinen besucht, wie er das einmal bei seiner Dora machte.<br \/>\nEin sprachlich sehr poetisches Buch, mit sehr sch\u00f6nen Wendungen &#8220;Der Griff zum Lichtschalter macht der Gl\u00fchbirne den Garaus&#8221;, hei\u00dft es da zum Beispiel, von &#8220;Morschen Hintern&#8221; und anderen morschen Dingen wird da gesprochen, das die harte Realit\u00e4t der russischen Emigranten sehr literarisch schildert und auch sehr belesen ist.<br \/>\nAls Lena einmal mit der U-Bahn f\u00e4hrt, begegnet sie einem M\u00e4dchen das ein Buch namens &#8220;Frequencen&#8221; liest und und und.<br \/>\nEin sehr poetisches Debut, dem ich alles Gute w\u00fcnsche, von den Perspektivenwechsel manchmal \u00fcberrascht war und von der H\u00e4rte der Lena auch ein wenig entt\u00e4uscht und nun gespannt bin, wie weit es in dem deutschen Buchpreis-Roulett kommen wird?<br \/>\nJochen Jung hat schon einmal mit einem Buch einer <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/11\/11\/zerfliesende-identitaten-starke-charaktare\/\">jungen Emigrantin den deutschen Buchpreis<\/a> gewonnen.<br \/>\nEs ist aber das erste Buch, das ich von den zwanzig gelesen habe, den Reigen durch die Leseprobenanthologie werde ich erst antreten. Der frische poetische Ton mit dem die harten Seiten des Emigrantenlebens, der Wende und des Alterns angegangen werden, hat mir aber sehr gefallen und der Vergleich mit D\u00f6blins &#8220;Alexanderplatz&#8221; sehr hochgegriffen und sehr selbstbewu\u00dft ist auch sehr interessant.<br \/>\nIn den Rezensionen habe ich etwas vom Erstaunen gelesen, da\u00df ausgerechnet ein Wiener-Verlag, den &#8220;Alexanderplatz&#8221; neu erz\u00e4hlen l\u00e4\u00dft.<br \/>\n&#8220;Jung und Jung&#8221; ist aber, so viel ich wei\u00df, in Salzburg angesiedelt, was ein bi\u00dfchen weiter westlich, als Wien liegt, das der Rezensent \u00f6stlicher als Berlin beschreibt und ich kenne die Gegend auch ein bi\u00dfchen, habe ich bei<a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/06\/18\/larchenau\/\" title=\"L\u00e4rchenau\"> Kerstin Hensel<\/a> in der Linienstra\u00dfe, durch die Lena mehrmals durchmarschiert bzw. Herrn Seitz Rollstuhl schiebt, ja schon \u00fcbernachtet und D\u00f6blins &#8220;Alexanderplatz&#8221; habe ich auch einmal gelesen und mir damit ein wenig schwerer, als mit Nellja Veremejs Debutroman getan, auf den ich nun doch nicht wartete, bis ich ihn in zwei Jahren im &#8220;Wortschatz&#8221; oder beim Abverkauf beim &#8220;Morawa&#8221; oder in dem kleinen Buchladen auf der Lechenfelderstra\u00dfe finde, sondern der freundlichen Dame von &#8220;Jung und Jung&#8221; sehr herzlich f\u00fcr das PDF danken. PDF-Lesen ist ein wenig anstrengener, als das herk\u00f6mmliche Buch, das ich zwar nicht berieche und betaste, aber alles unterstreiche, so da\u00df ich meine Zitate, sp\u00e4ter meistens auch finde, man hat aber nicht die Sorge, wie man das Buch sp\u00e4ter in die ohnehin schon so vollen B\u00fccherregale bringt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt eine \u00dcberraschung, ein Buch auf das ich erst durch die Longlist des dBPs aufmerksam wurde, Nellja Veremejs &#8220;Berlin liegt im Osten&#8221;, im Fr\u00fchjahr bei &#8220;Jung und Jung&#8221; erschienen und durch den Titel angeregt wurde, es zu lesen. Der &hellip; <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/?p=23592\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[],"class_list":["post-23592","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23592"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23592\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/literaturgefluester.akis.site\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}